Auerhaus, in the middle of the street

Auerhaus. Roman von Bov Bjerg
Auerhaus, in the middle of the street

Ja, so könnte es gewesen sein, genau so. Aber wäre ich schon vor meinem Abi in eine WG gezogen, dann hätte es dort mehr als nur ein Mixtape gegeben. Madness wäre sicherlich auch mit drauf gewesen, aber wahrscheinlich nicht mit ihrem Hit „Our house“. In meiner WG wäre es „Nightboat to Cairo“ gewesen.

Aber ich bin erst nach meiner Ausbildung in eine WG gezogen. Das ist eine ganz andere Geschichte als die, die Bov Bjerg erzählt.

Er erzählt von den zwei Jahren vor dem Abi. Dann, wenn es sich entscheidet, ob aus Zwangsbekanntschaften Freundschaften werden, die länger halten. Vielleicht sogar ein Leben lang.

Nur, weil man in einer Klasse ist, muss man sich nicht mögen. Es braucht noch mindestens eine zweite Gemeinsamkeit: Musikgeschmack, soziale Schicht, gemeinsames Außenseitertum.

Jahre später lässt sich das meist gar nicht mehr so genau nachvollziehen, wie es zur Freundschaft kam. Aber man kann sich genau daran erinnern, wie die Freundschaft wuchs, wichtiger wurde, sich mit Leben und Liebe füllte.

Auf einmal war man bereit, Verantwortung für den anderen zu übernehmen, für ihn einzustehen. Wenn man Pech hatte, hatte man sich einen Shit-Magnet dafür ausgekuckt. Wenn man Glück hatte, zog man diesen Magneten von der Scheiße weg.

So ergeht es den Kids im Auerhaus, der WG auf dem schwäbischen Dorf, die ursprünglich dazu beitragen sollte, einen suizid-gefährdeten Kumpel zu stabilisieren. Letzlich hat der Kumpel alle Mitbewohner stabilisiert und so die besten Jahre seines Lebens verbracht.

Wer am Ende des Buchs überlegt, warum Frieders Eltern so sind, wie sie sind, sollte sich an das verlassene Kinderzimmer im Auerhaus erinnern: der Raum ohne Fenster direkt neben der Schlachtküche kann nur das Kinderzimmer von Frieders Vater gewesen sein.

Wer Auerhaus liest, wird in sein eigenes Jahr vor dem Schulabschluss zurück katapultiert. So kommt es wohl, dass jeder den Roman ein wenig anders liest. Manche empfanden eine Leichtigkeit, manche suchten danach wieder nach dem Sinn des Lebens. Unberührt blieb wohl kaum einer Leser und Spaß hatten sie fast alle. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn ich die höchst unterschiedlichen Rezensionen dazu lese.

Und ich? Ich liebe es. Vor allen Dingen die zwei Variationen eines möglichen Endes haben es mir angetan – wohlwissend, dass die zweite Variante die realistischere ist. Aber man wird ja wohl noch mal träumen dürfen, so wie man es damals vor dem Abi getan hat.


Angaben zum Buch:

Bov Bjerg
Auerhaus

Aufbau Taschenbuch
978-3-7466-3238-4

Rezensionen bei Aus.gelesen und bei den Booknerds

Bei mir bekommt Ihr nicht Madness mit „Our house“ zu hören, sondern den zweiten Song, der im Roman eine große Rolle spielt und der in fast keiner Rezension zitiert wird: Birth, school, work, death von den Godfathers.


Erwachsen werden ohne Musik? Undenkbar für mich. Wohl auch für Tijan Silja. In Krach erzählt er von einer Jugend in der pfälzischen Provinz – und von Punk.

Wut ist ein Geschenk: Gandhis Enkel erzählt

Wut ist ein Geschenk, Arun Gandhi - Gandhis Enkel erzählt

Zu Beginn seiner Pubertät war Arun Gandhi ein aufbrausender Junge, der in viele Prügeleien verwickelt war. Dabei lebten seine Eltern nach den Prinzipien der Gewaltlosigkeit – genau wie sein Großvater Mahatma Gandhi.

Doch Gandhis Enkel war wütend. Als Inder in Südafrika erlebte er Rassismus; als Schüler einer katholischen Schule Willkür. Seine Eltern ahnten, dass seine Pubertät so keinen guten Verlauf nehmen konnte und schickten ihn nach Indien, zu seinem Großvater Mahatma Gandhi in den Ashram.

Gandhi war ein herzlicher, humorvoller Großvater. Einer, der sich Zeit für seinen Enkel nahm. Quality time würden wir das heute nennen.

Seinem Enkel Arun brachte er zuallererst das Spinnen bei, denn sind die Hände beschäftigt, lässt es sich besser denken.

Wenn sie zusammen am Spinnrad saßen, erzählte er seinem Enkel Geschichten, darunter auch viele aus seinem eigenen Leben. Gandhi war nicht von Geburt an friedvoll und so lautete die erste Lebensweisheit, die er seinem Enkel mitgab: Wut ist ein Geschenk.

Wut ist ein Geschenk, weil sie uns zeigt, wo die Dinge im Argen liegen. Was auch immer uns wütend macht, gehört geändert. Wut ist ein wertvolles Warnsignal, aber ihre Wirkung kann sie nur entfalten, wenn wir uns nicht in die Wut hinein fallen lassen. Wut schenkt uns Energie. Armut und Rassentrennung machten Mahatma Gandhi wütend. So begann sein Weg.

Jedes Gefühl ist zuallererst Energie

Die Idee, dass Wut ein Geschenk sein könnte, begegnete mir zuerst bei Sriram. Yoga und Gefühle heißt sein Buch. Darin schildert er, wie in der Yoga-Philosophie jedes Gefühl die Aufgabe hat, Dich näher zu Gott, zur Erleuchtung zu bringen. Gefühle sind zuallererst Energie. Diese Energie kann man nutzen – sie sorgt dafür, dass man sich auf den Weg macht.

Das gelingt natürlich nur, wenn man sich nicht in das Gefühl hinein fallen lässt und ihm nicht anhaftet. Für mich begann damit eine Neubewertung meiner Gefühle. Hallo Angst, schön dass Du da bist – worauf möchtest Du mich aufmerksam machen? Willkommen Wut, Du hast Recht, dieser Zustand ist unerträglich, lass ihn uns ändern. Sei mir gegrüßt, Melancholie und lass uns erkunden, wonach ich mich wirklich sehne. Guten Tag, liebe Liebe – danke, dass Du mir zeigst, wie schön dass Leben ist.

Nach dieser Philosophie gibt es auch keine guten oder schlechten Gefühle. Alles ist Energie, alles ist Leben. Nicht werten, einfach machen.

Lest dieses Buch!

Über Gandhi ist viel geschrieben worden. Mal erscheint er als Philosoph, mal als Heiliger, mal als Politiker. Arun Gandhi ergänzt einen weiteren Aspekt. Bei ihm steht der Familienmensch Gandhi und seine Lebensweisheit im Mittelpunkt.

Es sind die Anekdoten aus dem Familienleben, die dem Buch eine zusätzliche Leichtigkeit geben. Der große Gandhi war klein. So klein, dass er sich auf Spaziergängen bei seinen Begleitern einhakte und diese „Engel flieg“ mit ihm spielten – so, wie man es mit kleinen Kindern macht. Doch jede Anekdote, die Arun Gandhi erzählt, bindet er in die grundlegende Philosophie ein.

Ich bin so froh, dass ich bin, wer ich bin, und ich hoffe, dir geht es ebenso.
Mahatma Gandhi zu seinem Enkel Arun Gandhi
Wut ist ein Geschenk, S. 35

Das Besondere an diesem Buch ist seine Erzählperspektive. Arun Gandhi versetzt sich in seine Kindheit zurück und erzählt vieles aus der Perspektive eines Kindes. Darin liegt etwas Vereinfachendes. Verwicklungen und Ja-aber-Denken werden durch die Perspektive des Kindes erst aufgelöst und im zweiten Schritt werden erwachsene Lösungen aufgezeigt, die alle auf der Philosophie Gandhis basieren. Was würde mein Großvater Gandhi tun? ist eine Frage, an der der Enkel Gandhis alles in seinem Leben ausrichtet und jede Antwort auf diese Frage ist eine einfache Antwort.

Doch woraus besteht nun die Lebensphilosophie Gandhis? Wie wahrscheinlich viele Menschen hatte ich mir die Gewaltlosigkeit gemerkt. Doch sie ist nur eine Folge. Das Fundament seiner Philosophie besteht aus

  • Respekt
  • Verständnis
  • Akzeptanz
  • Wertschätzung
  • Mitgefühl

Wenn ich das hier so aufliste, wirkt alles auf einmal abstrakt. Deswegen lest dieses Buch, denn es füllt diese Begriffe mit Leben. Lest dieses Buch, denn es hilft, sich von unseren angeblich so komplizierten Zeiten und Zusammenhängen nicht lähmen und erschlagen zu lassen.


Angaben zum Buch:

Arun Gandhi

Wut ist ein Geschenk
Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi

Übersetzt aus dem Englischen von Alissa Walser

Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-9866-4


Was ich noch empfehlen kann:

Haemin Sunim – Die schönen Dinge siehst Du nur, wenn Du langsam gehst

Das Panama-Erbe – Amakuna-Saga Band 2

Amakuna-Saga Band 2 - Panama Erbe

Es ist wieder passiert. Es wurde Sommer. Mein Leseverhalten ändert sich. Die Bücher, die ich lese, werden gleichzeitig dicker und leichter. Ein Trick, den nur Bücher beherrschen.

Im Sommer 2015 habe ich den ersten Band der Amakuna-Saga von Susanne Aernecke gelesen. Über die Tochter des Drachenbaums habe ich hier geschrieben. Dann kam die Saga, die eigentlich dieses Jahr hätte beendet werden sollen, ins Stocken. Nun aber liegt mit Das Panama-Erbe endlich Band 2 vor, der mir sogar besser gefällt als der erste. Die Geschichte ist dichter und praller geworden, gleichzeitig aber auch straffer erzählt.

Ich mag Genre-Grenzgänger sehr. Ein reiner Krimi oder eine Familiengeschichte interessiert mich nicht. Aber dieser Mix aus Familien-Saga, Thriller, Fantasy, historischen Roman, Zeitreise, Liebesgeschichte, Mystik und Spiritualität liegt mir. Ein Sommerbuch, dass man am besten draußen in der Natur liest, so dass man zwischendurch den Wolken nachschauen kann und dem Rascheln des Laubs an den Bäumen zuhören kann. Noch besser wäre ein Strand, denn das Meer spielt eine große Rolle in dem Buch.

Jetzt bin ich gespannt, zu welchem Schluss Susanne Aernecke ihre Saga um Amakuna, den Pilz, der Heilungswunder vollbringen kann, bringen wird. Ist die Menschheit in ihren Augen reif, ein solches Mittel zum Wohle aller einzusetzen? Oder werden ihre Protagonisten versuchen, Profit und Machtgewinn zu erreichen? Oder findet die Autorin einen ganz anderen Ausweg? Ich habe da so eine Ahnung und bin neugierig, ob ich richtig liege.

Bleibt die Frage, in welchem Sommer ich den Abschlussband lesen werde – 2018 oder 2019?

Angaben zum Buch:

Susanne Aernecke

Das Panama-Erbe
Amakuna-Saga Band 2

Alyna im Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-053-0

Iggy Pop – der halbnackte Mann auf der Couch

Iggy pop biografie
Mit einem halbnackten Mann auf der Couch. Meiner Couch.

In einem Tempo, in dem ich sonst nur Fantasy-Romane lese, habe ich die Iggy Pop Biografie „Open up and bleed“ von Paul Trynka durchgelesen. Nicht, weil sie so gut geschrieben wäre – das ist sie leider nicht -, sondern weil Iggys Leben einfach zu spannend ist.

Zumindest in den ersten zwei Dritteln. Irgendwann kam ich an dem Punkt, an dem mich sein Lebensmuster „hart arbeiten, eine geniale Idee haben, zielsicher Mist mit Drogen bauen, David Bowie kommt und sorgt für ein Wunder, scheitern“ langweilte.

In dieser Phase des Buches störte es mich dann besonders, dass der Autor Paul Trynka mehr damit beschäftigt war, chronologische Zeitabläufe zu schildern als Querverbindungen herzustellen und Zusammenhänge zu erläutern. Wer spielte wann in der Band, wer wurde aus welchen Gründen rausgeworfen, wann hat er sich wie auf der Bühne verletzt, welches Groupie erlangte mehr Bedeutung in seinem Leben und wann nahm er welche Drogen – das ist eigentlich genau das, was mich am Leben eines Musikers eher nicht interessiert.

Für die zentralen Fragen „Woher nimmt Iggy seine Energie und seine Präsenz?“ und „Wie wird aus Jim Osterberg Iggy Pop?“ findet Paul Trynka auch keine befriedigenden Antworten, trotz Gespräche mit Iggys Psychiater. Dieser ist sich heute auch nicht mehr so sicher, ob seine damalige Diagnose bipolare Störung stimmt.

1993 in Offenbach: Energie und Routine

Mein Bild von Iggy Pop wird vom ersten Konzert geprägt, dass ich erlebt habe – das Wort gesehen trifft es nicht. 1993, American Caesar Tour, Offenbach Stadthalle – hier die Setlist. Einerseits gutes Timing, denn American Caesar war wohl sein stärkstes Album aus den 90er Jahren. Doch die Stadthalle Offenbach ist mit ihrer funktionalen Spießigkeit nicht der passenden Rahmen für Iggys Bühnenshow.

Im Gedächtnis geblieben sind mir zudem agressive Ordner und sehr genaue Taschenkontrolle. Damals wusste ich noch nicht, dass es sozusagen zur Punk-Tradition gehörte, auf Iggys Publikumsbeschimpfungen mit Wurfgeschossen zu reagieren.

Die Atmosphäre in der Halle hatte ich vergessen, sobald Iggy auf der Bühne war. So etwas kannte ich noch nicht. Hochkonzentriert, energiegeladen, athletisch, beweglich, sexy, unermüdlich und immer überraschend – zumindest für mich, die ihn noch nie vorher gesehen hatte. Sein erstes Iggy Pop Konzert vergisst man wohl nie.

Durch all die Energie schienen an jenem Abend aber auch Routine und eine enorme Professionalität durch. Manche der bewährten Beschimpfungen funktionierten in Deutschland einfach nicht – hier darf man fuck sagen, das ist keine Provokation.

Ach ja, Musik gab es auch. Seit diesem Tag liebe ich seine Songs und sage, dass man Iggy einmal live gesehen haben muss, um seine Platten zu verstehen.

Aktueller Status: immer noch ein Phänomen

Gimme danger - Iggy and the stooges. Filmplakat

Ich vermute, dass Paul Trynka seine Iggy-Pop-Biografie „Open up and bleed“ geschrieben hat, weil er ein ähnliches Erlebnis hatte. Doch mit den Mitteln einer Tagebuch-artigen Biografie kann man sich zwar den Fakten, aber nicht dem Phänomen Iggy Pop nähern.

Jim Jarmusch geht in seinem Film über Iggy und die Stooges „Gimme danger“ einen anderen Weg. Er lässt viele Fakten aus und zeigt sehr deutlich, dass er Fan und damit nicht objektiv ist.

So bleibt bei mir das Gefühl, dass Iggy Pop einfach unverwüstlich ist. Weder eine detaillierte Biographie noch ein Film können seine energiegeladene Präsenz erklären.

Bleibt mir als Schlusswort der Satz eines Bekannten: Sollte Iggy jemals eine Fitness-DVD herausbringen – ich kaufe sie sofort.

Angaben zum Buch:

Paul Trynka

Iggy Pop
Open up and bleed

Heyne Hardcore

Buchrezension im Ox Fanzine


Mehr über mich und die Musik, die ich mag, in meinen Jahresrückblicken 2015 und 2016.


Ein Roman, der bestens dazu passt: Krach

Kae Tempest – wie das Maifeld Derby dafür sorgte, dass ich einen Roman las

Kate Tempest Maifeldderby 2016

Kae Tempest sah ich 2016 auf dem Maifeldderby in Mannheim. Ich hatte das Programmheft nicht gelesen und war überrascht, statt in einem Konzert in einem Podiumsgespräch zu landen.

Nun, Kae Tempest hatte das Programm wohl auch nicht gelesen und war überrascht, dass sie sich die Podiumsdiskussion selbst organisieren musste.

Was mir fast ein Jahr nach ihrem gut gelaunten und hoch konzentriertem Auftritt im Gedächtnis geblieben ist, ist die Wucht, mit der sie ihre Texte vorträgt und die Liebe, die sie bei allem ausstrahlt. Wut wird zu Energie wird zu Liebe – eine bemerkenswerte Haltung, die ich so gerne viel häufiger erleben möchte.

Dann ist mir noch ein Blick in ihre Schreibwerkstatt in Erinnerung geblieben. Kae Tempest erzählte, wie hart es für sie war, ihren Roman zu überarbeiten. Da stand die perfekte Beschreibung für einen Moment, für eine Emotion auf dem Papier und sie musste diese gelungene Formulierung streichen, weil sie nichts zur Geschichte beitrug. Das, was die Lyrikerin in ihr am liebsten behalten hätte, war dem Roman im Weg.

Diese beiden Erinnerungen prägten meine Herangehensweise an ihren Roman Worauf du dich verlassen kannst. Ich wollte die Liebe zu den Menschen darin wieder finden und mich von der Sprache mitreißen lassen. Beides ist so gekommen.

Nur, wenn man Menschen mag, kann man so genau hinschauen, wie Kae Tempest das tut. Sonst wäre es zu schmerzhaft. Sie erzählt Geschichten von Menschen, die das Richtige tun und doch das Falsche damit hervorlocken. Sie erzählt von Talenten, harter Arbeit und Erfolgen, die sich nicht einstellen. Doch vor allen Dingen erzählt sie von der Liebe, die Veränderungen bewirkt, auch wenn die Liebe nur für kurze Zeit hält.

Dieses Jahr kommt Kae Tempest wieder auf das Maifeldderby nach Mannheim. Diesmal mit Musik. Ich werde dort sein und wiederum das suchen, was ich im Roman gefunden habe.


Kate Tempest - Worauf du dich verlassen kannst - Roman

Angaben zum Buch:

Kae Tempest

Worauf du dich verlassen kannst
Übersetzt von Stella & Karl Umlaut

Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-499-26989-9

Ausführliche Rezensionen gab es in der Zeit und auf den Blog Novellieren (leider nicht mehr online). Bei dieser Rezension finde ich besonders spannend, dass ich den Gangsterfilm im Buch doch eher ignoriert habe und mich dafür vom Klang der Sprache und den großartigen Beobachtungen habe mitreißen lassen.


Gelesenes und Gehörtes: Musikbücher, Bands und Konzerte auf meinem Buch-Blog Geschichtenagentin


Documenta, ich komme – und wähle die Route durch Provinz und Märchenwald

Ich hatte es geahnt: ein Reiseführer zur Documenta, der „Schneewittchen und der kopflose Kurator“ heißt, ist garantiert kein Baedeker-Ersatz. Aber auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet.

Gleich auf der ersten Seite befand ich mich im Wald. Das ist schön, im Wald fühle ich mich wohl. Ob das ein typisch deutscher Anteil in mir ist?

Im deutschen Wald lauern hinter jedem Baum die Brüder Grimm und machen den Wald zum Märchenwald. Daraus könnte man eine direkte Verbindung zu Kassel, der Grimm-Stadt, aufbauen.

Aber nein: Die Annäherung an Kassel und die Documenta erfolgt zuerst räumlich mit einer schaurigen Reise durch die hessische Provinz – Hessen hat ja sehr viel davon.

Klingt schräg, macht Spaß zu Lesen und gibt dem Phänomen Documenta eine für mich unerwartete Verwurzelung.

Aber ich war ja noch nie auf einer Documenta. Die diesjährige Documenta 14 wird meine erste sein. Bin ich jetzt nach der Lektüre von Schneewittchen und der kopflose Kurator. Der Reiseführer für documenta-Besucher, Romantiker und Horrorfans gut darauf vorbereitet?

Falsche Frage. Ich fahre nach Kassel, um mir Kunst anzuschauen und um Inspiration für mein Leben zu finden. Mit im Gepäck habe ich die Befürchtung, mehr Diskurs als Kunst anzutreffen. Sollte mir genau das passieren, bin ich jetzt gut gewappnet. Ich weiß, wie die Documenta entstanden ist, wie die Auswahl der Kunstwerke zustande kommt und welche Rolle der Kurator dabei spielt. Zudem kenne ich nun die Geschichte der Documenta und bin gut darüber informiert, welche Documenta welchen Schwerpunkt, welche Erfolge und welche Misserfolge hatte. Mit dem Wissen im Hinterkopf wird es mir leichter fallen, Diskurs-Ballast abzuwerfen und mich ganz auf die Kunst auszurichten.

Doch das Buch hat auch meinen Blick auf die Documenta, die ich noch gar nicht gesehen habe, verändert. Jetzt werde ich verstärkt auf das Zusammenspiel von Ort, Atmosphäre und Kunst achten. Darüber, wie Kunst aus aller Welt gerade in Kassel wirkt, hatte ich mir im Vorfeld keine Gedanken gemacht. Das hat sich durch die Verwurzelung im deutschen Märchenwald und die Lesereise quer durch die hessische Provinz nach Kassel definitiv geändert.


Keine Kunst, sondern ein Documenta-Bookstagram.


Infos zum Buch:

Christian Saehrendt

Schneewittchen und der kopflose Kurator
Der Reiseführer für documenta-Besucher, Romantiker und Horrorfans

Neuauflage

Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-6308-2


Und wie war er nun, mein erster Besuch auf der Documenta? So:


Lesetipp: Ist das Kunst oder kann das weg? Charmantes Buch über moderne Kunst vom gleichen Autor. Hier meine Rezension:

Ich und die Comics. Und wie uns die Mangas in die Quere kamen.

Blogparade: Ich und die Comics. So wurde ich zum Comic Leser.Bücher, Zeitschriften, Comics – als Kind habe ich einfach alles gelesen, was ich in die Finger bekommen habe. Gefühlt war Lesestoff immer Mangelware. Bücher wurden vor allen Dingen ausgeliehen, gekauft eher selten. Doch ab und an gab es wohl im Supermarkt reduzierte Comics – das war wohl eine Quelle. Die andere Quelle waren die Jungs aus der Nachbarschaft: dort habe ich mir vor allem Donald Duck und Asterix ausgeliehen; ab und an auch mal Superhelden.

Meine Mutter musste sich noch verteidigen, dass sie ihrem Kind Comics zu lesen gab – ich bin Jahrgang 1968. Doch selbstbestimmtes Lesen war ihr wichtiger als irgendein literarischer Bildungsauftrag und meine sehr guten Deutsch-Noten nahmen den Kritikern dann eh den Wind aus den Segeln. Sie hatte als Kind auch immer gefühlt zu wenig zu lesen gehabt und war auf die Fortsetzungsromane der Gartenlaube ausgewichen. Geschadet hat ihr das ebenfalls nicht.

Eine Leidenschaft für Comics habe ich damals aber nicht entwickelt. Ich las einfach alles, was ich bekam. Die Wende kam eigentlich erst während meiner Ausbildung zur Buchhändlerin – also 1989/90.

Hallo Comic-Abteilung – hallo Dagmar!

Aus meiner Comic SammlungComics spielten damals im Buchhandel keine Rolle. Kaum ein Buchhändler hatte welche vorrätig. Es zählte das Totschlag-Argument aller Buchhändler: unsere Kunden wollen das nicht. Das Wort Schund fiel so gerade eben nicht mehr.

Doch dann landete ich in einer Filiale der Buchhandlung, die gegründet wurde, um zu experimentieren. Buch Kober im Stadtgarten lag gegenüber von WOM – World of Music. Wer mit CDs zur Kasse wollte, musste durch die Buchhandlung. Dort gab es die größte Science-Fiction und Fantasy-Abteilung des Rhein-Neckar-Raums, die Noten der angesagten Bands und eben Comics, viele Comics. Ein Nerd-Paradies innerhalb einer normalen Buchhandlung mit Schwerpunkt Taschenbuch. Hell, großräumig, fast nur Frontalpräsentation.

Gelesen habe ich zu dem Zeitpunkt fast nur Cartoons und Comic-Strips: Gary Larson, Hägar und Garfield. Nun stand ich auf einmal vor den Comics und dachte mir: ich kenne euch nicht, aber ich soll euch ab jetzt verkaufen. Also begann ich zu lesen. Lesen hilft immer.

Begonnen habe ich mit Tim und Struppi, die etwas statischeren Bildern und das ruhigere Erzählen kamen mir entgegen. Ich las mich quer durch das Carlsen- und Ehapa Programm und bald auch quer durch alles, was mir in die Finger kam: Marsipulami, Valerian und Veronique, Gaston, Blueberry, Natascha, Modesty Blaise, Manara …

Der Comic-Markt war damals im Umbruch. Weniger Kinder-Comics wie Yakari, mehr Comic-Art. Lauzier, Prado, Moebius und Jodorowsky. Was auch immer kam – ich las. Die nächste Wende wurde durch Akira eingeleitet.

Vorhang auf für Mangas

Akira war der erste Manga, der mir auf dem deutschen Markt begegnete. Großformatig und in europäischer Leserichtung – etwas anderes hatte sich der Verlag nicht getraut. Ich las – und stieg aus. Das war mir zu schnell, ich fand nicht in die Bildsprache hinein, verstand die Emotionen nicht und die hektischen Schnitte machten mich nervös. Nur ein Manga konnte mich fesseln: Battle Angel Alita, ebenfalls in europäischer Leserichtung.

Aber das ich mich mit den Mangas nicht anfreunden konnte machte nichts, denn es gab ja noch die vielen Alben von Verlagen wie Schreiber & Leser oder Splitter. Ständig kamen neue Serien auf den Markt und die Alben wurden immer teurer. Wie gut, dass ich Buchhändlerin war: Ich konnte alles in der Mittagspause lesen und anschließend wieder in das Regal stellen – paradiesisch!

Auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet. Es war blond, hatte große Augen und den Kampfruf „Mondstein flieg und sieg!“. Sailor Moon brachte mein ruhiges, planbares Leben als Buchhändlerin mit Comic-Abteilung durcheinander – und das war gut so!

Manga-bedingte Lesepause

Mit den Mangas wurde alles anders. Statt männlicher Nerds, die alle aussahen als würden sie Maschinenbau studieren, standen auf einmal junge Mädchen im Laden und brachten Leben in die Bude. Die Verlage stellten sich rasch darauf ein. Statt großer, teurer, opulenter Comic-Alben kamen kleine, handliche Mangas in japanischer Leserichtung auf den Markt.

Damit gab es für mich als Comic-Leserin erst mal eine Pause. An Mangas lesen konnte ich mich nie gewöhnen, verkauft habe ich sie immer gerne.

Auf einmal war ich wieder Zielgruppe

Den Comic-Verlagen ist dann wohl irgendwann gedämmert, dass sie eine komplette Zielgruppe, nämlich den klassischen Comic-Leser, ignorieren. Sie begannen, Sammelausgaben der alten Serien auf den Markt zu bringen. Zu stolzen Preisen. Um die Gesamtausgabe von Valerian und Veronique schleiche ich immer noch drum herum.

Seltsam finde ich, dass ich nie so richtig den Zugang zu Graphic Novels, dem anderen großen Hoffnungsträger der Comic-Branche, gefunden habe. Mir war das immer zu kopflastig.

42 Jahre Comics lesen – Was ist geblieben?

Moebius Comics

Vieles aus meiner Comic-Sammlung hat sich aufgelöst, ist aus dem Leim gegangen und wurde entsorgt. Insbesondere die Alben von Carlsen waren zwischendurch von übler buchbinderischer Qualität.

So ist meine Sammlung erstens sehr klein und zweitens sehr zufällig.

Zwei Lese-Leidenschaften sind geblieben: Comic-Strips und der opulente, künstlerische Comic.

Und ein Idol: Moebius.

 

 

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade „Ich und die Comics. Wie alles begann.“ Ihr wollt wissen, wie diese Blogparade funktioniert und wer alles teilgenommen hat? Dann schaut bei booknapping vorbei – hier findet Ihr die Zusammenfassung mit allen 18 Beiträgen!

 

Gabby Bernstein. Von wegen It-Girl.

Gabby Bernstein. Das Universum steht hinter Dir. Wie wir Angst in Vertrauen verwandeln. Buch. Rezension.

Das Bild, das ich von Gabby Bernstein hatte, war ein sehr buntes. Es bestand aus den Mosaiksteinchen New York, Instagram, ständig in Bewegung sein, hip.

Überlagert wurde es von dem unmöglichen Begriff „Das neue spirituelle It-Girl“. Eine solche Bezeichnung löst bei mir eine reflexartige Verweigerungshaltung aus.

Doch ihre Videos gefielen mir. Natürlich, authentisch und fest im Leben verwurzelt. Die Videos und ihr Hasthag #spiritjunkie, der mich immer zum Schmunzeln brachte, sorgten dafür, dass ich sie nicht aus den Augen verlor.

Ob der Begriff „spirituelles It-Girl“ jemals auf Gabby gepasst hat? Zu Das Universum steht hinter Dir passt er auf jeden Fall nicht. Das ist nicht das Werk eines Mädchens. Es ist ein kluges, weises Buch voller Lebenserfahrung.

Die ersten Kapitel waren für mich die richtige Inspiration zur richtigen Zeit. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie solche Bücher sich in mein Leben schleichen – genau dann, wenn ich sie brauche. Die Göttin der Bücher meint es gut mit mir.

Wenn du nun umblätterst, vergiss nicht, offen für neue Ideen zu sein. Hab Geduld, und vertraue darauf, dass das Universum hinter dir steht.
S. 15

Wie können wir Angst in Vertrauen verwandeln? Dieses Thema hat sich Gabby Bernstein nicht freiwillig rausgesucht. Es ist ein Lebensthema von ihr. Sie weiß, wovon sie spricht und sie praktiziert, was sie predigt.

Ihre Inspirationsquellen sind vor allem die Weisheiten aus Ein Kurs in Wundern und aus dem Kundalini Yoga. Da sie aber alles in Geschichten aus ihrem eigenen Leben verpackt und immer wieder davon erzählt, wie sie selbst aus dem Vertrauen gefallen ist und der Angst verhaftet blieb, bietet ihr Buch Zugänge für alle Leser.


Weitere Infos zum Buch:

Gabrielle „Gabby“ Bernstein
Website der Autorin
Übersetzt aus dem Englischen von Ulla Rahn-Huber

Das Universum steht hinter Dir.
Wie wir Angst in Vertrauen verwandeln.

LEO Verlag
ISBN 978-3-95736-079-3


Was andere darüber schreiben:

Kurz-Rezension bei Kunst und Literatur und im Yoga Journal.


Wir leben in einer Welt, die Drama, Terror, Trennung und Not fördert. Man hat uns eingetrichtert, dass es schon wehtun muss, wenn wir etwas schaffen oder erreichen wollen. Ich bin hier, um jetzt mit diesem Mythos aufzuräumen.

Gabby Bernstein, Das Universum steht hinter Dir. S. 48

Gabby Bernstein. Du bist dein Guru. KArtenset - Orakel und Motivationskarten.

Mein Tipp: Du bist dein Guru – Kartenset. Wunderbare Orakel- und Motivationskarten!


 Ein Buch, das bestens dazu passt: Das Handbuch der urbanen Spiritualität. Hier meine Rezension:

Sachbücher & Ratgeber – meine 11 Antworten und 11 Buchempfehlungen

Sachbücher & Ratgeber - 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen - Blogstöckchen

Zum Welttag des Buches habe ich das Blogstöckchen Sachbücher & Ratgeber – 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen in die Luft geworfen.

Hier sind meine Antworten:

Was macht ein gutes Sachbuch oder einen guten Ratgeber aus?

Wenn ich es mag, dann war es ein gutes Buch und ich mag ein Buch dann, wenn es ein gutes Thema hat, gut geschrieben und gut gemacht ist. Ganz einfach, oder?

Wie wichtig sind Dir Illustrationen?

Ja, nein, weiß nicht. Was ich nicht ausstehen kann ist das Bebildern um der Buntheit und der Auflockerung willen, wie es in vielen Ratgebern gemacht wird. Vor allen Dingen dann, wenn dafür Stock-Fotos verwendet werden!

Bilder sollten genau wie Text behandelt werden: wenn es dem Buch keinen Mehrwert hinzu fügt, den Text nicht verständlicher macht, dann sollte man das Bild weglassen bzw. die Textpassage streichen!

Was ich aber sehr zu schätzen weiß, ist das gut gemachte Buch. Gut gemacht eben auch im Sinne von Layout und Herstellungsqualität.

eBook oder Buch? Leihen oder kaufen? Online-Shop oder Buchhandlung?

Ist mir doch egal, ich will nur lesen! Ich nehme, was ich bekomme. Gerne ein eBook – außer ich will das Buch als Nachschlagewerk behalten oder es ist ein Buch mit vielen Illustrationen. Leihen ist mir genauso recht wie kaufen, denn ich behalte sowieso nur noch wenige Bücher. Meist kaufe ich in der Buchhandlung im Vorort, manchmal aber auch online.

Ein Sachbuch-Autor, von dem Du alles liest?

Da ist Wolf-Dieter Storl am nächsten dran und darüber habe ich hier auch schon mal gebloggt. Ich schätze seine Art, Geschichten zu erzählen sehr. Manchmal sind Sachbücher die besseren Romane!

Hast Du einen Lieblingsverlag für Sachbücher oder Ratgeber?

Dazu schrieb ich schon mal in meiner Blogroll:

Verlage verlegen Bücher. Ich meine: BÜCHER! Das ist schon Grund genug, sie zu lieben. Aber es gibt Verlage, die liebe ich schon seit Jahren ein wenig mehr als andere Verlage. #ausgründen

Bei den Sachbüchern sind das sicherlich AT Verlag, DuMont, Michael Müller und Windpferd Verlag.

Was war das schrägste Thema, über das Du ein Buch gelesen hast?

Ich mag schräge Ansätze und Themen. In letzter Zeit war das schrägste Buch wohl das über das Leben eines Bienenstaats, erzählt aus Sicht einer Biene. Mit auf diese Liste gehört auch Das Buch der Klänge über akustische Weltwunder. Einen Spitzenplatz nehmen sicherlich die Bücher von Christian Rätsch ein. Wer käme sonst auf die Idee, Weihnachten, Schamanismus und Fliegenpilz-Räusche zusammen in einem Buch abzuhandeln?

Ein Buch, aus dem Du viel für deinen Alltag gelernt hast?

Ab in die Küche! Aus On food and cooking habe ich viel über Lebensmittel gelernt.

Hat ein Sachbuch schon einmal Dein Verhalten, Deine Sicht auf die Welt oder sogar Dein Leben verändert?

Mehr als eines! Das erste könnte Nichts an Dir ist verkehrt von Cheri Huber gewesen sein. Ihr Zen-Weg zur Selbstakzeptanz, der damals bei Kösel erschien, war für mich einer der ersten Kontakte mit Themen wie Achtsamkeit, Zen und buddhistischer Psychologie.

Noch ein Beispiel: Yoga und Gefühle von Sriram. Dieser ungewohnte Blick hat viel bewegt: Gefühle sind erst einmal nichts weiter als Energie, die genutzt werden kann. Erst durch Werten und Anhaftung entstehen die Probleme.

Welches Sachbuch ist aus Deiner Sicht von so hoher literarischer Qualität, dass es Teil eines Literaturkanons sein sollte?

Die erste Antwort auf diese Frage war Leere in meinem Hirn. Dann fiel mir ein Titel ein: Heinrich von Kleist – Über das Marionettentheater. Aber dieses Sachbuch gehört ja schon zum Kanon. Wenn man die autobiographischen Texte mit rein nimmt, wird die Beantwortung der Frage einfacher: Alfred Andersch – Die Kirschen der Freiheit.

Von denen, über die ich gebloggt habe, würde ich Alles fühlt für den Literaturkanon empfehlen.

Register und Literaturverzeichnis – nützlich, Quelle für weitere Inspiration oder ungenutztes Anhängsel?

Das Literaturverzeichnis lese ich immer! Aber eher aus buchhändlerischer Neugier und weil es mir ein Gefühl dafür gibt, woher der Autor kommt und mit was er sich sonst noch so befasst.

Wirklich brauchbare Register zu erstellen scheint ja eine aussterbende Kunst zu sein. Ich habe mich schon bitter bei Verlagen deswegen beschwert. Womit die Frage beantwortet ist: ja, ich nutze Register, weil Bücher für mich auch Nachschlagewerke sind.

Joker-Frage: Du darfst eine Frage streichen und Dir selbst eine neue stellen. Oder eine Frage ergänzen und beantworten, die Du vermisst.

Keine Frage gestrichen, wenn auch mit einigen hart gerungen. Vermisst? Ja, diese Frage:

Warum liest Du Sachbücher?

Weil ich ein sehr, sehr neugieriger Mensch bin und Sachbücher mir helfen, mich, die Menschen und die Welt zu erkunden.

Zum Abschluss bitte noch je eine Buchempfehlung:

Kindersachbuch – Für mich war ja mein Kinderlexikon sehr, sehr wichtig. Deswegen bespreche ich auf meinem Kinderbuch-Blog viele Sachbücher. Besonders empfehlen möchte ich hier und heute Kalle im Wingert, schon allein, um zu zeigen, dass es auch zu Nischenthemen großartige Kindersachbücher gibt!

Kochbuch – Nur eines? On food and cooking habe ich hier ja schon gelobt. Dann empfehle ich noch die frische, schnelle Küche von Donna Hay aus dem AT Verlag, den ich ja ebenfalls hier schon gelobt habe.

Natur/Garten/TiereTiere in der Stadt von Bernhard Kegel, der auch das Zeug zum Lieblingsautor hat, von dem ich alles lesen würde!

Lebenshilfe/GesundheitAngst als Chance. Brücken zur Selbstheilung. Diesem Sachbuch wünsche ich viele Leser. Vor allen Dingen wünsche ich diesem Buch Leser, die sich NICHT in der Notsituation namens Krebs befinden – und sich hoffentlich auch niemals befinden werden.

Naturwissenschaft/TechnikDas Buch der Klänge – schräger Ansatz und feinster BBC-Wissenschaftsjournalismus.

Kunst/Fotografie – Da greife ich zu einem Fachbuch, das zwar stellenweise etwas trocken war, aber meine Art, mir Bilder anzuschauen, stark verändert hat: Wodurch Bilder wirken. Eine Psychologie der Kunst.

Philosophie/SpiritualitätAchtsam durch den Tag von Jan Chozen Bays. Eines der wenigen Bücher, über das ich gleich zweimal bloggen musste.

Psychologie – Gerade mal 140 Seiten hat die Einführung in die buddhistische Psychologie. Lest es!

Geschichte/BiographieDas Mittelmeer. Eine Biographie. Aber leichte Sommerlektüre ist das nicht!

Zeitgeschehen/Politik – Das beantworte ich mit How soon is now von Daniel Pinchbeck, weil mir das Buch Wochen nach der Lektüre immer noch durch den Kopf geht.

Lexikon – Ach ja, damals, als in jeden guten Haushalt noch ein gedrucktes Lexikon gehörte … Ich habe meine noch, nutze sie aber selten. Deswegen empfehle ich ein etwas anderes Lexikon: Das naturkundliche Wanderbuch.

Und wie lauten Eure Antworten auf diese Fragen?

Alle Infos zum Blogstöckchen „Sachbücher & Ratgeber –
11 Fragen und 11 Buchempfehlungen“ findet Ihr hier
 

Die Odenwälder sind ziemlich halsstarrig. Regionalgeschichte.

Zwei Odenwald Regionaltitel
Das war meine Beute zum Indiebookday: zwei Odenwald-Regionaltitel

Regionaltitel gleichen ja einer Wundertüte. Der Leser ist sich nie so sicher, was er bekommt. Von Hobby-Schriftstellerei über Vereinsschriften, die wohl nie zum Lesen gedacht waren, bis hin zu feinen Werken zu Nischenthemen kann alles dabei sein.

Diesmal hatte ich Glück. Mit „Die Einwohner sind ziemlich halsstarrig“ von Roland Vetter, erschienen im Wellhöfer Verlag, habe ich ein Buch aus der letzten Kategorie erwischt.

Eberbach im Odenwald ist eine Kleinstadt, die immer ein Stück abseits lag. Heidelberg war zwar nah genug, so dass man auch in Eberbach im 15. bis 17. Jahrhundert über das Zeitgeschehen in der Welt informiert war. Doch der Weg das Neckartal entlang in den Odenwald war beschwerlich, lohnenswerte Ziele gab es nicht und wohlhabend war die Gegend schon gar nicht. Das kann man, vor allem während des Dreißigjährigen Kriegs, auch als Glücksfall betrachten.

Über das Leben in solchen Städten weiß man wenig. Woher auch? In den Chroniken kommen sie nicht vor; berühmte Persönlichkeiten haben sie nicht hervorgebracht. Es gibt also nur wenig historische Quellen.

Wie aus Rechnungen Geschichten werden

Roland Vetter hat doch eine Quelle ausfindig gemacht: die Rechnungen der Bürgermeister aus dem Stadtarchiv. Klingt erst mal trocken. Doch Roland Vetter verpackt seine Erkenntnisse in Geschichten und lässt das Alltagsleben so lebendig werden. So gut erzählt machen sogar Rechnungen Spaß!

Zumal eine der wichtigsten Rechnung das Ungeld, die Weinsteuer ist. Gründe, Wein zu trinken, hat es mehr als genug gegeben. Zum Beispiel wenn eine der vielen Baumaßnahmen an Badhaus, Stadtmauer und Rathaus beschlossen wurden. Oder wenn eine beendet wurde.

So baut Roland Vetter seine Alltagsgeschichten auf. Mit detektivischen Spürsinn ermittelt er Zusammenhängen zwischen Einzelposten, forscht nach und kann letztlich das Wirtschaftsleben der Stadt Eberbach in Anekdoten nacherzählen und mit Fakten belegen.

Ein Beispiel dafür ist das jährliche Abfischen der Fischbestände im Stadtgraben. Die Fische wurden nach einem festgelegten Schlüssel an die Stadtbevölkerung verteilt. Darüber wurde natürlich Buch geführt. In seltenen Fällen gab es einen Überschuss an Fischen, der dann an den Adel verkauft wurde. Wenn dann immer noch Fische übrig waren, nahm diese ein Fischhändler aus Seckenheim bei Mannheim ab. In welchem Zustand die wohl dann dort ankamen?

Im Frühjahr wurden wieder Fische in den Stadtgraben gesetzt. Diese wurden bei den Fischern in Neckarau bei Mannheim gekauft! Mit dem Auto sind das heute 50 km, für die man eine knappe Stunde braucht. Wie lange die Fische damals unterwegs waren, lässt sich leider kaum noch ermitteln.

Später gab es keine Rechnungen mehr für Fische aus dem Stadtgraben. Doch anhand der Belege über Baumaßnahmen lässt sich ermitteln, dass der Graben mittlerweile so verdreckt war, dass er für die Fischzucht einfach nicht mehr geeignet war.

Regionalgeschichte, im Odenwald gekauft

Entdeckt habe ich das Buch übrigens in der Buchhandlung Kindlers in Mosbach, die mir richtig gut gefallen hat. Schönes Haus, gut ausgewähltes Sortiment, das auch mir mehr als genug Entdeckungen geboten hat – und ich bin bei Büchern nicht leicht zu überraschen!

Buchhandlung Kindlers in Mosbach im Odenwald
Buchhandlung Kindlers in Mosbach im Odenwald

Regionaltitel Eberbach im Odenwald: Die Einwohner sind ziemlich halsstarrig

Infos zum Buch:

Roland Vetter

Die Einwohner sind ziemlich halsstarrig
Alltag, Kultur und Wirtschaft im Odenwald während der Frühen Neuzeit

Wellhöfer Verlag
ISBN: 978-3-939540-64-9

Es gibt noch einen weiteren Band:
Der Odenwälder mag bisweilen etwas derb erscheinen …
Ein anekdotischer Streifzug durch Eberbach und Umgebung im 19. Jahrhundert. 

ISBN 978-3-939540-62-5


Wissenswertes & Geschichten aus dem Odenwald – meine Buchtipps:

Oder ihr geht ins Museum in Wagenschwend am Katzenbuckel:

Sachbücher & Ratgeber – 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen. Ein Blogstöckchen

Sachbücher & Ratgeber - 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen - Blogstöckchen

Komm Sachbuch, hol das Stöckchen!
11 Fragen und 11 Buchempfehlungen

Was macht ein gutes Sachbuch oder einen guten Ratgeber aus?

Wie wichtig sind Dir Illustrationen?

eBook oder Buch? Leihen oder kaufen? Online-Shop oder Buchhandlung?

Ein Sachbuch-Autor, von dem Du alles liest?

Hast Du einen Lieblingsverlag für Sachbücher oder Ratgeber?

Was war das schrägste Thema, über das Du ein Buch gelesen hast?

Ein Buch, aus dem Du viel für deinen Alltag gelernt hast?

Hat ein Sachbuch schon einmal Dein Verhalten, Deine Sicht auf die Welt oder sogar Dein Leben verändert?

Welches Sachbuch ist aus Deiner Sicht von so hoher literarischer Qualität, dass es Teil eines Literaturkanons sein sollte?

Register und Literaturverzeichnis – nützlich, Quelle für weitere Inspiration oder ungenutztes Anhängsel?

Joker-Frage: Du darfst eine Frage streichen und Dir selbst eine neue stellen. Oder eine Frage ergänzen und beantworten, die Du vermisst.

Zum Abschluss bitte noch, wenn möglich, je eine Buchempfehlung:

Kindersachbuch – Kochbuch – Natur/Garten/Tiere – Lebenshilfe/Gesundheit – Naturwissenschaft/Technik –Kunst/Fotografie – Philosophie/Spiritualität – Psychologie – Geschichte/Biographie – Zeitgeschehen/Politik – Lexikon.

Und nun: schnappt Euch das Stöckchen und beantwortet die Fragen auf Eurem Blog oder hier in den Kommentaren! Ich freue mich auf Eure Antworten.

Blogstöckchen – was ist das eigentlich?

Ein Blogger beginnt, denkt sich Fragen aus und beantwortet diese. Dann wirft er das Blogstöckchen weiter in Richtung anderer Blogger. Diese nehmen das Blogstöckchen auf, beantworten die Fragen und werfen das Stöckchen weiter. Man muss aber nicht warten, bis das Stöckchen in die richtige Richtung fliegt – man kann es sich auch einfach schnappen.

So weit die Theorie. Da es nicht jeder mag, mit Stöckchen beworfen zu werden, hat dieses hier eine etwas andere Entstehungsgeschichte. Dieses Blog-Stöckchen begann in der Facebook-Gruppe Sachbuch & Ratgeber – Buchtipps und Rezensionen von Lesern und Bloggern und verbreitet sich von dort aus hoffentlich schnell weiter.

Start des Blogstöckchens „Sachbücher & Ratgeber – 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen“ ist der Welttag des Buches, 23. April 2017. Schnappt es Euch und tragt es weiter – gerne mit Grafik. Ihr könnt sie weiterverwenden. Ein Enddatum für das Blogstöckchen gibt es nicht, denn ich hoffe, dass das Stöckchen immer weiter wandert!

Wo auch immer ihr das Stöckchen findet: über einen Link zum Beitrag hier in den Kommentaren oder in der Facebook-Gruppe würde ich mich freuen!

Meine Antworten auf die Fragen findet Ihr hier auf meinem Blog. Wenn ihr mich über Eure Beiträge informiert, liste ich diese gerne hier auf und verlinke sie!

Sachbücher & Ratgeber - 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen - Blogstöckchen
Blogstöckchen: Sachbücher & Ratgeber – 11 Fragen und 11 Buchempfehlungen. Die Grafik wurde mit Canva erstellt und kann gerne verwendet werden.

Sachbücher & Ratgeber:
Eure Antworten und Buchempfehlungen

Es war einmal und könnte wieder sein: Grimm von Christoph Marzi

Christoph Marzi - Grimm - Fantasy

Leihfrist 14 Tage. Höchstens. Eine harte, klare Ansage für jemanden wie mich, die ständig mehrere Bücher parallel liest. Doch ich habe es schätzen gelernt, dass die Onleihe der Stadtbibliothek Mannheim die Leihfrist begrenzt. Das zwingt mich, das Buch in einem zackigen Tempo durch zu schmökern.

Grimm von Christoph Marzi eignet sich gut zum zackigen schmökern. Die Geschichte entwickelt sich im genau richtigen Tempo und hat einen guten Rhythmus geprägt von märchenhaften Abschweifungen, zwischenmenschlichen Begegnungen und Schockmomenten voller Horror.

Zackig weitergelesen habe ich, doch zum Verschlingen hat es bei mir nicht gereicht. Dazu habe ich mich zu oft an seinem Stil gerieben. Zu viele und zu detaillierte Beschreibungen. Ich mag es lieber, wenn man mir und meinem Kopfkino mehr Raum lässt. Geschmackssache.

Es war einmal und könnte wieder sein: eine Welt voller Märchenfiguren. Doch ist eine friedliche Co-Existenz zwischen Fabelwesen und Menschen überhaupt möglich? Wer hat welche Interessen und wer ist überhaupt noch in der Lage, dem anderen unvoreingenommen, mit kindlicher Offenheit zu begegnen? Und was hat das Gemälde „Eismeer“ von Caspar David Friedrich damit zu tun?

Christoph Marzi macht es seinem Leser nicht einfach und genau das schätze ich an Grimm. Es wäre so einfach gewesen, die Geschichte platt und voller Action zu erzählen. In Grimm gibt es immer noch eine dunkle Ecke mehr als man glaubt. Die Wölfe wissen das, der Mensch muss es erst lernen.

Was soll ich als nächstes von Christoph Marzi lesen?


Angaben zum Buch:

Christoph Marzi

Grimm

Heyne Verlag


Lust auf Fantasy? Die Rezensionen dazu auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin findet ihr hier.