
Fotzenfenderschweine. Da das Buch von einer deutschen Indie-Musikerin stammt, hatte ich für mich gleich eine Übersetzung des Titels parat. Fender konnte nur die Gitarre sein, Fotze und Schweine stand für manches, was man als Musikerin in der Szene erlebt. Ich lag falsch. Es gibt auch sonst einiges, was das Buch Fotzenfenderschweine von Almut Klotz nicht ist. Die von ihr mitgegründete Kult-Band Lassie Singers, die sich 1998 nach 10 Jahren aufgelöst hatte, kommt nur als bereits abgeschlossenes Kapitel vor. Wie und warum sie Musik macht, das steht nicht im Mittelpunkt. Der Klappentext behauptet es zwar, doch eine Abrechnung mit Frauenrollen in der Indie-Szene sehe ich darin nicht. Wenn dann eine Standortbestimmung der Rollen, die Almut Klotz selbst eingenommen hat oder die ihr Mann, der Musiker und Autor Rev. Christian Dabeler ihr zugeschrieben hat. Doch vor allem ist Fotzenfenderschweine eines nicht: fertig. Almut Klotz konnte es nicht beenden. Sie starb im August 2013 an Krebs.
Dass ihr unfertiges Buch genau so erscheinen konnte, wie sie es hinterlassen hat, ist vor allem eines: eine große Liebeserklärung. Nichts wurde geändert, auch dann nicht, wenn Rev. Christian Dabeler nicht gut wegkommt. Sogar die XXX im Text, die Platzhalter, wenn ihr beim Schreiben ein Name nicht sofort einfallen wollte, blieben stehen. Manch ein Satz wirkt schräg und der Buchtitel wird erst im Nachwort erklärt. Fender ist ein maritimer Begriff und bezeichnet ein Schutzpolster zwischen Schiff und Kaimauer. Diese Fender sind anscheinend nicht leicht zu handhaben, weswegen oft über sie geschimpft wird. Genau diesen Buchtitel wollte sie haben. Ob es nur ein Lieblingsschimpfwort ihres gerne und originell fluchenden Mannes war oder ob sie darin eine tiefere Symbolik sah, bleibt offen.
Ich hätte nie gedacht, dass ein autobiografisches Romanfragment von locker gesetzten 100 Seiten einen solchen Sog entwickeln kann. Almut Klotz erzählt vor allem eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich bis aufs Blut streiten können und die trotzdem fest an ihre Liebe glauben. Auch wenn sie die Basis dafür erst hart erarbeiten müssen, fast so, als würden sie Kunst erschaffen. In den guten Momenten ist Leben, Liebe und Kunst eines. Doch der Weg dahin ist so schwierig, dass ich mich wundere, dass beide nicht aufgegeben haben.
Ich hatte mir also nicht nur den Titel falsch übersetzt, sondern auch die Geschichte unterschätzt. Fotzenfenderschweine ist keine Abrechnung mit der Indie-Szene. Es ist der unfertige, ungeschönte Beweis, dass Liebe und Kunst bei Almut Klotz eines waren.
Infos zum Buch:
Almut Klotz
Fotzenfenderschweine
Über die Autorin:
Almut Klotz-Dabeler, 1962 in Pforzheim geboren, kam 1985 nach Berlin. Mit Funny van Dannen und Christiane Rösinger gründete sie die sehr erfolgreiche Band Lassie Singers, die sich 1998 nach zehn Jahren auflöste. Mit Rösinger betrieb sie auch das Label Flittchen Records und die Flittchenbar.
Klotz arbeitete auch als freie Autorin, von 2001 an erschienen zehn Jahre lang ihre Kolumnen in der Berliner Zeitung. 2005 veröffentlichten Klotz und Dabeler den gemeinsam verfassten Roman „Aus dem Leben des Manuel Zorn“, der Erzählungsband „Tamara und Konsorten“ erschien 2008 (erweiterte Neuausgabe 2023). Almut Klotz starb am 15. August 2013. 2016 erschien posthum (hg. v. Dabeler und Aron Klotz) „Fotzenfenderschweine“, ein Buch über „eine Liebe, die hält, trotz allem“ (Der Spiegel).
Quelle: Verbrecher Verlag
Wer sich über das Beitragsbild wundert: da habe ich getestet, ob das Buch in meine Handtasche passt. Tat es, so wurde es meine Straßenbahnlektüre auf der Fahrt zu einem Konzert iin Mannheim. Und das ist der Ohrwurm, den ich beim bloggen hatte – der Song der Lassie Singers, den ich heiß und innig liebe: Es ist so schade
Musik – Gelesenes und Gehörtes. Meine Blog-Beiträge.
Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Meine Rezension zu ihrem Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin:

