
Montagmorgen, dritter Kaffee, das Postfach quillt über – und abends taucht dann in den Instagram-Stories ein barockes Ölgemälde auf, dessen leidgeprüfte Hauptfigur genau das ausdrückt, was man selbst fühlt. Willkommen beim „Meme Monday“ von Kunst + kaviar.
Wie oft habe ich abends schon auf den Insta-Account der Kunsthistorikerinnen Anjelika Spöth und Karina Chernenko geschaut, ob der Meme Monday endlich online ist? Das Format funktioniert so gut, weil es eben kein durchkonzipiertes Marketingkonzept ist, sondern eher eine Art Selbsttherapie. Ein Versuch, den ganz normalen Alltagswahnsinn, bestehend aus Büro, Familie, Frausein und Weltpolitik, zu verarbeiten.
Dafür werden klassische Kunstwerke mit hochaktuellen, alltagsnahen Texten unterlegt. Der genervte Blick einer Porträtierten wird zum Sinnbild für ein Meeting, das eine E-Mail hätte sein können. Ein gequälter Gesichtsausdruck steht für die Enttäuschung über eine einsilbige Chef-Antwort auf eine Präsentation, in der viel Arbeit steckte. Plötzlich sind die Figuren auf den Werken der alten Meister nicht mehr fern, ehrwürdig und verstaubt, sondern gute Freund*innen und Leidensgenossen.
Der Sprung vom Insta-Feed ins Bücherregal

Was im Internet begann und dort zum Kult wurde, gibt es jetzt als Buch mit dem schönen Titel „Ich am ersten Tag nach dem Urlaub. Kunst für stressige Zeiten“. Damit das Büchlein als Geschenkbuch funktioniert, wurde die Auswahl auf die Themen Büro und Arbeitsleben beschränkt. Die Entscheidung ist genauso verständlich wie schade. Aber ich vermisse die sarkastischen, feministischen Memes und die pointierten Anmerkungen zur Weltlage sehr! Was wiederum dazu führt, dass ich auch weiterhin dem Meme Monday entgegenfieber. Also doch alles richtig gemacht.
Aber ist das jetzt Kunstvermittlung oder bloß ein witziger Internet-Hype? Ein cleveres Bildungsformat oder einfach nur Kult? Ich würde sagen: beides – und genau das macht den Reiz aus. Die Memes funktionieren als reiner Humor, ganz ohne Vorkenntnisse. Man muss nicht wissen, wer der Maler oder die Malerin war, um den Witz zu verstehen. Doch gleichzeitig stellen sie eine Frage, die häufig am Anfang einer Bildbetrachtung steht: Was sehe ich hier eigentlich?
Kunst + kaviar gelingt damit etwas, das klassische Kunstvermittlung oft nicht schafft. Sie holen die Kunst aus dem Museum, bringen sie zu uns in den Alltag. Sie bieten den Menschen einen Zugang ganz ohne Schwellenangst und sorgen dafür, dass über Kunst gesprochen wird!
Ich möchte mich auch gar nicht zwischen Kult und Kunstvermittlung entscheiden. Kunst + kaviar schafft beides gleichzeitig: einen Grund zu lachen und einen Grund, genauer hinzuschauen. Und solange ich montagabends weiter auf mein Handy starre, ist für mich klar, wer hier gewonnen hat!
Infos und bibliographische Angaben:
KUNST + kaviar
Ich am ersten Tag nach dem Urlaub
Kunst für stressige Zeiten
Kunst + Kaviar auf Instagram und ihre Website
Kunst + kaviar verwenden für ihre Memes nicht nur Bildausschnitte von Werken alter Meister. Dieses Bild zum Beispiel ist von Anita Rée, die von 1855 bis 1933 lebte. Karen Grol hat über die Malerin eine großartige Romanbiographie geschrieben. Hier meine Rezension zum Buch „Himmel auf Zeit“

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