Zwischen Rabbi-Diskussionen und Liebeskummer: Hoodie Rosen jongliert mit zwei Welten und überlebt mit Sarkasmus

Jugendbuch von Isaac Blum:
Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen. Das Taschenbuch liegt neben einer schwarzen Kippa

Es ist der knochentrockene, manchmal sarkastische Witz, der dieses Jugendbuch zusammenhält. Die Art Humor, der bei Jugendlichen häufig ein Anzeichen dafür ist, dass ihr Leben so gar nicht im Gleichgewicht ist. Bei Hoodie Rosen, der eigentlich Jehuda heißt, ist im Prinzip jede Welt für sich in Ordnung. In der einen ist er Jehuda, geliebter Sohn einer jüdisch-orthodoxen Familie. Sein Alltag kommt nicht-jüdischen Leser*innen durch die allgegenwärtigen religiösen Regeln vielleicht etwas ungewohnt, aber stets liebenswert-chaotisch vor. Jehuda ist eingebunden in das Gemeindeleben, lebt sich in spitzfindigen Diskussionen mit dem Rabbi aus und wird immer wieder Opfer der Streiche seiner Schwester.

In der anderen Welt ist er Hoodie und verliebt er sich in Anna-Maria, Tochter der Bürgermeisterin. Denn das, was für sie ein normaler, herzlich-offener Umgang ist, missdeutet er. Auf ein Mädchen wie sie hat ihn zuhause niemand vorbereitet. Rote Ohren, Missverständnisse und Situationskomik sind die Folge.

Aber ihre Freundschaft bleibt nicht unbeobachtet. Die erste Eskalationssstufe wird erreicht, als er mit ihr Hakenkreuze von einem jüdischen Grab entfernt. Was für die beiden Jugendlichen einfach nur moralisch korrekt ist, führt zur Ächtung von Hoodie in der Gemeinde. Sie sehen in Anna-Maria nur die Schickse, die zudem Tochter einer politischen Würdenträgerin ist, die den Juden das Leben schwer macht. Doch der antisemitische Terror, der wenig später von außen in den Ort getragen werden wird – darauf war niemand vorbereitet.

Schwere Themen? Ja, aber nicht unverdaulich. Voll das normale Teenie-Leben? Aber so was von! Und genau das ist das, was den Charme des Jugendbuchs von Isaac Blum ausmacht. Ja, »Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen« soll neugierig darauf machen, wie moderne und orthodoxe Juden heute leben. Es zeigt zudem verschiedene Nuancen von Antisemitismus auf und was es braucht, um die Spirale aus Vorurteilen und Extremismus zu durchbrechen. Aber vor allem ist die Hauptfigur Hoodie Rosen ein charakterstarker, humorvoller und liebenswerter Protagonist, der im Gedächtnis bleibt!


Infos zum Buch:

Isaac Blum
Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen
Übersetzt aus dem Englischen von Gundula Schiffer

Gulliver von Beltz & Gelberg

Übrigens: es gibt auch Unterrichtsmaterial (Wink mit dem Zaunpfahl – das Buch ist wirklich toll als Schullektüre geeignet)
»Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen« im Unterricht
Differenzierte Materialien zum Jugendroman von Isaac Blum (Klassenstufe 8-10, mit Kopiervorlagen)


Eine ausführliche Rezension findet ihr auch auf dem Buchblog von Marsha alias MutterundSöhnchen und in der Süddeutschen Zeitung.


Falls ihr euch jetzt fragt, was das neben dem Buch auf dem Foto ist: es ist eine Kippa, die wir beim Besuch in der Neuen Synagoge in Pilsen in Tschechien erhalten haben. Die Besichtigung lohnt sich! Es ist eine Wohltat, eine Synagoge zu sehen, die ein so selbstbewusster und selbstverständlicher Teil des Stadtbild ist. Möge es in Zukunft überall so sein – und alle Kriege enden!


Jugendbücher sind zur Zeit nicht mein bevorzugtes Genre, aber die eine oder andere Backlist-Perle gibt es auf meinem Blog doch zu entdecken – meine Jugendbuch-Rezensionen im Überblick. Meine besondere Empfehlung: Tanz der Tiefseequalle von Stefanie Höfler

»Wir müssen reden« – wie Sprache heilt oder verletzt. Und wie Wortmedizin uns allen hilft

Wortmedizin. Buch von Lisa Holtmeier

Wir müssen reden. Dieser Satz kann ganz neutral gemeint sein. Doch in den meisten Fällen sorgt er für Kopfkino. Grübeln darüber, was das Gesprächsthema sein könnte. Eine leichte Nervosität, weil etwas Unangenehmes kommen könnte. Oder sogar Panik, weil der Adressat schlechte Erfahrungen mit Gesprächen gemacht hat, die so angekündigt wurden.

Das ist eines der vielen praxisnahen Beispiele, die Lisa Holtmeier in ihrem sehr hilfreichen Buch »Wortmedizin. Ungesunde Kommunikationsmuster durchbrechen und die mentale Gesundheit stärken« präsentiert. Von People Pleasing (ja statt nein sagen) bis toxische Positivität (hab schon Schlimmeres gesehen) erklärt sie typische Kommunikationsmuster, die uns im Alltag häufig begegnen.

Dafür steigt sie immer mit einem ausführlichen und gut gewählten Beispiel ein. Dann erläutert sie, was dahinter steckt und was dieses Sprachmuster in den Zuhörer*innen auslöst. Denn schlechte Kommunikation hallt lange nach. Sie bleibt im Menschen. Sie beschäftigt ihn und bindet Energie – selbst dann, wenn sie in dem Moment nicht als verletzend, sondern nur als seltsam oder störend empfunden wird.

Wie Worte wirken – Ein Plädoyer für bewusste Kommunikation

Holtmeier zeigt: Das können wir besser. Einmal, in dem wir von vornherein achtsamer formulieren. Aber auch, in dem wir häufiger in uns hineinhören und die eigenen Bedürfnisse achten. Möchte ich so angesprochen werden? Habe ich alle Informationen, die ich brauche? Das sind berechtigte Fragen, die uns zudem aus einem Reaktionsreflex herausholen.

Zugleich sollten wir anerkennen, dass nicht immer alles glatt laufen kann. Missverständnisse sind zutiefst menschlich. Dann helfen Empathie und Nachfragen. Beides können wir üben. Dafür liefert uns Lisa Holtmeier Strategien und konkrete Formulierungshilfen. Die Beispielsätze sind mir in einigen Fällen zu förmlich. Doch die Auswahl ist so groß, dass immer etwas zum eigenen Sprachgebrauch passt.

Ich habe schon lange keinen so wohltuenden und wertschätzenden Ratgeber wie »Wortmedizin« gelesen. Das Buch bietet einen niedrigschwelligen Einstieg in die Kommunikationspsychologie. Auf Grund der Alltagsnähe und der klug gewählten Gesprächssituationen ist es auch für Leser*innen geeignet, die sich noch nicht mit psychologischen Themen auseinandergesetzt haben. Aber auch alte Häsinnen finden hier jede Menge Inspiration und Input – ich garantiere, jede*r zuckt mindestens einmal zusammen und denkt sich „Ups, das könnte ich sein“!


Infos zum Buch:

Lisa Holtmeier
Wordseed – Worte säen, Gesundheit ernten

Wortmedizin
Ungesunde Kommunikationsmuster durchbrechen und die mentale Gesundheit stärken

Beltz Verlag


Wortmedizin ist auch ein wichtiger Baustein in diesem Themenkomplex: Empathische Führung

Die souveräne Leserin: warum habe ich das erst jetzt entdeckt?

Alan Bennett - Die souveräne Leserin.
Das Buch mit einem roten Leineneinband liegt auf einer historischen Tapete mit Grünpflanzen und Vögeln.

Ob »Frauen, die lesen sind gefährlich« oder etwas in der Art von »Die kleine Buchhandlung auf einer Insel am Ende der Welt«: Ein wenig geht mir die Welle von Büchern, die die Buchliebe feiern, auf den Keks. Doch dass ich Alan Bennetts »Die souveräne Leserin« deswegen so lange ignoriert habe, war ein großer Fehler!

Deshalb möchte ich mich jetzt zuerst bei der Unbekannten bedanken, die diesen feinen Titel zur Eröffnung des öffentlichen Bücherschranks in meinem Vorort eingestellt hat. Ich feiere sie sehr – und ja, ich gehe davon aus, dass es sich um eine Frau handelt. Schließlich gibt es mehr lesende Frauen als Männer.

Die souveräne Leserin, das ist die Queen, die in Alan Bennetts Buch spät das Lesen entdeckt. Dafür holt sie dann alles nach, was sie verpasst hat. Über die Handlung, die von einem feinen Humor vorangetrieben wird, möchte ich nicht zu viel verraten. Denn jeder Spoiler würde die Freude an der Geschichte schmälern!

Was ich hier guten Gewissens erwähnen kann, ist dass dieses Büchlein eine ganz besondere Art des Lesens feiert: unvoreingenommen, offen, neugierig. Heute ein Klassiker, morgen etwas experimentell-progressives. Heute Lyrik, morgen eine Biografie. Heute leichte Unterhaltung, morgen ein philosophisches Schwergewicht. Die souveräne Leserin liest, worauf sie Lust hat. Sie bildet sich ihr Urteil und freut sich über abweichende Meinungen anderer Leser*innen. Lesend entdeckt die Queen, begleitet von einem Lese- und Buchbesorgungs-Buddy, die Welt hinter dem Hof-Zeremoniell.

Was für ein intelligentes Lesevergnügen! Falls ihr das Buch noch nicht kennt: Lernt aus meinem Fehler und lest es jetzt sofort!


Bibliographische Angaben (denn „Infos zum Buch“ wäre bei diesem Titel unpassend):

Alan Bennett
Übersetzt von Ingo Herzke

Die souveräne Leserin

Wagenbach Verlag


Entdeckt habe ich das Buch in einem öffentlichen Bücherschrank. Darüber blogge ich hier:

Nehmt den ganzen Menschen wahr: »Empathische Führung« von Lunia Hara

Buch von Lunia Hara: Empathische Führung

Dass ich noch einmal einen Management-Ratgeber lese, war so nicht geplant. Meine Karriereplanung ist genauso abgeschlossen wie meine Familienplanung. Es waren die Begriffe »empathisch« und »Mitgefühl« die mich bei Lunia Haras Buch elektrisierten. Sollte es jetzt wirklich in den Führungsetagen angekommen sein, dass da nicht eine Ressource am Schreibtisch sitzt – sondern ein Mensch, mit allem, was zum Menschsein gehört?

Die Antwort ist ein Jein. Ja, es gibt mittlerweile mehr Führungskräfte wie Lunia Hara, die immer den ganzen Menschen mitdenken. Aber wenn ich lese, wie viele Seiten sie dafür verwendet, zu beweisen, dass alle von einem dem Menschen zugewandten Führungsstil profitieren – auch die Bilanzen, der ROI und die Manager*innen selbst – dann weiß ich: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Das Seelenleben bleibt nicht zuhause – Gedanken zu Lunia Haras »Empathische Führung«

Wie begann das eigentlich bei mir? Warum interessiere ich mich für Mitgefühl und Empathie in der Arbeitswelt? Das liegt an den Chefs und Chefinnen, die ich hatte. Da gab es den Personalchef, der zurecht bemerkte, dass die Stimmung schlecht sei. Im Einzelhandel ist das ein Umsatzkiller. Seine Lösung: ein Spiegel an der Tür vom Pausenraum in dem Laden. Darauf die Aufschrift: Lächeln!

Oder die Inhaberfamilie, deren Eheprobleme in der Firma ausgetragen wurden. Die daraus entstandenen Intrigen und Verwicklungen hätten für eine Staffel Denver Clan gereicht. Chefinnen, die dem Team eine klare Rolle zuwiesen: befördert meine Karriere und seid ansonsten ruhig. Chefs, die sich nur einen Weg aus der Überforderung vorstellen konnte: mittags einen Jägermeister am Kiosk holen, weil man ja Probleme mit dem Magen habe. Inhaber, die einen aufforderten, das Herz bei ihnen auszuschütten – nur um dann Munition für Disziplinarmaßnahmen zu haben. Vorgesetzte, die der Meinung waren, man könne ja nicht den ganzen Betrieb um „Befindlichkeiten“ drumherum organisieren.

Lunia Hara sagt: Doch, kann man. Sollte man sogar. Nehmt den ganzen Menschen wahr. Denn nur, wenn sich Mitarbeitende gesehen fühlen und Wertschätzung erfahren, entfalten sie ihr Potenzial. Wer die volle Leistung und das ganze Talent will, der muss seine Angestellten in ihrer Ganzheit annehmen.

Eigentlich logisch, oder? Schließlich lässt niemand sein Seelenleben, seine familiären Prägungen und privaten Herausforderungen zuhause, nur weil jetzt Arbeit angesagt ist. Weder die Chef*innen, noch die Mitarbeiter*innen. Wir tragen sie mit uns herum. Genauso wie das, was uns stark, kreativ und einzigartig macht.

Aber auch umgekehrt gilt: Schlechte Führung bleibt nicht im Büro, sie bleibt im Menschen. Wir nehmen üble Erlebnisse mit nach Hause und mit in uns hinein. Den Spiegel mit »Lächeln« habe ich im zweiten Ausbildungsjahr erlebt. Ich sehe mein Gesicht darin bis heute.

Klarheit, Respekt, Wertschätzung: Was es wirklich braucht für eine bessere Arbeitswelt

Über viele Seiten hinweg spricht Lunia Hara mir aus der Seele. Für meine Verhältnisse habe ich unüblich viele Stellen im Buch markiert. So wie diese:

Das meiste Leid entsteht nicht unbedingt dadurch, dass Wünsche und Bedürfnisse nicht erfüllt werden können, sondern weil Menschen nicht ausreichend informiert, eingebunden und wertgeschätzt werden. Transparenz, Unterstützung und Respekt können dazu beitragen, Spannungen abzubauen …
S. 55

»Empathische Führung. Wie wir die Arbeitswelt mit Mitgefühl revolutionieren« hat mir viel Klarheit im Rückblick geschenkt. Und das, obwohl ich nie in dieser Konzernwelt gearbeitet habe, in der Lunia Hara zuhause ist. Ich kenne keine Zielvereinbarungsgespräche, keine Entwicklungspläne und schon gar keine festen Gehaltsrunden.

Was ich aber kenne, ist dieses dringende Bedürfnis, den Arbeitsplatz und das Miteinander gestalten zu wollen. Das Staunen über die Talente meiner Kolleg*innen und die Freude an ihren Erfolgen. Das Gefühl, sich am Ende des Urlaubs auf die Arbeit zu freuen. Den Wunsch, an einem guten Ort zu arbeiten und Sinn zu erleben. Und schon allein durch das kollegiale Miteinander die Welt ein klein wenig besser zu machen. Lunia Hara beschreibt in ihrem Buch »Empathische Führung. Wie wir die Arbeitswelt mit Mitgefühl revolutionieren« was es dafür braucht!


Infos zum Buch:

Lunia Hara

Empathische Führung
Wie wir die Arbeitswelt mit Mitgefühl revolutionieren
Mit glücklichen Mitarbeitenden zu nachhaltigem Erfolg

DVA


Management-Ratgeber und ich – warum wir so häufig nicht zusammen finden

Weil ich nie in Konzernstrukturen gearbeitet habe, finde ich nur wenige Ratgeber, die zu meiner beruflichen Realität passen. Darüber habe ich hier geschrieben: Ziele setzen. Das Werkzeug ist da, aber …

Space Opera: Letzter Platz = Planetentod!

Space Opera - der metaglaktische Grand Prix. Das Buch von Catherynne M. Valente liegt auf einem silbern glitzernden Untergrund.

Emphatisch oder nicht – diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. Denn immer, wenn die intergalaktische Gemeinschaft eine neue Spezies entdeckt, ist genau das die Schlüsselfrage. Nur empathische Zivilisationen dürfen bestehen. Alle anderen werden ausgelöscht. Entschieden wird das durch einen Song Contest. Landen die Neuen auf dem letzten Platz, wird der Planet vernichtet. Das ist einfacher, als sich irgendwann später mit ihnen im Krieg zu befinden – und macht auch mehr Spaß. Denn der »Metagalaktische Grand Prix« ist ein bunt schillerndes Mega-Event, das die ganze Galaxie begeistert.

»Empfindet ihr genug Empathie und Sehnsucht und Verzweiflung, um in vierstimmigen Harmoniegesang in die Leere hinauszurufen in der Hoffnung, dass euch jemand hört? Habt ihr genug Gehirnschmalz und Feinmotorik und ästhetisches Gespür, das beim Anblick von Federn und Steinen … vor eurem inneren Auge bereits Kleider, Schleier und Plateauschuhe entstehen? … Habt ihr Soul?«
Zitat aus „Space Opera! von Catherynne M. Valente – Seite 131 f

ESC im Weltall: Mehr Geschlechter, mehr Glitzer, mehr Wahnsinn – und noch größere Gefühle!

Klingt schrill? Der Plot der Science-Fiction-Komödie »Space Opera« ist schrill! So etwas kann nur ein Mensch schreiben, der das irdische Pendant, den ESC, aus ganzem Herzen liebt. Trotzdem kann man das Buch auch dann gut lesen, wenn man so wie ich den Eurovision Song Contest nur als Phänomen bewundert, ihn aber nicht zelebriert.

Dann gehen einem beim Lesen bestimmt ein paar Anspielungen verloren – zum Beispiel der Hintersinn der Kapitelüberschriften. Das macht aber nichts, es gibt noch sehr, sehr viele andere. Denn eines ist dieses Buch sicherlich nicht: minimalistisch. Einfach auf alles legt Catherynne M. Valente noch eine Schippe drauf: auf die Vielfalt der Aliens, auf die Song-Zitate, auf die ganz großen Emotionen, auf den Glitzer, auf die Anzahl der Geschlechter und der möglichen Sexpartner, auf die Satzlänge und die Abschweifungen von der Handlung. Ich glaube, Conchita Wurst, Douglas Adams und Terry Pratchett hätten mit Freude einen Blurb für diesen herrlich abgedrehten Spaß geschrieben!


Infos zum Buch:

Catherynne M. Valente

Space Opera
Der metagalaktische Grand Prix


Übersetzung von Kirsten Borchardt

Fischer Tor Verlag


Noch ein Science Fiction mit viel Musik: Ace in Space

Anleitung zum Unkreativsein

Anleitung zum Unkreativsein.
Auf anderen Wegen zu neuen Ideen. Das Buch von Dirk von Gehlen steht im Bücherregal vor dem Buch "Fast pefrekt"

Kreativität im Keim zu ersticken und Veränderungen ins Leere laufen zu lassen ist einfach. Entscheidungsprozesse aufbauschen, Kompetenzen anzweifeln und im richtigen Moment Killerphrasen verwenden – schon verdorrt der kleine Keimling, der eine große, gute Idee werden möchte, noch bevor er das Sonnenlichts des Erfolgs erblicken konnte.

Wer kreative Arbeit wertschätzt, sollte die Techniken des Unkreativseins genauso verstehen wie das Handwerkszeug der Kreativen. Daher ist der Ratgeber von Dirk von Gehlen gar nicht so ironisch, wie er den Anschein weckt. Zu Beginn jedes Kapitels erklärt der Autor er erst einmal, wie sich gute Ideen in dieser Phase verhindern lassen. Damit wendet er eine sehr wirksame Kreativitätstechnik an, die er im Buch auch immer wieder aufgreift: den Perspektivwechsel.

Überhaupt ist seine Herangehensweise sehr praxisnah. So, wie er es beschreibt, lässt sich arbeiten. Egal, ob es dabei um Produkte, Workflows, Visuals oder Texte geht. Im Team, in Organisationen, in Firmen. Der Weg von dem klitzekleinen Geistesblitz über die Idee zum belastbaren Konzept und hin zu etwas, dass wirklich ein Problem löst und von der Zielgruppe angenommen wird, ist lang. Stolpersteine und Kreativitätsverhinderer lauern überall.

Genau das hat mich an dem Ratgeber fasziniert: Er ist keine Anleitung für »So haben sie 10 brillante Ideen in 5 Minuten«. Die Idee ist nur der Anfang – danach folgt die Arbeit. Ausarbeiten, testen, anpassen, verbessern. Wenn alles klappt, steht am Ende eine wirklich gute Lösung. Wenn nicht, hat man seinen Erfahrungsschatz vergrößert.

Aber funktionieren diese Kreativitätsprozesse auch für mich, alleine mit mir, meinen Ideen und all den Kreativitätspartikeln, die mich umschwirren? Mit meiner inneren Kritikerin, die sehr effektiv Ideen abtöten kann? Mit den »ist doch nur ein Hobby«-Gedanken und den anderen Selbstzweifeln?

Da bin ich mir Stand heute noch nicht so sicher. Ich werde sehen, ob ich mir selbst die Team-Kolleg*innen ersetzen kann, die in Dirk Gehlens Beispielen den kreativen Prozess begleiten.

Trotzdem: Seit ich dieses Buch gelesen habe, freue ich mich um so mehr über jede Idee, die es schafft, das Licht der Welt zu erblicken, lebendig zu bleiben, zu wachsen – sei es im Beruf, bei meinen Kund*innen oder hier bei mir!


Bibliographische Angaben:

Dirk von Gehlen

Anleitung zum Unkreativsein
Auf anderen Wegen zu neuen Ideen

Rheinwerk Verlag


Unkreativsein – was mag dazu passen? Ich habe dazu den fast pefrekten Buchtipp!

Mit Fantasy-Büchern durch die Blog-Flaute

Manchmal verläuft lesen und bloggen asymmetrisch. Im Frühjahr hatte ich eine Blog-Flaute und habe kaum noch Beiträge veröffentlicht. Erst die Ermahnung der Leipziger Buchmesse hat mich wieder ins Tun gebracht: Leider erfüllt ihr Blog derzeit nicht unsere Kriterien für die Presse-Akkreditierung. Aber sie können das ändern!

Liebe Messe, danke für den Tritt in den Allerwertesten! Ihr habt mir damit etwas Gutes getan. Denn bloggen ist mein Stricken, ein Hobby, das mich entspannt. Wenn ich schreibe, bin ich ausgeglichener. Es hilft mir, mich und meine Gedanken zu sortieren.

Ich bin seitdem wieder »back on the blog«. Allerdings haben sich in der Zwischenzeit 31 Bücher angesammelt, über die ich noch nicht geschrieben habe. Zum Teil liegt die Lektüre mittlerweile so lange zurück, dass ich sie fast noch einmal lesen müsste, um eine ausführliche Rezension zu schreiben. Deswegen folgen jetzt Notizen zu vier Fantasy-Büchern, die ich während meiner Blog-Flaute gelesen habe!

Dreizehnfurcht von Wieland Freund

Dieses Buch hat mich in zweierlei Hinsicht fasziniert. Einmal die Art und Weise, wie Wieland Freund eine Phobie und ihre Auswirkungen beschreibt. Der Protagonist hat eine solche Angst vor der Zahl 13, dass er noch nicht mal als Paketbote arbeiten kann. Eine Lieferung an eine Hausnummer 13 wäre ihm nicht möglich. Klar, dass ausgerechnet er in einem verborgenem dreizehnten Bezirks Berlins landet. Dort ist die Zeit stehen geblieben. Denn so wie er Angst vor der Zahl 13 hat, herrscht dort Angst vor dem Fortschritt. Das Setting fand ich absolut faszinierend, die Verzahnung der Welten hingegen etwas unrund. Macht nichts, Wieland Freund gehört zu den Autoren, von denen ich einfach alles lesen möchte – hier meine Rezensionen zu seinem Jugendbuch »Krakonos« und zu den Kinderbüchern »Nemi und der Hehmann« und »Dreimal schwarzer Kater« auf meinen Buchkind-Blog, der der Blogflaute noch nicht entkommen ist.

Schildmaid. Das Lied der Skaldin – Judith und Christian Vogt

Auch von diesen beiden möchte ich einfach alles lesen. Mit Schildmaid tat ich mir jedoch etwas schwer. Das ist zum Großteil meinem unlogischen Leseverhalten geschuldet. Ich liebe Fantasy – und mag keine blutigen Schlachten und Action. Dieses Dilemma kann kein Autor*innen-Paar der Welt lösen.

Was ich hingegen sehr mag: progressive Phantastik und Figuren, die überraschen. Davon bietet die FLINTA-Mannschaft des Wikingerboots, die zu den Eisriesen segeln, um das Weltenende zu verhindern, mehr als genug. Für mich manchmal etwas zuviel: Endometriose, Neurodivergenz, Sorgearbeit – die vielen wichtigen und in der Fantasy zum Großteil noch nie erzählten Aspekte weiblichen Lebens gingen für mich zum Teil zu Lasten der Nahbarkeit der Figuren.

Mitternacht – Christoph Marzi

Es gibt London und es gibt eine Parallelwelt, eine Nebelstadt der Geister. Ein Missgeschick führt Nicholas James dorthin. Peter Chesterton, ein reisender Geist, nimmt sich seiner an. Das Findelgeistmädchen Agatha stiehlt sein Herz. Und natürlich gilt es, zwei Welten zu retten. Diesen Fantasy-Roman mit seiner Atmosphäre zwischen Dickens und Neil Gaiman, zwischen Märchen und Urban Fantasy, zwischen Gothic und All-Age-Abenteuer habe ich wirklich gerne gelesen. Wer sich über das Ende wundert, mag hier weiterlesen

Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit – Natasha Pulley

Bei diesem Buch tut es mir ganz besonders leid, dass ich es nicht ausführlicher würdige. Aber die Lektüre liegt jetzt so lange zurück, dass ich mich garantiert in den Zeitreisen und Verknüpfungen der Zeitebenen, in der Vermischung von historischen Fakten und Fantasy verheddern würde. Schon allein die Idee, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Frankreich England erobert hätte, ist ein großer, hirnakrobatischer Spaß. Einfach lesen und genießen!


Blog-Flaute, Lese-Flaute? Fantasy hilft! Meine Buchtipps

Absurd, charmant, ironisch: Die Kartenmacherin

Die Kartenmacherin - die Graphic Novel steht auf einer dunkelgrünen Balkonbrüstung.

Wenn eine Kleinstadt immer größer wird, was braucht sie dann? Mehr Infrastruktur! Ein Kongresszentrum, ein Parkhaus und und und … Als die Eilenburger ihren zweiten Südbahnhof eröffnen, merken sie, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Plan haben. Nach langer Sitzung und vielen Gutachten fasst der Stadtrat einen Beschluss. Eine Kartographin soll es richten und erst einmal ermitteln, was es in der Stadt schon alles gibt. Als auf ihrer Karte ein See erscheint, eröffnet ein Bootsbauer ein Geschäft. Die ersten Touristen kommen zu Besuch, weswegen ein Flughafen gebaut werden soll. Doch niemand in Eilenburg kann sich an eine See erinnern …

Was für ein skurril-poetischer Spaß! Dieses kleine, wunderbar illustrierte Buchjuwel ist Balsam für die Seele aller Menschen, die viel Zeit in Gemeinderatssitzungen und in Ausschüssen verbringen. Gleichzeitig macht es Wimmelbild- und Graphic-Novel-Fans glücklich. Aber auch Architektur-Nerds, Stadtplaner und Kartenliebhaber. Und Leser*innen wie mich, die sich in Städten gerne lustvoll verlaufen. Überhaupt alle, die feine Illustrationen und schön gestaltete Bücher lieben!

Entdeckt habe ich das Buch »Die Kartenmacherin« aus dem hibana Verlag übrigens auf der »Kleinen Buchmesse im Neckartal«. Rund 30 Indie-Verlage waren dort zu Gast. Neckarsteinach bei Heidelberg ist ja schon alleine einen Ausflug wert – und mit Buchmesse dann erst recht!


Infos zum Buch:

Daniel Fehr & Daniel Bosshart
Gezeichnet von Daniel Bosshart


Die Kartenmacherin.

Hibana Verlag


Ein Buch-Tipp für Menschen, die sich gerne Städte erwandern: Spaziergänge durch Chemnitz

Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik

Buch von André Boße

Voyage, Voyage
Eine Reise durch die französische Popmusik

Voyage, Voyage! Mein nicht repräsentativer Test im Freundeskreis hat ergeben, dass wirklich jede*r bei Erwähnung des Songs von Desireless sofort einen Ohrwurm hat. Kein Wunder: 1986 kam niemand an diesem Lied vorbei. Im Sommer 1987 lief es immer noch. Es gibt noch ein paar französische Sommerhits, die nach Deutschland schwappten. »Ella, elle l’a« von France Gall, »Etienne« von Guesch Patti oder »Joe le taxi« von Vanessa Paradis hatten jedoch alles eines gemeinsam: Sie hatten Charme, klangen erfrischend ungewohnt, trieben uns aber eher von der Tanzfläche.

Eine ganz andere Wirkung auf uns hatten Bands wie Les Rita Mitsouko oder Les Negresses Vertes, die zuverlässig auf unseren Mixtapes waren und uns auf der Fahrt in den Südfrankreich-Urlaub begleiteten. Bis heute gehört diese Urlaubsstimmung für mich zum Zauber französischer Popmusik.

Trotzdem hätte ich nie behauptet, dass ich einen Überblick über Rock und Pop aus Frankreich hätte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich den bekommen könnte. Wo anfangen, wo aufhören? Was waren One-Hit-Wonder, was hat Bestand? Wer hat wen geprägt? Warum geht ohne Serge Gainsbourg gar nichts und muss man Johnny Hallyday wirklich ernst nehmen?

Vorhang auf für das Buch »Voyage, voyage« von André Boße aus dem Reclam Verlag.

Yéyé, Chansons und so viel mehr: Die französische Musikszene von den 60er-Jahren bis heute

Natürlich hat der Musikjournalist André Boße seine ganz eigene Geschichte mit Musik aus Frankreich. Das macht den besonderen Ton des Buchs aus. Trotz seines enormen Wissens spielt er nicht den Musikprofessor. Er sieht sich eher als Reisender, der mit offener Neugier Musikstile entdeckt. In seinem Buch findet so vieles Platz: Pop wie Rock und Punk, Folk und natürlich Raï, Elektronik, French Touch und »Le hip-hop«. Klassiker genauso wie neue Trends. Bands die Musikgeschichte schrieben und Eintagsfliegen. Das entspricht genau meiner Herangehensweise an Musik. Deswegen war für mich André Boße der perfekte Reiseleiter für meine Entdeckungsreise durch die französische Popmusik!

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind, verlinke ich die Spotify-Playlist zum Buch. Aber Vorsicht, es sind 210 Songs und eine Spieldauer von über 14 Stunden. Was wiederum erklärt, warum ich über 8 Monate in »Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik« gelesen habe – es ist ein verstecktes Kaninchenloch, ein rabbit hole!



Infos zum Buch:

André Boße

Voyage, Voyage
Eine Reise durch die französische Popmusik

Reclam Verlag


Bücher, die bei akuter Frankreich-Vermissung helfen

Kunst ist weiblich! Die Kunstgeschichte von der ersten Bildhauerin über Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono und darüber hinaus

Kunst ist weiblich! (KUnstbuch - Kartonierte Ausgabe)
Eine andere Kunstgeschichte von Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono

Ein chronologischer Streifzug durch die Kunstgeschichte von der Renaissance bis heute – dieses Buch hätte sehr trocken sein können. Ist es aber nicht! Denn die Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler kann fesselnd erzählen. Obwohl sie die Lebensläufe und das Werk von Künstlerinnen quer durch alle Epochen nach einem immer gleich bleibenden Schema präsentiert, kommt keine Langeweile auf. War es der Künstlerin möglich, eine Ausbildung zu erhalten – und wenn ja: Wie gut war diese? Wie waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen? Gelang es ihr, auszustellen, Werke zu verkaufen und vielleicht sogar von ihrer Kunst zu leben? Hat sie geheiratet, eine Familie gegründet? Konnte sie danach weiterhin als Künstlerin tätig sein? Oder brach sie soziale Tabus und wählte einen ganz anderen Lebensweg?

Ergänzt werden die Kurzbiografien von Künstlerinnen durch prägnante Beschreibungen der Epochen. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die Kunstgeschichte ein, sondern auch auf die gesellschaftliche Stellung der Frau in der jeweiligen Zeit.

Natürlich kam mir beim Lesen manchmal die Galle hoch. Väter, die ihre Töchter lieber verheirateten als ausbildeten. Maler, die von ihren Ehefrauen verlangten, nach der Hochzeit das Malen aufzugeben. Karrieren, die endeten, bevor sie richtig begannen. Paris-Aufenthalte – die einzige Chance, aktuelle Kunst zu entdecken – die nur in Begleitung von Anstandsdamen möglich waren. Malerinnen, die sich verliebten, nur um sich auf einmal in der Rolle der Muse und Managerin wiederzufinden.

Doch das Buch machte mir auch Mut. Die Entschlossenheit und die Findigkeit, mit der es den Frauen eben doch gelang, den Weg der Künstlerin zu beschreiten, ist beeindruckend. Die Welt wäre ein schönerer Ort, wenn all diese Kreativität ohne Einschränkungen hätte gelebt werden können!

Allein der Titel »Kunst ist weiblich!« lässt mich trotz Erklärung im Buch etwas ratlos zurück. Mein Fazit nach der Lektüre lautet: Kunst ist – und sie sucht sich ihren Weg!


Bibliographische Angaben:

Carla Heussler

Kunst ist weiblich!
Eine andere Kunstgeschichte von Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono

wbg Theiss im Herder Verlag


Kunst von Frauen – mehr Buchtipps auf meinem Blog

Die Musik dazu – meine jährliche Playlist „Sommer, Frauen und das Leben“

Was wäre, wenn das Patriarchat in Therapie gehen würde?

Wenn das Patriarchat in Therapie geht. Das Buch liegt auf einer Couch. Auf dem Buch liegt eine Lesebrille

Da liegt ein Buch auf meiner Couch und es ist gut: »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« von Katharina Linnepe ist buchgewordene Schwesternschaft. Mit Humor, klugen Analysen und vielen Fakten stärkt sie allen Frauen und FLINTA-Personen den Rücken. »Es liegt nicht an dir, my dear – es ist das System«.

Genau dieses System, das Patriarchat, hat Therapiestunden gebucht. Es macht sich Sorgen um sein Image, das durch all diese – in seinen Augen lächerlichen – Kampagnen zur Gleichberechtigung und zur Förderung der Diversität Schaden gelitten hat. Ob die Therapeut*in da nicht was machen könne?

Es folgen höchst amüsante Therapiesitzungen, an die sich immer eine faktenreiche Analyse der gesellschaftlichen Situation anschließt. Meine liebste Passage dreht sich um den Versuch einer Familienaufstellung. Der Patriarch weigert sich, diese mit den Stoffpuppen aus der Praxis durchzuführen. In der nächsten Sitzung bringt er He-Man und andere Actionfiguren mit. Natürlich in Originalverpackung, denn dann sind sie wertvoller. Sie sollen ihn und seine Söhne symbolisieren. Dass er keine einzige Puppe eingepackt hat, die für seine Töchter oder überhaupt für Frauen in seinem Leben stehen könnte, fällt ihm gar nicht auf.

So verlaufen die »Sitzungen mit unserem kranken Gesellschaftssystem«, wie der Untertitel des Buches »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« lautet. Die Therapeut*in gibt wirklich alles, bewahrt Distanz trotz aller Übergriffe und versucht verschiedene Therapieansätze. Aber ist dieser Patient überhaupt therapierbar? Hier mag ich nicht spoilern, sondern verrate nur so viel: Ich mag den Schluss, den die Soziologin und Comedienne Katharina Linnepe für ihr Buch gewählt hat, sehr.

Genauso wie die Tatsache, dass sie in ihren Analysen ausgiebig und ganz geschickt Klassiker der feministischen Sachliteratur zitiert. Auch das ist Schwesternschaft: anderen Frauen Raum schenken und ihre Leistung würdigen. Meine Leseliste ist gewachsen!


Infos zum Buch:

Katharina Linnepe

Wenn das Patriarchat in Therapie geht
Sitzungen mit unserem kranken Gesellschaftssystem

Beltz Verlag


Warum sich die Rubrik Feminismus in meinem Buchblog füllt, wäre einen eigenen Beitrag wert. Bis der geschrieben ist, gibt es noch einen feministischen Buchtipp: Das Mädchen auf dem Motorrad

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt: Spinnen, Nutella und der Male Gaze

Jaroslav Kalfar
Spaceman of Bohemia
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Ich mag absurde Geschichten und ich mag Spinnen. Also hätte mich der Science- Fiction-Roman »Spaceman of bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt« begeistern müssen. Hat er aber nicht.

An der Story lag das nicht. Ein Mann auf einer Mission im Weltall begegnet einem spinnenähnlichen Alien. Man nimmt Kontakt auf, kommt ins Gespräch. Das Alien, das alles über die Menschen und ihre Psyche wissen will, entdeckt die Nutella-Vorräte und leert sie. Derweil merkt die Ehefrau des Raumfahrers auf der Erde, dass sie sich schon längst von ihrem Mann entfremdet hatte, und trennt sich. Worauf der einsame Astronaut noch mehr psychotherapeutischen Gesprächsbedarf hat. Eindeutig ein tolles Setting, das viel Raum für Überraschungen bietet. Aber …

Die Ehefrau ist vor allem begehrenswert. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, die Handlung voranzutreiben. Dafür braucht sie keine Entwicklung. Sie bleibt geheimnisvoll, wie Frauen halt angeblich nun mal sind. Beweis: Auch die Mutter des Astronauten war schon so. Während die Oma vor allem alle bemuttert und die Familie zusammengehalten hat. Der Male Gaze ist stark in diesem Science-Fiction, der mit vielschichtigeren Frauenfiguren hätte großartig sein können.

Was bleibt für mich nach der Lektüre? Neues Wissen über die tschechische Geschichte. Das ist definitiv ein Pluspunkt. Starke Szenen, die das Leben in einer Diktatur beschreiben. Die Erinnerung an ein wirklich toll gezeichnetes Alien und eine Spezies, die von einer ganz anderen Form des Miteinanders geprägt ist.

Und meine kindliche Begeisterung darüber, dass ich zufällig in meinem Fundus ein Lesezeichen hatte, das perfekt zum Buch passte!


Infos zum Buch, das auch verfilmt wurde:

Jaroslav Kalfar
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Barbara Heller


Spaceman of Bohemia
Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

Tropen Verlag – Klett-Cotta


Mein Vorschlag für ein Kontrastprogramm: Die Maschinen. Ein Roman aus der fernen Zukunft