»Wir müssen reden« – wie Sprache heilt oder verletzt. Und wie Wortmedizin uns allen hilft

Wir müssen reden. Dieser Satz kann ganz neutral gemeint sein. Doch in den meisten Fällen sorgt er für Kopfkino. Grübeln darüber, was das Gesprächsthema sein könnte. Eine leichte Nervosität, weil etwas Unangenehmes kommen könnte. Oder sogar Panik, weil der Adressat schlechte Erfahrungen mit Gesprächen gemacht hat, die so angekündigt wurden. Das ist eines der vielen praxisnahen Beispiele, die Lisa Holtmeier in ihrem sehr hilfreichen Buch »Wortmedizin. Ungesunde Kommunikationsmuster durchbrechen und die mentale Gesundheit stärken« präsentiert. Von People Pleasing (ja statt nein sagen) bis toxische Positivität (hab schon Schlimmeres gesehen) erklärt sie typische Kommunikationsmuster, die uns im Alltag häufig begegnen. Dafür steigt sie immer mit einem ausführlichen und gut gewählten Beispiel ein. Dann erläutert sie, was dahinter steckt und was dieses Sprachmuster in den Zuhörer*innen auslöst. Denn schlechte Kommunikation hallt lange nach. Sie bleibt im Menschen. Sie beschäftigt ihn und bindet Energie – selbst dann, wenn sie in dem Moment nicht als verletzend, sondern nur als seltsam oder störend empfunden wird. Wie Worte wirken – Ein Plädoyer für bewusste Kommunikation Holtmeier zeigt: Das können wir besser.…

weiterlesen

Die souveräne Leserin: warum habe ich das erst jetzt entdeckt?

Ob »Frauen, die lesen sind gefährlich« oder etwas in der Art von »Die kleine Buchhandlung auf einer Insel am Ende der Welt«: Ein wenig geht mir die Welle von Büchern, die die Buchliebe feiern, auf den Keks. Doch dass ich Alan Bennetts »Die souveräne Leserin« deswegen so lange ignoriert habe, war ein großer Fehler! Deshalb möchte ich mich jetzt zuerst bei der Unbekannten bedanken, die diesen feinen Titel zur Eröffnung des öffentlichen Bücherschranks in meinem Vorort eingestellt hat. Ich feiere sie sehr – und ja, ich gehe davon aus, dass es sich um eine Frau handelt. Schließlich gibt es mehr lesende Frauen als Männer. Die souveräne Leserin, das ist die Queen, die in Alan Bennetts Buch spät das Lesen entdeckt. Dafür holt sie dann alles nach, was sie verpasst hat. Über die Handlung, die von einem feinen Humor vorangetrieben wird, möchte ich nicht zu viel verraten. Denn jeder Spoiler würde die Freude an der Geschichte schmälern! Was ich hier guten Gewissens erwähnen kann, ist dass dieses Büchlein eine ganz besondere Art des Lesens feiert: unvoreingenommen,…

weiterlesen

Nehmt den ganzen Menschen wahr: »Empathische Führung« von Lunia Hara

Dass ich noch einmal einen Management-Ratgeber lese, war so nicht geplant. Meine Karriereplanung ist genauso abgeschlossen wie meine Familienplanung. Es waren die Begriffe »empathisch« und »Mitgefühl« die mich bei Lunia Haras Buch elektrisierten. Sollte es jetzt wirklich in den Führungsetagen angekommen sein, dass da nicht eine Ressource am Schreibtisch sitzt – sondern ein Mensch, mit allem, was zum Menschsein gehört? Die Antwort ist ein Jein. Ja, es gibt mittlerweile mehr Führungskräfte wie Lunia Hara, die immer den ganzen Menschen mitdenken. Aber wenn ich lese, wie viele Seiten sie dafür verwendet, zu beweisen, dass alle von einem dem Menschen zugewandten Führungsstil profitieren – auch die Bilanzen, der ROI und die Manager*innen selbst – dann weiß ich: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Das Seelenleben bleibt nicht zuhause – Gedanken zu Lunia Haras »Empathische Führung« Wie begann das eigentlich bei mir? Warum interessiere ich mich für Mitgefühl und Empathie in der Arbeitswelt? Das liegt an den Chefs und Chefinnen, die ich hatte. Da gab es den Personalchef, der zurecht bemerkte, dass die Stimmung schlecht sei.…

weiterlesen

Space Opera: Letzter Platz = Planetentod!

Emphatisch oder nicht – diese Frage kann über Leben und Tod entscheiden. Denn immer, wenn die intergalaktische Gemeinschaft eine neue Spezies entdeckt, ist genau das die Schlüsselfrage. Nur empathische Zivilisationen dürfen bestehen. Alle anderen werden ausgelöscht. Entschieden wird das durch einen Song Contest. Landen die Neuen auf dem letzten Platz, wird der Planet vernichtet. Das ist einfacher, als sich irgendwann später mit ihnen im Krieg zu befinden – und macht auch mehr Spaß. Denn der »Metagalaktische Grand Prix« ist ein bunt schillerndes Mega-Event, das die ganze Galaxie begeistert. »Empfindet ihr genug Empathie und Sehnsucht und Verzweiflung, um in vierstimmigen Harmoniegesang in die Leere hinauszurufen in der Hoffnung, dass euch jemand hört? Habt ihr genug Gehirnschmalz und Feinmotorik und ästhetisches Gespür, das beim Anblick von Federn und Steinen … vor eurem inneren Auge bereits Kleider, Schleier und Plateauschuhe entstehen? … Habt ihr Soul?«Zitat aus „Space Opera! von Catherynne M. Valente – Seite 131 f ESC im Weltall: Mehr Geschlechter, mehr Glitzer, mehr Wahnsinn – und noch größere Gefühle! Klingt schrill? Der Plot der Science-Fiction-Komödie »Space Opera«…

weiterlesen

Anleitung zum Unkreativsein

Kreativität im Keim zu ersticken und Veränderungen ins Leere laufen zu lassen ist einfach. Entscheidungsprozesse aufbauschen, Kompetenzen anzweifeln und im richtigen Moment Killerphrasen verwenden – schon verdorrt der kleine Keimling, der eine große, gute Idee werden möchte, noch bevor er das Sonnenlichts des Erfolgs erblicken konnte. Wer kreative Arbeit wertschätzt, sollte die Techniken des Unkreativseins genauso verstehen wie das Handwerkszeug der Kreativen. Daher ist der Ratgeber von Dirk von Gehlen gar nicht so ironisch, wie er den Anschein weckt. Zu Beginn jedes Kapitels erklärt der Autor er erst einmal, wie sich gute Ideen in dieser Phase verhindern lassen. Damit wendet er eine sehr wirksame Kreativitätstechnik an, die er im Buch auch immer wieder aufgreift: den Perspektivwechsel. Überhaupt ist seine Herangehensweise sehr praxisnah. So, wie er es beschreibt, lässt sich arbeiten. Egal, ob es dabei um Produkte, Workflows, Visuals oder Texte geht. Im Team, in Organisationen, in Firmen. Der Weg von dem klitzekleinen Geistesblitz über die Idee zum belastbaren Konzept und hin zu etwas, dass wirklich ein Problem löst und von der Zielgruppe angenommen wird, ist…

weiterlesen

Mit Fantasy-Büchern durch die Blog-Flaute

Mit diesen Fantasy-Büchern durch die Lese- und Blog-Flaute

Manchmal verläuft lesen und bloggen asymmetrisch. Im Frühjahr hatte ich eine Blog-Flaute und habe kaum noch Beiträge veröffentlicht. Erst die Ermahnung der Leipziger Buchmesse hat mich wieder ins Tun gebracht: Leider erfüllt ihr Blog derzeit nicht unsere Kriterien für die Presse-Akkreditierung. Aber sie können das ändern! Liebe Messe, danke für den Tritt in den Allerwertesten! Ihr habt mir damit etwas Gutes getan. Denn bloggen ist mein Stricken, ein Hobby, das mich entspannt. Wenn ich schreibe, bin ich ausgeglichener. Es hilft mir, mich und meine Gedanken zu sortieren. Ich bin seitdem wieder »back on the blog«. Allerdings haben sich in der Zwischenzeit 31 Bücher angesammelt, über die ich noch nicht geschrieben habe. Zum Teil liegt die Lektüre mittlerweile so lange zurück, dass ich sie fast noch einmal lesen müsste, um eine ausführliche Rezension zu schreiben. Deswegen folgen jetzt Notizen zu vier Fantasy-Büchern, die ich während meiner Blog-Flaute gelesen habe! Dreizehnfurcht von Wieland Freund Dieses Buch hat mich in zweierlei Hinsicht fasziniert. Einmal die Art und Weise, wie Wieland Freund eine Phobie und ihre Auswirkungen beschreibt. Der…

weiterlesen

Absurd, charmant, ironisch: Die Kartenmacherin

Wenn eine Kleinstadt immer größer wird, was braucht sie dann? Mehr Infrastruktur! Ein Kongresszentrum, ein Parkhaus und und und … Als die Eilenburger ihren zweiten Südbahnhof eröffnen, merken sie, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Plan haben. Nach langer Sitzung und vielen Gutachten fasst der Stadtrat einen Beschluss. Eine Kartographin soll es richten und erst einmal ermitteln, was es in der Stadt schon alles gibt. Als auf ihrer Karte ein See erscheint, eröffnet ein Bootsbauer ein Geschäft. Die ersten Touristen kommen zu Besuch, weswegen ein Flughafen gebaut werden soll. Doch niemand in Eilenburg kann sich an eine See erinnern … Was für ein skurril-poetischer Spaß! Dieses kleine, wunderbar illustrierte Buchjuwel ist Balsam für die Seele aller Menschen, die viel Zeit in Gemeinderatssitzungen und in Ausschüssen verbringen. Gleichzeitig macht es Wimmelbild- und Graphic-Novel-Fans glücklich. Aber auch Architektur-Nerds, Stadtplaner und Kartenliebhaber. Und Leser*innen wie mich, die sich in Städten gerne lustvoll verlaufen. Überhaupt alle, die feine Illustrationen und schön gestaltete Bücher lieben! Entdeckt habe ich das Buch »Die Kartenmacherin« aus dem hibana Verlag übrigens auf…

weiterlesen

Voyage, Voyage. Eine Reise durch die französische Popmusik

Voyage, Voyage! Mein nicht repräsentativer Test im Freundeskreis hat ergeben, dass wirklich jede*r bei Erwähnung des Songs von Desireless sofort einen Ohrwurm hat. Kein Wunder: 1986 kam niemand an diesem Lied vorbei. Im Sommer 1987 lief es immer noch. Es gibt noch ein paar französische Sommerhits, die nach Deutschland schwappten. »Ella, elle l’a« von France Gall, »Etienne« von Guesch Patti oder »Joe le taxi« von Vanessa Paradis hatten jedoch alles eines gemeinsam: Sie hatten Charme, klangen erfrischend ungewohnt, trieben uns aber eher von der Tanzfläche. Eine ganz andere Wirkung auf uns hatten Bands wie Les Rita Mitsouko oder Les Negresses Vertes, die zuverlässig auf unseren Mixtapes waren und uns auf der Fahrt in den Südfrankreich-Urlaub begleiteten. Bis heute gehört diese Urlaubsstimmung für mich zum Zauber französischer Popmusik. Trotzdem hätte ich nie behauptet, dass ich einen Überblick über Rock und Pop aus Frankreich hätte. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich den bekommen könnte. Wo anfangen, wo aufhören? Was waren One-Hit-Wonder, was hat Bestand? Wer hat wen geprägt? Warum geht ohne Serge Gainsbourg gar nichts…

weiterlesen

Kunst ist weiblich! Die Kunstgeschichte von der ersten Bildhauerin über Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono und darüber hinaus

Ein chronologischer Streifzug durch die Kunstgeschichte von der Renaissance bis heute – dieses Buch hätte sehr trocken sein können. Ist es aber nicht! Denn die Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler kann fesselnd erzählen. Obwohl sie die Lebensläufe und das Werk von Künstlerinnen quer durch alle Epochen nach einem immer gleich bleibenden Schema präsentiert, kommt keine Langeweile auf. War es der Künstlerin möglich, eine Ausbildung zu erhalten – und wenn ja: Wie gut war diese? Wie waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen? Gelang es ihr, auszustellen, Werke zu verkaufen und vielleicht sogar von ihrer Kunst zu leben? Hat sie geheiratet, eine Familie gegründet? Konnte sie danach weiterhin als Künstlerin tätig sein? Oder brach sie soziale Tabus und wählte einen ganz anderen Lebensweg? Ergänzt werden die Kurzbiografien von Künstlerinnen durch prägnante Beschreibungen der Epochen. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die Kunstgeschichte ein, sondern auch auf die gesellschaftliche Stellung der Frau in der jeweiligen Zeit. Natürlich kam mir beim Lesen manchmal die Galle hoch. Väter, die ihre Töchter lieber verheirateten als ausbildeten. Maler, die von ihren Ehefrauen verlangten,…

weiterlesen

Was wäre, wenn das Patriarchat in Therapie gehen würde?

Da liegt ein Buch auf meiner Couch und es ist gut: »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« von Katharina Linnepe ist buchgewordene Schwesternschaft. Mit Humor, klugen Analysen und vielen Fakten stärkt sie allen Frauen und FLINTA-Personen den Rücken. »Es liegt nicht an dir, my dear – es ist das System«. Genau dieses System, das Patriarchat, hat Therapiestunden gebucht. Es macht sich Sorgen um sein Image, das durch all diese – in seinen Augen lächerlichen – Kampagnen zur Gleichberechtigung und zur Förderung der Diversität Schaden gelitten hat. Ob die Therapeut*in da nicht was machen könne? Es folgen höchst amüsante Therapiesitzungen, an die sich immer eine faktenreiche Analyse der gesellschaftlichen Situation anschließt. Meine liebste Passage dreht sich um den Versuch einer Familienaufstellung. Der Patriarch weigert sich, diese mit den Stoffpuppen aus der Praxis durchzuführen. In der nächsten Sitzung bringt er He-Man und andere Actionfiguren mit. Natürlich in Originalverpackung, denn dann sind sie wertvoller. Sie sollen ihn und seine Söhne symbolisieren. Dass er keine einzige Puppe eingepackt hat, die für seine Töchter oder überhaupt für Frauen in seinem…

weiterlesen

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt: Spinnen, Nutella und der Male Gaze

Ich mag absurde Geschichten und ich mag Spinnen. Also hätte mich der Science- Fiction-Roman »Spaceman of bohemia. Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt« begeistern müssen. Hat er aber nicht. An der Story lag das nicht. Ein Mann auf einer Mission im Weltall begegnet einem spinnenähnlichen Alien. Man nimmt Kontakt auf, kommt ins Gespräch. Das Alien, das alles über die Menschen und ihre Psyche wissen will, entdeckt die Nutella-Vorräte und leert sie. Derweil merkt die Ehefrau des Raumfahrers auf der Erde, dass sie sich schon längst von ihrem Mann entfremdet hatte, und trennt sich. Worauf der einsame Astronaut noch mehr psychotherapeutischen Gesprächsbedarf hat. Eindeutig ein tolles Setting, das viel Raum für Überraschungen bietet. Aber … Die Ehefrau ist vor allem begehrenswert. Ihre wichtigste Funktion besteht darin, die Handlung voranzutreiben. Dafür braucht sie keine Entwicklung. Sie bleibt geheimnisvoll, wie Frauen halt angeblich nun mal sind. Beweis: Auch die Mutter des Astronauten war schon so. Während die Oma vor allem alle bemuttert und die Familie zusammengehalten hat. Der Male Gaze ist stark in diesem Science-Fiction, der mit vielschichtigeren…

weiterlesen

Wie ich Chemnitz besucht und die Kulturhauptstadt verpasst habe

Ich war in Chemnitz und es war schön, spannend und inspirierend. Aber die Kulturhauptstadt habe ich nicht gefunden. Vielleicht hatte ich mir etwas anderes vorgestellt – eine Bundesgartenschau für Kunst und Kultur. Vielleicht war auch Ende März einfach zu früh. Das Schmidt-Rottluff Haus war noch nicht fertig, das Fenster zur Erdgeschichte in Winterpause. Im Tietz bauten sie gerade erst die Info-Tafeln auf. Es wird wohl auch noch etwas dauern, bis man erkennt, dass die Öffnungszeiten des Besuchszentrums am Wochenende (Samstag bis 15 Uhr, Montag ab 10 Uhr) problematisch sind. Touristinnen wie mich verpasst man so. Aber solche Besucherinnen müssen sich bei Chemnitz 2025 sowieso entscheiden. Entweder sie gönnen sich ein tolles Wochenende in Chemnitz. Oder sie erkunden die Hauptattraktion, die Skulpturen des Purple Path. Der führt aber so weit ins Umland, dass man viel Reisezeit hätte. Ich habe mich für eine gute Zeit in Chemnitz entschieden und die Kulturhauptstadt ignoriert. Vorbereitet habe ich meinen Kurzurlaub mit zwei Büchern: Spaziergänge durch Chemnitz Der Reiseführer von Jens Kassner mit tollen Fotos von Dirk Hanus war eine gute…

weiterlesen