Ich gebe die Empfehlung weiter: Lyneham von Nils Westerboer

Buch von Nils Westerboer: Lyneham

Natürlich empfehlen sich Bloggerinnen privat untereinander Bücher. Keines wurde mir bisher so nachdrücklich empfohlen wie Lyneham von Nils Westerboer. Als der Science-Fiction-Roman dann den Phantastikpreis der Stadt Wetzlar 2025, den Kurt Laßwitz Preis 2026 und auch noch den von mir sehr geschätzten SERAPH in der Kategorie bestes Buch gewann, war klar: Das muss ich lesen!

Dabei hatten Nils Westerboer und ich nicht den allerbesten Start. Sein Science-Fiction-Roman Athos 2643 ließ mich damals maximal verwirrt, aber bestens gelaunt zurück – hier meine Rezension zu Athos 2643. Wie würde es mir also dieses Mal ergehen?

Die erste Überraschung: Lyneham erzählt auch eine Familiengeschichte. Drei Geschwister und ein Vater, der aus Gründen alleinerziehend ist, die nur in einem Science-Fiction möglich sind. Eine Mutter, die ihre Kinder dann am meisten liebt, wenn sie friedlich schlafen – regretting motherhood aus Sicht einer brillanten, wohl neurodivergenten Wissenschaftlerin.

Der Rahmen dafür: Die Erde ist am Ende, und wer kann und darf, bricht zu einem neuen Zuhause auf. Perm ist das Ziel. Henry, seine Geschwister und ihr Vater sind mit einem der Raumschiffe unterwegs, die Mutter Mildred mit einem anderen. Auf Perm angekommen, warten sie auf ihre Ankunft – bis klar wird, dass sie längst da war. Vor sehr vielen Jahren schon. Was sie dort zurückgelassen hat, klingt nicht nach einem Wiedersehen, sondern nach einer Warnung. Denn Perm ist keine leere Bühne für einen Neuanfang, nichts, was sich durch Terraforming in eine neue Erde verwandeln lässt.

Die zweite Überraschung entfaltet sich ganz gemächlich: Perm selbst ist eine eigene Hauptfigur. Der Mond wird von Lebewesen bevölkert, die man nicht sehen, nur erahnen kann. Henry hat einen Tick, eine Neurodivergenz, und kann sie als Flimmern am Rand seines Sichtfelds wahrnehmen. Doch ihr Verhalten lässt sich nicht mit dem, was wir aus unserer Biologie erkennen, erklären.
Und dann ist da noch diese Anomalie, die dafür sorgt, dass sich auf Perm einfach nichts dauerhaft ordnen will. Irgendetwas an seiner Beschaffenheit verhindert systematisch, dass aus der Kolonie jemals so etwas wie eine funktionierende Zivilisation wird. Man könnte das für ein reines Weltenbau-Gimmick halten, aber Westerboer nutzt es, um eine der eigentlichen Fragen des Romans zu stellen.

Als letzte Überraschung mag ich noch diese herauspicken – es gäbe aber noch mehr: Auch wenn ich immer noch nicht alle Plot-Twists entschlüsseln kann, so kann ich den Logikrätseln dieses Mal folgen. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum ich das Buch sehr atemlos gelesen habe.

Mr. Westerboer, wie haben sie das gemacht?

Ich wünschte, ich würde mehr vom Schreibhandwerk verstehen und besser benennen können, warum dieses Buch so spannend ist. Zu den Besonderheiten des Romans gehört, dass er abwechselnd aus Sicht eines Jungen und seiner Mutter erzählt wird, die aber in unterschiedlichen Zeiten leben. Sie wollte eine möglichst gute Welt für ihre Familie erschaffen. Er findet diese Welt unfertig vor und versteht nicht alles, was er entdeckt. Das ist einer der Tricks, die der Autor anwendet. Wir bekommen Perm durch die Augen eines Zwölfjährigen zu sehen, der zwar wissbegierig ist und clever nachfragt, aber eben auch schüchtern, ängstlich und in vielem einfach überfordert. Was er seinem Vater glaubt, was er sich selbst zusammenreimt, was seine Schwester Loy mit ihrer stoischen Beharrlichkeit aus ihm herauskitzelt – all das sind Bruchstücke, aus denen wir uns unser eigenes Bild zusammensetzen müssen, oft schneller als Henry selbst es kann. Parallel dazu laufen die Kapitel der Mutter aus einer ganz anderen Zeit: kühl, wissenschaftlich, wissender. Lesende pendeln ständig zwischen diesen beiden Stimmen – der kindlichen Wärme und der analytischen Distanz. Bei diesem Trick bin ich dem Autor ein wenig auf die Spur gekommen. Aber ich weiß, dass es da noch mehr gibt!

Mr. Westerboer, ein wenig kann ich erahnen, was sie da getan haben. Aber nur ein Stück – und genau das ist es, was mich atemlos hat lesen lassen: das Gefühl, ständig kurz davor zu sein, das ganze Bild zu sehen, ohne es je ganz zu bekommen. Nach Athos 2643 war ich verwirrt, aber gut gelaunt. Nach Lyneham bin ich vor allem neidisch auf alle, die es noch vor sich haben. Währenddessen überlege ich, es einfach ein zweites Mal zu lesen, um mehr ihrer Schreibtricks zu entschlüsseln.

Ja, Lyneham von Nils Westerboer war jede Blogger*innen-Empfehlung wert, die ich erhalten habe. Ich gebe sie hiermit weiter!


Infos zum Buch:

Nils Westerboer

Lyneham

Hobbit Presse – Klett Cotta Verlag

Rezension von Eva Bergschneider bei den Booknerds und von Sandra alias booknapping


Science-Fiction-Romane – meine Buchtipps hier auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin

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