Politisches Framing von Elisabeth Wehling: Sprache lenkt unser Denken ganz unbewusst

Buch von Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht

Unbedingt lesen, must read, Pflichtlektüre – das sind Bewertungen, die ich vermeide. Bei dem Grundlagenwerk „Politisches Framing“ von Elisabeth Wehling juckt es mich, davon abzuweichen. Ich wäre sehr froh, wenn mehr Menschen, die mit dem Begriff Grundgesetz-Ultras sympathisieren, dieses Buch kennen würden. Oder Menschen die wissen, wofür das große C und das große S in vertrauten Parteinamen ursprünglich stand. Oder … ach lassen wir das, die Aufzählung könnte sehr lang werden.

Elisabeth Wehling ist Kognitionswissenschaftlerin und Linguistin. Sie studierte Soziologie, Journalistik und Linguistik – diese Mischung ist wichtig für ihr Buch. Seit 2013 leitet sie am International Computer Science Institute in Berkeley Forschungsprojekte zu Ideologie, Sprache und unbewusster Meinungsbildung. Klingt nach schwerem Stoff, abstraktem Denken und Themen, mit denen man sich nach Feierabend nicht mehr beschäftigen möchte? Hätte ich auch gedacht, ist aber nicht so. Elisabeth Wehling schreibt unglaublich klar und direkt an dem entlang, was wir alle erleben.

Bürger bilden sich ihre politische Meinung anhand von Fakten und treffen vernunftbasierte Entscheidungen. Das würden wir alle gerne glauben, doch die aktuellen Nachrichten lassen Zweifel aufkommen. Was passiert wirklich in unseren Köpfen, wenn wir Schlagzeilen lesen, an Wahlplakaten vorbeiradeln und mit Nachbarn über Politik und Weltgeschehen reden?

Die ernüchternde Erkenntnis: Logik ist nicht die Gewinnerin auf dem Platz. Frames wirken stärker als Argumente. Ein Frame ist ein Deutungsrahmen, eine Art Aktenordner, in dem wir Gehörtes und Gelesenes automatisch ablegen. Sprache aktiviert in unserem Gehirn solche Frames – also gespeichertes Wissen, Erfahrungen, Sinneseindrücke, Erinnerungen und Bewertungen –, die bestimmen, wie wir Informationen einordnen und welche Fakten uns überhaupt auffallen. Auf wie vielen Ebenen Frames wirken, welche Rolle Metaphern dabei spielen und warum wir ohne Metaphern so etwas Abstraktes wie Politik nicht verstehen können – das erläutert Elisabeth Wehling auf den ersten 75 Seiten. Ja wirklich: Sie braucht nur 75 von gut 220 Seiten dafür. Dann heißt es kurz durchschnaufen, sich sammeln und das Gelernte in der Praxis anwenden.

Steuerlast, Schwangerschaftsabbruch: Warum reden wir so und nicht anders?

Nach diesem theoretischen Fundament wird es im zweiten Teil des Buchs konkret. Wehling nimmt sich Begriffe aus aktuellen Debatten vor – Steuern, Migration, Familie, Klimawandel – und zeigt, welche Frames darin stecken und wer sie warum in Umlauf gebracht hat. Aus abstrakter Kognitionswissenschaft wird damit Alltag.

Sprache bestimmt das Denken bestimmt das Handeln. Wir sollten also in politischen Diskussionen und auch in alltäglichen Begegnungen mehr auf unsere Wortwahl achten. Denn es macht einen Unterschied, ob ich von einer Steuerlast spreche oder ob ich Steuern als etwas betrachte, was ich für die Gemeinschaft tue.

Besonders krass fand ich das Kapitel zur Abtreibung, dem Schwangerschaftsabbruch. Ab wann reden wir eigentlich von einer Schwangerschaft – und warum? Könnten wir den Abbruch auch anders bezeichnen und was würde sich dadurch ändern? Ich bin Feministin, seit ich begriffen habe, dass ich eine Frau bin. Doch dieses Kapitel erzeugte bei mir Schnappatmung. Lest es!

Raus aus dem Reaktionsmodus, erzählt eure eigenen Geschichten

Was nehme ich aus dem Buch „Politisches Framing“ für mich mit? Sehr viel. Vor allem: Rede mehr über deine eigene Haltung, über deine Werte und Visionen. Wer vor allem damit beschäftigt ist, auf die Ausführungen politischer Gegner zu reagieren und dabei deren Wortwahl aufgreift, schießt sich selbst ins Bein. Denn dann bleibt deren Frame hängen, nicht dein Konter.

Erzählt stattdessen eure eigenen Geschichten, sorgt dafür, dass eure Bilder zuerst Kopfkino auslösen und sich so im Gedächtnis der Zuhörenden verankern. Lasst die abstrakten Begriffe aus dem Grundgesetz wie Menschenwürde und Gleichberechtigung lebendig werden, gebt ihnen Farbe, Gefühle, Gesichter. Warum? Lest das Buch. Elisabeth Wehling erklärt das so viel besser, augenöffnender und praxistauglicher, als ich das jemals könnte.


Infos zum Buch:

Elisabeth Wehling

Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht

Edition Medienpraxis
Herbert von Halem Verlag


Geschichte, Gesellschaft und Politik – meine Rezensionen und Buchtipps hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Sprache macht einen Unterschied. Bereits durch die Wahl des Vokabulars gestalten wir die Gesellschaft, in der wir leben, mit. Darum geht es auch in meiner Rezension zu diesem kleinen Buch von Anatol Stefanowitsch: Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.

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