
„Ihr wollt es nicht sehen. Ich zeige es euch trotzdem.“ Auch wenn Luigi Toscano diesen Satz auf seine Wanderausstellung „Gegen das Vergessen“ bezieht, könnte er doch das Motto für sein Buch „Kanakenkind“ sein. Darin spricht er aus, was viele nicht hören möchten: wie es ist, als ältestes von sieben Kindern in einer italienischen „Gastarbeiterfamilie“ aufzuwachsen. Armut, Prügel, überforderte, trinkende Eltern, fehlende Bildungschancen, Sonderschule – an seine spätere Karriere als Fotokünstler glaubte damals niemand. Er auch nicht. Erst die Unterbringung im Heim brachte etwas Stabilität in sein Leben. Hauptschulabschluss, Ausbildung – und dann Absturz in die Drogensucht.
Seine Co-Autorin Silke Kettelhake lässt Luigi Toscano in ganz eigenem Ton über sein Leben erzählen. Die autobiografischen Passagen sind fast Own Voice, nah am gesprochenen Wort und doch sehr literarisch: rhythmisch, kreativ, authentisch. Ein Beispiel lest ihr am Ende des Beitrags. Doch Toscano hält sich selbst nicht für so wichtig, dass er die kostbare Bühne namens Buch allein mit seinem Leben füllen möchte. Sein Werdegang ist nur der erste von drei Tönen, die „Kanakenkind“ zum Klingen bringen. Seine Lebenserfahrung ist die Begründung für das Wunder, das er ermöglichte. Denn bei seinem Projekt „Gegen das Vergessen“, bei dem er mehr als 600 Holocaust-Überlebende persönlich getroffen, porträtiert und die Bilder an öffentlichen Orten ausgestellt hat, geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte: Die Überlebenden öffneten sich ihm, dem Kanakenkind, das selbst Ausgrenzung und Rassismus erfahren hat. Sie erzählten Details aus ihrem Leben in den KZs, die sie noch nicht mal ihren Angehörigen berichtet hatten.
Auch diesem Teil des Buches verleiht Silke Kettelhake eine eigene Stimme, fast zart, liebevoll und nicht voyeuristisch. Hier genügen persönliche Details, die doch für das ganze große Grauen stehen. Genau wie auf den Foto-Porträts bleiben Privatsphäre und Würde der Überlebenden immer gewahrt. Verschwiegen wird trotzdem nichts. Auf diesen privaten Moment folgen Fakten, mit denen Toscano und Kettelhake das Grauen der Verfolgung und die brutale, technokratische Unmenschlichkeit sachlich, nüchtern und mit voller Wucht präsentieren.
Es ist dieser Dreiklang aus Autobiografie, Begegnungen mit den Shoah-Überlebenden und schwer auszuhaltenden Fakten zur Nazi-Diktatur der für mich „Kanakenkind“ zu einem ganz besonderen Buch macht, das lange nachhallt.
Doch Luigi Toscano will nicht der Geschichtslehrer Deutschlands sein. Erinnerungskultur ist ihm zu wenig, er schlägt immer den Bogen zur Gegenwart. So ist für mich eine der stärksten Szenen des Buches, als er aus Protest gegen die gemeinsame Abstimmung von CDU und AfD zur Migrationspolitik im Bundestag seine Verdienstmedaille zurückgibt. Und die des Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg gleich mit. Persönlich beim Bundespräsidenten. Der so etwas noch nie erlebt hatte, denn normalerweise erfolgen Rückgaben per Post. Auch hier greift das Motto: „Ihr wollt es nicht sehen. Ich zeige es euch trotzdem.“
Infos zum Buch:
Luigi Toscano mit Silke Kettelhake
Kanakenkind
Mit der Kamera durch Licht, Dunkelheit und Hoffnung. Vom Einwandererkind zum Fotografen der Holocaustüberlebenden
Rezensionsexemplar – gelesen mit Netgalley
Wir Mannheimer*innen lesen das Buch von Luigi Toscano natürlich noch einmal anders, schließlich hat er hier eine Heimat gefunden. Er enttäuscht uns nicht und liefert Lokalkolorit und einige launische Betrachtungen. So heißt es zu Beginn des Kapitels „Uffbasse! Mann, Mann, Mannheim“ – und damit komme ich zu dem weiter oben versprochenen Zitat:
… in der Quadratestadt Mannheim, geplant von einem holländischen Festungsarchitekten, der in militärischen Dimensionen dachte, war ich erst mal lost. Pudlnakisch. … Ich kannte niemanden, war nedd vunn do, hatte keine Freunde, kein Dunzl, kein Mädchen, ich verstand Mannemer Schbrooch, die Sprache nicht, was die hier redde, babble, schwätze oder heile, kreische, weine, eine Mischung aus Deutsch, Französisch, Jiddisch, Rotwelsch. Ich wollte nedd kapud gehe. Clean bleiben.
Luigi Toscano, Kanakenkind. S. 87
So klingen die autobiografischen Passagen in „Kanakenkind“!
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