Am Meerschwein übt das Kind den Tod: der Nachrough auf Nortrud Gomringer

Buch von Nora Gomringer: Am Meerschwein übt das Kind den Tod

Am Meerschwein übt das Kind den Tod – allein dieser Satz lässt schon aufhorchen. Die meisten Mütter würden bei der Anschaffung eines Haustiers daran denken, dass füttern und saubermachen das Verantwortungsbewusstsein schult. Nora Gomringers Mutter Nortrud hingegen sah es auch als gute Gelegenheit, sich schon mal an die Sterblichkeit zu gewöhnen. Vor allem: Sie sprach es aus. So sind wir bereits mit dem Buchtitel mittendrin in einer Familie, die sehr eigen war. Doch erst gegen Ende des Buches fällt das Wort dysfunktional – und dann auch nur ein einziges Mal.

Dafür bewundere ich Nora Gomringer: Die Herzenswärme, mit der sie auf das Leben ihrer Mutter und die Ehe ihrer Eltern blickt. Der nur „punktuell monogame“ Vater, die Mutter, die zurücksteckt und sich zurückzieht – all das hätte man auch ganz anders erzählen können. Hat sie aber nicht – und darin liegt für mich eine besondere Größe. Egal, was geschah, sie schreibt darüber schmerzhaft, skurril, lustig, empathisch und immer würde- und respektvoll.

Genau so hatte ich die Autorin bei einer kurzen Lesung auf der Frankfurter Buchmesse erlebt. In den Messehallen ist es nie ruhig. Es schallt von rechts und links, immer sind Menschen in Bewegung. Mittendrin die Autorin und ihr Buch. Keine optimale Ausgangslage, doch Nora Gomringer schuf eine Insel der Wärme und des Respekts. Die ersten 10 Minuten ihrer knappen Lesezeit verbrachte sie damit, sich von Herzen bei vielen zu bedanken. Das war kein Pflichtprogramm, das war ihr wichtig. Sie gab dieser Danksagung und damit den Menschen, die Bücher möglich machen, viel Raum. Erst dann ging sie ganz ruhig und ohne Hetze zu ihrem Buch über – und begann mit den Geschichten über tote Meerschweinchen.

Es ist das erste Mal, dass ich nach einer Lesung auf der Buchmesse das Buch unbedingt haben wollte. In den meisten Rezensionen wird es als Nachruf auf die Mutter und als Trauerbuch besprochen. Ich habe es als Buch über eine Familie gelesen, an der man sich reibt, und die man doch liebt, als käme es einem gar nicht in den Sinn, es nicht zu tun.


Bibliographische Angaben:

Nora Gomringer

Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Ein Nachrough

Volandt & Quist Verlag


Noch eine Herzensempfehlung, ebenfalls traurig-lustig-empathisch: Wohnverwandschaften von Isabel Bogdan. Meine Rezension hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert