Gary Dexter – Der Marodeur von Oxford. Psychopathia Sexualis und andere menschliche Rätsel

Buchcover: Der Marodeur von Oxford und andere Geheimnisse aus dem Fallbuch von Henry St Liver

„Es gibt nichts Trügerischeres als eine offensichtliche Tatsache.“
Sir Arthur Conan Doyle

Gleich in der ersten Geschichte ist mir ein Satz begegnet, der mich für den Rest des Buches nicht mehr los ließ: „Und ich dachte, ich sei fast der Einzige …“

Doch erst einmal der Reihe nach: Dr. Henry St. Liver löst Kriminalfälle im viktorianischen England, die meist ohne wirkliches Verbechen auskommen und die alle einen erotisch-fetischistischen Hintergrund haben. Er kommt den Tätern durch logisches Denken auf die Spur. Sein enormes Wissen über die noch recht neue wissenschaftliche Fachrichtung der Sexualpsychologie hilft ihm dabei weiter. Ihm zur Seite steht kein Dr. Watson, sondern Olive Salter, eine leicht hypochondrische Schriftstellerin, die in Australien aufwuchs. Ihre Karriere als Autorin kommt erst in Gang, als der wortkarge Oscar Wilde eine Rezension veröffentlicht.

Für eine recht sachliche Zusammenfassung des Inhalts waren das schon ziemlich viele Querverweise, oder? Und das ist harmlos im Vergleich zu dem, was in „Der Marodeur von Oxford“ alles angedeutet, angespielt, quer gedacht, verknüpft, verbraten und verdreht wird. Unglaublich!

Ich bin mir sicher, dass ich nur einen Bruchteil der Querverweise und Anspielungen entdeckt habe. Doch auch so hatte ich schon ein Dauergrinsen im Gesicht. Allein der Einsatz von vom Aussterben bedrohter Fremdwörter sorgt bereits für Heiterkeitsanfälle. Psychopathia Sexualis ist noch einer der einfacheren Begriffe, der verwendet wird, nur um nicht im Klartext sagen zu müssen, das es um Sex und seine selteneren Spielarten geht.

Wenn Dr. Henry St. Liver dann wieder einen Fall gelöst hat, weil er sich spontan an eine Fußnote aus einer 5 Jahre alten Fachzeitschift erinnern konnte, führt er mit den Tätern ein aufklärendes Gespräch, das irgendwo zwischen Vorlesung, Therapie und Beichte angesiedelt ist.

Genau in diesem Auflösungsgespräch fällt der Satz „Und ich dachte, ich sei fast der Einzige …“ Der „Täter“ hat eine exquisite, seltene erotische Vorliebe (die ich hier jetzt nicht nenne, denn ihr sollt das Buch lesen!). Er hat sogar eine Frau gefunden, die seine Neigung akzeptiert und es geht keinerlei Gefahr für die Allgemeinheit von ihm aus. Lediglich der Zwang zur Heimlichkeit bringt ihn in die Bredouille. Obwohl er sich mit allem erfolgreich arrangiert hat, hat die Erkenntnis, dass er nicht der einzige mit dieser besonderen fetischistischen Vorliebe ist, für ihn eine befreiende Wirkung.

Aufklärung mit erlösender Wirkung – würde das heute auch noch so funktionieren? Oder hätte der Täter nicht längst via Google herausgefunden, dass er mit seiner Vorliebe nicht alleine ist? Und würde es ihm dadurch besser gehen? Auf jeden Fall wäre das Buch ohne den Wissensvorsprung, den sich Dr. Henry St. Liver angeeignet hat und auf verschlungenen Wegen abruft, nur halb so witzig.

„Der Marodeur von Oxford“ ist ein verflixt intelligenter Spaß und bekommt von mir eine unbedingte Lese-Empfehlung mit hoher Dringlichkeitsstufe.


Infos zum Buch:

Gary Dexter
Der Marodeur von Oxford
und andere Geheimnisse aus dem Fallbuch von Henry St Liver
Aus dem Englischen von Zoë Beck
Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche
Diaphanes Verlag
Reihe Penser Pulp
Susanne von literaturschock.de hat eine sehr schöne Rezension geschrieben – die findet ihr hier. Mir ist es genauso wie ihr ergangen und JETZT habe ich beschlossen, die Buchbesprechung einfach so zu veröffentlichen, wie sie ist.


Noch ein Roman mit sehr, sehr vielen Anspielungen: Space Opera

Ernst Haffner – Blutsbrüder – Kurzbesprechung

Blutsbrüder
Ein Berliner Cliquenroman
Autor: Ernst Haffner

Berlin, 1932

Jungs. Aus Erziehungsanstalten ausgerissen, aus desolaten Familien geflüchtet, auf der Straße gelandet. Mädchen kommen fast nur als Überträgerinnen von Geschlechtskrankheiten vor.

Halt gibt die Clique. Gemeinsam findet man immer eine warme Suppe, einen Platz zum Übernachten, das nächste Bier, einen Wintermantel.

»Man liest es mit Gier und Spannung, wie man ehedem Räuber- und Indianergeschichten gelesen hat« schrieb der Münchener Simplicissimus – damals. Und heute?

Erstaunlich, wie frisch dieses verschollene Werk auch heute noch ist. Der Autor Ernst Haffner begleitet die Jungs der Clique mit viel Verständnis und der nötigen inneren Distanz. Dies ermöglicht dem Leser ein einzigartiges Mit-Erleben und zieht ihn ins Buch hinein. Bei allem Realismus und aller Härte gibt es seltene Momente der Wärme und Geborgenheit. Doch Hoffnung gibt es nur für zwei der Blutsbrüder und dies auch nur, weil sie nicht blind dem Bandenchef folgen.

Bleibt die Frage, was aus dem Autor geworden ist. Man weiß es nicht.


Infos zum Buch:

Ernst Haffner
Blutsbrüder
Ein Berliner Cliquenroman
Aufbau Digital

Mehr Infos zum Buch in der Wikipedia


Was (leider) gut dazu passt: das Sachbuch Mein Kampf gegen rechts

Isabel Arés – Das Orakel der indischen Götter – Kartenset

Orakel Karten indische Götter

Alles so schön bunt hier: Das Orakel der indischen Götter

Bunt ist es und ein wenig kitschig. Authentisch wirkt es auf mich deswegen trotzdem nicht, denn wäre es ein indisches Orakel-Set, wäre es bestimmt noch bunter*. Wahrscheinlich würde es auch glitzern und blinken. Möglicherweise wären die Karten auch aus Plastik und beim Öffnen der Schachtel würde ein Geräusch ertönen.

Aber egal, denn wenn eine Europäerin die indischen Götter zu Rate zieht, kann das in meinen Augen eh nur eine Annäherung auf verschlungenen Pfaden sein. Einer meiner Pfade heißt Yoga. Ich übe Asanas, die nach indischen Göttern und Legenden benannt sind. Grund genug, neugierig zu sein, warum diese Yoga-Übungen nach Hanuman, Garuda und Nataraja benannt sind.

Der andere Pfad heißt Tarot. Was passiert, wenn ich klassisches europäisches Kartenlegen mit indischen Götter-Karten verbinde?

In meinem Fall nicht viel.

Das liegt daran, das es den Karten im Gegensatz zum Tarot an innerem Zusammenhang mangelt. Jede Karte ist ein Solitär und erzählt eine Geschichte für sich. Bei einer Legung aus mehreren Karten ergänzen sich die Einzelgeschichten jedoch nicht zwangsläufig zu einem großen Ganzen, wie das beim Tarot der Fall ist. Da nützt es auch nichts, wenn im Büchlein, das dem Orakel beiliegt, aus der klassischen Dreier-Legung Shivas Dreizack wird.

Als Tageskarte, Wochen-Motto oder Meditationsthema ist „Das Orakel der indischen Götter“ jedoch großartig! In diesem Zusammenhang nutze ich es gerne. Heute begleitet mich die Karte Nr. 31 „Skanda“. Den kenne ich nun wiederum nicht vom Yoga, sondern von meiner Indien-Reise als Bruder von Ganesh unter dem Namen Murugan. Daher schließe ich mich der vorgeschlagenen Deutung der Karte „Ich nehme mir meinen Raum“, die sich auf den Kriegsgott bezieht, nicht an. Das Kartendeck und ich, wir haben so unsere Schwierigkeiten … macht nichts, mir gefällt es trotzdem!

Aber wo ist eigentlich das ausführliche Begleitbuch, das der Klappentext verspricht? Das Heftchen kann da kaum gemeint sein.


Informationen zu den Orakel-Karten:

Isabel Arés
Das Orakel der indischen Götter

44 Karten mit Anleitungsbuch

Ullstein Allegria Verlag


Einmal Karten legen so richtig gegen den Strich bürsten? Dann bitte hier entlang – Hausfrauen-Tarot für Frauen mit viel Humor (ich habe schallend gelacht und es gleich in mein Herz geschlossen!)


Museumsbesuch – Fit fürs Museum – Rezension

Buchcover
Was tun an einem verregneten Sonntag? Fit fürs Museum macht Lust auf einen Museumsbesuch.

Lust auf einen Ausflug mit der Kultursportgruppe? Fit fürs Museum – wie Museen Spaß machen

„Fit fürs Museum“ von Andreas Blühm aus dem Hatje Cantz Verlag ist ein glücklicher Bibliotheksfund. So ganz werde ich die Systematik, nach der Bibliotheken ihre Bücher präsentieren, nie verstehen. Das macht aber nichts, denn es bereitet mir viel Vergnügen, planlos an den Regalen entlangzustreifen und zu warten, welches Buch mich anspringt.

„Fit fürs Museum“ ist genau so ein Buch, das sich mir vorlaut in den Weg gestellt hat und „Lies mich!“ rief. So kam ich zu einer vergnüglichen Lesestunde. Kurzweilig, launig und amüsant ermutigt Andreas Blühm seine Leser, sich das Museum zu erobern.

„Kommen Sie mit Familie oder in einer Gruppe, dann können Sie auch ausschwärmen und sich nach einer halben Stunde wiedertreffen un besprechen, welche Abteilung Sie sich in Ruhe vornehmen wollen. Aber dies sind nur Möglichkeiten. Es ist nämlich nicht verboten, bei Saal 1 zu beginnen und sich von Objekt zu Objekt fortzubewegen. Vermeiden Sie bloß, sich von dem Gefühl leiten zu lassen: Ich muss alles sehen, alles lesen und alles begreifen! Das Verursacht nur Stress und ist meiner Meinung nach der Anti-Museums-Faktor Nr. 1.“ 


Seine bunte Liste an persönlichen Museums-Favoriten zeigt sehr schön, was Andreas Blühm von einem Museum erwartet: Abwechslung, Inspiration, Information. Einige der Museen kenne ich schon, von anderen habe ich noch nicht mal etwas gehört. Hier ist seine Liste:


Deutsches Hygiene-Museum DresdenIch bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, dieses Museum als Schülerin besucht zu haben. Damals war es noch ein reinrassiges DDR-Museum mit unbeleuchteten Schaukästen und seltsamen Schautafeln. Die Neugestaltung kenne ich noch nicht, steht aber auf meiner Museumsbesuchs-Wunschliste.

Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt
Davor gruselt es mir ganz fürchterlich, daher werde ich es eher nicht besuchen.

Deutsches Pferdemuseum in Verden an der Aller
Noch nie gehört – klingt interessant!

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel
Das gehört definitiv auch auf meine Museums-Hitliste.

Das Josephinum, Wien

Steht leider noch aus – es gab einfach zu viel Interessantes in Wien.

Jüdisches Museum, Berlin
Beeindruckend. Für den Rest des Tages nimmt man sich am besten nichts mehr vor, außer still auf der Parkbank zu sitzen und Vögel zu füttern.

Stiftung Insel Hombroich bei Neuss
Das klingt spannend: Ein Sammler-Museum mit einem unkonventionellen Konzept, das Natur und Kunst verbindet.

Schloss Ambras in Innsbruck
Entstanden sind Museen aus den Sammlungen der Adligen, den Wunderkammern – hier kann man das sehen. Das „Goldene Dachl“ kann man meiner Meinung nach dafür ruhig auslassen.

Schweizerisches Landesmuseum Zürich
Noch ein Punkt auf meiner Museumsbesuch-Wunschliste

ZKM Karlsruhe
Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie ist toll. Noch toller ist es, wenn gerade alle interaktiven Objekte auch funktionieren.

Ein Rätsel kann jedoch der Autor Andreas Blühm auch nicht aufklären: Warum haben eigentlich Museen ausgerechnet am Montag zu? Und warum hat der Louvre nicht montags, sondern dienstags geschlossen?


Lust auf mehr Museumsbesuche? Hier findet ihr 10 gute Gründe, mal wieder ins Museum zu gehen:

Andreas Séché – Namiko und das Flüstern – Rezension

Namiko und das Flüstern - Roman von Andreas Séché

Japan, die Liebe und ein alter Traktor

„Namiko und das Flüstern“

Ein junger Journalist recherchiert in Japan zum Thema Gärten. Er sieht die Pflanzen, er erkennt die Struktur der Gärten, doch er begreift sie nicht. Durch seine Zufallsbegegnung mit Namiko wird sich das ändern, denn durch sie lernt er, das Leben, die Liebe und Japan zu verstehen. Für Japan wird er am längsten brauchen.

Um sich dem Phänomen Japan anzunähern reicht Neugier alleine nicht. In eine Japanerin verliebt sein erhöht sicherlich die Motivation. Doch letztlich führt das, was man im Zen als Anfänger-Geist beschreibt, zum Ziel: eine offene, nicht-wertende Geisteshaltung. Es ist ein weiter Weg für unseren durch und durch europäischen Helden, bis er in der Lage ist, in einem alten Traktor ein Symbol für Lebensfreude zu sehen. Ohne Namiko und ihre Art, japanische Gärten über eine Mauer zu betreten, hätte er noch nicht einmal den Eingang zu diesem Weg gefunden.

„Namiko und das Flüstern“ von Andreas Séché, erschienen bei Ars Vivendi, war sein erster Roman und ich bin fast versucht zu sagen, dass es sein schönster ist. Das liegt einmal an der Liebesgeschichte, die eine zarte, strahlende Kraft besitzt, und es liegt an der Art und Weise, wie die Gärten in dem Buch beschrieben und empfunden werden. Der Garten erscheint als Ort des Begreifens, denn hier wird das Leben so verdichtet, das wir es mit unseren beschränkten Möglichkeiten erfassen können. Unfassbar Großes wie Leben, Liebe und Tod werden durch die Jahreszeiten und die Struktur des Gartens erfahrbar. Mit einem Garten kann der Mensch seine Zuneigung zur Natur und damit zum Leben ausdrücken.

Eigentlich mag ich keinen Lieblings-Roman von Andreas Séché herausdeuten. „Zwitschernde Fische“ hat mich mit seinem Humor und der Liebe zu den Büchern begeistert; „Zeit der Zikaden“ mit politischer Tiefe und der weltverändernden Kraft der Kunst und alle drei Bücher bezaubern mit einer achtsamen, poetischen Sprache.

Jetzt heißt es warten … ein neuer Roman von Andreas Séché ist leider noch nicht in Sicht. Dafür wurde auf der Buchmesse bekanntgegeben, dass alle drei Romane in Japan erscheinen werden. Bei „Zwitschernde Fische“ und seinen vielen Anspielungen auf die europäische Literaturgeschichte kann ich mir wunderbar vorstellen, das es die japanischen Leser begeistern wird. Bei „Namiko und das Flüstern“ würde ich gerne Mäuschen spielen und beobachten können, wie die Leser in Japan auf den verliebten europäischen Romanhelden reagieren, der sich über die Liebe und die Gärten der japanischen Kultur annähert.


Rezensionen zu den Büchern von Andreas Séché auf meinem Buch-Blog:

Wut im Quadrat – Mannheim-Krimi – Rezension

Buchcover: Wut im Quadrat: Mannheim-Krimi

L6, Spaghetti-Eis, der Waldhof und ein Mord ohne Leiche

„Wut im Quadrat“ ist der erste Mannheim-Krimi von Olivia von Sassen. Ach Quatsch , von Alexander Emmerich.

Autor und Hauptfigur kann man schon mal verwechseln, wenn man mit der Heldin eines Romans twittert, bevor man das Buch in den Händen hält.

Aber Alexander Emmerich hat das so gewollt und seiner Prinzessin Livi, wie ihr Polizei-Kollege Moritz sie gerne nennt, viel Raum außerhalb des Buches gegeben. Den füllt sie nicht nur mit Werbung zum Krimi, sondern auch mit schönen Bildern von Mannheim. Oder verwechsel ich da schon wieder etwas?

Mannheim ist wie Paris - nur schöner

Nebenbei macht das Sonnenscheinchen Mannheim ein gutes Stück sicherer und löst innerhalb von drei Tagen ihren ersten Fall.

Die Hauptrolle in einem Mannheim-Krimi spielt natürlich die Stadt selbst. Alexander Emmerich bindet die Mannheimer Geographie geschickt, präzise und stimmungsvoll in seinen Krimi ein. Mannheim ist keine schöne Stadt, aber eine Stadt mit schönen Ecken. Olivia von Sassen, die gerade wegen eines ominösen Vorfalls von Berlin nach Mannheim gewechselt hat,  entdeckt im ersten Band immerhin schon mal den Wasserturm, Waldpark und Strandbad, die Alte Feuerwache und den „OEG City Beach“ am Neckar.

Gut getroffen ist auch der Reflex der Mannheimer, einer Zugezogenen die Quadrate erklären zu wollen. „Also basse mol uff – Du stehst mit dem Rücken zum Schloß, dann beginnen die Quadrate links mit A1 und rechts mit L1. L ist aber eine Ausnahme, weil … Ah, heerscht mer noch zu?“ Ich glaube, jeder Mannheimer Neubürger kennt diese Reden, die, unabhängig davon ob sie auf monnemerisch oder hochdeutsch gehalten werden, meist nur noch mehr zur Verwirrung beitragen.

Kommissar Moritz Martin lädt seine Kollegin zu einem Spaghetti-Eis ein, da das ja in Mannheim erfunden wurde. Die glorreiche Vergangenheit des SV Waldhof spielt eine wichtige Rolle und die Mannheimer Adler werden erwähnt. „Wut im Quadrat“ enthält angenehm viel Mannheim.

Die Charaktere sind klug gewählt und bieten viel Spielraum für weitere Entwicklungen und Verwicklungen. Die nächsten beiden Folgen sind schon angekündigt und ich bin gespannt, wann Olivia von Sassen selbst beginnt, die Quadrate zu erklären.

Für den nächsten Band wünsche ich mir noch etwas stilistischen Feinschliff. Einfach ein paar Erklärungen weglassen – „Sie fuhren über die Neckarbrücke, die über den gleichnamigen Fluss führt.“ – und die Adjektive ausmisten.

Zum Abschluss noch eine dibbelschisserische Anmerkung von mir. Das Großkraftwerk steht nicht in Rheinau. Und selbst wenn es dort stünde, würde es nicht in Rheinau stehen, sondern auf der Rheinau. Denn dazu gibt es bei uns in Monnem eine klare Sprachregelung: Auf der Rheinau, auf der Schönau und auf dem Waldhof; aber in Neckarau, in Feudenheim und in Käfertal.

Allerdings ist es schon wieder typisch monnemerisch, alle Industrie auf der Rheinau zu vermuten.

Infos zur Mannheim-Krimi Serie von Alexander Emmerich:

Wut im Quadrat
Mannheim Krimi Band 1

Der Doktor und sein Fälscher
Mannheim Krimi Band 2

Mauerfall
Mannheim Krimi Band 3

Zuerst erschienen im G. Braun Verlag Karlsruhe. Nach der Insolvenz hat Der kleine Buchverlag die Krimis übernommen. Mittlerweile nur noch als E-Book erhältlich.


Mehr Mannheim auf meinem Blog

Marcel Anders-Hoepgen – Yoga jeden Tag neu – Rezension

Yoga: Jeden tag neu!: Unzählige Übungseinheiten á 5-10 Minuten. Buch mit Spiralbindung, funktioniert wie ein Tischaufstellkalender

„Eine gute Yogastunde dauert 90 Minuten“ war jahrelang mein Credo, denn in diese Zeitspanne passen Anfangsentspannung, Atemübungen, eine ausgewogene Abfolge von Vor- und Rückbeugen und eine abschließende Meditation. Auch heute noch bevorzuge ich diese Form des Übens. Aber ich habe dazu gelernt: Yoga ist so vielfältig wie das Leben der Menschen.

„Yoga jeden Tag neu!“ von Brahmadev Marcel Anders-Hoepgen aus dem Systemed Verlag ist für mich ein neuer Ansatz. Er löst Yoga aus dem starren Übungsschema und bietet einen reichhaltigen Fundus für kleine Übungen. Damit sind keine Übungen für zwischendurch gemeint, sondern es handelt sich um ein achtsam auszuführendes Kurzprogramm.

Ist das Yoga? Kann so etwas Kurzes funktionieren?

Ich habe es getestet und festgestellt, das es sich wirklich wie Yoga anfühlt. Es ist sozusagen ein „Yoga der kleinen Schritte“. Statt sich 90 Minuten vorzunehmen und am Ende des Tages gar nichts gemacht zu haben, übt man bei diesem Konzept ein bis drei einzelne Asanas. So hat der innere Schweinehund nicht so viel Möglichkeiten, die Yoga-Praxis zu verhindern: eine Asana ist immer noch besser als gar kein Yoga.

Genauso ungewöhnlich wie der theoretische Ansatz ist das Buch an sich, denn es kommt in Form eines Tischkalenders zum Aufstellen daher, mit drei Spalten für Übungen im Stehen, Sitzen oder Liegen. Diese drei Spalten lassen sich getrennt voneinander umklappen. So kommt man auf über 100.000 mögliche Übungskombinationen.

Schwachstelle des Buches sind für mich die Fotos. Ein weiß gekleideter Yogi vor einer weißen Wand bietet wenig Kontrast und bei den Fotos für die Übungen im Liegen ist immer eine Art Geländer vor dem Yogi, was mich sehr gestört hat. Dafür sind die Texte um so besser. Kurz, prägnant und leicht nachvollziehbar werden die Übungen erklärt.

Für mich war dieses sehr nützliche Buch ein willkommener Anlass, meine eigene Yoga-Praxis noch einmal zu überdenken. Wann ist Yoga Yoga? Ab 90 Minuten? Wenn eine bestimmte Abfolge eingehalten wird?

Yoga ist eine Geisteshaltung. Wenn in einer Übung Bewegung, Atemrhythmus und Konzentration achtsam miteinander verbunden werden, wie ich es in den 90-Minuten-Einheiten gelernt habe, dann entsteht dieses besondere Yoga-Gefühl – auch dann wenn die Übungseinheit nur 3 Minuten dauert.


Weitere Angaben zum Buch:

Brahmadev Marcel Anders-Hoepgen
Yoga: Jeden Tag neu!

Je drei Asanas pro Seite kombiniert zu 125.000 Übungseinheiten

systemed Verlag
(Verlag wurde 2018 eingestellt)


Ebenfalls empfehlenswert: seine Yoga-CDs

Simone Dalbert – Papiergeflüster – Aus dem Leben einer Buchhändlerin – Rezension

Simone Dalbert Papiergeflüster eBook

So isses – genau so:

Aus dem Leben einer Buchhändlerin

Simone Dalbert bloggt als Papiergeflüster, facebooked als Buchhandlung Schöningh, twittert als Buchgeflüster und schreibt in ihrem wunderbaren Stil Erlebnisse aus dem Alltag einer Buchhändlerin auf.

Diese Freude am Kommunizieren führte dazu, das sie jetzt ihr eigenes Buch verkaufen kann. „Papiergeflüster – Aus dem Leben einer Buchhändlerin“ enthält Anekdoten und Liebenswertes aus dem Berufsalltag und ich kann nur bestätigen: so isses! Genau so.

Vom Schaufenster-Yoga bis hin zu dem loriot-haften „Das Buch war rot!“ habe ich alles schon so erlebt. Ein Klassiker des Buchhändlerlebens sind die Mißverständnisse am Abholfach. Am Tag der Bestellung weiß der Kunde den Autor nicht; wenn er das Buch abholen möchte, nennt er stolz den Autorennamen, dabei liegt das Buch auf den Namen des Kunden zurück. Ihre sehr schöne Sammlung möchte ich um zwei Dialoge ergänzen:

„Auf welchen Namen haben Sie das Buch bestellt?“
„Auf meinen“

Noch schöner war folgende Antwort:
„Auf Meier.“
„Und wie schreiben Sie sich?“

„Mit M.“

In „Papiergeflüster“ erzählt Simone Dalbert mit viel Liebe von all den kleinen und großen Ereignissen, die den Buchhändler-Beruf zu etwas ganz Besonderem machen. Ein Schmankerl für alle, die an keiner Buchhandlung vorbeikommen und sich am liebsten mal für eine Nacht dort einschließen lassen wollen.


Update 2025: Das Taschenbuch ist nicht mehr lieferbar, aber das eBook Papiergeflüster gibt es noch.


Yoga für die Ohren – Yoga CD – Tipp

CD Yoga für die Ohren - Gelassenheit

Ein ganz eigener Weg: Yoga für die Ohren

„Und jetzt legen wir ganz langsam das rechte Bein hinter das linke Ohr …“.

Solche Sätze gibt es auf den CDs der Serie „Yoga für die Ohren“ nicht, denn es handelt sich nicht um eine weitere Yoga-Anleitungs-CD. Brahmadev Marcel Anders-Hoepgen hat mit seinen CDs etwas ganz anderes im Sinn. Um das zu erklären, möchte ich etwas weiter ausholen.

Yoga besteht aus viel mehr als Körperübungen und Meditation. Meditation bedeutet wiederum mehr als einfach nur still sitzen. Yoga ist ein ganzheitliches System, das viele Wege zur Gotteserkenntnis anbietet. Da jeder Mensch anders ist, geht jeder Mensch seinen ganz eigenen Yoga-Weg und den auch nur so weit, wie es für ihn passt. Für manche Menschen ist es genau das Richtige, über achtsame Körperübungen zur Stille zu finden. Andere konzentrieren sich lieber auf ihren Atem und wieder andere finden über Klang und Gesang zu sich.

Nada Yoga heißt dieser Weg – Yoga des Klangs

CDs für Yoga und Meditation gibt es viele. Das Spektrum reicht von authentischen Aufnahmen, die für westliche Ohren schwer zu verkraften sind über folkloristische Popmusik bis hin zu gefälligen Mantra-Neu-Interpretationen. Manches davon ist nett anzuhören, manches ob der ungewohnten Klänge schwer zu verkraften und manches ist so platt, das es meine Konzentration stört.

„Yoga für die Ohren“ ist komplett anders und eine Wohltat für meine von Pop-Mantren verklebten Ohren. Wobei ich schwer irritiert war, als ich die CD „runterkommen“ zum ersten Mal hörte. Das klingt christlich und es ist doch Yoga. Wie kann das sein? Diese Irritation half mir, meine unbewusste Erwartungshaltung abzulegen. Danach konnte ich wirklich zuhören und war um so neugieriger auf die anderen CDs.

Es macht Sinn, mit der ersten Yoga CD zu beginnen

„Gelassenheit“ ist die erste CD aus der Serie „Yoga für die Ohren“ und damit fällt der Einstieg doch deutlich leichter. Sie bietet eine ganz klassische geführte Atem-Meditation als Einstieg. Es folgt eine Konzentrationsübung auf den Klang, die ich als sehr intensiv empfinde. Danach folgen 6 Musikstücke, die teils in der indischen, teils in der westlichen Tradition verwurzelt sind.

Ich weiß wirklich nicht, wie Brahmadev Marcel Anders-Hoepgen das macht, doch ich habe den Eindruck, dass er die Wirkung und die Essenz des Nada Yogas genau verstanden hat und für westliche Ohren übersetzt hat. Das klingt für mich authentisch, aber nicht folkloristisch. Die Stücke fördern Entspannung und Konzentration, sind aber keine Hintergrunds-Entspannungs-Musik. Diese Musik will aktiv gehört werden; ein nebenbei konsumieren ist nicht möglich. Genau wie eine Yoga-Stunde fordert die Musik den ganzen Menschen mit seiner ganzen Aufmerksamkeit. Deswegen finde ich den Titel „Yoga für die Ohren“ genial gewählt!

Folgende Yoga CDs sind in der Serie „Yoga für die Ohren“ im Systemed Verlag bisher erschienen:

  • Gelassenheit
  • Eternal OM
  • Runterkommen
  • Shanti

Der Systemed Verlag wurde 2018 eingestellt.

Anmerkung:
Meine Ausführungen zum Yoga-Weg entsprechen meinen ganz persönlichen Erfahrungen. Wenn Dein Yoga anders aussieht freue ich mich über Deine Kommentare, Denkanstöße und Hinweise. Namaste!


Wie es mit mir und Yoga weiterging:

Michael Firnkes – SEO & Social Media – Rezension

Buchcover: SEO & Social Media: Handbuch für Selbstständige und Unternehmer

Fachbuch-Genuss: Gut erklärt, gut geschrieben

Ich kann mich auch auf Fachbuch-Neuerscheinungen freuen – wenn sie außergewöhnlich gut geschrieben sind.

Bei den Büchern von Michael Firnkes, dem „blogprofi“, ist das der Fall. Sein „Blog Boosting“ habe ich verschlungen und „Professionelle Webtexte“ mit Begeisterung durchgearbeitet. Auf „SEO & Social Media“ habe ich mich gefreut wie auf die langersehnte Fortsetzung einer Fantasy-Serie.

Dabei gehöre ich gar nicht zur Zielgruppe des Buches, denn es ist laut Untertitel ein „Handbuch für Selbstständige und Unternehmer“. Da passe ich nicht so wirklich rein, denn ich blogge als GeschichtenAgentin einfach munter vor mich hin. Aber was „das Internet“ aus meinen Artikeln macht, das möchte ich schon wissen.

Genau diese Erklärungen liefert mir der Blogprofi: was ist SEO, wofür ist SEO gut, was haben Social Media und Blogs damit zu tun und wie verschafft mir all das mehr Umsatz. Dabei hat Michael Firnkes ein sehr gutes Gespür dafür, welche Fachbegriffe erläutert werden müssen. Er versteht es, komplexe Sinnzusammenhänge zu vereinfachen, ohne ihnen die Tiefe zu nehmen. Seine Ausführungen gestaltet er abwechslungsreich und schweift trotzdem nie ab. Kurz: er kann schreiben und erklären.

„SEO und Social Media“ richtet sich meines Erachtens vor allen Dingen an Leser, die zwar realisiert haben, das dieses „Social-Media-Dingens“ da ist und zu bleiben gedenkt, denen aber „diese ganze Likerei und Teilerei“ suspekt ist. Oder an Leser, die das Gefühl haben, das sie nicht genug über Facebook, Twitter, Xing und Co wissen, um dort angemessen und zielführend agieren zu können. Michael Firnkes liefert mit seinem Buch Fakten, Know-How und konkrete Vorschläge und nimmt dem suspekten Thema damit das Zweifelhafte. Danach kann der Entscheider entscheiden und der Freiberufler machen.

Doch ich möchte nicht nur den Autor loben, sondern auch den Verlag. Als gelernte Buchhändlerin bin und bleibe ich eine Buch-Kuschlerin. Ich kann mich genauso für den Inhalt von „SEO und Social Media“ begeistern wie für die Ausstattung. Das Layout ist aufgeräumt und klar und dient der Verständlichkeit. Screenshots, Tabellen mit Entscheidungshilfen und Info-Boxen sind allein durch ihre Farbgestaltung deutlich zu unterscheiden. Die Gestaltung und Ausstattung bietet dem Auge Orientierung – das macht das Lernen leichter. Wenn sie dieses Buch aufgeschlagen neben sich legen, bleibt es offen liegen und klappt nicht von alleine wieder zu. Das sollte bei einem Fachbuch, mit dem man viel arbeitet, genau wie das Lesebändchen eine Selbstverständlichkeit sein. Leider sparen viele Verlage an diesem Punkt.

Was hat mir „SEO & Social Media“ gebracht?

„Blog Boosting“ war für mich die Initialzündung. Bis dahin hatte ich mich nur für Blog-Themen und Vernetzung interessiert, nach der Lektüre verbrachte ich viel Zeit im „Back-Office“ meines Blogs. Mit „Professionelle Webtexte“ lernte ich mein wichtigstes Handwerkszeug, das Schreiben, besser kennen. Mit  „SEO & Social Media“ beginnt für mich jetzt das Fein-Tuning.
Ich kann jetzt „das Social-Media-Dings“  für mich klarer strukturieren und viel besser erkennen, welcher Social-Media-Einsatz für mein Anliegen Sinn macht.

So viel Input hat natürlich Folgen.
Vor einigen Tagen ging mein neues Blog-Projekt „Buchkind-Blog“ an den Start. Das habe ich schon ganz anders angepackt, als das hier mit der GeschichtenAgentin noch der Fall war. Mal sehen, was daraus noch wird!


Ein Fachbuch-Tipp, der gut dazu passt: Think content!

R. Sriram – Wünsche Dir alles – Rezension

Sriram wünsch Dir was

Kann das gut gehen? Der Yoga-Philosoph und der Ratgeberverlag

Was war ich skeptisch, als ich die Ankündigung zu „Wünsche Dir alles. Erwarte nichts und werde reich beschenkt“ las.

Der große Yoga-Philosoph veröffentlicht jetzt bei dem populären Ratgeberverlag GU – kann das gut gehen?

Und dann noch dieser Titel: „Wünsche Dir alles. Erwarte nichts und werde reich beschenkt“. Braucht die Welt wirklich noch ein weiteres Wunschbuch?

Kurz: ja, die Welt kann dieses Buch meiner Meinung nach gut gebrauchen. Das Buch hingegen bräuchte einen anderen Titel – aber dann wäre es eben kein GU-Titel.

Wie es sich für einen guten Lehrer gehört, holt R. Sriram den Schüler dort ab, wo er steht. So kann man das Buch auf verschiedene Arten lesen: als praktischer Lebensratgeber, als Streifzug durch die Bhagavad Gita oder als Möglichkeit, die eigene Yoga-Praxis zu vertiefen. Doch keine Sorge – Yoga-Vorkenntnisse braucht man für die Lektüre nicht. Die Asanas sind erstaunlich schlicht und einfach gehalten und natürlich genau deswegen sehr wirksam. Bei allen Ausführungen steht der praktische Alltagsnutzen immer im Vordergrund.

Klarheit, Entscheidung, Tatkraft, Verantwortung, Kreativität und Loslassen sind die Fähigkeiten und Werte, die nach R. Sriram zum Ziel führen. Für mich ein sehr sympathisches Weltbild, zumal der Autor immer wieder betont, das ohne eigene Entscheidung und ohne die Bereitschaft, Verantwortung für die Entscheidung zu übernehmen, keine Wunscherfüllung möglich ist.

Die frische, motivierende Botschaft wird durch das gelungene Layout noch unterstrichen. Schöne Bücher zu machen gehört nun mal zu den Stärken von GU. Alles in allem bin ich von dieser für mich unerwarteten Zusammenarbeit zwischen R. Sriram und dem GU Verlag sehr angetan. Für alle, die mehr in die Tiefe gehen wollen, habe ich zum Abschluss noch ein paar Buch-Empfehlungen zusammengestellt.


Weitere Buch-Empfehlungen:

Yoga. Neun Schritte in die Freiheit“ Wie so viele Menschen habe ich mit Yoga begonnen, um etwas für meinen Rücken zu tun. Dieses Buch war mein erster Kontakt zur Yoga-Philosophie und ein Meilenstein auf meinem Yoga-Weg.

„Yoga und Gefühle“, das R. Sriram zusammen mit seiner Frau Anjali geschrieben hat, zeigte mir, das Yoga keine Flucht aus der Realität ist, sondern wirklich jeden Aspekt des menschlichen Lebens in sich trägt. Für mich ein wichtiger Ratgeber, zu dem ich fast 10 Jahre nach der ersten Lektüre immer noch gerne greife.

Das Geheimnis des indischen Tanz – Lotusblüten öffnen sich“ von Anjali Sriram ist eine großartige Einführung in den indischen Tanz, die sowohl Tiefe als auch leichte Verständlichkeit aufweist.

Über ihr Buch „Karmatanz“ kann ich nicht reden, sondern nur schwärmen. Die Rezension aus dem Hugendubel-Buch-Blog, die Anjali Sriram auf ihrer Homepage zitiert, stammt von mir.

2021 habe ich ein weiteres Buch von R. Sriram gelesen: Das Geheimnis des Atmens.

Tad Williams – Die dunklen Gassen des Himmels – Rezension

Tad Williams
Die dunklen Gassen des Himmels
Bobby Dollar 1

Und diesmal ist alles ganz anders

„Die dunklen Gassen des Himmels“ von Tad Williams

Hoppla, das kam wirklich unerwartet. Eine so explizite Sex-Szene gab es bisher bei Tad Williams noch nie. Respekt, sie ist ihm wirklich gut gelungen.

Überhaupt ist diesmal alles anders, aber nicht zu sehr. Klassische Fantasy ist das nicht. Keine Drachen, keine verfeindeten Königreiche, aber immerhin eine Himmels-Burg.

So ganz verlässt der Autor die Pfade, auf denen er sich so gut auskennt, nicht. Er hat sich mit „Bobby Dollar Band 1: Die dunklen Gassen des Himmels“ nur fast neu erfunden, so dass auch die alten Fans beherzt zum neuen Buch greifen können.

Mit solider Handwerkskunst verbindet Tad Williams Action, Anwalts-Thriller und Mystery mit dem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Doch dieser Kampf ist diesmal nur Kulisse für das viel größere Thema: Was ist Gerechtigkeit?

Teuflische und himmlische Anwälte kämpfen in Gerichtsverhandlungen um die Seele der Verstorbenen mit allen Tricks und Formalien, wie wir sie aus Justiz-Thrillern kennen. Hebt Engagement für Obdachlose die Todsünde des Ehebruchs auf? Wie wichtig ist Reue? Entsteht so Gerechtigkeit?

Natürlich nicht, denn Tad Williams entwickelt seine Story viel verschlungener als die ersten Seiten des Buches es vermuten lassen. Die explizite Sex-Szene ist zwingend nötig, um das moralische Dilemma im vollen Umfang auszubreiten.

Ohne diesen philosophischen Hintergrund wären „Die dunklen Gassen des Himmels“ lediglich ein handwerklich solider Mystery-Thriller. So entwickelt die Geschichte einen ganz eigenen Reiz, der mich auf die Folgebände neugierig macht.

Update Januar 2015

Mit „Hoppla, das kam wirklich unerwartet“ konnte ich auch meine Rezension zum zweiten Band „Happy Hour in der Hölle“ beginnen. So gut wie mir der erste Band gefallen hatte, so wenig kam ich mit Band 2 klar. Doch weder der Autor noch sein Held Bobby Dollar können etwas dafür, dass ich das Buch ab der Hälfte nur noch quer gelesen habe. Für mich enthält die Fortsetzung einfach zu viel Blut, Gewalt und Horror.

Im zweiten Band steigt Bobby Dollar in die Hölle hinab um seine Geliebte zu retten. Die Hölle beschreibt Tad Williams sehr plastisch. Sein Einsatz von Gewalt, Ekel und Horror ist also durchaus sinnvoll – allein, er passt nicht zu meinen Lesegeschmack. Schade!


Tad Williams

Bobby Dollar Band 1
Die dunklen Gassen des Himmels

Bobby Dollar Band 2
Happy Hour in der Hölle

Klett-Cotta Verlag


Hier findet ihr mehr Fantasy-Buchtipps auf meinem Blog. Und auch mehr von Tad Williams: Tinkerfarm