Maike Grunwald – Vom Glück mit Katzen zu wohnen – Rezension

Von Kratzbäumen und Sofas Den Begriff „Coffeetable-Book“ mochte ich noch nie. Seelenschmeichler-Bücher fände ich angemessener. Coffeetable-Book klingt nach einer wohl aufgeräumten Wohnung, die exquisit dekoriert wurde. Mittendrin auf einem kleinen Tisch, der sonst zu nichts nütze ist, liegt ein schön anzusehendes, aufgeschlagenes Buch. Möglicherweise gibt es solche Wohnungen. „Vom Glück mit Katzen zu wohnen“ gibt sich wirklich große Mühe, mich an deren Existenz glauben zu lassen. So tauche ich ein in diese wunderschönen Wohnwelten, in denen die Menschen nicht mehr Bücher haben, als in ihre Regale passen und in denen die Bügelwäsche an einem Ort liegt, den niemand sieht. Auch ohne Katzen wären diese Wohnungen schön und es gibt in dem Buch einige Altbau-Wohnungen, in die ich sofort einziehen würde. Die Präsenz der Katzen macht alles noch schöner. Schon überlege ich wieder, wo in meiner Wohnung ein Katzenklo hinpassen würde und wer sich um die Katzen kümmern könnte, wenn ich nicht da bin. So ein…

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Terry Pratchett – Dunkle Halunken – Rezension

Dickens, Königin Victoria und die Kanalisation Terry Pratchett hat mit „Dunkle Halunken“ seine literarischen Schulden beglichen. Im Laufe der Jahrzehnte hat er für seine fast 40 Scheibenwelt-Romane sehr vieles aus der Londoner Stadtgeschichte entliehen, entlehnt und stibitzt. Der Fluss Ankh und die Themse, der Stadtteil Schatten und Seven Dial, die Wache und die Metropolitan Polizei von Robert Peel haben viel miteinander gemeinsam. Ankh Morpork und London sind mindestens seelenverwandt. Mir kommt es so vor, als hätte Sir Terry Pratchett nun als Dank für diese unerschöpfliche Inspirationsquelle London ein Denkmal in Buchform gesetzt. „Dunkle Halunken“ ist vor allen Dingen ein London-Roman, der ein wenig an Charles Dickens erinnern soll. Konzipiert wurde er als All-Ager, ein Nicht-Genre, mit dem ich nicht so wirklich warm werde. Es macht die Bücher meist nicht besser, wenn sie ein für ein sowohl-als-auch Publikum geschrieben werden. Genau das ist für mich der Wermutstropfen an „Dunkle Halunken“. Für ein Jugendbuch bietet der Roman…

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Katja Behrens – Adam und das Volk der Bäume – Rezension

Das Volk der Bäume: Was ist der Mensch ohne Wurzeln? Manche Menschen entspannen sich am Meer, andere in den Bergen. Berge oder Meer? Das ist mir egal, Hauptsache es gibt dort einen Wald. Wenn ich Wald sage, meine ich einen richtigen Wald, keine in praktische Planquadrate aufgeteilte Forstplantage mit lauter altersgleichen Bäumen und schnurgeraden Wegen, auf denen man morgens schon sieht, wen man nachmittags zum Kaffee treffen wird. Ich meine auch keine pädagogische Erziehungs- und Ertüchtigungsanstalt mit grundschulgerechten Schautafeln und einer für Jogger optimierten Wegeführung. Ich meine einen richtigen Wald; einen, in dem man vor lauter Wald die Bäume nicht sieht. In solch einem Wald würde ich mich gerne unter einem Baum setzen und warten, dass sich ein Rotkehlchen auf meine Schulter setzt. Mir ist das noch nie passiert. Für Adam, den Helden aus Katja Behrens „Adam und das Volk der Bäume“, ist das jedoch die Normalität. Rotkehlchen sind zwar sehr neugierige Vögel, aber wahrscheinlich…

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Susanne Diehm – Hannahs fabelhafte Welt des Kreativen Schreibens – Rezension

Genre-Grenzgänger: Ein Roman ist ein Roman ist ein Sachbuch über das Schreiben „Hannahs fabelhafte Welt des Kreativen Schreibens“ ist ein Fachbuch, das vorgibt, ein Roman zu sein und in dem die Heldin lernt, einen Roman zu schreiben, woraus dann doch ein Fachbuch wird. Was daran liegen könnte, dass ihr Leben romanhaft genug ist. So hat Hannah am Ende des Buches genug Stoff für einen Roman zusammen und stellt in der Geschichte eine Fortsetzung der Geschichte in Aussicht. Damit ist „Hannahs fabelhafte Welt des Kreativen Schreibens“ von Susanne Diehm ein Genre-Grenzgänger der besonderen Art. Um das zu verstehen, sollte man erst mal einen Blick auf den Verlag werfen. Der Schibri-Verlag ist nach eigener Aussage der „führende Fachverlag für Theaterpädagogik, Kreatives Schreiben und praktischer Philosophie im deutschsprachigen Raum“ – also lauter Themen, bei denen man mit Geradeaus-Denken nicht sehr weit kommt. „Hannahs fabelhafte Welt des Kreativen Schreibens“ dürfte sich im Schibri-Verlag sehr zuhause fühlen. Die Protagonistin nutzt,…

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Gary Dexter – Der Marodeur von Oxford. Psychopathia Sexualis und andere menschliche Rätsel

„Es gibt nichts Trügerischeres als eine offensichtliche Tatsache.“Sir Arthur Conan Doyle Gleich in der ersten Geschichte ist mir ein Satz begegnet, der mich für den Rest des Buches nicht mehr los ließ: „Und ich dachte, ich sei fast der Einzige …“ Doch erst einmal der Reihe nach: Dr. Henry St. Liver löst Kriminalfälle im viktorianischen England, die meist ohne wirkliches Verbechen auskommen und die alle einen erotisch-fetischistischen Hintergrund haben. Er kommt den Tätern durch logisches Denken auf die Spur. Sein enormes Wissen über die noch recht neue wissenschaftliche Fachrichtung der Sexualpsychologie hilft ihm dabei weiter. Ihm zur Seite steht kein Dr. Watson, sondern Olive Salter, eine leicht hypochondrische Schriftstellerin, die in Australien aufwuchs. Ihre Karriere als Autorin kommt erst in Gang, als der wortkarge Oscar Wilde eine Rezension veröffentlicht. Für eine recht sachliche Zusammenfassung des Inhalts waren das schon ziemlich viele Querverweise, oder? Und das ist harmlos im Vergleich zu dem, was in „Der Marodeur von…

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Ernst Haffner – Blutsbrüder – Kurzbesprechung

Berlin, 1932 Jungs. Aus Erziehungsanstalten ausgerissen, aus desolaten Familien geflüchtet, auf der Straße gelandet. Mädchen kommen fast nur als Überträgerinnen von Geschlechtskrankheiten vor. Halt gibt die Clique. Gemeinsam findet man immer eine warme Suppe, einen Platz zum Übernachten, das nächste Bier, einen Wintermantel. »Man liest es mit Gier und Spannung, wie man ehedem Räuber- und Indianergeschichten gelesen hat« schrieb der Münchener Simplicissimus – damals. Und heute? Erstaunlich, wie frisch dieses verschollene Werk auch heute noch ist. Der Autor Ernst Haffner begleitet die Jungs der Clique mit viel Verständnis und der nötigen inneren Distanz. Dies ermöglicht dem Leser ein einzigartiges Mit-Erleben und zieht ihn ins Buch hinein. Bei allem Realismus und aller Härte gibt es seltene Momente der Wärme und Geborgenheit. Doch Hoffnung gibt es nur für zwei der Blutsbrüder und dies auch nur, weil sie nicht blind dem Bandenchef folgen. Bleibt die Frage, was aus dem Autor geworden ist. Man weiß es nicht. Infos zum…

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Isabel Arés – Das Orakel der indischen Götter – Kartenset

Orakel Karten indische Götter

Alles so schön bunt hier: Das Orakel der indischen Götter Bunt ist es und ein wenig kitschig. Authentisch wirkt es auf mich deswegen trotzdem nicht, denn wäre es ein indisches Orakel-Set, wäre es bestimmt noch bunter*. Wahrscheinlich würde es auch glitzern und blinken. Möglicherweise wären die Karten auch aus Plastik und beim Öffnen der Schachtel würde ein Geräusch ertönen. Aber egal, denn wenn eine Europäerin die indischen Götter zu Rate zieht, kann das in meinen Augen eh nur eine Annäherung auf verschlungenen Pfaden sein. Einer meiner Pfade heißt Yoga. Ich übe Asanas, die nach indischen Göttern und Legenden benannt sind. Grund genug, neugierig zu sein, warum diese Yoga-Übungen nach Hanuman, Garuda und Nataraja benannt sind. Der andere Pfad heißt Tarot. Was passiert, wenn ich klassisches europäisches Kartenlegen mit indischen Götter-Karten verbinde? In meinem Fall nicht viel. Das liegt daran, das es den Karten im Gegensatz zum Tarot an innerem Zusammenhang mangelt. Jede Karte ist ein Solitär…

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Museumsbesuch – Fit fürs Museum – Rezension

Lust auf einen Ausflug mit der Kultursportgruppe? Fit fürs Museum – wie Museen Spaß machen „Fit fürs Museum“ von Andreas Blühm aus dem Hatje Cantz Verlag ist ein glücklicher Bibliotheksfund. So ganz werde ich die Systematik, nach der Bibliotheken ihre Bücher präsentieren, nie verstehen. Das macht aber nichts, denn es bereitet mir viel Vergnügen, planlos an den Regalen entlangzustreifen und zu warten, welches Buch mich anspringt. „Fit fürs Museum“ ist genau so ein Buch, das sich mir vorlaut in den Weg gestellt hat und „Lies mich!“ rief. So kam ich zu einer vergnüglichen Lesestunde. Kurzweilig, launig und amüsant ermutigt Andreas Blühm seine Leser, sich das Museum zu erobern. „Kommen Sie mit Familie oder in einer Gruppe, dann können Sie auch ausschwärmen und sich nach einer halben Stunde wiedertreffen un besprechen, welche Abteilung Sie sich in Ruhe vornehmen wollen. Aber dies sind nur Möglichkeiten. Es ist nämlich nicht verboten, bei Saal 1 zu beginnen und sich…

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Andreas Séché – Namiko und das Flüstern – Rezension

Namiko und das Flüstern - Roman von Andreas Séché

Japan, die Liebe und ein alter Traktor „Namiko und das Flüstern“ Ein junger Journalist recherchiert in Japan zum Thema Gärten. Er sieht die Pflanzen, er erkennt die Struktur der Gärten, doch er begreift sie nicht. Durch seine Zufallsbegegnung mit Namiko wird sich das ändern, denn durch sie lernt er, das Leben, die Liebe und Japan zu verstehen. Für Japan wird er am längsten brauchen. Um sich dem Phänomen Japan anzunähern reicht Neugier alleine nicht. In eine Japanerin verliebt sein erhöht sicherlich die Motivation. Doch letztlich führt das, was man im Zen als Anfänger-Geist beschreibt, zum Ziel: eine offene, nicht-wertende Geisteshaltung. Es ist ein weiter Weg für unseren durch und durch europäischen Helden, bis er in der Lage ist, in einem alten Traktor ein Symbol für Lebensfreude zu sehen. Ohne Namiko und ihre Art, japanische Gärten über eine Mauer zu betreten, hätte er noch nicht einmal den Eingang zu diesem Weg gefunden. „Namiko und das Flüstern“…

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Wut im Quadrat – Mannheim-Krimi – Rezension

L6, Spaghetti-Eis, der Waldhof und ein Mord ohne Leiche „Wut im Quadrat“ ist der erste Mannheim-Krimi von Olivia von Sassen. Ach Quatsch , von Alexander Emmerich. Autor und Hauptfigur kann man schon mal verwechseln, wenn man mit der Heldin eines Romans twittert, bevor man das Buch in den Händen hält. Aber Alexander Emmerich hat das so gewollt und seiner Prinzessin Livi, wie ihr Polizei-Kollege Moritz sie gerne nennt, viel Raum außerhalb des Buches gegeben. Den füllt sie nicht nur mit Werbung zum Krimi, sondern auch mit schönen Bildern von Mannheim. Oder verwechsel ich da schon wieder etwas? Nebenbei macht das Sonnenscheinchen Mannheim ein gutes Stück sicherer und löst innerhalb von drei Tagen ihren ersten Fall. Die Hauptrolle in einem Mannheim-Krimi spielt natürlich die Stadt selbst. Alexander Emmerich bindet die Mannheimer Geographie geschickt, präzise und stimmungsvoll in seinen Krimi ein. Mannheim ist keine schöne Stadt, aber eine Stadt mit schönen Ecken. Olivia von Sassen, die gerade…

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Marcel Anders-Hoepgen – Yoga jeden Tag neu – Rezension

„Eine gute Yogastunde dauert 90 Minuten“ war jahrelang mein Credo, denn in diese Zeitspanne passen Anfangsentspannung, Atemübungen, eine ausgewogene Abfolge von Vor- und Rückbeugen und eine abschließende Meditation. Auch heute noch bevorzuge ich diese Form des Übens. Aber ich habe dazu gelernt: Yoga ist so vielfältig wie das Leben der Menschen. „Yoga jeden Tag neu!“ von Brahmadev Marcel Anders-Hoepgen aus dem Systemed Verlag ist für mich ein neuer Ansatz. Er löst Yoga aus dem starren Übungsschema und bietet einen reichhaltigen Fundus für kleine Übungen. Damit sind keine Übungen für zwischendurch gemeint, sondern es handelt sich um ein achtsam auszuführendes Kurzprogramm. Ist das Yoga? Kann so etwas Kurzes funktionieren? Ich habe es getestet und festgestellt, das es sich wirklich wie Yoga anfühlt. Es ist sozusagen ein „Yoga der kleinen Schritte“. Statt sich 90 Minuten vorzunehmen und am Ende des Tages gar nichts gemacht zu haben, übt man bei diesem Konzept ein bis drei einzelne Asanas. So hat der…

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Simone Dalbert – Papiergeflüster – Aus dem Leben einer Buchhändlerin – Rezension

So isses – genau so: Aus dem Leben einer Buchhändlerin Simone Dalbert bloggt als Papiergeflüster, facebooked als Buchhandlung Schöningh, twittert als Buchgeflüster und schreibt in ihrem wunderbaren Stil Erlebnisse aus dem Alltag einer Buchhändlerin auf. Diese Freude am Kommunizieren führte dazu, das sie jetzt ihr eigenes Buch verkaufen kann. „Papiergeflüster – Aus dem Leben einer Buchhändlerin“ enthält Anekdoten und Liebenswertes aus dem Berufsalltag und ich kann nur bestätigen: so isses! Genau so. Vom Schaufenster-Yoga bis hin zu dem loriot-haften „Das Buch war rot!“ habe ich alles schon so erlebt. Ein Klassiker des Buchhändlerlebens sind die Mißverständnisse am Abholfach. Am Tag der Bestellung weiß der Kunde den Autor nicht; wenn er das Buch abholen möchte, nennt er stolz den Autorennamen, dabei liegt das Buch auf den Namen des Kunden zurück. Ihre sehr schöne Sammlung möchte ich um zwei Dialoge ergänzen: „Auf welchen Namen haben Sie das Buch bestellt?“ „Auf meinen“ Noch schöner war folgende Antwort: „Auf Meier.“ „Und wie schreiben…

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