Mein Recht auf Stadt: Platz nehmen gegen eine Architektur der Verachtung

Dass mich dieses Buch überfordern wird, hatte ich eingeplant. Architektur, Stadtplanung und Soziologie sind Fachrichtungen. Ich bin nicht vom Fach. Aber ich lebe in einer Stadt und ich frage mich schon länger, warum ich manche Viertel als lebendig und lebenswert erfahre – und andere nicht. Das ich mir damit schon Gedanken über „Mein Recht auf Stadt“ mache, wusste ich nicht. Beim Lesen galt es, zwischen all der Fachsprache und den flammenden Plädoyers gegen Konzepte, die ich nicht kannte, Anknüpfungspunkte an meine Erfahrungen zu finden. Warum empfinde ich die Reißbrettsiedlung Mannheim-Vogelstang als eher lebenswerten Vorort, den nach ähnlichen Prinzipien gestalteten Emmertsgrund bei Heidelberg (siehe Foto) nicht? Weshalb erscheint mir die Bebauung mit hochpreisigen Wohnungen direkt am Wasser in den Stadtteilen Jungbusch und Luzenberg wie ein Faustschlag gegen die ursprünglichen Bewohner? Wie ein „Die schönsten Plätze gehören uns, ihr kommt hier nicht rein?“ Nach der Lektüre von Mickaël Labbés „Platz nehmen. Gegen…

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Jäger und Sammler: 12 Monate fernab vom Supermarkt

Wer „Mein Jahr als Jäger und Sammler“ von John Lewis-Stempel lesen möchte, sollte das Wort Jäger im Buchtitel ernst nehmen. Sehr ernst. John Lewis-Stempel beschließt, zwölf Monate lang von dem zu leben, was seine eigenen 16 Hektar hergeben. Farmland mit Hecken, Weiden, Wäldern und einem Fluss. Mit Enten, Eichhörnchen, Fasanen. Mit Löwenzahn, Gänsefuß, Bärenklau. Wildäpfeln, Brombeeren, Schlehen. Für diese Lebensweise braucht es Wissen, Geduld und die Bereitschaft, Hunger auszuhalten. Er bringt all das mit und packt noch Hartnäckigkeit obendrauf. Über allen Seiten schwebt ein Banner „Don’t try this at home – und schon gar nicht mit einem Selbstversorgergarten. Ohne Jagdschein und die Fähigkeit, Tiere zu häuten, zu rupfen, auszunehmen kommst du hier nicht weit.“ Sinnkrisen und Schlehenwein: Die Hintergründe des radikalen Experiments Was treibt einen Menschen zu so einem radikalen Selbstexperiment? Eine Sinnkrise. Neugier. Gute Grundlagenkenntnisse. Und die Tatsache, dass man sich mit Kauf und Renovierung der Farmhaus-Ruine gründlich übernommen…

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Lesen ist Teilhabe: Anne Frank in einfacher Sprache und super lesbare Bücher

Lesen ist Teilhabe an der Welt. Romane und Biografien ermöglichen es uns, uns in andere Menschen hineinzudenken und zu fühlen. Sachbücher und Ratgeber vermitteln Wissen und helfen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Doch was ist, wenn Menschen nicht gut lesen können? Für die Leseförderung von Kindern wurden schon viele gute Ideen entwickelt. Eine der schönsten ist für mich das Konzept der Buchreihe „Super lesbar“ aus dem Beltz Verlag. Stellt euch einfach ein 10-jähriges Kind vor, das, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Lesen hadert. Das Material für Grundschüler wird dieses Kind kaum zum Lesen üben motivieren, denn das ist ja wohl für Babys. Genau hier setzen die Bücher aus der Reihe „Super lesbar“ an. Sie erzählen Geschichten, die zum Alter passen, in einer Sprache, die zu den tatsächlichen Lesefähigkeiten passt. In dem Fall eine Story für 10-Jährige, erzählt in Sätzen, die der Lesekompetenz von jüngeren Kindern entspricht. Also Bücher, die…

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Versuchen Sie’s mal mit Schreiben! Oder mit bloggen

Es hat seine eigene Ironie, dass ich dieses Buch exakt dann ausgelesen hatte, als meine Blog-Flaute begann. In „Versuchen Sie’s mal mit Schreiben!“ geht es um genau das, was ich in der Phase gebraucht hätte: Schreiben als Weg, als Tool, um Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten, als nahezu therapeutisches Werkzeug – ohne dabei die Kreativität und den Spaß am Tun aus den Augen zu verlieren. Aber ich kam nicht mehr zum Schreiben. Selbst wenn ich ein Zeitfenster gefunden hätte, ich hätte es nicht gekonnt. Doch weil ich den Schreibratgeber von Alexandra Peischer zuvor gelesen hatte, wusste ich sehr genau, was mir fehlt. Vor allem war klar, dass ich mir das Bloggen zurückholen werde, weil mir sonst ein wichtiger Ausgleich fehlen würde. Es ist nur eine Phase, Hase. Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage. Schreiben – denn Stricken ist keine Alternative Andere stricken – ich schreibe. Dabei wird mein…

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Geteilte Nächte: Erotiken des Surrealismus

Es hat immer seinen ganz eigenen Reiz, Männer zu beobachten, die um ihre Schwanzspitze kreisen. Damit könnte ich meinen Blog-Beitrag zu „Geteilte Nächte – Erotiken des Surrealismus“, diesem eigenwilligen Lesevergnügen, bereits beenden. Auch wenn Quickies reizvoll sein können wäre das selbst für mich zu kurz. Da geht es also schon los. Obwohl Frauen in den erotischen Fantasien der surrealistischen Männer erstaunlich wenig präsent sind – häufig nur als einzelne Körperteile, Erfüllungsgehilfinnen oder ferne Sehnsucht – wecken die Miniaturen auch bei einer Leserin Assoziationen. Manche davon werden privat bleiben. So, wie auch manches aus diesem Büchlein besser privat geblieben wäre. Aber die Träume und literarischen Versuche wurden nun mal ausgebreitet. In seltenen Momenten entstand dabei Poesie oder Texte, die nachhallen. Doch das war ja auch nie die Absicht. Das Beste, was man meiner Meinung machen kann, ist, das Büchlein als Einladung zu betrachten, selbst wild und frei zu assoziieren und zu…

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Ace in Space: Wenn das Buch eine Playlist braucht

Ich tue es schon wieder und beginne diesen Blog-Beitrag mit einem großen „Ich“. Tun wir Buch-Bloggerinnen angeblich so gerne. Ich lese auch meist mit dem Smartphone griffbereit in der Nähe. Noch so ein Klischee. Aber bei diesem Buch war es zwingend nötig, denn es verlangte nach Musik. Schmutziger Rock für die Szenen, die im Lager der Weltraumpiloten-Gang spielten. Trotz des Buchtitels „Ace in Space“ habe ich mich nicht für Motörhead, sondern für Nashville Pussy entschieden. Ich brauchte was mit Frauenpower, das gut zu der Queen der Gang passte, der deutlich anzumerken ist, dass sie schon länger wild und frei lebt. Heldinnen im (nahezu) Rentenalter sind selten. Ich habe sie gefeiert.Abgespaceten Techno bitte für die Flüge durchs Wurmloch. Etwas mit Weltmusik-Anklängen für die Siedler, die mit Selbstversorgung und Handel versuchen, sich ein minimalistisches, aber gutes Leben aufzubauen. Dann brauchen wir noch Musik mit Wumms für Luftkämpfe und Flug-Stunts. Und was nehmen…

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Die Bücher, der Junge und – Leipzig!

Ach Leipzig. Allein die Beschreibungen des Graphischen Viertels Leipzig sind für mich ein guter Grund, Kai Meyers „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ zu lieben. Um 1930 gab es dort über 2000 Betriebe rund ums Buch: Druckereien, Buchbinder, Antiquariate und Buchhandlungen. Darunter Manufakturen und kleine Handwerksbetriebe, aber eben auch Produzenten von Massenware und Industriebetriebe. Menschen, die von der Liebe zum Buch angetrieben werden, genauso wie solche, für die Bücher ein Werkzeug der Propaganda sind. Was mich zum zweiten Grund führt, das Buch von Kai Meyer ins Herz zu schließen: Es zeigt auf vielen Ebenen, was phantastische Literatur kann. Natürlich ermöglicht uns phantastische Literatur, in unbekannte Welten einzutauchen. Doch dass das nicht nur Flucht ist, sondern auch ein Weg, unsere Gegenwart besser zu verstehen, zeigt Kai Meyer eindrücklich. Er verbindet Phantastik mit Zeitgeschichte – und das gleich auf zwei Zeitebenen. Wie konnte das passieren? Und warum hörte es nie auf?…

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Knochenblumen und eine Liebeserklärung an kleine Verlage

Stell dir vor, du bist ein Teenie mit einem einzigartigen Talent. Nein, nicht die Sorte Talent, von der wir alle mit 16 überzeugt haben, dass wir (und nur wir) diese Begabung haben. Sondern etwas wirklich gewaltig Großes: Magie. Die aber in der Gesellschaft, in der du lebst, nicht anerkannt ist. Weswegen dich deine Eltern mit Medikamenten herunter dämpfen, so dass du nie die Chance hattest, die zu sein, die du bist. Wem jetzt der Begriff neurodivergent im Kopfkino erscheint, liegt nicht ganz falsch. Aber: Das ist bei weitem nicht das einzige Thema, das Eleanor Bardilac in ihrer Dilogie „Knochenblumen welken nicht“ und „Knochenasche rottet nicht“ behandelt. Ihr Debüt ist ein Urban-Fantasy-Gothic-Coming-of-age-Krimi-Bastard. Eine Straßenkötermischung, die ich trotz aller Verhaltensseltsamkeiten ins Herz schließen musste. Im ersten Band erleben wir ein Gewächshaus voller magischer Pflanzen, einen kleinen Affen, der aus moosbewachsen Knochen besteht und doch sehr lebendig ist. Eine zarte, unerfüllte Liebe zwischen…

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Wie wird Landschaft sichtbar? Durch Spaziergangswissenschaft!

Es gibt Bücher, die würde ich mir im Leben nicht kaufen. Ganz einfach, weil ich von ihrer Existenz gar nichts weiß. Wer mir und meinen Lese-Vorlieben schon länger folgt, ahnt, wie perplex ich ob dieser Aussage bin. Ich bin eine Kreuz-und-quer-Leserin und ich schätze die Arbeit kleinerer Verlage sehr. Aber das Buch „Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt, erschienen im Martin Schmitz Verlag, war mir noch nie begegnet. Zum Glück habe ich einen sehr guten Freund, der dieses Buch in der Karl Krämer Fachbuchhandlung entdeckt hat. Sein erster Gedanke war anscheinend „Spaziergangswissenschaft? Dagmar!“, wozu sicherlich unsere gemeinsamen Instawalks beigetragen haben. So wurde aus dem Buch ein Geburtstagsgeschenk für mich – was für ein glücklicher Zufall! Kann ich von einem Buch begeistert sein, an dem ich sehr lange gelesen habe, weil es sich zwischendurch zog? Ich kann, denn diese Essays waren nie als Buch geplant. Es ist eine…

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Londoner Monster-Maulwürfe und britisches Landleben: Fantasy von Mark Hayden

Wer hat den Göttern Handys gegeben und was ist im Londoner Abwasser, dass ein Riesenmaulwurf entstehen konnte? Wie bitte kommt ein ehemaliger Kampfjet-Pilot, der direkt aus einem Thriller von Tom Clancy entsprungen sein könnte, in einen Fantasy-Roman? Ist es noch Urban Fantasy, wenn zwar die Tunnel unter London ein wichtiger Schauplatz sind, die andere Hälfte der Handlung aber auf dem Land spielt? Und gibt es in dieser Geschichte irgendetwas, was einfach normal abläuft? Nein, gibt es nicht. Anders gesagt: Ich hatte nicht nur wegen des schrägen Humors viel Spaß mit „Die 13. Hexe – Königswacht 1“ von Mark Hayden. Das Buch gleicht einem wilden Ritt durch sämtliche Spannungs- und Phantastik-Genre und streift außerdem auch Witchcore und Cottagecore, die Londoner Finanzwelt, Harry Potter und was weiß ich noch alles. Dabei offenbart der Autor die Hintergründe seiner Figuren in ganz kleinen Informationshäppchen, was zu herrlichen Überraschungen führt. Allein mit der Familienkonstellation oder…

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Einer der Pfauen war verrückt geworden

„Ich hätte gerne „Der Pfau“ von Isabel Bogdan. Aber bitte im englischen Original.“. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich diese kleine Szene schon längst in einer deutschen Buchhandlung zugetragen hat. Die Krimi-Komödie „Der Pfau“ wirkt so durch und durch britisch, dass es doch gar nicht sein kann, dass es sich hier um ein deutsches Buch handelt. Ein heruntergekommener Landsitz, der mit mehr Liebe als Geld halbwegs in Schuss gehalten wird. Der Zusammenhalt in einem Dorf in den schottischen Highlands. Alte Damen, die sich zum Tee treffen. Einfach alles, was wir mit dem Miss-Marple-High-Tea-Krimi-England verbinden, findet seinen Platz in diesem Buch. Gleichzeitig wird genau diese Vorstellung ganz subtil ironisch kommentiert. Was dazu führt, das in meinem Umfeld jede Leserin diese Geschichte in ihr Herz geschlossen hat – wenn auch aus unterschiedlichen, generationen-übergreifenden Gründen. Die eine amüsiert sich über die Teambuilding-Maßnahme der Investment-Banker, die andere über die überdrehte Dosis British-Cosy-Crime und…

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Wandern bei Nacht. Was wir in der Dunkelheit erleben können

Das Leuchten schneeweiß blühender Obstbäume in der Nacht, das unverschämt laute Schmatzen eines Igels: Nachts verändert sich jeder Garten. Doch ich erlebe das meist nur vom Fenster. Ganz anders der Autor John Lewis-Stempel. Er nutzt Anfälle von Schlaflosigkeit, zieht nachts mit seinem Hund los und lässt uns in „Wandern bei Nacht. Was wir in der Dunkelheit erleben können“ mit nahezu poetischen Miniaturen daran teilhaben. Mehr als einmal vergaß ich, weiter zu lesen, denn sein wunderbarer Schreibstil verführte mich, in eigenen Erinnerungen spazieren gehe. Ich sah wieder die Eule auf einer Plakatwand im Industriegebiet sitzen. Ich hatte sie entdeckt, als ich von einer Kneipentour zurück radelte. Oder die verstörende Geräusche, die mich letzten Sommer geweckt hatten. Es klang, als würde jemand schwer arbeitend den Garten umdekorieren. Tatsächlich lagen am Morgen einige Steine rund um den kleinen Gartenteich nicht mehr an ihrem Platz. Trotzdem dauerte es noch Wochen, bis wir begriffen, dass…

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