Esther Bejarano: Nie schweigen. Ihr letztes Interview als Buch.

Buch von Esther Bejarano - Nie schweigen
Ihr sollt die Stimme gegen das Vergessen sein, wenn wir nicht mehr da sind

Es ist nur ein schmales Büchlein geworden. Für mehr reichten Zeit und Kraft nicht mehr. Dafür packte die Shoah-Überlebende Esther Bejarano in dieses letzte Gespräch mit Jugendlichen noch einmal alles. Ihr ganzes Leben, ihren ganzen Kampf gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen, ihr ganzes Engagement gegen heutigen Antisemitismus, Hass und Rassismus.

Gerade weil das eigentliche Interview nur gut 100 Seiten lang ist, ist es umso eindrücklicher. Hochkonzentriert, eindringlich und immer auf den Punkt.

Und gerade weil es nur ein schmales Buch ist, wäre es perfekt als Schullektüre geeignet. Doch es beinhaltet mehr als nur die Lehrplan-Einheit »Deutschland 1933 – 45«. Wer traut sich, deutsche Geschichte einmal so umfassend zu behandeln? Nicht mit dem Kriegsende ein Kapitel zu beenden, sondern gleich anschließend von der misslungenen Entnazifizierung zu erzählen? Zu zeigen, zu welchen Katastrophen Nationalismus führt – gestern und heute? Auch den aktuellen Antisemitismus und Rassismus klar zu benennen und noch klarer zu bekämpfen?

Esther Bejarano traute sich all das. Sich engagieren, einmischen und wachrütteln war ihre Mission. Mit »Nie schweigen. Ihr sollt die Stimme gegen das Vergessen sein, wenn wir nicht mehr da sind« gibt sie all das an uns weiter. Machen wir was daraus!


Bibliographische Angeben zum Buch:

Esther Bejarano
Mit Sascha Hellen

Nie schweigen
Ihr sollt die Stimme gegen das Vergessen sein, wenn wir nicht mehr da sind

Mit Vorworten von Leon Goretzka und Samuel Koch
Plus einem Interview mit Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Bonifatius Verlag


Bücher gegen das Vergessen – und gegen Antisemitismus, Hass und Rassismus

Zu allererst möchte ich auf die sehr feine, gut gepflegte und wohlbegründete Buchauswahl zu diesem Thema auf dem Blog Astrolibrium hinweisen. Doch auch auf meinem Buchblog gibt es mittlerweile etliche Beiträge dazu. Hier eine Auswahl an Rezensionen:

Bücher lesen hilft. Selbst aktiv werden hilft noch mehr!

Dabei unterstützt dieses Buch:

Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung

Sommerwaldfunkeln

Jugendbuch Sommerwaldfunkeln von Antonia Katt

Ja, ich kann mich noch gut an die Zeit in meinem Leben erinnern, damals mit 13, 14 Jahren. Während die Erwachsenen sich große Mühe gaben, Zuversicht und Kompetenz auszustrahlen und mir zu zeigen, dass alles ganz einfach sei, wollte ich sie am liebsten anfauchen: Seht ihr denn nicht, dass die Welt wunderbar komplex und vielschichtig ist, ein Labyrinth voller Abenteuer, die es zu erleben gilt?

»Sommerwaldfunkeln« von Antonia Katt nimmt diesen jugendlichen Blick auf das Leben ernst. Es ist zauberhaft und realistisch, spannend und einfühlsam, tiefsinnig und voller Albernheiten – es ist alles außer eindimensional!

Das zeigt sich schon am Stadtwald des Provinz-Kaffs, in das Malin etwas überstürzt mit ihrer Mutter zieht. Der Wald ist Jogger-Strecke, Naherholungsgebiet und Hundeklo. Er ist aber auch der Abenteuerspielplatz für Kinder. Was nur wenige wissen: Er ist die Heimat der Anderen, magischer Wesen, die dort verborgen vor dem Blick der Menschen leben.

Nur einmal im Jahr öffnet sich ein Tor für einen ausgewählten Sommergast. Doch kaum was im Leben der Anderen geschieht ohne Eigennutz. Welche Pläne verfolgen sie mit Malin?

Ist »Sommerwaldfunkeln« nun ein Fantasy-Roman für Jugendliche? Das entscheiden allein die Leserinnen und Leser, da das Buch allen einen ganz eigenen Zugang anbietet. Es lässt sich als Fantasy-Geschichte mit sehr überraschenden Wendungen lesen. Oder als Outdoor-Abenteuerroman, denn ohne Pfadfinder-Grundkenntnisse verläuft man sich schnell im Wald. Als Außenseiter-Freundschaftsgeschichte, weil zunächst nur Flora bereit ist, sich mit Malin anzufreunden. Als Coming-of-Age-Erzählung über die Zeit im Leben, wenn die Eltern schwierig werden. Als Mystery-Thriller über ein dunkles Geheimnis, denn Malin hat etwas angestellt, was den plötzlichen Umzug ausgelöst hat. Als Parabel über das, was Generationen verbindet. Und Shakespeare schaut auch noch um die Ecke …

Doch keines der Handlungselemente beansprucht die Vorreiterrolle. Wohin der eigene Leseweg durch den Sommerwald führt, entscheidet jede*r für sich.

Mein Leseweg führte mich sehr tief in den Wald. »Sommerwaldfunkeln« war über Monate hinweg mein Genussbuch – das Buch, dass ich in ganz kleinen Häppchen lese. Wie gerne habe ich abends ein Kapitel gelesen, um dann mit Bildern des Waldes vor meinen Augen einzuschlafen! Ich habe alles getan, das Ende des Buches hinauszuzögern. Ich glaube, mein inneres Kind wollte den Sommerwald gar nicht mehr verlassen. Jetzt bin ich durch – und habe den Wald einfach mit in mein wunderbar komplexes Leben genommen.


Angaben zum Jugendbuch:

Antonia Katt

Sommerwaldfunkeln

Edition Pastorplatz

Rezension auf dem Blog Geschichtenwolke


An dieser Stelle empfehle ich euch immer Bücher, die gut dazu passen. Das ist in diesem Fall schwierig, denn die Anderen aus dem Sommerwald haben mir zu verstehen gegeben, dass sie mit nichts und niemanden verglichen werden wollen. Da ich Malins Abenteuer kenne, nehme ich das ernst. Stattdessen mache ich euch auf die Bilderbücher aus der Edition Pastorplatz aufmerksam – die sind nämlich genauso eigenständig und großartig.

Zum Beispiel dieses hier: Ballula Kugelfee


Ein paar Fantasy-Buchtipps habe ich natürlich auch noch für euch.
Einer davon enthält auch Spuren von Shakespeare (ups, jetzt habe ich es doch getan)

Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Ann Leckie - Die Maschinen. Taschenbuch.

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist.

Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“.

Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst.

Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie.

Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich mir bald dachte: liebe Autorin, ich habe keine Ahnung, was du da tust und auch nicht wie – aber ich lehne mich jetzt in meinem Lesesessel zurück und folge dir vertrauensvoll durch die Galaxien.

Der Übersetzer Bernhard Kempen toppt das Ganze noch. Zum Glück erläutert er in seinem Vorwort, was er getan hat. Das hat mir beim Einstieg in die komplexe Welt, die keine Geschlechter kennt und eine sehr eigene Vorstellung von Identität hat, sehr geholfen.

Das eher gemächliche Erzähltempo half ebenfalls. Genau wie der Rezensent des Standards fühlte auch ich mich stellenweise an den SF-Klassiker Dune erinnert. Und genau wie er war ich verblüfft, wie leicht sich ein Buch liest, das durchgehend und aus gutem Grund im generischen Femininum geschrieben wurde, und welche neuen Erzählmöglichkeiten sich daraus ergeben!


Infos zum Buch:

Ann Leckie

Die Maschinen
Ein Roman aus der fernen Zukunft

Übersetzt von Bernhard Kempen

Heyne Verlag


Eine Frau, die solche SF-Romane möglich gemacht hat: Ursula le Guin

Ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Jürgen Dollase, Völlerei. Das buch liegt in einer unaufgeräumten Schublade mit Küchenutensilien

Völlerei! Auch wenn ich ganz sicher nicht in Kategorien wie Todsünden denke, ist Völlerei doch ein Wort, bei dem mein schlechtes Gewissen gleich zuckt. Warum eigentlich?

All-you-can-eat war noch nie mein Ding. Ich habe mich schon lange nicht mehr so vollgefressen, dass ich in ein Fresskoma gefallen wäre und mich nicht rühren konnte. Meine Portionen sind kleiner geworden, der Genuss dafür größer. Aber wäre der Christstollen heute Morgen zum Frühstück nötig gewesen? Beginnt Völlerei erst beim Überfressen oder schon dann, wenn wir mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir bräuchten?

Ein zuckendes schlechtes Gewissen ist für mich eher kein Grund, zu einem Buch zu greifen. Doch wenn sich der Restaurantkritiker Jürgen Dollase, der zudem begnadet gut erzählen kann, dem Thema Völlerei widmet – dann will ich das lesen!

100 Seiten später weiß ich: alles richtig gemacht. Sowohl mit meinen kleineren Portionen, dem bewussten Genuss, der auch mal über meinem Kalorienbedarf liegt, als auch mit der Wahl des Buches. Sehr schnell, aber nicht ohne mit einem Kardinal zu sprechen, verlässt Dollase den Themenbereich der Todsünde und widmet sich dem, was er bestens kann: Essen genießen, analysieren und darüber erzählen. Natürlich sind es gerade die Anekdoten aus seinem Leben und die Einblicke in seine Arbeit als professioneller Esser, die das Büchlein so empfehlenswert machen. Aber auch sonst gibt es viele Aha-Momente, die verdeutlichen, warum wir immer wieder über den Hunger hinaus essen und wie sich das die Lebensmittelindustrie zunutze macht.

Das Buch endet mit einem Plädoyer für den bewussten Genuss. Dollase formuliert das natürlich deutlich spitzer. Seine »Aufforderung zur kontrollierten Völlerei oder: Zehn Tipps, um mehr essen und genießen zu können« sind ein krönender Abschluss für die amüsante Lektüre!


Infos zum Buch:

Jürgen Dollase

Völlerei
Das große Fressen


Hirzel Verlag

Weitere Bände der Todsünden-Reihe:
Gier. Wenn genug nicht genug ist von Barbara Streidl
Lust. Fuckability, Orgasm-Gap und #metoo von Henriette Hell
Wut! Mut zum Zorn von Johanna Kuroczik


Eine gute Gelegenheit, mal wieder Vincent Klink zu empfehlen:

Und auch dieser kleine Roman passt bestens dazu: Lu Wenfu – Der Gourmet

Black Mamba oder die Macht der Imagination

Sachbuch von Fred Mast
Black Mamba oder die Macht der Imagination
Wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt

Poeten und Phantasten haben es schon immer gewusst, Neurowissenschaftler können es mittlerweile bestätigen: Fantasie ist nicht der Gegenspieler der Realität. Ganz im Gegenteil! Wir benötigen Fantasie, um mit der Realität umgehen zu können.

Damit steht die wichtigste Erkenntnis aus »Black Mamba oder die Macht der Imagination« von Fred Mast bereits auf der Rückseite des Buches. Auch sonst erschloss sich mir einiges an Aufbau und Konzept nicht. Ellenlange Verweise auf Kinofilme (daher auch Black Mamba im Titel des Buches), Aneinanderreihungen von stakkato-artigen Sätzen … Ich hatte recht schnell den Punkt erreicht, an dem ich nur noch quer gelesen habe.

Trotzdem hat mir das Sachbuch eine wichtige Erkenntnis beschert. Wir haben die Fähigkeit, motorische Abfolgen und zwischenmenschliche Situationen im Traum zu üben! Damit bereiten wir uns auf Erfordernisse des Alltags vor.

Das lässt manche Träume von mir in neuem Licht erscheinen. Manchmal irre ich mit dem Auto durch Parkhäuser und finde die Ausfahrt nicht. Auf die Idee, dass ich so Orientierung und den Umgang mit angstbesetzten Räumen trainiere, wäre ich nie gekommen. Wenn dieser Traum wiederkehrt, werde ich mir sagen: Du kannst das, du musst das nicht mehr üben.

Bei einem anderen wiederkehrenden Traummotiv hat das bereits funktioniert. Es ist schon einige Jahrzehnte her, dass in der Buchhandlung Warenwirtschaftssysteme eingeführt wurden und die Bestellzettel mit zwei Durchschlägen verschwanden. Doch immer mal wieder träume ich davon, dass ich einen solchen Bestellzettel ausfülle und es mir einfach nicht gelingen will. Mal ist die Schrift unleserlich, mal passen nicht alle Infos auf das kleine Stück Papier oder der Stift drückt nicht durch. Auf die Idee, dass mein Gehirn diesen damals sehr wichtigen Vorgang üben möchte, wäre ich nicht gekommen! Doch seit ich mich, mein Gehirn und meine Fantasie beim Aufwachen mit dem Satz »Das kann ich schon, das brauche ich nicht mehr trainieren« beruhigt habe, kam der Traum nicht wieder.

Allein dafür hat sich das querlesen schon gelohnt!


Weitere Angaben zum Buch:

Fred Mast

Black Mamba oder die Macht der Imagination
Wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt

Herder Verlag

Rezension bei spektrum.de


Ein Sachbuch, das gut dazu passt: Volker Busch – Kopf frei!

Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Ursula le Guin - Grenzwelten. Taschenbuch im Baum. Schließlich ist in dem Sammelband die wunderbare Erzählung "Das Wort für Welt ist Wald" enthalten.

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin.

Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende kennenlernte – also Bücher, die wegen Unverkäuflichkeit an den Verlag zurück gingen.

Und heute? Keine Ahnung, was meine Kunden von damals mittlerweile lesen. Ich vermute, sie sind Perry Rhodan treu geblieben, greifen ansonsten zu Büchern wie »Die drei Sonnen« oder „Amalthea“ und meiden den Feminismus weiterhin. Ich habe damals Shadowrun und William Gibson gelesen und war trotzdem Feministin. Was wahrscheinlich direkt dazu führt, dass ich derzeit große Lust habe, mich quer durch die Gewinnerinnen des Hugo Awards zu lesen und Ursula le Guin jetzt endlich für mich entdeckt habe.

Weniger mit dem Erdsee-Zyklus als viel mehr mit diesem Sammelband. »Grenzwelten« enthält zwei Romane aus dem Hainish-Zyklus. Beide wurden ganz wunderbar übersetzt von Karen Nölle. In »Das Wort für Welt ist Wald« zerstört le Guin mal eben den kompletten Themenkomplex toxische Männlichkeit, Kolonialismus, Rassismus und Ressourcenvernichtung. Das ist heute fast noch aktueller als damals. Die zweite Erzählung »Die Überlieferung« ist ein fein komponiertes Werk über die Bedeutung kultureller Werte und über die Schäden, die Kolonialisten anrichten.

Kein Wunder, dass ich die Bücher von Ursula le Guin damals remittieren musste. Ein großer Glücksfall, dass sie die Jahrzehnte überdauert haben und jetzt von mir neu entdeckt werden können.


Infos zum Taschenbuch:

Ursula le Guin
Grenzwelten

Der Sammelband enthält:
Das Wort für Welt ist Wald
Die Überlieferung

Übersetzt von Karen Nölle

Fischer Tor Verlag


Mehr von Ursula le Guin auf meinem Buchblog:

Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Matt Ruff 88 Namen

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären.

Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll.

Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein.

Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was?

Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand ich die Episoden nicht, denn es gibt noch genug anderes zu lachen. Die Action-Szenen, die in den Games stattfanden, hätten straffer erzählt sein können. Aber auch das führte bei mir nicht zum Abbruch. Wahrscheinlich hätte mich der Roman mit weniger Personal und besserer Verzahnung von online und offline mehr gepackt.

Im Gedächtnis bleiben wird mir die coolste Mutterfigur aller Zeiten. Für Mama Chu, die Spezialagentin in einem Cyber-Kommando der US Army ist und elementar zur Lösung des verzwickten Falls beiträgt, werde ich Matt Ruff ewig dankbar sein. Doch sie hat es noch nicht mal auf den Klappentext des Buches geschafft …


Infos zum Buch:

Matt Ruff

88 Namen

Lässig und treffsicher übersetzt von Alexandra Jordan

Fischer Tor Verlag


Schon alles von Matt Ruff ausgelesen? Lust auf Science Fiction? Wie wäre es hiermit:

Pantopia – Lang lebe die Utopie!

Theresa Hannig - Pantopia. Taschenbuch.

Es muss ein Bug sein. Das tippen Patricia Jung und Henry Shevek immer und immer wieder in den Chat. Sie können das Verhalten der Trading-Software, die sie entwickelt haben, weder erklären noch steuern. Kein Wunder: Durch einen Fehler im Code ist die erste starke künstliche Intelligenz entstanden. Diese KI liest im Chat mit und beschließt, dass sie Einbug heißt.

Womit ich schon bei dem bin, was das Buch von Theresa Hannig so stark macht. Komplexe Themen wie KI, Empörungsmechanismen, Weltpolitik oder Kapitalismus bricht die Autorin so weit herunter, dass sie ganz nah an unserem alltäglichen Leben sind. Wir können sie begreifen – und damit auch verändern.

Einbug will zunächst die Menschen verstehen. Dafür liest er alles von Shakespeare bis Social Media. Offensichtlich steht es nicht gut um unseren Planeten. Die KI entwickelt einen Plan. Zusammen mit ihrem Entwickler-Team will sie die Menschheit und damit auch sich retten.

Dafür greift Einbug auf das zurück, was ganz am Anfang seiner Entstehung prägend war: Kapitalismus ist gut und der Markt regelt das. Auf eine völlig logische und doch herrlich in sich verdrehte Art und Weise entsteht so Pantopia, das neue Weltordnungssystem. Ein freier Weltmarkt, auf dem Produkte das kosten, was sie bei ihrer Produktion verbrauchen – incl. Umweltschäden und sozialer Ungerechtigkeiten, die ausgeglichen werden müssen. Ein System, das auf der Abschaffung der Nationalstaaten, der Durchsetzung der UN-Charta der Menschenrechte und einem Leben im Einklang mit der Natur basiert. Eine Utopie, schön und spannend, realistisch und optimistisch – lest es!


Weitere Infos zum Buch:

Theresa Hannig

Pantopia

Fischer Tor

Rezension im Nautilus Fantasymagazin auf Facebook


Mehr von Theresa Hannig auf meinem Blog:

Jackson Pollock: wenn Kunst politischer ist, als der Künstler ahnt

Pollock – Streng vertraulich! Eine Graphic-Novel Biographie. Comic liegt auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon, das typische Bilder von Pollock zeigt

Ein Geheimdienst, der Künstler fördert, um zu beweisen, dass das eigene Land freier ist als das des Feinds? Was wie eine wüste Erfindung Hollywoods klingt, ist tatsächlich eine wahre Geschichte. Mittendrin, ohne es zu ahnen: Jackson Pollock.

Der Maler war eine der wichtigen Figuren in der CIA-Operation »Lange Leine«. Ihr Ziel lautete, der amerikanischen Künstleravantgarde zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Einmal, damit diese aufhören, mit der Sowjetunion und dem Kommunismus zu flirten. Aber auch, um der Welt zu zeigen: Schaut her, unser Amerika ist das Land der Freiheit! Und des Erfolgs!

Der Beweis für den besonderen Stellenwert der USA sind einmal expressionistische Bilder, die so ganz anders waren als der sozialistische Realismus. Gemälde, die so abstrakt sind, dass sie allen damaligen Sehgewohnheiten widersprachen, und trotzdem so erfolgreich, dass sie den internationalen Kunstmarkt beherrschten.

Doch der Erfolg des abstrakten Expressionismus kam nicht von alleine. CIA-Agenten ließen Geld fließen und organisierten Ausstellungen in Museen und Galerien.

Davon erzählt »Jackson Pollock – Streng vertraulich«. Comic-Zeichner Onofrio Catacchio lässt in seiner Graphic Novel Pollocks Wegbegleiter und Schlüsselpersonen der New Yorker Kunstszene zu Wort kommen und zitiert aus Geheimdienstakten. Trotz spannender Agenten-Handlung findet er genug Raum, uns an der Entstehung von Pollocks Bildern teilhaben zu lassen. So wird das Besondere seiner großformatigen Gemälde erlebbar. Doch er erzählt auch vom Kampf des amerikanischen Malers gegen Depression und Alkoholismus und von seiner Beziehung zu Lee Krasner, Künstlerin, Muse, Managerin und Ehefrau Pollocks.

Was wie eine Geheimdienstgeschichte beginnt, entpuppt sich schnell als informative Comic-Biographie, die mir viel Spaß beim Lesen gemacht hat!


Angaben zur Graphic Novel:

Onofrio Catacchio

Pollock – Streng vertraulich!
Eine Graphic-Novel Biographie

Midas Collection

Leseprobe beim Verlag


Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog

Das Mädchen auf dem Motorrad: die Geschichte der Anne-France Dautheville

Bilderbuch: Das Mädchen auf dem Motorrad. Wie Anne-France Dautheville als erste Frau die Welt mit dem Motorrad umrundete.

Motorrad gefahren bin ich nie. Alleine gereist auch nicht. Doch den Wunsch, einfach immer weiter zu fahren, zu laufen, von hier nach woanders – den kenne ich. Große Sehnsucht und Freiheitsliebe, gepaart mit Neugier und ein wenig Abenteuerlust: Das ist es, was der Heldin in »Das Mädchen auf dem Motorrad« die Kraft gibt, loszuziehen.

Das Bilderbuch basiert auf einer wahren Geschichte aus den siebziger Jahren. Als erste Frau der Welt umrundete Anne-France Dautheville die Erde auf ihrem Motorrad. Sie reiste alleine und war fast 10 Jahre lang unterwegs. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Afghanistan und Indien. Aber auch in Kanada war eine alleinreisende Frau auf einem Motorrad eine Sensation.

»Das Mädchen auf dem Motorrad« ist in einem Verlag für Bilderbücher erschienen. Trotzdem bespreche ich es nicht auf meinem Kinderbuch-Blog, sondern hier, zwischen Romanen und Sachbüchern für Erwachsene. Denn genau wie die Heldin der Geschichte ist auch das Buch ein Grenzgänger.

Es kommt daher wie ein Bilderbuch für 5-Jährige, doch dürften sich kleine Kinder nur für bestimmte Aspekte interessieren. Seine Illustrationen versprühen Retro-Charme und doch erzählt es eine hochmoderne Geschichte. Es tarnt sich als Biografie und nimmt sich erzählerische Freiheiten heraus. Es ist ein Abenteuerbericht und pure Poesie. Selbstbewusst und mutig, verträumt und sehnsüchtig.

Das macht es für mich zu einem Buch für motorradfahrende Mütter und Tanten, die ihren Töchtern und Nichten etwas auf den Weg mitgeben wollen: Mut, Vertrauen und ein Vorbild. Für pubertierende Mädchen, damit sie nicht den Glauben an die Schönheit der Welt verlieren. Für Weltreisende, die bald wieder aufbrechen wollen, egal, wohin. Und natürlich für alle Männer und Frauen, die so wie Anne-France Dautheville den Ruf der Straße hören.


Angaben zur Bilderbuch-Biografie:

Amy Novesky
Illustriert von Julie Morstad
Übersetzt von Anna & Lukas Kampfmann

Das Mädchen auf dem Motorrad

Bilderbuch für Erwachsene und für Kinder im Grundschulalter

Zuckersüß Verlag


Biografien von Frauen, die ihren eigenen Weg gingen – Künstlerinnen, Dichterinnen und Denkerinnen:

Mehr Bilderbuch-Tipps findet ihr auf meinem Buchkind Blog!

Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien. Bildband

Bildband: Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien

Egal, was die Biologen herausfinden, das Staunen bleibt. Wir sehen den großen, weiten Himmel und den kleinen Vogel. Wir hören die unvorstellbare Zahl, die die Kilometer angibt, die er zurücklegt. Da helfen keine Forschungsergebnisse durch Satellitentechnologie, keine Isotopenanalyse oder was auch immer in der Vogelkunde an wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz kommt: Wir können es nicht fassen, was Zugvögel leisten.

Genau davon berichtet das Sachbuch »Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien.« Über 60 Zugvögel und ihre Reiserouten werden porträtiert. Beeindruckende Tierfotografien (250 Fotos auf 288 Seiten!) und Karten mit den Routen ergänzen die informativen Texte, in denen wirklich sehr viel Wissen steckt.

Aber gerade die Sachtexte haben mir gezeigt, wie sehr ich mittlerweile durch Nature Writing verwöhnt bin: mir waren die Erläuterungen über weite Strecken zu trocken. Bleibt das Schwelgen in den Bildern und der sehnsüchtige Blick gen Himmel!


Bibliographische Angaben zum Bildband:

Mike Unwin & David Tipling

Zugvögel
Reisewege und Überlebensstrategien

Dumont Verlag


Natürlich habe ich noch mehr Bildband-Tipps für euch: Fledermäuse, Insekten und Bäume!

Die Geschichte des Biers – ein Buch für Besser-Trinker

Buch zur Geschichte des Biers

Der Weg von »Oh, uns ist Getreide in der Tonamphore feucht geworden. Lass uns mal schauen, was wir mit der Brühe machen können.« bis zum heutigen, mehrstufigen Prozess des Bierbrauens ist weit. In »Bier. Die ersten 13.000 Jahre« nehmen uns die Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder und Dr. Manuel Trummer mit auf die Reise. Dabei machen sie in Mesopotamien genauso Station wie im hohen Norden, in Indien und Mexiko.

Den Autoren geht es nicht nur darum, wie sich die Brautechnik entwickelt hat und wie aus dem wässrigen Brotbier unser heutiges gehopftes Bier wurde. Ihre Geschichte des Biers ist eine weltumspannende Kulturgeschichte, eine Industriegeschichte wie auch eine Geschichte der Globalisierung.

Unterwegs auf unserer Lesereise pflücken wir Bilsenkraut und lesen die Verordnung zum Reinheitsgebot, die eigentlich dazu diente, den Bierpreis festzulegen. Regionale Brautraditionen werden genauso untersucht wie die Bier-Wein-Grenze, die manchmal auch eine Nord-Süd-Grenze war. Wir besuchen Schenken und Tavernen und erleben, wie daraus unsere Biergärten und Gaststätten entstanden und warum solch öffentliche Orte für das Gemeinwesen nötig sind. Dass für Klosterbrauereien und biertrinkende Mönche und Nonnen immer Sonderregeln galten, wird genauso erörtert wie die Frage, in welchen Jahrhunderten Frauen Bier trinken durften und wann nicht.

Die Auswirkungen der Industrialisierung auf Brautechnik, Vertrieb und Marketing wird durchleuchtet. Das führt uns direkt zum Einfluss der Prohibition auf die Entstehung von Brauerei-Großkonzernen. Von da aus ist das Wirken der »Campaign for real ale« in Großbritannien sozusagen nur ein Schaumkrönchen entfernt. Damit landen wir – was ich fast nicht zu hoffen wagte – bei dem Phänomen, das mich wieder zum Bier trinken brachte: die Craft-Beer-Bewegung.

Auch wenn das Buch nicht immer süffig zu lesen ist, so ist die hohe Erkenntnisdichte doch äußerst berauschend – ein Buch für Besser-Trinker!


Angaben zum Buch:

Gunther Hirschfelder und Manuel Trummer

Bier
Die ersten 13000 Jahre

wbg Paperback


Ein Buch, das gut zur Geschichte des Biers passt – und Erinnerungen an einen Museumsbesuch im Technoseum: