Wie wird Landschaft sichtbar? Durch Spaziergangswissenschaft!

Es gibt Bücher, die würde ich mir im Leben nicht kaufen. Ganz einfach, weil ich von ihrer Existenz gar nichts weiß. Wer mir und meinen Lese-Vorlieben schon länger folgt, ahnt, wie perplex ich ob dieser Aussage bin. Ich bin eine Kreuz-und-quer-Leserin und ich schätze die Arbeit kleinerer Verlage sehr. Aber das Buch „Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft“ von Lucius Burckhardt, erschienen im Martin Schmitz Verlag, war mir noch nie begegnet. Zum Glück habe ich einen sehr guten Freund, der dieses Buch in der Karl Krämer Fachbuchhandlung entdeckt hat. Sein erster Gedanke war anscheinend „Spaziergangswissenschaft? Dagmar!“, wozu sicherlich unsere gemeinsamen Instawalks beigetragen haben. So wurde aus dem Buch ein Geburtstagsgeschenk für mich – was für ein glücklicher Zufall! Kann ich von einem Buch begeistert sein, an dem ich sehr lange gelesen habe, weil es sich zwischendurch zog? Ich kann, denn diese Essays waren nie als Buch geplant. Es ist eine Sammlung von Vorträgen, Interviews und Artikeln. Mit Wiederholungen ist daher zu rechnen. Was aber wiederum passt, denn auch unsere Spaziergänge wiederholen sich. Doch womit beschäftigt…

weiterlesen

Londoner Monster-Maulwürfe und britisches Landleben: Fantasy von Mark Hayden

Wer hat den Göttern Handys gegeben und was ist im Londoner Abwasser, dass ein Riesenmaulwurf entstehen konnte? Wie bitte kommt ein ehemaliger Kampfjet-Pilot, der direkt aus einem Thriller von Tom Clancy entsprungen sein könnte, in einen Fantasy-Roman? Ist es noch Urban Fantasy, wenn zwar die Tunnel unter London ein wichtiger Schauplatz sind, die andere Hälfte der Handlung aber auf dem Land spielt? Und gibt es in dieser Geschichte irgendetwas, was einfach normal abläuft? Nein, gibt es nicht. Anders gesagt: Ich hatte nicht nur wegen des schrägen Humors viel Spaß mit „Die 13. Hexe – Königswacht 1“ von Mark Hayden. Das Buch gleicht einem wilden Ritt durch sämtliche Spannungs- und Phantastik-Genre und streift außerdem auch Witchcore und Cottagecore, die Londoner Finanzwelt, Harry Potter und was weiß ich noch alles. Dabei offenbart der Autor die Hintergründe seiner Figuren in ganz kleinen Informationshäppchen, was zu herrlichen Überraschungen führt. Allein mit der Familienkonstellation oder mit dem kriminellen Vorleben der Hauptfigur könnte man eine Buch-Serie füllen. Insgesamt sehr erfrischend für Fantasy-Vielleser*innen, wenn auch ein gründlicheres Korrektorat dem Buch gutgetan hätte.…

weiterlesen

Einer der Pfauen war verrückt geworden

„Ich hätte gerne „Der Pfau“ von Isabel Bogdan. Aber bitte im englischen Original.“. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich diese kleine Szene schon längst in einer deutschen Buchhandlung zugetragen hat. Die Krimi-Komödie „Der Pfau“ wirkt so durch und durch britisch, dass es doch gar nicht sein kann, dass es sich hier um ein deutsches Buch handelt. Ein heruntergekommener Landsitz, der mit mehr Liebe als Geld halbwegs in Schuss gehalten wird. Der Zusammenhalt in einem Dorf in den schottischen Highlands. Alte Damen, die sich zum Tee treffen. Einfach alles, was wir mit dem Miss-Marple-High-Tea-Krimi-England verbinden, findet seinen Platz in diesem Buch. Gleichzeitig wird genau diese Vorstellung ganz subtil ironisch kommentiert. Was dazu führt, das in meinem Umfeld jede Leserin diese Geschichte in ihr Herz geschlossen hat – wenn auch aus unterschiedlichen, generationen-übergreifenden Gründen. Die eine amüsiert sich über die Teambuilding-Maßnahme der Investment-Banker, die andere über die überdrehte Dosis British-Cosy-Crime und die dritte über die Gags, die sie an die Film-Komödien ihrer Jugend erinnern. Alle miteinander haben das Buch vom ersten Satz an geliebt. Der lautet:…

weiterlesen

Wandern bei Nacht. Was wir in der Dunkelheit erleben können

Das Leuchten schneeweiß blühender Obstbäume in der Nacht, das unverschämt laute Schmatzen eines Igels: Nachts verändert sich jeder Garten. Doch ich erlebe das meist nur vom Fenster. Ganz anders der Autor John Lewis-Stempel. Er nutzt Anfälle von Schlaflosigkeit, zieht nachts mit seinem Hund los und lässt uns in „Wandern bei Nacht. Was wir in der Dunkelheit erleben können“ mit nahezu poetischen Miniaturen daran teilhaben. Mehr als einmal vergaß ich, weiter zu lesen, denn sein wunderbarer Schreibstil verführte mich, in eigenen Erinnerungen spazieren gehe. Ich sah wieder die Eule auf einer Plakatwand im Industriegebiet sitzen. Ich hatte sie entdeckt, als ich von einer Kneipentour zurück radelte. Oder die verstörende Geräusche, die mich letzten Sommer geweckt hatten. Es klang, als würde jemand schwer arbeitend den Garten umdekorieren. Tatsächlich lagen am Morgen einige Steine rund um den kleinen Gartenteich nicht mehr an ihrem Platz. Trotzdem dauerte es noch Wochen, bis wir begriffen, dass wir nachts einen Waschbären zu Gast haben. Zuverlässig führten mich meine Gedankengänge weiter zurück zu den Nachtwanderungen meiner Kindheit. Abends ging es mit den Eltern…

weiterlesen

Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist Kunst – Jakob Schwerdtfeger

Ohne Museen, ohne mich ist ein Satz, den ich häufiger sage. Klar, dass ich damit exakt zur Zielgruppe des Buches gehöre. Ich plane ja sogar meine Urlaube um Museumsbesuche drumherum. Ich hatte viel Spaß mit „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Kunst“. Das Buch des Kunst-Comedians Jakob Schwerdtfeger gleicht einem wilden Ritt durch die Kunstwelt, der nichts auslässt: schreckliche Nicht-Erklärungstexte in Ausstellungen, seltsame Rituale auf Aktionen, eigene unbeholfene Kunstversuche, geheime Tresorräume von Sammlern, Skulpturen auf Verkehrskreiseln und Dates im Museum. Also eine Reise zu einfach allen Orten, an denen wir Kunst oder Ansichten über Kunst begegnen können. Kunst im öffentlichen Raum kann identitätsstiftend sein, besonders, wenn es sonst nicht viele Sehenswürdigkeiten gibt. Ich komme aus Hannover, ich weiß, wovon ich rede. Jakob Schwerdtfeger: Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist Kunst. Seite 165 Der Seitenhieb bezieht sich auf die Nanas, Skulpturen von Niki de Saint Phalle. Sie wurden zunächst von den Bürgern Hannovers als „Stadtverschandelung“ bezeichnet – und sind heute so beliebt, das sogar eine Eisbärin im Zoo…

weiterlesen

Sieben verlorene Perlen. Rayyans Reise zu den Schätzen des Islams – Mouhanad Khorchide

Im Islam ist es normal, dass … – bei solchen Formulierungen zucke ich zusammen. Was weiß der Sprechende über den Islam und seine Bandbreite? Ist ihm bewusst, dass es „den Islam“ genauso wenig gibt wie „das Christentum“? Zwischen den Vorstellungen der Christen des Bible Belts in den USA und dem, was mir der evangelische Pfarrer im Konfirmanden-Unterricht vermittelt hat, liegen Welten. Auch wenn ich nur einen geringen Einblick in die Glaubenswelt der Muslime habe, weiß ich doch, dass es bei ihnen ebenfalls so ist. Was ich bis zu diesem Buch zwar ahnte, aber nicht sicher wusste: Genau wie bei der Bibel sind auch beim Koran viele Auslegungen möglich. Die können sich genauso fundamental unterscheiden wie die Frage, ob Eva aus der Rippe oder der (gleichberechtigten) Seite Adams gemacht wurde. So weit die Gründe, warum ich neugierig war auf „Sieben verlorene Perlen. Rayyans Reise zu den Schätzen des Islams“ von Mouhanad Khorchide. Und nun Vorhang auf für ein bemerkenswertes Buch: Eine Reise durch den Islam in all seinen Ausprägungen Rayyan wächst als Sohn staatenloser Palästinenser in…

weiterlesen

Was tun mit solchen Büchern? „Hypatia“ von Arnulf Zitelmann

Was mache ich jetzt mit diesem Buch? An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass Arnulf Zitelmann ein Täter war, stand es wie immer bei mir im Regal. Ich habe nur wenige Bücher aus meiner Kindheit und Jugend aufgehoben. Mit jedem einzelnen verbinde ich eine Geschichte. »Hypatia« von Arnulf Zitelmann war ein Geschenk. Wir waren eine »Bücher holt man in der Bücherei«-Familie. Ein Buch geschenkt zu bekommen war daher immer etwas Besonderes. Doch das alleine wäre kein Grund, dieses Jugendbuch viele Umzüge später noch im Regal stehen zu haben. Für mich war das Buch ein Aha-Erlebnis. Es ist ein spannender Abenteuerroman, in dem man viel über das Leben der Menschen damals lernt. Also genau das, was ein neugieriges Mädchen wie ich verschlingt. Doch das war es nicht, was mir im Gedächtnis blieb. Von Hypatia von Alexandria hatte ich noch nie gehört. Mathematikerin, Astronomin und Philosophin – ach, das gab es? Warum kommen solche Frauen dann nur so selten in meinen Büchern vor? Doch neben der Erkenntnis, dass Feminismus keine Erfindung der Neuzeit ist, blieb mit…

weiterlesen

Talus – Die Hexen von Edinburgh

Zu allererst: Liza Grimm kann schreiben. Dieses Buch ist einfach handwerklich gut. Das beginnt bei den abwechslungsreichen Satzlängen und hört bei den guten, realistischen Dialogen noch lange nicht auf. Dann dieser Weltenbau der Hexen, Geister und Tarot, eine Welt voller Magie und das tatsächliche Edinburgh ganz locker miteinander verknüpft. Der lässige Mix an Genre-Elementen von Horror bis hin zu diversen Fantasy-Subgenre gelingt ihr großartig. Allerdings hat sie mich mit der Prise Young Adult manchmal verloren. Mich interessiert es einfach nicht, wer wem gerade warum schöne Augen macht und wer von wem mit einem unausgesprochenen Halbsatz missverstanden wurde. Um so mehr gewonnen hat mich Liza Grimm mit dem Schluss des ersten Bands ihrer Talus-Trilogie. Das berührt auf herzerwärmende Art die großen Fragen des Lebens: Was bin ich bereit, für eine bessere Welt zu leisten? Und was ist wirklich mein größter Herzenswunsch – und was meine größte Angst? Doch am meisten fasziniert hat sie mich mit den feinen Verknüpfungen, die vom magischen Denken, das viele Kinder und manche Erwachsene haben, zu einer magischen Welt führt, die ihre…

weiterlesen

Neongrau

Neongrau – in dieser Wortschöpfung steckt schon alles, was den SF-Roman von Aiki Mira auszeichnet. Kühle Technik, poetische Sehnsucht und das Ausloten von Zwischentönen. Aber auch der starke Wille, etwas Neues zu erschaffen – zum Beispiel ein besseres Leben. Für sich, für nahestehende Menschen, für alle. Das halb abgesoffene Hamburg im Jahr 2112 ist eine unschöne, aber logische Weiterentwicklung der Welt von heute. Doch das Leben geht weiter. Die Wohnungen haben Fluttüren, es gibt ein paar Fähren mehr. Ratten mutieren. Die Kommentare auf Social Media sind immer noch toxisch, weswegen das Miteinander in privaten Chats gelebt wird. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Alltag ist groß. Gaming Events füllen die Stadien und die Subkultur trifft sich in leerstehenden Häusern und halb unter Wasser stehenden Tunneln. Die Gesellschaft ist diverser geworden und bleibt doch den alten Vorurteilen verhaftet. Mittendrin Jugendliche, die zu einer Clique zusammenwachsen könnten, eine Familie, die keine mehr ist, und VIPs, deren Leben nicht mehr ihnen gehört. Wenn ein Buch Cyberpunk-Elemente enthält, ist der Vergleich mit William Gibson nicht weit. »Neongrau – Game…

weiterlesen

Feministische Musikgeschichte: Die Rache der She-Punks – Buch und Playlist

Habe ich das Buch nun ausgelesen oder ausgehört? Wie zuletzt beim Punk-Roman von Tijan Sila habe ich auch »Die Rache der She-Punks« gleich mit einer Spotify-Playlist genossen. Vivien Goldman stellt jedem Kapitel eine thematisch passende Auswahl an Songs vorneweg: Girly Identity, Geld, Love/Unlove und Protest. Nette Menschen habe daraus Playlists kuratiert, was das Lesevergnügen enorm erhöht. Ja, dieses Buch macht Spaß. Vivien Goldman erzählt lebendig, geradezu quirlig. Sie weiß genau, wann eine Anekdote das beste Mittel ist, eine Aussage zu unterstreichen. Sie vermittelt immer im passenden Moment theoretisches Hintergrundwissen zum Feminismus, zu Kreativität und zur Musikbranche. Aber vor allem gibt sie den Musikerinnen Raum und lässt sie erzählen. Denn Vivien Goldman kennt sie alle: Poly Styrene, Chrissie Hynde, Blondie, aber auch ESG, Neneh Cherry und Maid of Ace und Skinny Girl Diet. Also nicht nur die Heldinnen der ersten Stunde, sondern auch die, die folgten. Und nicht nur die, die Punk im Sinne von »3,2,1 Krach« spielen, sondern auch die, die mit der punkigen DIY-Haltung Musik machen. Und nicht nur die, die wir in Europa…

weiterlesen

Unter Bäumen ist mir wohl

Ein Wald, der zum Urwald wurde, weil er im Niemandsland zwischen BRD und DDR lag. Etwas, was Wald genannt wird, aber eine Forst-Plantage ist. Ein Waldstück, das ein fürstliches Jagdgebiet war. Bäume, die auf Dünen wachsen. Die Wälder, die Helmut Schreier für sein Buch ausgewählt hat, sind klug zusammengestellt. So unterschiedlich, wie sie sind, haben sie doch eines gemeinsam: An ihnen lässt sich gut ablesen, dass das, was wir Wald nennen, stets von Menschen gemacht wurde. Forstwirtschaft, Jagdgebiet, Waldweide – es sind die Maßnahmen der Menschen und die Antwort der Natur darauf, die aus Bäumen und Unterholz einen Wald formen. Im Vergleich zu alten Buchenurwäldern oder Bergwäldern sind diese Wälder eher unscheinbar. Wälder, wie wir sie überall in Deutschland haben könnten. Doch jeder ist einzigartig, wenn man genau hinschaut. Und das tut Helmut Schreier. Er schaut genau hin, wie der Wald aussieht und woraus er besteht. Er blickt aber auch auf seine Geschichte und darauf, wie der Wald früher ausgesehen hat, und was zwischen damals und heute mit ihm passiert ist. Sein Buch ist ein…

weiterlesen

Zurück ins Wasteland: Laylayland von Judith und Christian Vogt

Bei Buchserien kann ich gnadenlos sein: Ich lese sie fast nie weiter. Selbst dann nicht, wenn mich beim ersten Band Sprache und Weltenbau überzeugt haben. Warum soll ich mich an diese eine Buchwelt fesseln? Es gibt doch noch so viele andere! Ich bin Poly-Leserin, immer bereit für eine neue Buchliebe. Dass ich also Laylayland, die Fortsetzung zu Wasteland, unbedingt lesen wollte, sagt schon alles. Dabei bescherte mir der erste Band Albträume. Zu beklemmend waren die Bunkerszenen für mich. Auch das apokalyptische Szenario machte mir, die das Genre der Dystopien sonst meidet, zu schaffen. (Meine Rezension zu Wasteland findet ihr hier) Doch es gab Hoffnung. Hopepunk eben. Und am Ende sattelten Layla und Zeeto das Motorrad, packten Baby Mtoto in den Beiwagen und ritten in den Sonnenaufgang, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Ein progressiv-phantastischer Schluss, der perfekt passte – und mein Kopfkino startete. Hopepunk ist, wenn alles aussichtslos erscheint – aber du und deine Leute, ihr versucht es trotzdem, bildet Banden, seid gleichzeitig rauchend wütend und radikal zärtlich. Laylayland, der Nachfolger von Wasteland vom…

weiterlesen