Besser als Ostalgie: Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat

Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat. Das Buch liegt auf einem alten Schulatlas. Aufgeschlagen sind Karten, die BRD und DDR vergleichen

Am Kauf dieses Buchs ist der Titel nicht ganz unschuldig: „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat.“ Auch meine Familiengeschichte ist mit Schuld: Meine Mutter ist Republikflüchtling; meine Oma kam als Rentnerin zu uns in den Westen. Das Thema DDR war bei uns immer präsent. Kurz musste ich daran denken, dass meine ostdeutschen Großtanten das Versprechen von Helmut Kohl wirklich geglaubt hatten. Ich hatte mir damals gewünscht, dass unsere Brüder und Schwestern im Osten nicht von unserer Politik-Wirtschafts-Verwaltungs-Maschinerie überrollt werden. Meine Großtanten wollten nur ein schnelles Ende der DDR. Das Ausbleiben der blühenden Landschaften und alles, was daraus entstanden ist, haben sie nicht mehr erlebt.

Zack, lag die Sonderausgabe in meinem Einkaufswagen bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Das war eine gute Entscheidung!

Dialektik und Gummihopse: Aufgewachsen in der DDR – wie ging es dann weiter?

Was wie ein loses Gespräch bei dem einen oder anderen Glas beginnt, entwickelt schon nach wenigen Seiten einen echten Sog. Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann, die alle drei in der DDR aufgewachsen sind, reden so, wie man nur mit Menschen redet, die einen seit Jahrzehnten kennen: ungeschminkt, mit Umwegen, mit Widersprüchen, die stehen bleiben dürfen, statt aufgelöst zu werden.

Sie sprechen über ihre Erinnerungen an die DDR, die Wendezeit und wie diese Prägungen bis heute nachwirken. Dabei geht es um das, was war, und das, was hätte sein können. Über die stereotypen und möglicherweise tatsächlichen Merkmale von „Ostfrauen“, die Bedeutung von Eigentum und die Widersprüche einer „klassenlosen Gesellschaft“ bis hin zu alten und neuen Utopien. Immer mit dabei: ein ganz eigener Witz, eben Dialektik und Gummihopse.

Ideal ist anders, aber so ist das Leben

Besonders bewegt hat mich, wie ehrlich die drei mit dem Scheitern von Erwartungen umgehen, ohne dabei bitter zu werden. Sie sprechen darüber, was aus den Träumen von Freiheit, Gleichheit und Solidarität geworden ist – und genau da musste ich wieder an meine Großtanten denken. An das Versprechen der „blühenden Landschaften“, an eine Umbruchszeit, die für viele im Osten eben nicht nur Befreiung, sondern auch Verlust bedeutete. Das Buch verklärt diese Zeit nicht, es klagt sie aber auch nicht einfach an. Es hält beides gleichzeitig aus.

Der titelgebende „ideale Staat“ ist dabei weniger ein konkreter Entwurf als ein Denkspiel: eine Erlaubnis, laut zu träumen, ohne sich sofort für Naivität rechtfertigen zu müssen. Die drei Autorinnen wissen genau, dass es diesen Staat nie gegeben hat und nie geben wird – und trotzdem lohnt sich das gemeinsame Nachdenken darüber, was eine gerechtere Gesellschaft eigentlich bräuchte. Vielleicht ist das der ideale Staat: ein Küchentisch, an dem alle mitreden dürfen. Rückt einen Stuhl für mich heran!

Kein Ostalgie-Buch, keine Abrechnung – etwas Besseres

„Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat.“ ist wunderbar undogmatisch, humorvoll und klug. Ein kritischer, aber nicht ablehnender, liebevoller, aber nicht verklärender Blick auf die ehemalige DDR und das heutige Ostdeutschland.

Natürlich lesen keine zwei Menschen das gleiche Buch. Die eigene Lebenserfahrung liest immer mit. Wer wie ich mit einer Ost-West-Familiengeschichte aufgewachsen ist, wird vieles wiedererkennen, aber auch manches neu einordnen können. Wer wenig Berührungspunkte mit der DDR hatte, bekommt einen Zugang, der nicht belehrend, sondern einladend ist. Denn „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat.“ hat eine besondere Stimmung: Es ist ein Buch, bei dem ich am liebsten mitgetrunken hätte – und das noch lange nachwirkt, auch ganz ohne Kater!


Bibliographische Angaben:

Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann
Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat

Hanser Verlag


Ein Buch über die DDR, das ich euch sehr ans Herz lege: Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens. Wer mit Kindern die Zeit erkunden möchte, in der es zwei Deutschlands gab, dem empfehle ich diese beiden Kinderbücher auf meinem Buchkind-Blog: Gertrude grenzenlos und Pullerpause im Tal der Ahnungslosen (diese Rezension habe ich um eine Literaturliste zum Thema DDR für Kinder ergänzt).


Geschichte, Gesellschaft und Politik: Bücher, die mir helfen, die Gegenwart und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, besser zu verstehen. Hier findet ihr meine Buchtipps zur Zeitgeschichte auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin

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