Schöner wandern in Franken mit Graupelschauern

Fotos von den Wanderungen in Franken
Wandern in Franken im April 2016

Graupelschauer. Für diese Form des Niederschlag habe ich im Franken-Urlaub im winterlichen Frühling 2016 eine besondere Vorliebe entwickelt.

Graupelschauer prallen von der Regenjacke ab. Dabei wird man nicht nass. Einfach weiterlaufen bis zum nächsten Gasthof und dort wieder aufwärmen.

Geplant war ein Wander- und Biergartenurlaub; es wurde ein Wander-und Bierurlaub. Doch dank der Graupelschauer konnten wir trotz des unerwarteten Kälteeinbruch sehr viel wandern.

Bei der Urlaubsplanung und beim Finden der Wanderrouten geholfen haben diesmal diese Reiseführer aus dem fränkischen Ars Vivendi Verlag:

  • Fundort Sagen und Legenden in Franken. 30 Freizeittouren für Entdecker
  • Der Städte-Verführer Metropolregion Nürnberg

Pünktlich nach meinem Franken-Urlaub war dann auch der Bierführer lieferbar:

Wandern in Franken:
bergauf, bergab und wieder hinauf und wieder hinab

Ars Vivendi ist kein Reiseführer Verlag, verlegt aber Regionalia, nach denen man reisen kann. Diese Unterscheidung musste ich als Leserin stets im Hinterkopf behalten. „Fundort Sagen und Legenden in Franken“ enthält wenig Kartenmaterial, aber viel Geschichten, Anekdoten, Sagen und Wissenswertes zur Landschaft und zur Geschichte Frankens.

In diesem Buch habe ich mir die Anregungen und Inspirationen für wunderschöne Wandertouren gesucht. Danach habe ich mir eine Landkarte daneben gelegt und versucht, herauszubekommen, wie die Route verläuft. Oder ich habe gleich bei Outdooractive geschaut, ob es dort eine Wandertour gibt, die genau die beschriebenen Sehenswürdigkeiten beinhaltet.

Dabei sollte man die Angaben zu den Höhenmetern gut im Blick haben. Auch wenn die Berge in Franken nicht hoch sind, kommt im Laufe einer Wanderung doch einiges an Höhenmetern zusammen. Hinauf auf die Burg, hinab ins Tal und wieder bergauf zu den Felsformationen und wieder bergab zum Brauereigasthof – das ist eine typische fränkische Wanderroute.

Auf jeden Fall habe ich dank des Reiseführers „Fundort Sagen und Legenden in Franken“ wunderschöne Täler, Felsformationen und Burgen entdeckt und dabei jede Menge Schauergeschichten gelesen. Mein Traum wäre jedoch genau so ein Buch mit den GPS-Daten zur Tour zum Herunterladen.

Metropolregion Nürnberg:
Groß denken und die Kleinstädte nicht vergessen

Ich spotte gerne über den inflationären Gebrauch des Begriffs Metropolregion Rhein Neckar. Kaum eine amtliche Verlautbarung oder Pressemeldung, in der nicht auf diese großartige und innovative Region hingewiesen wird. In Zukunft werde ich weniger spotten, denn die Ausdehnung der Metropolregion Nürnberg reicht bis nach Sonneberg in Thüringen. Das nenne ich mal groß gedacht beim Thema Kleinstädte!

Damit umfasst der Reiseführer „Metropolregion Nürnberg“ ein Gebiet, das kaum jemand in einem Urlaub komplett bereisen wird.

Schön finde ich an diesem Buch, das hier auch über die kleinen Städte geschrieben wird, die in den klassischen Reiseführern immer zu kurz kommen. Das Tropfhaus Museum bei Hirschaid zum Beispiel hätte ich sonst nie entdeckt.

Dieser Reiseführer ist ideal, um zu entscheiden, ob es sich lohnt, die Stadt am Wegesrand zu besuchen. Aber auch hier wäre etwas mehr Kartenmaterial von Vorteil.

Ganz Franken ein einziger Brauereigasthof

Vor einiger Zeit habe ich Craft Beer für mich entdeckt. Würde ich in Franken leben, wäre mir das nicht passiert. Ganz ehrlich: ein Franke braucht kein Craft Beer. Das ist nur was für arme Großstadt-Kinder wie mich, die sonst nie an vernünftiges Bier mit Eigengeschmack kämen.

Gefühlt hat jedes fränkische Dorf noch seinen eigenen Gasthof mit Brauerei. Jedes Bier schmeckt anders, keines davon wie eines aus einer Großbrauerei und fast jedes Bier ist nur vor Ort zu bekommen. Ein Paradies!

33 Biere. Eine Reise durch Franken“ stellt genau solche Brauereigasthöfe vor. Sehr vergnüglich liest sich dieses Buch, das mehr ein Bier-Tagebuch als ein informativ-sachlicher Reiseführer ist. Ich werde es bei meinem nächsten Urlaub in Franken garantiert dabei haben, denn noch kenne ich nicht alle Brauereien.

Allerdings wäre es mir recht, wenn ich das nächste Mal nicht die Kachelöfen der Gasthöfe bewundern würde, sondern die Biergärten. Lieber fränkischer Wettergott, wäre das möglich?

Mehr Infos zu den Büchern und weitere Regionaltitel Franken beim Ars Vivendi Verlag


 Gibt es eigentlich ein Definition für Wandern? Dieses Buch hat die Antwort: Wandern. 100 Seiten

Outdoor-Kulturtipp: das berühmteste Wildschwein Mannheims

Wildschwein Luisenpark Mannheim Skulptur
1999: das berühmteste Wildschwein Mannheims und ich

Mannheims berühmtestes Wildschwein lebt nicht im Rheinauer Wald und auch nicht im Wildgehege des Käfertäler Walds. Eigentlich lebt es auch gar nicht, es ist aus Metall, massiv, und steht auf einem Steinsockel in einem Park.

Von allen Skulpturen, die entlang des Heinrich Vetter Wegs im Luisenpark stehen, ist es sicherlich die am häufigsten fotografierte. Auch ich habe schon viel mit diesem Motiv rumgealbert. So, wie auf dem Foto, sahen Wildschwein und ich 1999 aus.

Doch andere Skulpturen entlang des Spazierweges faszinieren mich deutlich mehr.

Diese hier zum Beispiel lädt mich jedes Mal aufs Neue zum drumherum laufen, zum drunter und drüber schauen, zum beobachten ein. Je nach Wetter, Licht und Jahreszeit bietet sie mir ein neues Blick-Erlebnis an.

Spiegelung Heinrich Vetter Weg Skulpturen Mannheim Luisenpark
Spiegelung am Heinrich Vetter Weg im Luisenpark Mannheim

Der Heinrich-Vetter-Skulpturenweg im Luisenpark Mannheim ist mein Beitrag zur Blogparade von Kulturnatur: Mein Outdoor-Kulturtipp. Berge, Meere und Täler wären gewünscht gewesen, Kultur jenseits der Städte.

Ich bin jetzt doch erst einmal in der Stadt geblieben, in einem Park, in dem die Halsbandsittiche eine Heimat gefunden haben und in dem es den Störchen so gut geht, dass sie in manchen Wintern gleich hier in Mannheim bleiben. In diesem Park habe ich als Kind mein erstes Wiesel gesehen. In der Abenddämmerung tollte es über die Wiese.

Ist das Natur? Die Frage mag ich ebenso wenig beantworten wie die Frage, ob wirklich jede Plastik entlang des Weges Kunst ist. Doch jedes Mal wenn ich den Spaziergängern entlang des Weges zuhöre und ich ihre Reaktionen auf die Werke der Bildhauer beobachte, merke ich, wie wichtig es ist, Kunst im öffentlichen Raum zu präsentieren. Kommt der Mensch nicht zur Kunst muss die Kunst eben zum Menschen kommen. Ein Weg wie der Heinrich Vetter Weg hilft dabei.

Ausflug in den Odenwald: ein verwunschenes Waldstück mit 80 Skulpturen

Doch ich biete Euch auch noch einen Abstecher in die freiere Natur an: in den Odenwald – oder ist es schon das Bauland?

Wer Skulpturen in freier Natur mag sollte auch mal in Seckach im Odenwald vorbeischauen. Dort gibt es ein verwunschenes kleines Waldstück mit mehr als 80 Skulpturen. Leider habe ich keine geeigneten Fotos von dort. Bilder und Infos findet ihr jedoch hier. Und wenn ich es dieses Jahr wieder dort hin schaffe, gibt es auch einen längeren Blog-Artikel darüber. Versprochen.

Mit der Kunst spazieren gehen

Wer noch mehr Hintergrund-Infos über den Mannheimer Mäzen Heinrich Vetter und seine Skulpturen-Sammlung braucht, dem sei der Artikel „Figur und Abstraktion“ empfohlen. Und das auch hier nicht alles so einfach ist, mag ich auch nicht verschweigen und verlinke den Artikel der Rheinpfalz „Der gute Nazi“.

Womit wir dann wieder beim Wildschwein vom Anfang wären: jedes Mal, wenn ich davor stehe, denke ich an Schweine und Eichen; an typisch deutsche Symbole. Dann scheint mir, dass dadurch, dass die Skulpturen im Freien, im weiten Raum, stehen, sich noch einmal ganz andere thematische Verknüpfungen ergeben. Meine Gedanken gehen spazieren – zusammen mit der Kunst – und verlassen den vorgegebenen Spazierweg recht schnell.

Kunst in freier Natur oder auch in der befriedeten Natur eines Parks, das ist mehr als das Spiel mit Licht, Jahreszeiten und Wetter. Kunst in freier Natur befreit für mich die Kunst aus dem akademischen Korsett. Ich kann um die Objekte herum laufen, ich kann ihnen nahe kommen, ich kann ihnen fern bleiben. Was auch immer ich tue, ich nehme einen neuen Blickwinkel ein, der viel mehr mein eigener Blickwinkel ist, als das in einem Museum oder geschlossenen Raum der Fall sein würde.

Update 16. März 2016:

Meine Eltern lesen meinen Blog. Keine Fotos vom Skulpturenpark Seckach im Odenwald? Das geht ja gar nicht! Hier also Schnappschüsse aus dem Familienfundus:

Skulpturen in Seckach
Skulpturen in Seckach

Ausflugtipps für Mannheim findet ihr auch in diesem Buch:

Das gar nicht so geheime Leben der Bäume: warum ich das Buch abgebrochen habe

Sachbuch Das geheime Leben der Bäume

Vielleicht funktioniert dieses Buch nur, wenn der Leser von Anfang an überrascht ist: Oh, ein Wald ist also viel mehr als eine Ansammlung einzelner Bäume mit einigen anderen Lebewesen dazwischen?

Bei mir blieb dieser Überraschungseffekt aus, da ich einfach schon zu viel zu diesem Thema gelesen hatte. Außerdem kannte ich einige der Interviews, die Peter Wohlleben gegeben hatte. Inhaltlich bot mir das Buch „Das geheime Leben der Bäume“, das sich gefühlt schon immer auf der Spiegel-Bestsellerliste befindet, also nicht viel Neues. Der „neue Blick auf alte Freunde“, den der Klappentext versprach, blieb aus.

Das verschaffte mir Raum, verstärkt darauf zu achten, wie dieses Buch seine Geschichte erzählt. Was wiederum dazu führte, das ich die Lektüre abbrach.

Wo ist der Lektor, wenn man ihn braucht?

Es gibt Sätze in Sachbüchern, die machen mich wütend. „Wie ich schon erwähnte …“ gehört dazu, denn ein Autor sollte so schreiben, dass das schon Erwähnte noch im Gedächtnis des Lesers ist. In diesem Buch sind es Sätze wie „Doch dazu kommen wir später noch einmal …“ wobei dieses später erst viele Kapitel später stattfindet.

Das wäre nicht nötig. Ich weiß, das Peter Wohlleben, auch wenn sein Stil immer zwischen dozieren und erzählen schwankt, auch ganz anders schreiben kann. Sein Buch „Menschenspuren im Wald“ hat mir sehr gut gefallen – hier findet ihr meine Rezension dazu. Doch in „Das geheime Leben der Bäume“ hätte einfach ein Lektor den Rotstift ansetzen sollen.

Sie [die Bäume] kennen keine Einschränkung im Verbrauch und gehen verschwenderisch mit der Flüssigkeit um, und meist sind es die kräftigsten, größten Exemplare, die irgendwann dafür büßen müssen. In meinem Revier sind es vor allem die Fichten, die dann platzen. Allerdings nicht aus allen Nähten, sondern am Stamm. S. 45

Mich ermüdet es, solche Reihungen zu lesen. Beim mündlichen Vortrag mag das funktionieren, als Buch funktioniert es bei mir nicht.

Andere Blogger, andere Meinungen: Jarg bescheinigt dem Autor

… er vermag sein Wissen überaus spannend zu vermitteln und man spürt in jeder Zeile die Faszination, die ihn selbst an sein Thema fesselt…
Quelle: Jargs Blog

Es ist also wie immer Geschmackssache. Das, was bei mir zum Abbruch der Lektüre führte, hat andere zum Weiterlesen bewegt.

Doch eines ist das Buch definitiv: eine Liebeserklärung an den Wald. Da hat der Klappentext wiederum recht. Schön, dass das Interesse an diesem Thema so groß ist – möge das Buch lange wirken!


Angaben zum Buch:

Peter Wohlleben

Das geheime Leben der Bäume
Was sie fühlen, wie sie kommunizieren
Die Entdeckung einer verborgenen Welt

Ludwig Verlag


Meine Leseempfehlungen und Rezensionen zum Thema Wald:


Ist das etwa Unkraut? Mein erster Frühling mit Garten, ein Buch und die Folgen

Gartenbuch Unkraut kein ProblemAls ich den ersten Frühling in „meinem“ Garten kommen sah, wurde ich ein wenig nervös. Toll, was alles wächst und knospt – aber was ist das eigentlich? War an dieser Stelle denn letztes Jahr auch schon eine Pflanze? Habe ich das gesät? Oder ist dieser zarte Trieb etwa ein Unkraut und muss raus?

Ich hatte nie geplant, einen Garten zu haben. Der Garten und ich, wir hatten auch keine lange Vorlaufzeit. Auf einmal war er da und ich stand mittendrin.

Die Vorbesitzerin hatte ihn vernachlässigt. Das ist halt so, wenn man schon weiß, dass man wegziehen wird. Der Garten hatte darauf mit wilder Wucherei reagiert. Die ersten Monate war ich mit zurückschneiden beschäftigt. Das Brombeeren ein Unkraut sind, hatte ich auch schon begriffen. Aber was war all das andere? Und muss ich dagegen etwas unternehmen?

Ich wusste es nicht. Also griff ich zu Büchern. Das mache ich immer so.

Das habe ich nicht gepflanzt, muss das deswegen weg?

Die ersten Gartenbücher, die ich las, gingen das Thema klassisch an: weg mit dem Unkraut. Ich begann also zu rupfen. Und hörte wieder damit auf, als ich „Unkraut? Kein Problem“ von Siegfried Schmid las. Der Autor hat sich drei Jahrzehnte lang um einen sehr großen und anspruchsvollen Garten gekümmert: den Botanischen Garten der Stadt Linz.

Erkennen – integrieren – verhindern ist sein Motto im Umgang mit Unkräutern, die er lieber als Plagekräuter bezeichnet, weil sie andere Pflanze verdrängen können. Meist die, die man viel lieber im Garten hätte.

Doch es kann auch ein Miteinander geben. Ein Plagekraut lässt sich eindämmen und nicht alles, was nicht gepflanzt wurde, muss entfernt werden. Vorausgesetzt, man weiß, welche Pflanzen zur Plage werden können und warum.

Für mich, als damalige Neu-Gärtnerin, war das ein hoch willkommenes AHA-Erlebnis. Danach begann ich, mich mit Themen wie Naturgärten und Permakultur auseinanderzusetzen.

Nicht, dass der Garten heute einem Konzept folgen würde. Ihm soll es gut gehen und uns darin auch. Igel und Fledermäuse bestätigen das und halten sich gerne bei uns auf. Das genügt als Konzept, finde ich.

Mit dem Gartenbuch „Unkraut? Kein Problem“ begann für mich damals ein Umdenken. Deswegen ist dies mein Beitrag für die Blogparade „Bücher, die bewegen“.

Banner bücher die bewegen

Bücher, die bewegen – Infos zur Blogparade

Eigentlich schreibe ich nicht so gerne über Bücher, die nicht mehr lieferbar sind. Für die Blogparade „Bücher, die bewegen“, die von Mehr als Grünzeug ins Leben gerufen wurde, mache ich eine Ausnahme.

Das war die Aufgabenstellung:

Bücher, die sich um den grünen Lifestyle, um vegane Ernährung oder einfach auch um Achtsamkeit, eine bewusstere Lebensführung und philosophische Reflexion drehen …
Sucht wirklich ein Buch aus, von dem ihr 100% überzeugt seid. Eines, dass euch ein bisschen aus der Bahn geworfen, euer Weltbild verändert, euch zum Nachdenken und/oder Handeln gebracht hat.

Bücher, die das eigene Weltbild verändert haben, sind häufig schon etwas älter – zumindest, wenn man wie ich 47 Jahre alt ist. Da kann es passieren, dass ein solches Buch nicht mehr lieferbar ist.

Auch wenn die vegane Ernährung und ich sicherlich keine Freunde mehr werden bin ich trotzdem gerne bei der Blog-Parade von Mehr als Grünzeug dabei und hoffe auf weitere Buch-Tipps aus dem Bereich Nachhaltigkeit, bewusste Lebensführung und Achtsamkeit.

Wer solche Themen mag, kann ja ein wenig hier auf meinem Blog stöbern:

 

2016 – ruhig weitergehen

Mantra für 2016: ruhig weitergehen
Ruhig weitergehen. Schritt für Schritt.

Mein Mantra für 2016 lautet ruhig weitergehen. Natürlich gehört dazu eine Geschichte und damit ich diese Geschichte und das Mantra nicht vergesse, schreibe ich es hier auf.

In 2015 habe ich die Kunst, mir selbst im Weg zu stehen, verfeinert und weiterentwickelt. Aber das macht nichts, denn während ich mir da so im Weg rum stand, konnte ich mich in Ruhe betrachten und besser kennenlernen. So war 2015 für mich nicht das allerbeste Jahr; aber es war so, wie es war, genau richtig.

Was war, was ist, wo soll es hingehen? Die Antworten auf solche Fragen finde ich da draußen, in der Natur. In diesem Fall bei einem Spaziergang durch die frostigen Rheinwiesen, am ersten kalten Tag des Winters. Tief durchatmen, zur Ruhe kommen, den Kopf leeren. Wo komme ich her, wo bin ich jetzt, wo soll die Reise hingehen?

Wenn ich zur Ruhe gekommen bin und die Fragen für mich geklärt habe, beginnt mein ganz persönliches Naturorakel. Ich legen einen Startpunkt fest – wenn ich auf den Weg zum See einbiege, wenn ich die Eiche passiere – und ein Ende. Was auch immer mir auf diesem klar benannten Abschnitt des Weges begegnet ist die Antwort auf meine Frage. Da gibt es kein Zögern, kein ach-lass-uns-die-Karten-noch-einmal-legen. Ein Versuch, fertig. Danke sagen und die Antworten des Orakels mit nach Hause nehmen.

Auf diesem Orakel-Spaziergang passierte erst einmal nichts. Dann kam er den Weg entlang: ein junger Rottweiler, lebensfroh, gutgelaunt, vor Kraft strotzend. Fest im Maul sein leuchtend gelbes Lieblingsspielzeug, einen Wurfring, den er wie einen Heiligenschein vor sich trug. Er war sich nicht sicher: stehen bleiben oder weitergehen? Da tönte es von hinten: „Ruhig weitergehen.“

Damit war alles gesagt. Dieser Satz wird mich durch 2016 begleiten. Ruhig weitergehen, immer in Bewegung bleiben, die Lebensfreude stets bei sich tragen. Meinen Füßen vertrauen. Alles da, alles vorhanden, alles gut.


Immer schön weitergehen: Stadtwandern!

Botanik für Gärtner oder warum Kräuter nicht unbedingt ein Kraut sind

Sachbuch in wunderschöner Ausstattung: Botanik für Gärtner

Was macht der Hobby-Gärtner im Winter?

Gartenbücher lesen. Vom Frühjahr träumen. Hoffen, endlich zu verstehen, wie diese lateinischen Namen aufgebaut sind und was es mit den Handelsnamen auf sich hat.

Bei allen drei Tätigkeiten hilft „Botanik für Gärtner“ doch sehr und ein wunderbarer Zeitvertreib ist es noch obendrein.

Eigentlich könnten mir als Gärtnerin die lateinischen Namen recht egal sein. Ich probiere aus, welche Pflanzen meine Einladung, sich in meinem Garten anzusiedeln, annehmen. Was funktioniert, bleibt. Zumindest so lange, bis es überhand nimmt … aber das ist eine andere Geschichte. Wie das, was bleibt und das, was geht, nun von den Botanikern bezeichnet wird, ist erst einmal nicht wichtig.

Wichtig wird es dann, wenn ich das Gehen und Bleiben genauer verstehen will. Dann greife ich zu Fachbüchern und beginne, die abtrünnige oder aufmüpfige Pflanze zu suchen. Ist es ein Gärtner-Gartenbuch, zu dem ich greife, finde ich sie meist recht schnell. Handelt es sich jedoch um ein Botaniker-Biologen-Gartenbuch beginnt die Verwirrung:

Nicht verwirren lassen sollte man sich auch von der unterschiedlichen Verwendung der Worte Kraut und Kräuter. Botanisch bedeutet Kraut, dass eine Pflanze nicht verholzt und eher weich und grün ist. Gärtner jedoch bezeichnen alle Küchenkräuter und Heilpflanzen als Kräuter, selbst wenn es sich um leicht verholzte Gewächse wie Rosmarin und Lavendel handelt.
S. 47

„Botanik für Gärtner“ hilft jedoch nicht nur bei der Begriffs-Entwirrung, sondern gibt wirklich einen kompakten, auf Gärtner zugeschnittenen Überblick über alles, was sich die Botaniker in ihren Universitätsgebäuden überlegt haben.

Wie funktioniert zum Beispiel das Wachstum bei Pflanzen? Auch das ist keine rein theoretische Frage, denn dieses Kapitel erklärt, warum ein Baum erst einmal nicht mehr in die Höhe wächst, wenn ich seinen Leittrieb kappe, und warum Gras so schnell nachwächst, wenn man es mäht.

Interkalarmeristeme findet man nur bei Monokotylen (siehe S. 28), wie zB. Gräsern (inklusive Bambus).
S. 45

Das sind Sätze für lange Winterabende. Sie sind aber gar nicht so anstrengend, wie das hier wirken mag. Der Zaubertrick für mehr Leichtigkeit sind die Illustrationen des Buches.

Seite aus Botanik für Gärtner, Dumont Verlag

Büchern, die so reichhaltig und liebevoll ausgestattet sind wie „Botanik für Gärtner“, verzeiht man solche Sätze.

Nachdem also lateinische Begriffe verstehen von mir in Angriff genommen wurde bleiben die Tätigkeiten Gartenbücher lesen und vom Frühjahr träumen. Ersteres ist unproblematisch und letzteres im Dezember 2016, dem Monat, in dem die Rosen ein letztes Mal blühen, keine große Herausforderung!


Weitere Angaben zum Buch:

Geoff Hodge

Botanik für Gärtner
Von Achselknospe bis Zwiebelpflanze. Die Wissenschaft der Pflanzen.

Übersetzt von Susanne Warmuth und Coralie Wink

Dumont Verlag

Ebenfalls in dieser Reihe erschienen und genauso wunderschön ausgestattet: Latein für Gärtner


Latein konnten sie, Botanik haben sie sich angeeignet: die Nonnen aus Fulda, die den Biogartenbau prägten

Wald – reine Natur oder vom Menschen ruiniert? Der Waldführer von Peter Wohlleben klärt auf

Peter Wohlleben - Menschenspuren im Wald

Zuerst dachte ich, ich hätte den Weg verloren. Mein Wanderweg, der sich bis dahin schön durch die französischen Alpen schlängelte, war nicht mehr zu sehen. Das, was ich sah, ähnelte mehr eine Baustelle als einem Weg. Die Reifen der Maschinen hatten 30 cm tiefe Furchen hinterlassen, deren Grund knallhart war. Die Erde war so uneben, dass ich Angst hatte, mir den Knöchel zu verknacksen. Obwohl der Waldweg doppelt so breit war, wie ich es von zu Hause kannte, waren die Bäume an den Seiten von den Maschinen beschädigt worden.

Für den Förster und Autor Peter Wohlleben sind die Schäden, die von solch schweren Maschinen verursacht werden, der wahre Feind des Ökosystems Wald und der Hauptgrund für das immer noch fortschreitende Waldsterben. Durch diese Art der Bewirtschaftung wird der Boden extrem verdichtet, Mikroorganismen und Kleinstlebewesen getötet und Wurzeln schwer beschädigt. Ein so verdichteter Waldboden speichert weniger Wasser, Trockenschäden an den Bäumen entstehen. Geschädigte Bäume können sich schlechter gegen Schädlinge wehren.

Bei der von Peter Wohlleben bevorzugten Art der Waldbewirtschaftung wird der Einsatz von schweren Maschinen auf das Notwendigste beschränkt. Die Maschinen bleiben auf den Wegen, zwischen den Bäumen wird mit Pferden gearbeitet. Das erscheint auf den ersten Blick teurer, doch der Wald bleibt gesund, der Holzertrag steigt.

Mit Romantik hat das nichts zu tun, aber sehr viel mit Liebe zur Natur und mit Respekt vor allen Lebewesen.

Holzplantage, Plenterwald oder Naherholungsgebiet – den Wald vor lauter Bäumen sehen

Doch was ist überhaupt ein Wald? Ist das, was wir vor unseren Städten finden noch Natur oder ein von Menschen geschaffener Raum? Sicherlich beides – wenn es gut läuft. Von den Monokulturen der Holzplantagen, wie ich sie in den USA gesehen haben, sind wir immer noch weit entfernt. Doch auch bei uns wird Kahlschlagwirtschaft betrieben, auch wenn diese geschickt getarnt wird. Von Wald im Sinne von Urwald können wir in Deutschland nicht reden, wenn auch die naturnahe Bewirtschaftung, der Plenterwald, ein großer Schritt in diese Richtung ist.

Dürfen Menschen den Wald als ihr Naherholungsgebiet betrachten? Das sieht der Autor nicht nur entspannt, er heißt die Erholungssuchenden sogar willkommen. Peter Wohlleben ist kein radikaler Naturschützer, der die Menschen aus dem Wald verbannen will. Ganz im Gegenteil. Er mag Spaziergänger und Wanderer. Er stört sich auch nicht an Reitern und Radfahrern, so lange sie vernünftig sind und auf den Wegen bleiben. Nur mit den Jägern, oder besser gesagt mit der Art und Weise, wie sie die Jagd betreiben, hat er seine wohlbegründeten Probleme.

Sachlich und engagiert erklärt er uns in seinem Waldführer das Ökosystem Wald, die Forstwirtschaft und den aktuellen Zustand des Waldes. Das ist schlüssig geschrieben und auch für die Leser geeignet, für die Wald einfach das ist, wo sie nach Feierabend joggen oder der Ort, an dem sie am Sonntag frische Luft tanken.

Erschienen ist das Buch im Pala-Verlag, einem mir durch und durch sympathischen Sachbuch-Verlag, den ich schon für das Büchlein „Zucchini – Ein Erste-Hilfe-Handbuch für die Ernteschwemme“ in mein Herz geschlossen habe.


Weitere Infos zum Buch:

Peter Wohlleben

Menschenspuren im Wald
Ein Waldführer der besonderen Art

erkennen – verstehen – einmischen

Pala Verlag


Vom gleichen Autor stammt auch der Spiegel-Bestseller Das geheime Leben der Bäume. Hier findet Ihr alle Bücher von Peter Wohlleben. Das Buch, mit dem er berühmt wurde, hat mich im Gegensatz zu seinem hier besprochenen Waldführer, übrhaupt nicht überzeugt:


Ab in den Wald: diese Blogbeiträge und Buchrezensionen möchte ich euch besonders empfehlen!

Epigenetik – da sieht mein Schulwissen alt aus

Epigenetik - Sachbuch Rezension

Das, was ich in der Schule über die DNA und Vererbung gelernt habe, stimmt nicht mehr. Es ist aber auch nicht richtig falsch. Das Wunder des Lebens ist schlicht und einfacher wesentlich komplexer und flexibler als uns das damals beigebracht wurde.

So ließ mich das Buch „Epigenetik. Wie unsere Erfahrungen vererbt werden“ vor allen Dingen mit einer Frage zurück:

Was von all dem Schulwissen, das ich mir in den Jahren von 1974 bis 1987 angeeignet habe, stimmt noch und was ist überaltert?

Cholesterin aus Eiern ist nicht ungesund, die DDR gibt es nicht mehr, die DNA ist nicht Alleinherrscherin über meinen Phänotyp und Mutationen sind nicht der einzige Weg, auf dem Veränderungen im Leben erscheinen können. Das ist mehr als faszinierend.

Auch dieses Buch von Bernhard Kegel ist wieder gut zu lesen – vorausgesetzt, man muss es nicht mitten im Kapitel zur Seite legen, weil die Eltern anrufen, deren Gene vielleicht gar nicht so viel Bedeutung für mich haben. Was mein Großvater in einer bestimmten Lebensphase gegessen hat, könnte genauso wichtig gewesen sein.

Viel gelernt, viel gestaunt und mit vielen Fragen über das Leben an sich und die durchschnittliche Haltbarkeit von Faktenwissen wieder aus dem Buch aufgetaucht!

Bleibt nur mein ganz persönliches Luxusproblem: jetzt habe ich alle Sachbücher von Bernhard Kegel gelesen. Und nun?


Weitere Angaben zum Sachbuch:

Bernhard Kegel

Epigenetik
Wie unsere Erfahrungen vererbt werden

Dumont Taschenbuch
ISBN 978-3-8321-6318-1

Ich bedanke mich beim Dumont-Verlag für das Rezensionsexemplar!


Vollständig – hier findet Ihr alle Rezensionen zu den Büchern von Bernhard Kegel:

Buchs – es kommt darauf an, was man daraus macht: Jardin Eyrignac

Jardin Eyrignac Schattenplatz mit Sichtachse

Kann sich noch jemand an den alten Werbespruch der Zement­wirtschaft erinnern? „Beton – es kommt darauf an, was man daraus macht.“

Buchs war für mich immer so etwas wie der Beton im Garten. Ein williger Werkstoff, der genau zeigt, was der Gärtner alles nicht kann und was der Standort des Gartens alles nicht hergibt.

Die Gärtner aus dem Jardin Eyrignac hingegen zeigen, was jenseits des Reihenhausgartens mit Buchs alles möglich ist: Formschnitt in Vollendung.

Prachtvolle umrandete Wege, Sichtachsen, die den Blick lenken, lauschige Ecken, Umrahmungen für üppig blühende Beete, geheime Gartenzimmer, schattige Plätze und von der Sonne beschienen Plätze. Dieser Garten bietet einfach alles, was mit Buchs möglich ist und das in einer Formvollendung, wie ich sie noch nirgendswo gesehen habe. Auch in Großbritannien nicht.

Im Jardin Eyrignac gibt es kein welkes Blatt, keine zerzaustes Ästchen, keinen krummen Zweig. Nur Perfektion. Und freies WLAN – zumindestens im vorderen Teil des Gartens – und jemanden, der Instagram-Bilder mit dem #eyrignac wahrnimmt und darauf reagiert.

Bei so viel Pflegeaufwand wundert es nicht, dass Jardin Eyrignac 12,50€ Eintritt kostet (Stand 2015). Ob der Garten das wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich war auf jeden Fall beeindruckt.

Möge der Buchsbaumzünsler dort niemals ankommen!

Mein Buchs im eigenen Garten darf aber auch weiterhin wild vor sich hinwuchern und den hässlichen Maschendrahtzaun des Nachbarn verdecken. Das macht er nämlich ohne Formschnitt ganz hervorragend.


Informationen zum Garten:

Jardin Eyrignac

Les Jardins du Manoir d’Eyrignac
24590 SALIGNAC Dordogne – Périgord

Webseite Jardin Eyrignac

Selfie im Jardin Eyrignac
Selfie im Jardin Eyrignac

Eine süffig zu lesende Geschichte der Gartenkunst bietet dieses Buch: Lord Findlater und die Gärten seiner Zeit.

Neophyten – unternehmungslustige Pflanzen erobern die Welt

Neophyten Sachbuch

“Wandernde Pflanzen – Neophyten, die stillen Eroberer” von Wolf-Dieter Storl hat mich gleich auf den ersten Seiten fasziniert. Neophyten, das sind, vereinfacht gesagt, Pflanzen, die eigentlich nicht hier her gehören. So wie der Riesenbärenklau, die kanadsiche Goldrute und das indische Springkraut.

Als agressiv und gemeingefährlich gelten sie. Mindestens unter Beobachtung stellen muss man diese Pflanzen, noch besser bekämpfen und ausrotten. Oder?

Wolf Dieter Storl, Weltreisender und Ethnobotaniker, lässt sein Buch in Südafrika beginnen. Mit zwei sehr sympathischen Biologen erkundet er die Umgebung der Hauptstadt. Dort findet er lauter alte Bekannte aus allen Teilen der Welt, auch aus Europa: den Portulak, die Akazie, das Wandelröschen, die Seekiefer …

Mit Erstaunen hört er die Biologen voller Enthusiasmus und mit Herzblut davon reden, dass all das ausgerottet werden müsse. Weil es nicht nach Südafrika gehöre. Weil es agressiv sei. Weil es die einheimischen Pflanzen verdrängen würde.

Zugegeben: ein Buch so beginnen zu lassen hat etwas von einem erzählerischen Taschenspieler-Trick. Macht nichts. Storl ist ein begnadeter Erzähler, der sein Handwerk versteht. Und ich lasse mich immer wieder gerne von ihm begeistern.

Wolf-Dieter Storl denkt in größeren Zusammenhängen. Er erzählt von Pflanzen, die vor der Eiszeit bei uns einheimisch waren, den Klimawandel nicht überlebt haben und jetzt als Zierpflanze wieder zu uns kommen. Andere Pflanzen wie der Apfelbaum kamen erst mit den Römern zu uns. Auch die Walnuß war zuerst nicht bei uns heimisch.

Warum auch sollte eine Pflanzen hinter der Gartenmauer bleiben?

Ein großer Einwanderungsschub begann in den Klostergärten des Mittelalters. Viele der dort angepflanzten Kräuter blieben nicht lange hinter den Klostermauern, sondern wilderten sich selbst aus. Das Schöllkraut ist ein Beispiel dafür.

Der botanische Garten Kew Gardens in London war ein weiterer Ausgangspunkt für eine ganz große Eroberungswelle. Pflanzen, die sich dort unter geschützten Bedingungen eingelebt hatten, verbreiteten sich über ganz England. So kommt es, das England die größte Zahl an Neophyten in Europa aufweist. Das Franzosenkraut und das drüsige Springkraut verbreiteten sich von dort weiter aufs Festland.

In einer Mauer in einer dunklen Ecke meines Gartens wächst das Mauerzimbelkraut und blüht wunderschön. Auch diese Pflanze ist ein Neophyt. Im laufe der Jahre hat sich das Mauerzimbelkraut in so ziemlich jede Kübelpflanzen ausgewildert. So machen das die Pflanzen nun mal – sie wandern und erobern sich neue Lebensräume.

Der typische Zyklus lautet Einfuhr -> Etablierung und Anpassung -> Invasion -> Sättigung und biologische Einbindung. In der letzten Phase ist der Neophyt kein agressiver Neophyt mehr – er tritt in normaler Häufigkeit auf, weil sich Fraß-Feinde und Krankheiten gefunden haben, die ihn im Schach halten.

Daher empfiehlt Storl, den Neophyten mit Gelassenheit zu begegnen – und in der Zwischenzeit sich einfach an den schönen Pflanzen zu erfreuen und ihr Heilpotential zu erkunden. Wie man das Heilpotential einer Pflanze ohne Laborversuche erkunden kann, darüber erzählt Wolf-Dieter Storl in seinen anderen Büchern.


Angaben zum Buch:

Wolf-Dieter Storl
Frank Brunke

Neophyten, die stillen Eroberer – Ethnobotanik, Heilkunde und Anwendungen

AT Verlag

Die Neuauflage trägt jetzt den Titel: Wesen und Geheimnisse der Neophyten
Heilpflanzen, Nahrungspflanzen, Nutzpflanzen • Goldrute, Springkraut und Staudenknöterich mit anderen Augen sehen


Diese Rezension von mir erschien zuerst im Hugendubel-Blog, der leider eingestellt wurde. Hier findet ihr meine Rezensionen zum Thema Garten und Natur auf diesem Blog.


Auch unter den Stadtwildpflanzen befinden sich einige Neophyten – und ohne sie wäre unsere urbane Natur ärmer:

Meine Mikroben und ich – ein Holobiont

Die Herrscher der Welt: Mikroben - Sachbuch

Holobiont. Wichtiges Wort. Vor der Lektüre von Bernhard Kegels neuem Buch „Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen.“ kannte ich das Wort Holobiont (Definition folgt am Ende der Buch-Rezension) noch nicht. Jetzt werde ich es sicherlich nicht mehr vergessen.

Holobiont – ich bin viele und nur miteinander können wir überleben. Was wäre ich ohne meine Darm-Mikroben? Unterernährt ist eine durchaus zutreffende Antwort, denn die Mikroben spalten für sich und für mich Nahrungsmittel auf. Ich könnte diese speziellen Nährstoffe sonst nur schlecht verwerten.

Und was wären meine Darm-Mikroben ohne mich? Auf jeden Fall heimatlos und hektisch darum bemüht, irgendwo anders für sich diese Nährstoffe zu finden, die es in meinen Eingeweiden im Überfluss gibt. Wir profitieren voneinander – zumindest so lange, wie sich alles im Gleichgewicht befindet. So viel sei schon mal verraten: weder einseitige Ernährung noch Antibiotika fördern das Gleichgewicht.

Er fragte sie (die Forscher), was sie selbst in ihrem Leben verändert hätten, seitdem sie an diesen Themen arbeiteten.

Ihre Antwort: Zurückhaltung mit Antibiotika, besonders bei den Kindern, daheim keine übertriebene Sauberkeit und die Aufforderung an die lieben Kleinen, draußen und mit Tieren zu spielen, sowie eine Ernährung, die weitgehend auf industrielle Fertigprodukte verzichtet.

Klingt eigentlich nicht so, als seien für diese Erkenntnisse zehn Jahre intensiver Mikrobiomforschung nötig gewesen. S. 241

Diese Herausforderung, das Gleichgewicht zu halten, besteht selbstverständlich nicht nur beim Menschen und seinen Darm. Der Mensch steht in Bernhard Kegels neuem Buch nicht im Mittelpunkt. Mikroben finden sich überall und sie sind anscheinend in der Lage, mit jedem Lebewesen eine nutzbringende Beziehung einzugehen. Eigentlich haben sie das Leben erst möglich gemacht und möglicherweise bestimmen sie unser Leben und unser Verhalten viel mehr, als wir das wahrhaben wollen.

Sachbuch mit Spannungsaufbau

Natürlich ist noch nicht alles erforscht und natürlich ist in Wahrheit alles viel komplizierter. Ohne Bernhard Kegel hätte ich kaum eine Chance, die komplexen und hochinteressanten Symbiosen zwischen Mikroben und ihren Wirten zu verstehen. Doch bei diesem Thema musste ich diesmal deutlich konzentrierter lesen als bei seinen anderen Büchern „Tiere in der Stadt“ und „Die Ameise als Tramp“. Nicht, weil der Autor in der Zwischenzeit das Erzählen verlernt hätte – das Gegenteil ist der Fall.

Sachbuch mit Spannungsaufbau – Bernhard Kegel kann das und noch viel mehr. Auch diesmal führte mich der Autor mit sicherer Hand durch mir doch sehr unbekanntes Terrain und unterhielt mich aufs Vergnüglichste mit lehrreichen Geschichten.

Das ich sein neues Buch nicht ganz so locker weglesen konnte wie seine Vorgänger, lag nur daran, dass mir die Materie wesentlich weniger vertraut war als das bei seinen letzten Büchern der Fall war. Bedingt durch Lesepausen fiel es mir schwer, die ganzen Mikroben, dieses ganze einzellige Gewusel, auseinander zuhalten.

Meine vielen Bewohner habe ich mir nicht gemerkt. Aber das die Mikroben und ich genau wie alle anderen Lebewesen ein Holobiont sind (und das ist gut so) – das bleibt im Gedächtnis. Individuen gibt es nicht.

Mein nächstes Buch von Bernhard Kegel liegt übrigens schon auf meinem „Das alles möchte ich bald lesen“-Stapel: „Epigenetik. Wie Erfahrungen vererbt werden“.

Dann habe ich alle Bücher von ihm gelesen – ein größeres Kompliment kann man einem Autor wohl kaum machen!

Fast ausgelesen: Die Herrscher der Welt  - Mirkoben
Da war es fast ausgelesen: Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen. Auf der Lesebrille leben bestimmt auch welche.

Was ist ein Holobiont? Hier die Definition:

Ein Holobiont ist ein biologisches Konzept, das einen Wirtsorganismus zusammen mit allen Mikroorganismen beschreibt, die dauerhaft mit ihm in enger Gemeinschaft leben. Sie bilden eine fuktionelle Einheit.

Ein Mensch ist demnach ein Holobiont, denn er besteht aus den menschlichen Zellen plus allen Bakterien, Viren, Pilzen und anderen Mikroorganismen, die auf und in ihm leben – etwa im Darm, auf der Haut oder in anderen Körperregionen. Diese Mikrobengemeinschaft wird auch als Mikrobiom bezeichnet.

Die Holobiont-Theorie geht davon aus, dass:

  • Wirt und Mikroorganismen sich gemeinsam entwickelt haben
  • Sie voneinander abhängig sind und sich gegenseitig beeinflussen
  • Die Mikroorganismen wichtige Funktionen für den Wirt übernehmen (z.B. Verdauung, Immunsystem, Stoffwechsel)
  • Der Gesamtorganismus als evolutionäre Einheit betrachtet werden kann

Beispiele für Holobionte finden sich sowohl im Tier- als im Pflanzenreich: Menschen und Darmbakterien, Bäume mit Wurzelbakterien, Korallen mit ihren Zooxanthellen und viele andere Organismen. Das Konzept zeigt, wie komplex und vernetzt biologische Systeme sind.


Weitere Angaben zum Sachbuch:

Bernhard Kegel

Die Herrscher der Welt
Wie Mikroben unser Leben bestimmen.

Dumont Verlag


Hier auf meinem Buch-Blog könnt Ihr noch mehr Rezensionen zu Büchern von Bernhard Kegel entdecken:

Alles fühlt – Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften

Weber Alles fühlt Lebenswissenschaft

Eine Neu-Interpretation der Biologie, die zu einem veränderten Welt- und Menschenbild führt – das ist die Mission des Biologen und Philosophen Andreas Weber.

Im Mittelpunkt steht bei ihm der fühlende Körper, die fühlende Zelle, die leben will und ihr ganzes Dasein danach gestaltet.

Dieses Grundprinzip des Leben-wollens – weg von dem, was sich schlecht anfühlt und hin zu dem, was sich gut anfühlt – wohnt jedem Stück Natur inne. Deswegen kann man Mensch und Natur nicht getrennt voneinander betrachten. Wir sind Natur und nur mit der Natur sind wir ganz.

Wissenschaftsgeschichte, Biologie, Philosophie, persönliche Betrachtungen und – ja, auch – Poesie: all das ist in dem Buch „Alles fühlt – Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften“ von Andreas Weber enthalten.

Ich konnte dem Lauf seiner Gedanken nicht immer folgen, aber es gab auf jeder Seite für mich etwas zum Entdecken; etwas, das mich zum Staunen brachte oder etwas, das ich einfach genießen konnte:

Wir trafen uns am Meer, an einer stillen, sommerlichen Ostsee, deren flüssige Spiegel kein Wellenschlag zerspringen ließ und die auf diese Weise den Himmel in sich einsog und seinen Raum verdoppelte. Es war ein weicher Himmel, und die meiste Zeit zogen milchige und rosenfarbige Schlieren über ein mildes Blau. Ein wenig schien es, als würde die Dämmerung nie enden, und die Abende blieben lange hell. S. 81


Infos zum Buch:

Andreas Weber
Alles fühlt
Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften

Think Oya

Drachenverlag
ISBN 978-3-927369-86-3

„Alles fühlt“ erschien zuerst im Berlin Verlag; dort ist es noch als eBook lieferbar. Im Drachenverlag erschien in der hoch interessanten Buchreihe „Think Oya“ der Zeitschrift Oya eine erweiterte Neuauflage.


Alles fühlt. Doch wie fühlt der Mensch sich selbst? Die Wissenschaft der Interozeption entschlüsselt genau das: