Plötzlich Kaiser: Macht und Intrigen am Hof

Cover des Fantasy-Romans Der Winterkaiser von Katherine Addison

Ich habe ihn gefunden, den einen Fantasy-Roman, der (fast) ohne Brutalität, Gewalt und ganz ohne Schlachtengetümmel daher kommt: „Der Winterkaiser“ von Katherine Addison ähnelt einem Kammerspiel. Als bei einem Unglück der Kaiser und seine Thronfolger ums Leben kommen, findet sich Maia, der ungeliebte Sohn des Kaisers, auf einmal auf dem Thron wieder. Allerdings wuchs er in der Verbannung auf und hat weder Ahnung vom Leben am Hof noch von Politik und den Aufgaben eines Kaisers.

Aus diesem Setting entwickelt Katherine Addison einen hinterlistigen, stellenweise vergnüglichen Roman um einen jungen Mann, der versucht seinen Platz im Leben zu finden, und um Frauen, die zeigen wollen, dass sie mehr können als heiraten. An Tiefe gewinnt der Roman, weil Maia Sohn eines Elfenkönigs und einer Kobold-Prinzessin ist. Rassismus, Emanzipation und die Frage nach einer gerechten Gesellschaftsform sind Themen, die Katherine Addison geschickt in die Handlung einbindet, ohne sie groß in den Vordergrund zu stellen.

Das war genau das Richtige für den Start in meinen Lese-Urlaub! Hier bei „Papier und Tintenwelten“ findet ihr eine ausführliche Rezension mit mehr Infos zur Handlung.


Angaben zum Buch:

Katherine Addison
Übersetzt von Petra Huber

Der Winterkaiser

Fischer Tor


Entdeckt habe ich den Roman übrigens auf dieser Liste:

Die 100 besten Fantasy-Bücher aller Zeiten


Mehr Fantasy-Romane auf meinem Blog – dieser hier passt gut zum Winterkaiser:

Die Insel der besonderen Kinder. Oder: was ist ein leicht zu lesendes Buch?

Die Insel der besonderen Kinder. Taschenbuch vor Kellerwand, schaurig beleuchtet.

Wenn ich Rezensionen zu Fantasy-Büchern lese, wundere ich mich manchmal, was Leserinnen und Leser als „schwer zu lesen“ bezeichnen. Mal sind die Namen zu kompliziert, mal die Kapitel zu lang, mal gibt es zu viele Rückblenden oder Zeitsprünge. Diese Kritikpunkte können handwerkliche Mängel benennen. Doch fast immer sind es einfach nur stilistische Besonderheiten, die mich beim Lesen nicht ausbremsen würden.

Daran musste ich denken, als ich „Die Insel der besonderen Kinder“ las. Dieses Buch macht nämlich im Sinne dieser Rezensenten alles richtig. Es lässt sich verschlingen, in einem Rutsch durchlesen und man kann tief in die geheimnisvolle, gruselige Welt eintauchen.

Das sehe ich auch so. Obwohl Grusel oder Mystery nicht gerade zu meinen bevorzugten Genres zählen, hat mich das Buch gut unterhalten. Doch vor allem hat es mir vor Augen geführt, was andere Leser:innen meinen können, wenn sie sagen, dass diese Geschichte sich gut liest.

Bin ich hier im Kino? Oder: was zeichnet ein leicht zu lesendes Buch aus.

Straight herunter erzählte Handlung. Ausreichend Action im Wechsel mit ruhigeren Passagen. Charaktere, die exakt so viel Tiefe haben, dass man mit ihnen mitfühlen kann. Die aber nicht so komplex sind, als das man sich beim Lesen ihretwegen den Kopf zerbrechen müsste. Dialoge. Und vor allem: Bilder wie im Kino.

Ich hingegen werde misstrauisch, wenn mir beim Lesen zwischen den Zeilen entgegen gebrüllt wird: Hallo, findest Du nicht auch, dass ich mich als Drehbuch gut machen würde?

Doch die Welt der Bücher ist groß und vielfältig. Deswegen gibt es für alle und für jeden Anlass das richtige Buch. Für mich hat „Die Insel der besonderen Kinder“ in dem Moment bestens gepasst. Die Folgebände werde ich jedoch nicht lesen.


Infos zum Taschenbuch:

Ransom Riggs
Die Insel der besonderen Kinder
Band 1


Droemer Knaur

Ausführliche Rezension bei Paperblog


Ein Buch, das gut dazu passt: BUNGBund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister


Der Sommer der Wildschweine – und der Gedanken

Birgit Vanderbeke - Sommer der Wildschweine. Roman.

Wann soll man seinen Gedanken freien Lauf lassen, wenn nicht im Urlaub? Genau das macht Leo. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ist sie mit ihren Mann in Urlaub gefahren. In den Süden Frankreichs, ins Languedoc. Wohin auch sonst, wenn es sich um einen Roman von Birgit Vanderbeke handelt.

Die ersten Tage sind noch nah am Alltagsleben von Solo-Selbstständigen, denen immer die Angst vor der nächsten Wirtschaftskrise im Nacken sitzt. Sie arbeiten, halten online Kontakt mit Auftraggebern und Kunden, mit ihren erwachsenen Kindern und dem Weltgeschehen.

Dann kommt ein Sommergewitter. Straße, Wasser, Strom und Internet – alles weg für drei Tage. Währenddessen streifen Lous Gedanken durch das Leben und die Welt. Stricken und Umweltkrise, Familiengründung und Weltwirtschaft, Keyword-Texte und Gespräche mit lieben Menschen: Was wie eine wirre Aneinanderreihung einer Frau, die sehr viel Zeit online verbringt, wirkt, hat System. Denn alles ist mit allem verbunden und selbst so etwas privates wie die Wahl des richtigen Strickgarns ist politisch.

Doch bevor ich diese Struktur verstanden hatte, hatte mich schon der Rhythmus der Sprache für das Buch eingenommen. Ich bin gerne in die mäandernden Gedankengänge eingetaucht. Als ich fertig war, dachte ich: Wie schafft es eine Autorin, Wildschweine, Angorakaninchen und ölverschmierte Pinguine zu einem sinnstiftenden Ganzen zu verbinden? Birgit Vanderbeke kann das, weswegen ich am liebsten wieder von vorne begonnen hätte.


Infos zum Buch:

Birgit Vanderbeke
Der Sommer der Wildschweine


Piper Verlag


Ein Blog-Beitrag, der gut dazu passt:

Noch mehr Buch-Tipps

Fernweh, Wanderlust und Neugier: Reisebücher auf meinem Blog

Leben auf dem Dorf – gestern und heute

Cover des Buches "Das Dorf" von Gerhard Henkel

In Deutschland leben rund 30% der Menschen in Großstädten über 100.000 Einwohner und rund 50% im ländlichen Raum. Die gleiche Statistik anders erzählt: 77 Prozent der Menschen leben in Deutschland in Städten oder Ballungsgebieten, aber nur 15 Prozent in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Das wäre ein Einstieg in die Rezension des erschlagend gründlichen und trotzdem gut lesbaren Sachbuchs „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute.“ Ein anderer wäre, von den beiden besten öffentlichen Bücherschränken zu erzählen, die ich kenne. Der eine steht nahe Mannheim, aber in ländlicher Struktur. Der andere im Odenwald in einem Dorf, das bei rund 4000 Einwohnern auf über 50 aktive Vereine kommt. Bei beiden Bücherschränken habe ich den Eindruck, dass sie nur so gut funktionieren, weil sich die Menschen vor Ort stärker für ihre Gemeinde engagieren.

Dorf, das ist für Stadtkinder wie mich meist auch ein Sehnsuchtsort. Der Gegenspieler der Sehnsucht lautet Angst vor Kleingeistigkeit und zu engem Horizont. Aber ist das so? Wie lebt es sich heute auf dem Dorf? Haben Dörfer noch eine wirtschaftliche Bedeutung oder sind sie nur der Ort für den Feierabend?

Von Straßendörfern und dem Holz vor der Hütte

Auf all diese Themen geht Gerhard Henkel ein und erzählt gleichzeitig die Entwicklung der Dörfer Deutschlands seit 1800. Für mich gab es in dem umfassenden und reich bebilderten Buch mehr als einen Aha-Moment. Sei es die Erklärung, warum Straßendörfer, Haufendörfer und andere Dorftypen exakt so aussehen, oder die Einschätzung, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Forstwirtschaft in Deutschland größer sei als die der Automobilindustrie – Gerhard Henkel hat mich mehr als einmal überrascht.

Allerdings scheint er davon auszugehen, dass kaum jemand sein 365 Seiten starkes Buch komplett liest. Vieles, wie die Auswirkungen der Flurbereinigung und die Grenzen, die der Kommunalpolitik gesetzt werden, wiederholt sich in einigen Kapiteln. Was ich hingegen sehr mochte, ist die Tatsache, dass für Gerhard Henkel, der ja Professor für Humangeographie ist, das Dorf weit mehr als ein Studienobjekt ist. Aus jeder Zeile klingt der Respekt vor der Lebensleistung der Dorfbewohner. Für ihn ist das Dorf eine Lebensform, die durch menschliches Miteinander und füreinander einstehen geprägt wird. Der erfolgreiche Kampf um die Dorfschulen und die neu entstehenden Dorfläden sind für ihn zwei, aber nicht die einzigen Beispiele dafür.

Es ist die Mischung aus Geschichte und Gegenwart, Forschung und wahrem Leben, die für mich sein Buch so lesenswert gemacht hat!


Infos zum Buch:

Gerhard Henkel
Das Dorf
Landleben gestern und heute


WBG Theiss


Ein Buch, das gut dazu passt:
Anders? Ausgrenzung und Integration auf dem Land.

Ein Buch, das gegen Provence-Weh und Frankreich-Vermissung hilft

Taschenbuch "Provence fürs Handgepäck". Buch liegt unter einem Lavendelbusch

In einem Jahr, in dem das Nachbarland Frankreich unerreichbar schien, habe ich mich mit dieser Anthologie getröstet: Provence fürs Handgepäck. Es hat gewirkt!

Nicht nur, dass dieses Buch mein Fernweh gemildert hat – ich bin dadurch auch mal wieder durch Genre und Epochen gestreunt, die sonst nicht den Weg auf meinen Lesestapel finden. Klassiker wie Stendhal und Daudet, Plauder-VIPs wie Günter Sachs und natürlich Peter Mayle, dessen Bücher ich immer nur erfolgreich in der Buchhandlung verkauft, aber nie gelesen habe. Nur den Handke, den hätte es für mich nicht gebraucht. Diese mutwillige Unrhythmik, dieses reingrätschen in Satzstrukturen. Nur, weil er es kann und die Leserin seinem Genie zu folgen hat. Brauche ich nicht.

Gestört hat es mich aber nicht, denn es war genug Schönes da. Lavendeliges und Honigsüßes genau wie Herbes und vom Mistral Vorangetriebenes. Landleben und mondäne Strandpromenaden, Berge und Meer. Jede Facette kann für sich alleine stehen und alle zusammen haben sich für mich wirklich so angefühlt, wie ich die Provence erlebt habe.

Es wird Zeit, den nächsten Aufenthalt zu planen! Oder die nächste Lektüre aus der Reihe „ … fürs Handgepäck“?


Provence fürs Handgepäck. Das Taschenbuch steht in einem Buchregal voller Bücher über die Provence, daneben ein Pastis Glas

Bibliographische Angaben:

Provence fürs Handgepäck
Geschichten und Berichte – Ein Kulturkompass


Herausgegeben von Ulrike Frank

Union Verlag


Ein Buch, das bestens dazu passt: Ein Jahr an der Côte d’Azur

Lebensraum Wiese – Sachbuch-Tipp

Buch von Jan Haft: "Die Wiese" fotografiert in einer Wiese mit verblühten Mohnblumen

Wenn man eine Wiese mit den Augen von Jan Haft betrachtet, gleicht sie einem Miniaturdschungel. Ein Universum mit einer Vielzahl an Gräsern und Kräutern, Insekten und Bodenlebewesen und kleinen Säugetieren. Darüber am Himmel kreist der Mäusebussard. Doch solche Wiesen sind selten geworden.

Mir war zwar bewusst, dass eine Wiese den Menschen braucht. Ohne Mahd verbuscht sie und wird zu Wald. Aber warum das so ist, was große, längst ausgestorbene Tiere damit zu tun haben und warum Dünger zu einem Verlust von Artenreichtum führt, das habe ich erst mit dem Buch so richtig verstanden.

Was wir heute kennen, sind Rasenflächen mit Gänseblümchen, Kuhweiden voller Löwenzahn oder Blühstreifen am Feldrand. Warum all das ein netter Anblick, aber kein Ersatz für eine artenreiche Wiese ist, erklärt Jan Haft mit Nachdruck und Begeisterung. Tief in ihm drin steckt immer noch der kleine Junge, der über die Wiesen am Haus gestreift ist und Tiere beobachtet hat. Diese Leidenschaft lebt er mittlerweile als Naturfilmer aus.

Schade nur, dass Jan Haft als Autor eine stilistische Eigenheit hat, die mich als Leserin auf die Palme bringt. Die häufigen Formulierungen wie „Sie haben ja bereits erfahren, dass …“ und „Wie wir später noch sehen werden…“ deute ich entweder als Misstrauen an meine Fähigkeit, konzentriert zu lesen. Oder als mangelndes Selbstvertrauen des Autors, der selbst nicht glauben kann, dass ich sein Buch aufmerksam lese. Habe ich aber – und viel dabei gelernt!


Weitere Infos zum Buch:

Jan Haft
Die Wiese

Lockruf in eine geheimnisvolle Welt

Penguin Taschenbuch

Ausführliche Rezension mit vielen Beispielen aus dem Buch auf dem Blog Elementares Lesen.


Noch mehr Buch-Tipps: Naturbücher auf meinem Blog.


Wusstet ihr, wie viele Spinnen auf einem Hektar Wiese in Mitteleuropa leben? Im besten Fall 1,3 Millionen. So etwas lernt ihr mit diesem Buch: Von Spinnen und Menschen. Eine verwobene Beziehung.

Die Natur der Zukunft – wie wird sie aussehen?

Die Natur der Zukunft. Das SAchbuch von Bernhard Kegel liegt auf Kies und Steinen in einem Garten

In der Natur der Zukunft zählt der Kuckuck zu den Verlierern. Als Zugvogel orientiert er sich an den Taglängen. Doch was sich Jahrhunderte lang bewährt hat, wird im Klimawandel zum Problem. Wenn der Kuckuck jetzt aus dem Winterquartier zurückkommt, brüten seine Wirtsvögel schon längst und er kann ihnen keine Eier mehr unterschieben. Denn die Vögel, die hier überwintern, orientieren sich am Nahrungsangebot. Milde Winter bringen es mit sich, dass es früher Insekten gibt, mit denen man die Jungen füttern kann. Also wird eher gebrütet!

Das ist noch ein relativ einfaches Beispiel für die Verwicklungen, die ein sich erwärmendes Klima mit sich bringt. Doch egal, wie komplex die Sachlage ist: Bernhard Kegel erklärt alles. Wirklich alles. Seine spezielle Mischung aus Storytelling, eigenen Beobachtungen und wissenschaftlichen Studien sorgt dabei nicht nur für Anschaulichkeit. Bernhard Kegels Sachbücher sind spannend und erzeugen einen Lesefluss, bei dem manch ein Roman nicht mithalten kann.

Ein klein wenig ist ihm diesmal die Lust am Geschichtenerzählen abhandengekommen. So viele Studien hat er noch nie zitiert. Zu ernst ist die Lage. Einen solch massiven Wandel gab es in der Erdgeschichte bisher nie. Tiere und Pflanzen haben in der Evolutionsgeschichte zwar schon mehr als einmal bewiesen, dass sie sich hervorragend anpassen können. Doch erstens stand ihnen damals mehr Zeit für die Anpassung zur Verfügung und zweitens wurden ihre Wanderungsbewegungen nicht von Autobahnen, Städten und Menschen behindert.

Doch Bernhard Kegel bleibt trotz allem optimistisch. Es wird eine Natur der Zukunft geben. Nur ob Kuckuck und Mensch dazu gehören werden – da ist er sich nicht so sicher.


Infos zum Sachbuch:

Bernhard Kegel
Die Natur der Zukunft
Tier- und Pflanzenwelt in Zeiten des Klimawandels


Dumont Verlag


Bernhard Kegel empfehle ich nicht zum ersten Mal auf meinem Blog. Am besten lest ihr alles und startet mit seinem Sachbuch „Tiere in der Stadt“. Hier drei meiner Rezensionen:

Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Cover des E-Books "Lob des Imperfekts" von Käthe Kruse. Darin erzählt unter anderem über die Bewegung der Genialen Dilletanten

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr.

Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat.

Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre Versuche, neu Formen von Zusammenleben und Arbeiten, Bauen und Wohnen zu entwickeln, war mir bisher nicht begegnet.

Vielleicht kann ich mir jetzt ein bisschen besser vorstellen, wie sich das Leben damals in Berlin angefühlt hat. Die Musik und die Performances der Band „Die Tödliche Doris“ hingegen bleibt für mich das, was sie schon vor der Lektüre war: ein Faszinosum, dass ich nie so ganz verstehen werde, einfach weil ich sie nicht live gesehen habe.


Infos zum Buch:

Käthe Kruse
Lob des Imperfekts
Kunst, Musik und Wohnen im West-Berlin der 1980er

mikrotext

Rezension im von mir sehr geschätzten Missy Magazin.


Noch ein Hinweis zur Legendenbildung: Offensichtlich war Blixa Bargeld der erste, der die Bezeichnung „Geniale Dilletanten“ verwendete. Wahrscheinlich auf einem Badge, einem Anstecker, dem Meme-Generator der Punk-Ära. Ob die Schreibweise Dilletanten statt Dilettanten nun eine geniale Idee oder ein genialer Fehler war – das wird sich wohl nie klären.


Weniger Kunst, mehr Punk: Die Riot Grrrls

Punk und New Wave in Deutschland. Wie alles begann.

Das Buch "Verschwende deine Jugend - Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave" liegt auf einem unordentlichen Buchstapel mit weiteren Büchern über Punk

War ich die Letzte meiner Generation, die das Buch noch nicht gelesen hatte? Und dass, obwohl Punk und New Wave mein Erwachsenwerden geprägt haben? Und ich heute hauptsächlich Musik höre, die ohne die Pionierarbeit von deutschen Musikern und Musikerinnen wie FM Einheit und Peter Hein, Gudrun Gut und Annette Humpe ganz anders klingen würde? Und ohne Aufklärungsarbeit von Journalisten wie Diedrich Diederichsen anders gedacht werden würde?

Andererseits schadet es überhaupt nichts, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ 20 Jahre nach Erscheinen und gut 30 Jahre nach dem eigenen Erwachsenenwerden zu lesen. Letzteres ist natürlich nur ein Schätzwert.

Ich hatte schon immer ein Talent für spontane, aufrichtige Begeisterung, war aber nie ein Fan-Girl, das Band-Besetzungen hätte herunterbeten können. Heute bin ich schon froh, wenn mir der Name der Band einfällt. Da haben wir es schon wieder: es ist kaum möglich, über dieses Buch zu bloggen, ohne zu überlegen, wie sich das eigene Erleben von Musik im Laufe der Jahrzehnte geändert hat.

Trotzdem ist der Doku-Roman eines ganz sicher nicht: sentimental. Dafür sorgt ein handwerklicher Kniff. Jürgen Teipel hat über 1000 Stunden Original-Interviews in kleine Schnipsel zerstückelt und dann wieder neu zusammengesetzt. O-Ton an O-Ton, ohne Erläuterungen dazwischen. Eine Collage aus Anekdoten, Hintergrundinfos, Nachdenken über Punk und Reflexion der eigenen Rolle. Klingt nach einer Heidenarbeit!

Aber das Ergebnis wirkt unglaublich frisch, lebendig und ergibt tatsächlich so etwas wie eine durchgehende Handlung. Genau deswegen lässt es sich locker lesen und macht Spaß!

Was für mich nach der Lektüre hängenbleiben wird, ist zweierlei. Einmal, wie wenig Menschen es braucht, um solche Veränderungen in Musik, Kunst und Leben auszulösen. Ein Funken zur richtigen Zeit, gezündet mit Leidenschaft, genügt.

Punk? New Wave? Hauptsache cool!

Die andere Erkenntnis war eher ernüchternd. Was war denn die Motivation dafür, Musik zu machen, rauf auf die Bühne zu gehen und die Welt in Brand zu setzen? In unglaublich vielen Fällen lautet die Antwort: Ich wollte cool sein.

Ach, ihr auch? So, wie wir auf dem Schulhof, in den Kneipen und auf der Tanzfläche?

Inga Humpe: Aber ich habe wirklich darunter gelitten, dass ich nicht so cool war wie die (Malaria)

Jürgen Teipel, Verschwende deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. S. 279

Gudrun Gut: Und kühl zu sein, das fiel mir einfach leichter als zu sagen „Ich bin unsicher“

S. 316

Ich habe bewusst zwei Zitate von Frauen herausgesucht – schon alleine, weil ich mich darüber gefreut habe, wie viel Raum Jürgen Teipel den Frauen einräumt, obwohl die Szene sehr männlich geprägt war. Vielleicht auch, weil das, was die Jungs zum Thema „cool sein“ sagen, meist sehr pubertär daher kommt. Oder auch, weil ich mich immer noch darüber ärgere, dass ich eine Frauenband wie Malaria! erst viel später entdeckt habe.

Sagte ich schon, dass es kaum möglich ist, diesen Doku-Raum zu lesen, ohne darüber nachzudenken, was man selbst wann, wie und warum gehört hat? Deswegen gehe ich jetzt Platten abstauben und beginne bei A wie abwärts …


Infos zum Buch:

Jürgen Teipel
Verschwende deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave

Suhrkamp Verlag

Eine ausführliche Rezension findet ihr bei diesem Online-Magazin: Satt.org


Und wie geht es dem Punk heute? Buchtipp: Our piece of punk

Und noch ein sehr punk-lastiges Musikbuch: Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland

Lazy Confessions. Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

4 Bücher von Martin Büsser: Lazy Confessions, Für immer in Pop, Anti-Folk und On the wild side - die wahre Geschichte der Popmusik

Autonom, emanzipatorisch, analytisch: Für mich sind Martin Büssers Texte Suchscheinwerfer, die vom Tellerrand in alle Richtungen leuchten. Ein Autor, von dem ich alle paar Monate etwas lesen MUSS.

Dabei packt mich jedes Mal der blanke Neid: Ich will so schreiben, so kritisieren können!

Weil ich auf meinem Blog schon häufiger von meiner Faszination für Büssers Kritiken und Texte berichte habe – nämlich hier, hier und hier – gibt es zum gerade ausgelesenen Buch „Lazy Confessions. Artikel, Interviews und Bekenntnisse aus zwei Jahrzehnten.“ nur Zitate:

Gegenüber Jim Morrison und Johnny Rotten klingen die Sprachen von Blumfeld und den Goldenen Zitronen plötzlich wie das, was früher als Lyrik bei Suhrkamp erschien, während Suhrkamp mit Rainald Goetz eine Prosa veröffentlicht, die auf ihre Weise gerne wieder so authentisch wie Jim Morrison wäre.

Die Sprechweisen der Popkultur. Zum Problem der Vermittelbarkeit. Erschienen in kritische Ausgabe 5/2000. Aus Lazy Confessions – Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

Ich finde, das ist genauso ätzend wie exakt!

Genau hier könnte ein neues Kapitel beginnen, eines, das danach fragt, ob es sich bei all dem, was hier verhandelt wurde, nicht um einen Luxus handelt, dessen Bedingungen bereits historisch sind.

Wissen um der Lust Willen. Deleuze und die Pop-Intellektuellen. Erschienen in: Marvin Chlada. Das Universum des Gilles Deleuze. Eine Einführung. Aus Lazy Confessions – Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

Noch nie wurde die Frage an die Leser:innen, ob es sich nicht eh um Hirnwichserei handelt, feiner formuliert!


Infos zum Buch:

Martin Büsser
Lazy Confessions
Artikel, Interviews und Bekenntnisse aus zwei Jahrzehnten

Ventil Verlag

Ausführliche Rezension beim Kaput Mag


Wie wohl eine Diskussion zwischen Martin Büsser und Jens Balzer verlaufen wäre?

BUNG – Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister

BUNG. Cover des Jugendbuchs.

Die meisten Bücher, die ich auf meinen Blogs bespreche, sind in mittelgroßen oder kleinen Verlagen erschienen. Bei dem Jugendbuch BUNG, dass ich als Überraschungspost in meinem Briefkasten fand, verhält es sich anders. Dieses Buch gibt es als kostenlosen Download auf der Website der Herausgeber UND als Kauf-Version bei epubli.

Ja, so habe ich auch geguckt. Doch sobald ich jemanden entdecke, der den Vertrieb von Büchern anders denkt, schaue ich genauer hin. Bei BUNG fand ich einen überraschend konstruierten Fantasy-Roman für Jugendliche, ein interessantes Kollektiv statt eines Verlags und einen Beweis, dass mein Blog gelesen wird. Aber der Reihe nach.

BUNG 1 – Vampire, Vampire!

Fünf Freunde bilden eine Bande und versuchen, hinter dem Rücken der Erwachsenen Missstände wieder in Ordnung zu bringen. Was wie ein Standard-Motiv für Jugendbücher klingt, kommt hier mit einem erfrischenden Dreh daher. Die Abkürzung BUNG steht für „Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister“. Dementsprechend warten sowohl die fünf Freunde als auch die zu rettenden Tiere mit einigen Überraschungen auf. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn jeder Hinweis auf die Handlung wäre ein Spoiler.

Stilistisch hat das Buch ein paar Schwächen. So wird zum Beispiel jede neue Figur mit ihrer Wohnsituation eingeführt. Das ist eine schöne Technik, um einen Menschen zu charakterisieren, wirkt aber auf Dauer ein wenig ermüdend. Allerdings ist das mein erwachsener Blick auf das Buch, basierend auf langjährigen Lesegewohnheiten und der Angewohnheit, Bücher zu analysieren. Als Jugendliche hätte mich das einen feuchten Kehricht geschert – ich hätte einfach weitergelesen und mich von der Spannung und den unüblichen Charakteren mitreißen lassen. Wahrscheinlich hätte ich danach gleich überlegt, wo ich so non-konforme Freunde und Freundinnen für einen Geheimbund finden könnte.

Herausgeberinnengemeinschaft Paula & Karla Irrliche

Bücher wollen gelesen werden. Das Buch als Handelsware zu betrachten ist nicht der effektivste Weg, das zu erreichen. Die Buchhandlungen konzentrieren sich auf wenige Neuerscheinungen und Longseller. Auch die Bibliotheken haben nicht alles im Bestand. Was tun, wenn man ein Buch geschrieben hat, von dem man glaubt, dass die Welt das braucht, um ein besserer Ort zu werden? Ein Buch, das im Leben von Heranwachsenden einen Unterschied machen könnte, weil es ein anderes, freieres Miteinander beschreibt?

Irrliche geht dafür einen eigenen Weg.

Die Weiterverbreitung, Nutzung und Spiegelung der Texte ist ausdrücklich erwünscht.

Quelle: Website Irrliche

BUNG gibt es einmal als kostenlosen Download auf der Website. Für die, die es verschenken wollen oder ein Exemplar für eine Bibliothek haben möchten, gibt es eine gedruckte Version, die im Buchhandel oder direkt bei epubli erworben werden kann.

Wie fand die Herausgeberinnengemeinschaft zu mir?

Manchmal ist die Suchmaschine eben doch deine Freundin. Es dürfte nicht viele Buchblogs geben, die neben Fantasy auch Bücher über Anarchismus besprechen.

Und jetzt freue ich mich darauf, das Buch in einen öffentlichen Bücherschrank zu stellen, auf dass es noch viele Leserinnen und Leser findet!

BUNG - Vampire, Vampire! Cover des Jugendbuchs vor rostigem Gitter eines Kellerfensters

Infos zum Buch:

Tuja Tiira
Bung 1 – Vampire, Vampire!


Kaufversion bei epubli
Kostenloser Download beim Herausgeberinnenkollektiv Irrliche

Sind Bananen schlimm? Über 100 konkrete Beispiele für unseren CO2-Abdruck

Buch-Cover: Mike Berners-Lee
Wie schlimm sind Bananen?
Der CO2-Abdruck von allem

Was ist besser für Umwelt und Klima: Apfel oder Banane? Papierhandtuch oder Händetrockner? E-Book oder gebrauchtes Taschenbuch? Wer sich jetzt denkt „Woher soll ich das wissen?“ dem empfehle ich das Sachbuch „Wie schlimm sind Bananen? Der CO2-Abdruck von fast allem.“ Allen anderen empfehle ich das Buch erst recht.

Mike Berners-Lee, Autor von „Es gibt keinen Planet B.“, gibt uns mit seinem Buch Entscheidungshilfen für das alltägliche Leben an die Hand. Seine Herangehensweise stellt, da er sämtliche Berechnungen transparent macht, die Leser zufrieden, die alles selbst nachprüfen wollen. Gleichzeitig sind seine Erklärungen eine große Hilfe für Menschen wie mich, die einfach nur schnell zu vernünftigen Konsumentscheidungen kommen wollen. „Ich wollte helfen, dass wir einen CO2-Instinkt entwickeln“ schreibt Mike Berners-Lee in seinem Vorwort. In meinem Fall ist ihm das gelungen!

Beim Lebensmitteleinkauf kann eine Checkliste für vernünftigere Kaufentscheidungen zum Beispiel so aussehen: Kam es mit dem Flugzeug? Ist es industriell verarbeitet? Wurde es lange im Kühlhaus gelagert? Einfache Fragen, die ich schnell vor Ort im Laden überprüfen kann. Schon wird klar, dass der Bodensee-Apfel weit außerhalb der Saison keine gute Bilanz haben kann, da er lange im Kühlhaus lag. Die Banane hingegen, die mit dem Containerschiff zu uns kam und sich gut lagern lässt, schneidet erstaunlich gut ab.

Komplexer ist die Lage bei meinem E-Bike, da hier die Herstellung des Akkus die Bilanz verhagelt. Wenn ich jetzt häufiger das Fahrrad nehme statt des Autos, wird die Bilanz besser. Habe ich aber nun zwei einsatzbereite Fahrräder im Keller stehen, wovon nur eines genutzt wird, wird sie schon wieder schlechter. Das Fahrrad mit Ökostrom aufladen ist gut, wenn ich aber vor der Radtour einen Rindfleisch-Burger esse, um genug Power in den Waden für die Fahrt zu haben, ist das schlecht. Denn es kommt immer darauf an, womit der Motor betrieben wird.

So zerpflückt Berners-Lee unsere täglichen Entscheidungen. Da er das aber in einem äußerst vergnüglichen Stil und ohne Einsatz der Moralkeule schreibt, bin ich seinen Ausführungen gerne gefolgt.

Hier ein Beispiel für Booknerds wie mich:

E-Reader sollten hier nicht unerwähnt bleiben. Ich schätze, ein Kindle hat einen Fußabdruck von etwas 36 kg. Wenn ich richtig liege, müssten Sie darauf mindestens 36 Bücher lesen (die sonst neu gekauft und dann recycelt würden) bevor die Papiereinsparung die indirekten Emissionen im Gerät übersteigt. Die Elektroenergie für den Betrieb des Geräts und das Herunterladen der Bücher kommt noch obendrauf. E-Book-Reader mögen wunderbare Geräte sein, aber was das CO2 angeht sehe ich kein Kaufargument dafür, es sei denn, Sie lesen dadurch mehr (und vermeiden damit andere CO2-intensive Aktivitäten).

Mike Berners-Lee, Wie schlimm sind Bananen? S. 82

Das Klima retten durch lesen – da wäre ich sofort dabei!


Infos zum Sachbuch:

Mike Berners-Lee

Wie schlimm sind Bananen?
Der CO2-Abdruck von allem

Midas Verlag


Ein Buch, das gut dazu passt:

So klappt’s mit dem Welt retten