Besser als gute Vorsätze: Haikus schreiben.

Haikus schreiben. Ein Ratgeber.

Mehr schreiben gehört sicherlich nicht zu meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr. Ich schreibe so viel wie noch nie in meinem Leben, vor allem über Bücher – nur eben beruflich.

Auch „mehr bloggen“ wird es nicht auf die Liste der guten Vorsätze schaffen, denn es gibt Corporate Blogs, die von mir gefüllt werden wollen. Ich werde also sowieso mehr bloggen – nur nicht unbedingt auf meinen eigenen Blogs.

Trotzdem drehen sich viele meiner Überlegungen, was ich nächstes Jahr verändern möchte, um das Schreiben. Nicht mehr, sondern anders schreiben. Dabei bin ich sehr zufrieden damit, wie sich meine Rezensionen, die ja keine sind, entwickelt haben. Im Mittelpunkt aller Buchbesprechungen steht bei mir die Frage „Was hat dieses Buch mit mir gemacht?“. Ich möchte mich nicht hinter Stil-Analysen und einer Einordnung des Werkes in den Buchmarkt, wenn nicht sogar in die Literaturgeschichte, verstecken. Mich interessiert das Zusammenspiel von Buch und Leserin. Warum habe ich zu diesem Buch gegriffen, was war meine Erwartungshaltung und was ist danach passiert? Wer so über Bücher schreibt wie ich, macht sich selbst sichtbar.

Nicht mehr, sondern anders schreiben: Haikus

Will ich mich noch sichtbarer machen? Eigentlich nein, das Maß passt für mich so, wie es ist. Doch über Bücher schreiben ist für mich mittlerweile Routine. Ich weiß, wie ich das anpacken muss. Wahrscheinlich könnte man mich nachts um 3 wecken und an die Tastatur setzen, es würde ein ordentlicher Blog-Beitrag über ein Buch werden.

Es ist also an der Zeit, Texte zu schreiben, die mir nicht so leicht fallen. Haikus zum Beispiel.

Als Teenager hatte ich eine Lyrik-Phase. Die ist in jeder Hinsicht lange vorbei. Geblieben ist der Spaß an der Sprache und die Faszination, wenn Gefühle durch die Sprache hindurch sichtbar werden. Nicht mit ihr ausgedrückt werden, sondern auf einmal zwischen und über den Zeilen existieren.

Vielleicht bin ich jetzt alt genug, dort wieder anzuknüpfen. Wir werden sehen. Es könnte dann so wie dieser Versuch von mir klingen:

Laufen, einfach laufen
Weg, Feld, Wald
hin zur Wurzel


Auf den Geschmack brachte mich der Ratgeber „Haiku-Tagebuch. Japanische Achtsamkeit im Alltag.“ Dahinter verbirgt sich eine Anleitung zum kreativen Schreiben, die den Fokus auf folgende Punkte legt:

  • Wie ordne ich meine Gedanken?
  • Wie drücke ich etwas aus, für das ich keine passenden Worte finde?
  • Wie kann ich lange Gedankenketten abstrahieren und zusammenfassen?
  • Wie finde ich Schönheit im Alltäglichen?

Letzteres ist für mich kein Problem, aber bei allen anderen Punkten klingelte es bei mir. Also Bleistift gezückt, das schönste Notizbuch aus der Schublade gezogen und losgeschrieben. Tägliches Schreiben ist gar nicht mein Ziel und auch den Teil des Schreibratgebers, der versucht, Gedanken mit Hilfe der Fünf-Elemente-Lehre zu strukturieren, ignoriere ich gekonnt. Doch jede Zeile, die mich wieder vom beruflichen, seo-konformen Schreiben wegführt, ist willkommen. Dieses Buch und ich, wir schaffen das.

Das Blatt voller Wörter
Sturm vor dem Auge
hindurch zur Ruhe


Infos zum Schreibratgeber:

Mila Bubliy
Philipp Herold

Haiku-Tagebuch
Japanische Achtsamkeit im Alltag

Komplett Media


Wem das Buch auch gefiel: Rezension bei Haiku heute
Was gut dazu passt: „Ikigai. Japanische Lebenskunst“ – Rezension auf meinem Blog.
Ein Corporate-Blog, für den ich schreibe: Mir geht’s gut Magazin. Buch-Tipps. Sachbücher & Ratgeber für ein gutes Leben.

Keine halben Sachen

Jugendbuch über Drogen mit psychedelischem Cover: Keine halben Sachen von Antje Herden

Was für ein Buch! Antje Herden hat mit „Keine halben Sachen“ ein Jugendbuch über Drogen, über das erwachsen werden und über die Momente im Leben, in denen man falsch abbiegt, geschrieben. Die Geschichte wird ehrlich und authentisch erzählt und entwickelt schnell einen eigenen Sog. Die Sprache ist hart und präzise und lässt doch genug Raum für Empfindungen und Mitleid. Das Buch ist klug, aber niemals belehrend. Es nimmt die Jugendlichen ernst und bindet trotzdem die Perspektive der Erwachsenen mit ein.

Robin ist ein ungewöhnlicher Protagonist für ein Jugendbuch. Er ist mehr Mitläufer als Außenseiter, fühlt sich aber doch nirgendwo so richtig dazugehörig. Wie auch: Er kreist so sehr um sich selbst, dass er seine Weggefährten kaum wahrnimmt. Er kennt Jungs, mit denen er abhängen kann, doch eine Beziehung zu ihnen baut er nicht auf. Weil sich nur mit sich selbst beschäftigt, langweilt er sich schnell. Da kommen Leo und die Drogen gerade recht, versprechen sie doch Abwechslung und Nähe. Eine Abwärtsspirale beginnt, die mit einem gnadenlos beschriebenen LSD-Horrortrip noch lange nicht zu Ende ist.

Robins Mutter macht eigentlich alles richtig. Sie zeigt Liebe und schenkt ihrem Sohn Vertrauen. Sie lässt ihn seinen eigenen Weg in Richtung erwachsen sein gehen und bietet ihm genau deswegen zu wenig Struktur und Halt.

Erwachsen werden heißt in diesem Buch, mit Freiheit umgehen zu lernen. Zu erkennen, wann man sich treiben lassen kann und wann eine Kurskorrektur angesagt ist. Entscheidungen zu treffen, Folgen abzuschätzen und Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Bis Robin das erkennt, hat er viele Weggefährten vor den Kopf gestoßen. Doch „Keine halben Sachen“ ist auch ein Jugendbuch über Menschen, die einen Unterschied machen. Über Freund:innen, die an deinem Krankenbett sitzen, wenn du zum ersten Mal begreifst, dass du nicht nur falsch abgebogen bist, sondern auch einen ganzen Sommer lang auf der falschen Richtung beharrt hast.

Robin beginnt, die Stelle zu suchen, an der er sich zum ersten Mal geirrt hat. Ich fürchte, tausende von Schülern werden an dem Schluss, den Antje Herden sich für „Keine halben Sachen“ ausgedacht hat, verzweifeln. Er ist genial – aber ohne die Hilfe von BoysAndBooks hätte ich ihn nicht verstanden!

Aber trotzdem sollte „Keine halben Sachen“ Schullektüre werden, weil es alles ernst nimmt: die Langeweile und das sich fehl am Platz fühlen, die Suche nach dem Sinn, die Drogen und den Rausch genauso wie das, was danach kommt – der Rest des Lebens.

Bibliographische Angaben:

Antje Herden

Keine halben Sachen

Jugendbuch, empfohlen ab 14 Jahren

Beltz Verlag

Ein Buch, das gut dazu passt: Kurt Cobain – sein Leben als Jugendbuch.

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung mit Eintrittskarten.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs.

Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays.

Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland:

  • Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen
  • Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau und Textilindustrie als Motor der Industrialisierung in Sachsen.
  • Karl Marx & Karl May: Hochindustrialisierung & soziale Konflikte. Sozialgeschichte.
  • Schockensöhne und Sachsenstolz: Unternehmerpersönlichkeiten und die Entstehung des Massenkonsums
  • Trabi & Treuhand: DDR-Industrie und Wendezeit

Das ist nicht das Ruhrgebiet: Industriekultur in Sachsen

Dem Wessi in mir klingelten manchmal die Ohren. Wie, es gab nennenswerte Industrie außerhalb des Ruhrgebiets? Ja, die gab es – und sie war sehr erfolgreich und vielseitig. So viele Jahre nach der Wiedervereinigung ist auch bei mir immer noch ein Umdenken nötig. Solche Museumsbesuche bieten eine gute Gelegenheit dafür.

Aber mein Highlight war nicht die große Zentralausstellung in Zwickau, sondern eine kleine Museumsperle: die Tuchfabrik Gebrüder Pfau in Crimmitschau. Eine kleines Museum mit engagierten Mitarbeiter:innen. Hier können die Besucher die komplette Geschichte der sächsischen Textilindustrie in einem Fabrikgebäude erleben. 1859 gründete Friedrich Pfau eine Handweberei. 1972 wurde aus der Fabrik VEB Modetuche. 1990 wurde die Produktion eingestellt. Da das komplette Ensemble gleich unter Denkmalschutz gestellt wurde, lassen sich tatsächlich alle Phasen noch nacherleben. Hier ein paar Eindrücke – und da wir in Sachsen sind, gab es natürlich auch etwas leckeres zu essen!

In ihrer Größe und in ihrer Vollständigkeit des historischen Gebäude- und Maschinenbestands ist die Pfausche Fabrik in Mitteleuropa einzigartig, da die Herstellung von Tuchen Schritt für Schritt, von der Anlieferung der Rohstoffe (Wolle, Zellwolle und Dederon), deren Mischung, bis hin zum fertig verpackten Stoffballen dokumentiert wird.

Wikipedia – Tuchfabrik Gebr. Pfau


Angaben zum Buch:

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.
Katalog zur Landesausstellung 2020.

Herausgegeben von Thomas Spring für das Deutsche Hygiene-Museum Dresden.

Sandstein Verlag

Lust auf mehr Industriekultur? Dann bitte hier entlang:

Oder hier – Karl Marx als Held in einem Abenteuerroman für Kinder:

Die Memoiren der Jella Lepman, Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek

Jella LepmanDie Kinderbuchbrücke
Die jüdische Journalistin Jella Lepman kehrte 1945 aus der Emigration ins Volk der Täter zurück, um den deutschen Kindern mit Büchern die Welt zu eröffnen. Dies ist die längst überfällige Wiederentdeckung ihrer Erinnerungen an den Aufbau der Internationalen Jugendbibliothek in München. Lebendig und spannend wie ein Abenteuerroman.

Die Nazis nahmen ihr die Heimat und das Verhalten der deutschen Bürger machte sie fassungslos. Doch als das amerikanische Militär bei Jella Lepman 1945 anfragte, ob sie bereit wäre, sich in Deutschland für die „Re-Education“ der Frauen und Kinder zu engagieren, sagte sie ja.

Dabei folgte sie der Logik des Herzens: Was auch immer während der Nazi-Diktatur geschehen war, die Kinder waren nicht schuld.

Ihre Hoffnung war groß: Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg weisen. Das Werkzeug dafür: Bücher. Kinderbücher aus aller Welt, die mit ihren Geschichten zeigen, dass alle Menschen gleich sind und es verdient haben, in Frieden zu leben.

Das war die Geburtsstunde der IJB, der Internationalen Jugendbibliothek München, die sich heute in der Blutenburg in Obermenzing befindet.

In „Die Kinderbuchbrücke“ erzählt Jella Lepman von der Rückkehr in das zerbombte Deutschland, von hungernden Kindern, von engagierten Mitstreitern und von Erwachsenen, die versuchten, die Zeit der Nazi-Diktatur und ihren eigenen Beitrag zu verdrängen. Sie berichtet von ihren Begegnungen mit prominenten Förderern wie Erich Kästner und Eleanor Rossevelt, die nach ihrem Treffen mit Jella Lepman in ihrer täglichen Zeitungskolumne „My Day“ am 27. Mai 1948 folgendes schrieb:

Der Zeitpunkt ist gekommen, da wir den Kindern Deutschlands und anderen Teilen Europas helfen müssen! Man darf es nicht unterlassen, außer Nahrungsmitteln auch Bücher zu senden. Wir dürfen die Kinder nicht wieder zu jungen Nazis und Faschisten aufwachsen lassen, wir müssen ihnen auch Nahrung für den Geist vermitteln!

Eleanor Roosevelt, zitiert nach „Die Kinderbuchbrücke“, S. 146

Das war einer der großen Erfolge Jella Lepmans, der ihr Herzensprojekt ein gutes Stück voranbrachte. Doch sie erzählt auch von herben Rückschlägen und unkonventionellen Lösungen. Sich selbst nimmt sie dabei immer zurück und stellt dafür die Freude der Kinder umso mehr in den Vordergrund.

Neben einem ungeschönten Einblick in die Nachkriegszeit bescherten mir Jella Lepmans Memoiren noch etwas ganz anderes: eine Erinnerung an die Kraft der Bücher und an die Herzensbildung, die gute Geschichten vermitteln. Etwas, woran ich in unserer Warenwelt voller Unterhaltung manchmal zweifel.

Deswegen ende ich mit einem Zitat des Buchhändlers Konrad Wittwer:

Er redete eindringlich von dem Hunger der Menschen nach Büchern, vor allem nach Büchern aus der freien Welt, die zwölf Jahre verbannt gewesen waren. „Und Kinderbücher?“ – „Ach, Kinderbücher, die gab es überhaupt kaum mehr, die waren notwendiger als alles andere.“

Die Kinderbuchbrücke, S. 39

Angaben zum Buch:

Jella Lepman
Die Kinderbuchbrücke

Antje Kunstmann Verlag

Rezension im Monalisa Blog und in der SZ.

Was ich als Begleitlektüre empfehle: Kinderbücher gegen Rassismus und eine Analyse der „Rechten Wörter“

„Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen“

Jella Lepman, Gründerin der internationalen jugendbibliothek

Mama Superstar: Heimat ist, was Mütter daraus machen

Buch Mama Superstar

Töchter erzählen über das Leben ihrer „Migrant Mamas“, Mütter, die nicht in Deutschland geboren wurden. Um genau zu sein: Sie feiern ihre Mütter, denn jetzt, wo sie selbst junge Erwachsene sind, können sie all das würdigen, was ihnen als Jugendliche noch peinlich war. Oder auch das, was ihnen als Kind ein Gefühl von anders sein gab – sei es, weil im Treppenhaus nur vor ihrer Haustür die Schuhe standen, oder weil es aus ihrer Küche so ganz anders roch als in den Küchen ihrer Freunde.

Entstanden ist ein Buch mit Lebensgeschichten, dass mich mit seiner Herzenswärme überrumpelt hat. Ich, die Familiengeschichten meidet, wollte es nicht mehr aus der Hand legen. Unglaublich, mit wie viel Mut diese Frauen ihr neues Leben in Deutschland angegangen sind und was ihnen zu Beginn alles fremd war. Da gibt es die Geschichte der Südamerikanerin, die sich auf ihren ersten Karneval in Deutschland freut, um dann festzustellen, dass hier im Sitzen gefeiert wird. Oder die der Inderin, die erst nach dem ihre Imbissbude abgebrannt war, versteht, warum sie all die Jahre in eine Versicherung einbezahlt hat. In „Mama Superstar“ steckt das pralle Leben.

Als Kinder haben wir unseren Mamas oft das Gefühl gegeben, dass das, was sie können und was sie tun, nicht genug ist.

Manik Chander und Melisa Manrique im Interview auf BR.de


Ein Gefühl, dass viele erwachsen gewordene Kinder kennen. Man war als Kind nicht immer fair. Die Töchter aus diesem Buch haben die Chance ergriffen, aus vollem Herzen DANKE zu sagen und ihre Mütter für ihre Lebensleistung, für das Erschaffen von Heimat für eine ganze Familie, aber vor allem für ihre Einzigartigkeit zu feiern.


Infos zum Buch:

Manik Chander und Melisa Manrique

Mama Superstar
Elf Porträts über Mut, bedingungslose Liebe und kulturelle Vielfalt

Mentor Verlag


Auch in diesem Buch spielen migrantische Mütter eine wichtige Rolle: Deutsch genug?

Banksy. Street-Art ist vergänglich. Dieses Buch nicht.

Xavier Tapies
Banksy – PROVOKATION!

Bei Banksy war ich mir nie sicher, ob ich jetzt fasziniert oder genervt bin.

Fasziniert, weil die unterschiedlichsten Menschen ihn großartig finden – darunter Menschen, die eigentlich mit Streetart oder moderner Kunst nichts am Hut haben.

Genervt wegen seiner Überpräsenz in den Medien und weil viele das kleine Mädchen mit dem Ballon einfach niedlich finden, ohne auch nur einen Gedanken an eine mögliche, gesellschaftskritische Botschaft zu verschwenden.

Ein wenig erinnert mich das an Keith Haring in den 80er Jahren. Seine Bilder waren damals überall – auf Postern, Kaffee-Tassen, T-Shirts. Einfach nur weil sie so schön bunt waren und so fröhlich wirkten. Was sie aber gar nicht waren. Es nervte. Dass etliche der Käufer*innen der Kaffeetassen so jemanden wie Haring wohl nie in ihrem Freundeskreis geduldet hätten, machte die Sache nicht besser.

Die Welle an Banksy-Merch blieb uns bisher erspart. Wohl nur, weil der Künstler es vorzieht, ein Mysterium zu bleiben. Oder die Künstlerin. Denn warum wird Banksy eigentlich als Mann gedacht? Solange wir nicht wissen, wer die Kunstwerke erschafft, sollten wir uns hier Gedankenfreiheit gönnen. Mann, Frau, Transgender oder Kollektiv – alles ist möglich. Noch so ein Detail, das meine Gereiztheit nährt.

Fasziniert oder genervt – wenn ich mich so sehr an einem Thema reibe, brauche ich ein Buch.

BANKSY PROVOKATION – Street-Art als politisches Statement


Ich habe noch nie einen echten Banksy gesehen. Viele der Werke könnte ich mir auch gar nicht mehr anschauen, weil sie schon längst übermalt oder entfernt wurden. Street-Art ist vergänglich. Ein Bildband über Banksy oder gar eines der Bilder als Ausstellungsobjekt im Museum – das ist eigentlich ein Widerspruch in sich und zeugt vor allem von Unsicherheit im Umgang mit dieser Kunstrichtung. Wenn es Kunst ist, muss es doch für die Ewigkeit sein, oder? So hatten wir es zumindest früher mal gelernt. Millionen Kaffeetassen mit Monet, Van Gogh oder anderen Stars können nicht irren. Banksy stellt unsere Routinen der Kunstbetrachtung auf den Kopf. Wenn ich mir seine Aktion in Venedig anschaue, würde ich ergänzen: Und genießt es.

Ob London, Paris oder Jerusalem, ob Ratte oder küssende Polizisten: Im Bildband werden alle seine Werke in chronologischer Reihenfolge mit großformatigen Fotos vorgestellt und gründlich analysiert. Wann wurden sie entdeckt, wie wurde damit umgegangen und was ist das Besondere daran? Welche Botschaft vermittelt Banksy damit?

Beim Blättern wird mir klar, dass Banksys Oeuvre viel größer ist, als ich dachte. Und dass seine Urban Art viel politischer ist, als es in den Medien ankommt. Am Ende des Buches hat meine Faszination über meine Genervtheit gesiegt. Akzeptiert: Banksy ist Kult!

Infos zum Bildband:

Xavier Tapies
BANKSY – PROVOKATION!

Midas Verlag

Ein anderer Blick aufs Buch bei Elementares Lesen.


Mehr Street-Art auf meinem Blog:

Zeitmanagement weiter denken: Intervalle statt Büro-Arbeitszeiten

Zeitmanagement weiter denken mit diesem Buch: Lothar Seiwert & Silvia Sperling

Die Intervall-Woche
Arbeitest du noch oder lebst du schon?
Der einfachste Weg zu New Work

Vom klassischen Zeitmanagement zu einem Buch mit dem Untertitel „Arbeitest du noch oder lebst du schon?“: Es wirkt wie ein weiter Weg, den Lothar Seiwert mit seinen Ratgebern zurückgelegt hat.

Mit seinen ersten Büchern habe ich gelernt, einen Filofax-Kalender zu führen (und ihn jedes Jahr aufs neue Ungefähr ab April ignoriert.) Mit „Noch mehr Zeit für das Wesentliche. Zeitmanagement neu entdecken.“ näherte er sich schon mehr meiner Art zu denken und zu leben an. Hier schwang die Frage mit, was im Leben mir wie viel Zeit wert ist. Wer planen will, sollte nicht nur seine To-dos, sondern auch seine Werte kennen, um so besser entscheiden zu können, wie viel Zeit er für was aufwenden will.

Jetzt geht Seiwert zusammen mit Silvia Sperling noch einen Schritt weiter. Es geht nicht nur darum, wie viel Zeit ich in ein Projekt investieren will, sondern auch wann.

Leistungsintervalle – wann mache ich was am besten?

Ich weiß, dass ich schreiben kann, bevor ich reden kann. Kreative Arbeiten wie bloggen und Texte schreiben lege ich mir daher am liebsten auf den frühen Morgen. Würde ich das nach 15 Uhr erledigen wollen, würde ich deutlich länger dafür brauchen. Das ist dann wiederum die Zeit, um konzentriert Routine-Tätigkeiten wie Rechnungen schreiben abzuarbeiten.

Lothar Seiwert und Silvia Sperling packen diese Beobachtungen in ein System und haben ein Konzept mit vielen Psycho-Tests und Checklisten entwickelt, mit dem jeder seine Leistungsintervalle erforschen kann. Entstanden ist so eine praktische Erweiterung zum klassischen Zeitmanagement, die die Ideen von New Work und Remote Work integriert. Gearbeitet wird dann, wenn es am besten passt, und nicht dann, wenn der Gong die Kernarbeitszeit einläutet.

Hoheit über die eigene Zeit: ein Privileg

„Wer radikal auf den eigenen Biorhythmus umstellt, ist gesünder, arbeitet produktiver, lebt länger und ist glücklicher.“

Klappentext des Buches

Womit wir bei den Knackpunkten angekommen sind: Diese Methoden funktionieren nur bei Menschen, die halbwegs die Hoheit über ihre eigene Zeit haben. Verkäufer:innen und Führungskräfte im Einzelhandel, Ärzt:innen im Krankenhaus und Arbeiter:innen im Schichtdienst, Eltern von kleinen Kindern und Alleinerziehende – für all die wurde dieses Buch nicht geschrieben.

Für alle anderen gibt es gute Tipps, wie man seinen Chef oder Chefin überzeugen kann, mehr Hoheit über die eigene Arbeitszeit zu bekommen, um eben auch mal außerhalb der klassischen Büro-Zeiten arbeiten zu können.

Der zweite Knackpunkt ist das, woran ich mich bei Seiwerts Methoden schon immer gerieben habe. Letztlich geht es vor allem darum, eine gute, leistungsstarke Arbeitskraft zu sein. Ein entspannteres Privatleben ist eher ein Bonus-Effekt. Da hilft nur eines: sich aus seinem Werkzeugkasten zum Zeitmanagement auch ganz gezielt das herauszunehmen, was das private Leben bereichert. Nicht, um am Montag wieder fit am Schreibtisch zu sitzen, sondern um sich Zeit zum Nichtstun freizuschaufeln. Oder eben zum Bloggen, so wie heute, an einem Sonntag um 8:30.

Bibliographische Angaben:

Lothar Seiwert & Silvia Sperling

Die Intervall-Woche
Arbeitest du noch oder lebst du schon?
Der einfachste Weg zu New Work

Intervall-Test und Infos zum Buch bei Droemer Knaur

Zeitmanagement weiter denken mit diesem Buch: Lothar Seiwert & Silvia Sperling

Die Intervall-Woche
Arbeitest du noch oder lebst du schon?
Der einfachste Weg zu New Work

Bücher, die gut dazu passen:

Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Anita Rée. Biographischer Roman von Karen Grol.

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“.

„Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée.

NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICH
Das erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss.

Website der Kunsthalle Mannheim

Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche Bilder malen zu können? Dieser Frage geht der Roman „Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée.“ Von Karen Grol nach.

Anita Rée – ein Leben ohne Happy End

Vorneweg: Ich habe gezögert, das Buch zu beginnen. Anita Rée brachte sich 1933 um. Ich wusste also von Anfang an, dass diese Geschichte kein Happy End nehmen wird, und war mir nicht sicher, ob ich mich dem stellen möchte. Dann entschloss ich mich, der Autorin zu vertrauen – und habe es nicht bereut!

Am Ende des Buches war mir klarer, was eine Künstlerin können muss, um solch eindringliche Porträts zu erschaffen. Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich dieses Talent nicht habe!

In der Kunst wie im Leben: der Kampf um den eigenen Raum

Wenn Anita Rée einen Menschen gemalt hat, dann hat sie sich ganz auf ihn eingelassen. Dafür musste sie in ihren persönlichen Raum der Stille gelangen. Nur dort war sie so hochkonzentriert, dass das Kunstwerk gelingen konnte. Doch dieser Raum der Stille war für sie nicht leicht zu erreichen – so gut wie jedes Bild hat sie sich hart erkämpft.

Schweigen war das Fehlen von Kommunikation, Ruhe die Anwesenheit von Stille.

S. 39 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Auch ihr Leben als Künstlerin musste sie sich erkämpfen. Als wäre das nicht genug für ein Leben, malte sie noch in einem Stil, der angefeindet wurde. Ihre Freundin Marie Laurencin fasst das so zusammen:

„Je weniger die Menschen die neue Kunst verstehen, desto mehr schlagen sie sich auf die Seite der Alten Meister, kämpfen für deren Legitimation, als wollten wir ihnen die wunderbaren Werke der Renaissance wegnehmen, als wäre nicht genug Platz für jede Art von Kunst.“

S. 82 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Karen Grol brachte mich als Leserin sehr nah an Anita Rée – so nah, dass ich begann, mit der Figur zu hadern. Manchmal wollte ich sie einfach nur schütteln, so lange, bis die Negativität von ihr abfallen würde. Zu sehr konzentrierte sie sich auf den Platz, den sie nicht einnehmen konnte, und übersah, was ihr alles gelungen war.

Aber dieses Verzweifeln an Protagonistinnen ist eine Lese-Marotte von mir und der Hauptgrund, warum ich so selten Romane mit Realitätsbezug lese. Zum Glück konnte ich das für diesen wunderbaren biographischen Roman ablegen!

Angaben zum Buch:

Karen Grol

Himmel auf Zeit.
Die vergessene Künstlerin Anita Rée

Verlag Ebersbach & Simon

Wie immer erzähle ich mehr über meine persönlichen Lese-Erlebnisse als über das Buch selbst. Wer eine „richtige“ Roman-Rezension lesen möchte, der kann auf dem Blog des Buchhändlers Hauke Harder vorbeischauen: Himmel auf Zeit

Anita Rée in der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. Beiträge zur Ausstellung im Kunstblog Mannheim und bei musermeku.

Was ich mir sonst noch angeschaut habe: Beiträge über Kunst und Museumsbesuche auf meinem Blog.

Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten
Ein Überblick über die wichtigsten Kunstrichtungen, Werke, Wendepunkte und Themen

Dieses Buch hätte ich gerne schon früher gekannt, denn es ist keine Aufzählung à la „50 Künstlerinnen, die Du kennen solltest“. Susie Hodge möchte mit ihrem Buch viel mehr erreichen. Ihr genügt es nicht, unseren Blick auf Künstlerinnen zu lenken – sie will Zusammenhänge sichtbar machen. Welche Ausbildung stand den Frauen offen? Waren Sie Teil einer Avantgardebewegung oder einer Künstlergruppe? Wie wurden sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen und was haben sie tatsächlich zur Kunstgeschichte beigetragen? Welche Stile, Motive und Themen haben sie aufgegriffen und war es das, was sie wirklich malen wollten?

Ob Renaissance, Expressionismus oder Performance-Kunst: Diese Fragen waren für Künstlerinnen viele Jahrhunderte von Bedeutung. Zum Teil sind sie es immer noch. Aber Susie Hodge entwickelt kein Fragenkorsett, in das sie alle Künstlerinnen und ihre Werke presst. Ihre Fragen sind ein Angebot, eine Methodik, sich den Kunstwerken zu nähern und das Besondere daran zu erfassen.

Kunstgeschichte statt Einzelbiografien von Künstlerinnen

Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo, Barbara Hepworth – natürlich fallen mir auf Anhieb Künstlerinnen ein. Aber meist betrachten wir sie doch als Einzelphänomene, oder? Ich könnte sie auf jeden Fall im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen weder in der Kunstgeschichte verorten und noch ihren Beitrag zur Entwicklung der Kunst halbwegs exakt benennen.

Deswegen war es für mich besonders aufschlussreich, dass Susie Hodge ihr Buch mit einem Überblick über die Kunstepochen beginnt. Kurz und knapp nennt sie, was diese Epoche auszeichnet, welche Künstlerinnen tätig waren und was sie gemalt haben.

Im zweiten, deutlich umfangreicheren Teil des Buches stellt sie 60 bedeutende Werke von Frauen vom 16. bis zum 21. Jahrhundert vor und verortet das Kunstwerk innerhalb der Kunstgeschichte und innerhalb des Oeuvres der Künstlerin.

Darauf folgt eine Betrachtung von Wendepunkten in der Kunst: Ab wann waren Frauen gleichberechtigte Mitglieder der Royal Academy of Arts in London? Welchen Beitrag leisteten Frauen zur Entwicklung der Abstrakten Kunst? Warum wurde Kunsthandwerk ein wichtiges Thema für Künstlerinnen?

Den Abschluss bildet ein Kapitel, dass sich mit den Sujets beschäftigt. Natur und Religion werden dort ebenso betrachtet wie Gender und Ethnie.

Den Blick weiten: Künstlerinnen aus aller Welt

„Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten“ ist aber nicht nur eine Reise durch die Kunstgeschichte – es ist auch eine Reise um die Welt, ein Versuch, unseren eurozentrischen Blick auf die Kunst zu erweitern.

Es gibt also viel zu entdecken und zu lesen. Genau deswegen stört mich das einzige Manko des Buches ganz besonders. Das Layout wirkt, als sei es für einen größerformatigen Bildband konzipiert worden. Bei den Illustrationen fällt das noch nicht ganz so schwer ins Gewicht. Aber die Schriftgröße bewegt sich bei gefühlten 9 Punkt. Doch das Buch ist die Leseanstrengung wert und eigentlich ist es eh besser, nach jedem Beitrag eine Pause zu machen. So können die Kunstwerke besser wirken!

Ab ins Museum, Künstlerinnen suchen

In den letzten Jahren habe ich meine Museumsbesuche immer mal wieder dazu genutzt, mitzuzählen, wie viele der ausgestellten Werke von Frauen waren. Spaß macht das nicht. Aber jetzt weiß ich zumindest, wer dort alles nicht vertreten war und was ich dadurch verpasst habe!

Infos zum Buch:

Susie Hodge
Übersetzt von Bettina Eschenhagen

Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten
Ein Überblick über die wichtigsten Kunstrichtungen, Werke, Wendepunkte und Themen


Laurence King Verlag

Rezension bei Kunst im Unterricht

„MÄNNER TUN MICH GERN ALS BESTE KÜNSTLERIN AB. MEINES ERACHTENS GEHÖRE ICH ABER ZU DEN BESTEN KÜNSTLERN ÜBERHAUPT.“

Georgia O’Keefe

Was gut dazu passt:
Bauhaus-Frauen. So viel Talent, so viele Hindernisse.
Kunst ist weiblich. Eine andere Kunstgeschichte

Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Rassismus verlernen:
Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung

Womit soll ich bei diesem Buch anfangen? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte.

Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin.

Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie mit gründlicher Strenge, aber stets dem Menschen zugewandt. Es ist kein „Wir müssen uns alle liebhaben, dann wird alles gut“ Buch, sondern eine „Setz dich auf deinen Arsch und arbeite“-Anleitung: Rassismus zu entlernen ist das Ziel.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin ist, zu erkennen, was wir an Rassismen verinnerlicht haben – einfach, weil wir auf eine bestimmte Art und Weise aufgewachsen sind. Es geht bei dem Lernprozess, den das Buch anstoßen will, nicht um Schuld, sondern um Selbstreflexion und die Bereitschaft, dazu zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.

Kompromisslos und genau deswegen hilfreich: Rassismus verlernen ist möglich

„So fühlt sich also Rassismus an“ war damals nach dem Schreckmoment mein erster Gedanke. Heute würde ich nur noch sagen, dass sich in dem Augenblick ein Fenster für mich geöffnet hatte und ich für einen Moment empathisch erahnen konnte, wie es sich anfühlt, von Rassismus bedroht zu sein. Mein zweiter Gedanke war „So schnell zählt man zu den Gefährdeten.“ Da wäre ich kurz davor gewesen, zu erkennen, wie sehr meine Privilegien mich schützen. Auch das ist etwas, was „Dear Discrimination“ deutlich aufzeigt.

Das schmale Buch leistet aber viel mehr: Es bringt mein Vokabular auf den aktuellen Stand. Es ist noch nicht so, dass Begriffe wie marginalisiert und Bi_PoC schon den Weg in meinen aktiven Wortschatz gefunden haben. Aber auch daran arbeite ich. Denn mit alten Begriffen und Denkmustern können wir nicht zu neuen Ergebnissen kommen.

Natürlich wird dieses recht kompromisslose Buch die „Das wird man doch noch sagen dürfen …“ Fraktion nicht erreichen. Aber die, die bereit sind, sich für eine gerechtere Gesellschaft zu engagieren, und die, die an sich arbeiten wollen, werden nach der Lektüre gestärkt sein. Dafür DANKE! Denn es wäre nicht die Aufgabe von wirmuesstenmalreden, mir all das zu erklären. Es ist aber sehr wohl meine Aufgabe, das zu lernen.

Infos zum Buch:

Wirmuesstenmalreden 
(netzaktivistisches Kollektiv)

Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung


Mit Illustrationen von Hannah Marc
Plus ausführlichem Glossar von A wie Ally bis W wie White Tears

mikrotext Verlag


Lernen, mit der Natur zu reden: die Biographie R. Ogilvie Crombies

Robert Ogilvie Crombie: Der Mann, der mit den Elfen sprach. Wie Menschen und NAturgeister zusammenarbeiten können. Sachbuch und Biografie.

Wenn heute von der Findhorn-Community die Rede ist, wird meist von einem Ökodorf gesprochen. Vielleicht fällt auch der Begriff Selbstversorger oder Permakultur. Vor 20 Jahren war das noch anders. Damals stand entweder die selbstverwaltete Dorfgemeinschaft oder die spirituelle Lebensgemeinschaft im Mittelpunkt der Berichterstattung.

Das ist wohl der Grund, warum „Angenehm aus der Zeit gefallen“ mein erster Gedanke nach der Lektüre von R. Ogilvie Crombies „Der Mann, der mit den Elfen sprach“ war. In diesem Buch geht es um die spirituelle Seite Findhorns – also genau um das, was in Artikeln wie diesen hier noch nicht mal mehr erwähnt wird. Gestrandet im Glück – Frankfurter Rundschau

Robert Ogilvie Crombie hat Findhorn entscheiden mitgeprägt. Für ihn war die Natur beseelt. Er lernte, mit ihr zu kommunizieren. Da Kommunikation mit einem gesichtslosen Gegenüber schwierig ist, fanden seine Gespräche mit Naturgeistern wie Elfen und Faune statt. Das ist das Bild, das er dafür wählte – eine vertraute Systematik, auf die man sich als Leser gut einlassen kann.

So wie Crombie mit den Naturgeistern sprach, kommunizierte Findhorn-Gründerin Dorothy Maclean mit den Pflanzendevas. Als ein Ergebnis dieser Gespräche gilt der Findhorn-Garten. Seine Lage ist eine Herausforderung für jeden Gärtner: ein am Meer gelegener aufgelassener, sandiger Campingplatz auf den Resten eines Luftwaffenstützpunktes. Doch der Findhorn-Community gelang es, hier einen Selbstversorger-Garten anzulegen. Mir scheint, dass das durch eine tief gefühlte Permakultur gelungen ist, in der Klima- und Bodenverhältnisse genauso ihren Platz haben, wie die Erkenntnis, dass die Natur eine weitere Dimension hat, die sich mit Wissenschaft nicht definieren lässt.

Natürlich nimmt die Entwicklung des Findhorn-Gartens viel Raum im Buch „Der Mann, der mit den Elfen sprach“ ein. Doch vor allem wird hier erzählt, wie alles begann – noch bevor Findhorn gegründet wurde.

Crombies erster Kontakt mit einem Faun fand übrigens in einem Park statt. Auch das ist eine sehr sympathische Botschaft des Buches: Es braucht keinen mystischen Kraftort mit langer Geschichte. Kontakt zur Natur können wir überall herstellen, sogar in der Stadt.

Vielleicht ist das Buch doch nicht so sehr aus der Zeit gefallen …

Infos zum Buch:

R. Ogilvie Crombie
Der Mann, der mit den Elfen sprach
Wie Menschen und Naturgeister zusammenarbeiten können

Aquamarin Verlag

„Ein Kurs in Wundern“ ist eng mit der Spiritualität der Findhorn-Community verknüpft. Eine Lebensschule, die den Leser lange beschäftigt. Wer einfach mal reinschnuppern will, ob ihn diese Lebensphilosophie anspricht, dem empfehle ich folgendes Buch:

Chuck Spezzano
Worte der Kraft
aus „Ein Kurs in Wundern“

Via Nova Verlag

Kelten, Kulte, Anderswelten – ein Reiseführer

Kelten, Kulte, Anderswelten - ein Reiseführer

Der Menhir von Betenbrunn, eingemauert in einer Kirche. Der Magdalenenberg bei Villingen, der größte keltische Grabhügel Europas. Aber auch Schalensteine, alte Linden oder einfach nur Plätze, um die sich Mythen ranken: für mich sind sie ein guter Grund, eine Autofahrt zu unterbrechen und anzuhalten.

Dabei sind mir die kleinen Sehenswürdigkeiten und die stillen Orte meist lieber als die großen Sensationen wie der Odilienberg. Allein – wie von ihnen erfahren? Den meisten Reiseführern sind sie bestenfalls eine Randnotiz wert.

Das ist der Grund, warum ich immer neugierig auf Bücher wie „Kelten, Kulte, Anderswelten“ bin. In ihnen finde ich die kleinen Fluchten, die ungewöhnlichen Ziele, die besonderen Orte. Außerdem auch noch Informationen zu Geschichte, lokalen Sagen und Brauchtum.

Allerdings habe ich mich vom Untertitel „Kraftplätze in Baden-Württemberg und Elsass“ etwas täuschen lassen. Von den vielen darin empfohlenen Stätten, die mit den Kelten verbunden sind oder verbunden sein könnten, liegt nichts vor meiner Haustür. Der Klappentext benennt die Fundorte genauer: Schwarzwald, Schwäbische Alb, Oberschwaben und Elsass. Ich hatte natürlich auch auf Odenwald und Kraichgau gehofft. Aber egal, Urlaub im Elsass wollte ich schon lange Mal wieder machen! Dann werde ich dieses Buch auf jeden Fall dabei haben – gelesen und für gut befunden habe ich es schon.

Infos zum Buch:

Doris Benz und Ben Schreger
Kelten, Kulte, Anderswelten

Freya Verlag

Mehr über das Elsass auf meinem Blog: