Für immer in Pop

Martin Büsser: Für immer in Pop. Texte, Analysen und Kritiken aus den Jahren 1990 bis 2010. Ventil Verlag.

Martin Büsser habe ich spät entdeckt – dafür dann um so heftiger lieben gelernt. Der Plan steht: ich will alles von ihm lesen.

Wenn ich allerdings jedes Buch so genüsslich zelebriere und mir während des Lesens alle seine Musiktipps anhöre – dann wird das noch Jahre dauern!

Martin Büsser hat sich durch die Musikgeschichte abseits des Mainstreams geschrieben. Leidenschaftlich empfahl er Bands, die es nie ins Radio schafften. Er stellte Zusammenhänge her, analysierte musikalische Strömungen, Moden und Jugendbewegungen. Was er aber vielen Nerds voraus hatte: er hat stets so geschrieben, dass seine Begeisterung begreifbar wird. Auch ohne Vorkenntnisse kann man ihm nicht nur folgen, man liest auch all seine Texte mit Spaß und Erkenntnisgewinn.

Selten war das Angebot an undogmatischer, nonkonformer Musik so groß wie in den letzten Jahren. … die derzeit spannendste Musik ist zwar jederzeit verfügbar, obwohl kein Radiosender die mehr spielt und obwohl kein Musikmagazin mehr über sie schreibt.

Martin Büsser – Fabrikzeitung – 2009
Für immer in Pop – S. 168

Ja, es gibt unendlich viel Musik da draußen. Wo beginnen, was lohnt sich? Ich brauche einen Pfadfinder, einen musikalischen Scout, der mir das Koordinatensystem erklärt, in dem ich mich bei meinen musikalischen Entdeckungsreisen bewege. Jemand, der mir sagt: hier ist ein guter Einstiegspunkt, mit dieser Band kannst Du beginnen. Genau das leisten für mich die Texte von Martin Büsser. Den Weg zur aktuellen Musik finde ich dann schon alleine – nachdem ich die Bands der letzten Jahrzehnte entdeckt habe.

Und dann war da noch auf Twitter …

Aber eines wäre noch zu klären …

… was um Himmels Willen ist Martin Büsser in Mannheim passiert, dass er es so beschreibt?

Wenn Mannheim, diese schreckliche, zur Stadt aufgeblähte Großkaserne mit Bewohnern, die einen widerwärtigen Dialekt sprechen (alle klingen dort wie Joy Fleming), …

Martin Büsser in der Zeitschrift Intro 2002 – Xavier Naidoo: Alles für den Herrn
Für immer in Pop – Seite 177

Angaben zum Buch:

Martin Büsser
Für immer in Pop
Texte, Artikel und Rezensionen aus zwei Jahrzehnten

Ventil Verlag

Noch ein Buchtipp: Antifolk von Martin Büsser


Musik, die mir gefällt – Jahresrückblick


50 Tage in Brooklyn

Stephanie Hanel: 50 Tage in Brooklyn. Im Hintergrund das erste Buch: 100 Tage hier & 100 Tage dort

Was folgt nach dem großen Tag, der so viel im Leben verändert?

Stephanie Hanel ist diese Frage in ihrem ersten Buch schon klug angegangen. Der große Tag ist der Umzug der Familie von Deutschland nach New York.

Doch in 100 Tage hier & 100 Tage dort liegt dieser Tag in der Mitte der Erzählung. So kann der Leser viel besser in den Tagebuch-Einträgen verfolgen, welche Veränderungen Abschied nehmen und ankommen im Leben der Familie bewirken. Doch was kommt dann?

Ich habe mich sehr gefreut, dass sie uns jetzt mit 50 Tage in Brooklyn an den weiteren Entwicklungen teilnehmen lässt. Was auf das Ankommen im neuen Land folgt? Auf den großen Schritt über den Teich folgen viele kleine. Ein Sich-im-Alltag-zurechtfinden. Und manchmal ein Gefühl von weder hier noch dort. Eben all das, was mir in den eher euphorischen Erzählungen von Freunden, die eine Weile im Ausland gelebt haben, gefehlt hat.

In diesem Buch habe ich es gefunden. Diese Ehrlichkeit hat mich berührt.

Persönlich und ehrlich

Gibt es eigentlich eine deutsche Ex-Pat-Geschichte, die ohne Handwerker-Anekdoten auskommt? Ich glaube nicht. Doch es sind genau solche verinnerlichten Erwartungshaltungen an Qualität, Pünktlichkeit und Herangehensweise, die einem deutlich zeigen, dass andere Länder anders funktionieren. Darüber könnte man sich aufregen – oder sich einfach freuen, wenn der Wasserhahn wieder funktioniert und die maroden Gasleitungen vor dem Haus in Ordnung gebracht werden.

Schwieriger wird es, wenn man über einen Amoklauf an einer Schule liest und das eigene Kind jetzt in diesem Land zur Schule geht. Wie damit umgehen?

Das ist für mich auch diesmal wieder die Stärke dieses Buches: ein fast schon intimes Teilhaben an solchen Momenten, Gedanken und Gefühlen. Vielleicht sind ja Bücher wirklich längere Briefe an Freunde?


Infos zum Buch:

Stephanie Hanel

50 Tage in Brooklyn
50 days in Brooklyn

zweisprachige Ausgabe

Edition Bilderbusch


Meine Rezension zum ersten Teil 100 Tage hier & 100 Tage dort. Mit Goodbye New York findet die Geschichte dann ihren Abschluss.


Bauhaus-Frauen. So viel Talent, so viele Hindernisse.

Bauhaus-Frauen. Sammlung mit Biographien.

Was könnte ich im Bauhaus-Jubiläumsjahr noch über ein Buch wie Bauhaus-Frauen von Ulrike Müller schreiben, was ihr nicht längst schon irgendwo gelesen habt?

Ich konzentriere mich daher erst einmal auf das Wesentliche: Das Buch ist gut und ersetzt einen ganzen Stapel an Lektüre. Biographien, Kunstgeschichte, Feminismus – alles drin auf moderaten 160 Seiten.

Das Bauhaus war für mich lange eher ein Kuriosum. Was soll an weißen Würfelhäusern besonderes sein? Meine Einschätzung änderte sich, als ich zum ersten Mal in einem der Meisterhäuser in Dessau stand. Dieses Licht! Der Blick nach draußen!

Die nächste Annäherung an das Phänomen Bauhaus erfolgte über die Kinderbücher aus dem Seemann Henschel Verlag – die Bauhaus Stadt aus der Reihe habe ich auf meinem Kinderbuchblog vorgestellt. Die Kinderbücher machten es mir einfach, das Bauhaus zu verstehen, weil sie sehr klar das Wesentliche und die innovative Leistung herausarbeiten.

Den dritten Zugang fand ich über die Biografien. Über das Leben der Ise Frank habe ich hier schon gebloggt. Das Taschenbuch von Ulrike Müller mit gesammelten Biographien von Bauhaus-Künstlerinnen von Anni Albers bis Grete Stern ergänzen diese Lektüre nun perfekt.

So viel Leben, so viel Lust, die Welt zu gestalten, so viel Talent – und so viele Hindernisse, die den Frauen in den Weg gelegt wurden.

Eine Lebensgeschichte wird mir besonders im Gedächtnis bleiben:

Zwei Koffer – der Nachlass der Friedl Dicker

Nach der Befreiung des Ghetto Theresienstadt fand man den Nachlass von Friedl Dicker: Zwei Koffer voller Entwürfe, Skizzen, Schriften – und voller Kinderzeichnungen, denn diese eigensinnige, vielfältig begabte Künstlerin hat im Ghetto Kindern illegalen Zeichenunterricht gegeben.

Ihre kunstpädagogische Herangehensweise, die eine Weiterentwicklung der Bauhaus-Ideen darstellt, hat sie noch dokumentieren können. Im Oktober 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet.

Was wäre aus dem Bauhaus, was wäre aus Friedl Dicker und anderen Künstlerinnen geworden, wenn die Nazi-Diktatur verhindert worden wäre?


Angaben zum Buch:

Ulrike Müller
Bauhaus-Frauen – Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design
Unter Mitarbeit von Ingrid Radewaldt

Insel Taschenbuch


Bauhaus-Bücher, die ich empfehle:


Ein Buch für Architektur-Nerds, in dem das Bauhaus garantiert nicht vorkommt: Die Kunst der Bausünde von Turit Fröbe

Die Aliens sind unschuldig. Das Chaos steckt in uns.

LAGUNE von Nnedi Okorafor. Science Fiction.

Horizonterweiterung. Meine Sachbücher suche ich schon lange danach aus, was sie Neues in mein Leben bringen können. Meine Romane hingegen schon länger nicht mehr. Sie sind eher Fluchtlektüre.

Ein Science Fiction mit einem wunderschönen Cover, einer starken Heldin und afrikanischem Hintergrund klang wie eine perfekte Fluchtlektüre. Es kam anders.

Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Diese Protagonisten verhalten sich nicht so, wie ich es gewohnt bin. Wir befinden uns in Lagos, Nigeria. Das Leben hier funktioniert anders als alles, was ich kenne. Die Tatsache, dass Aliens im Meer vor der Stadt gelandet sind und bleiben möchten, macht es nicht einfacher. Seite für Seite bekomme ich ein Gefühl dafür, wie sich Eurozentrismus für Nicht-Europäer anfühlen muss: diese Erzählung gehorcht Regeln, mit denen ich nicht aufgewachsen bin.

Der Rhythmus der Story ist ein anderer. Ungewohnt. Den Begriff exotisch verbiete ich mir bei einem Roman, in dem die Aliens normaler wirken als wir Menschen. Um Chaos und Gewalt zu verbreiten brauchen wir keine Invasoren von fremden Planeten. Die Aliens sind entsetzt, über das, was in Menschen stecken kann. Aber sie möchten bleiben, Heimat finden.

Doch ein Land besteht aus mehr als Menschen. Das Meer und seine Bewohner wittern eine Chance, sich gegen Umweltverschmutzung zu wehren. Ihre Herangehensweise ist gründlich. Ab jetzt wird ihnen kein Mensch mehr zu nahe treten.

Alte Götter werden wach und wittern ihre Chance. Manche denken in Blutopfern, manche freuen sich, Schicksalsfäden neu zu verknüpfen.

Veränderung. Eine Chance, eine Bürde.

Zwischendrin wäre ich beinahe ausgestiegen, wie immer, wenn sich ein Roman analog zu einem Actionfilm entwickelt. Zu viel Gewalt, zu viele Tote. Ich bin da empfindlich. Doch es gibt in diesem Buch keine einzige Gewalttat, die dann nicht doch noch in einen großen Zusammenhang eingebunden wird. Was auch immer geschieht, es führt eine Veränderung herbei. Wer die Veränderung nicht will, der will auch nicht das Leben. Sagte schon Georg Danzer in »Die Ruhe vor dem Sturm«. Den Aliens würde diese Haltung gefallen, die Menschen in Nigeria müssen sich in diesem Science Fiction erst an die Idee gewöhnen.

Ein Roman wie dieser kann nicht linear erzählt werden. Das machte es für mich nicht einfach. Ich musste mich darauf einlassen und ich tat es gerne. Jetzt genieße ich die Verwirrung, in der mich die Lektüre zurückließ. Und ja, es ist ein Genuss!

Vielleicht hilft Euch diese Rezension weiter.


Infos zum Buch:

Nnedi Okorafor
Lagune

Übersetzt von Claudia Kern

Cross Cult


Habe ich euch schon mal von Ursula le Guin vorgeschwärmt?

Art Nouveau, Secession und Stile Modernista: Schnellkurs Jugendstil

Dumont Schnellkurs Jugendstil - Buch Cover.

Jugendstil fasziniert mich. Aber würde ich so wohnen und leben wollen? Nachdem ich mir in Brüssel, Nancy und Hagen Museen angeschaut habe, die komplette Jugendstil-Inneneinrichtungen ausstellen, lautet die Antwort Nein.

Zu sehr hätte ich Angst, die filigranen Vasen und Lampen herunterzuwerfen und zu sehr würde mich die Wohnung als Gesamtkunstwerk in meiner eigenen Kreativität einschränken.

Was bewegt Menschen, ihr ganzes Leben einem ästhetischen Prinzip unterzuordnen? Das würde ich gerne verstehen. Deswegen habe ich begonnen, mich einzulesen. Der Schnellkurs Jugendstil aus dem Dumont Verlag ist dafür ein wirklich guter Einstieg.

Von der Arts-and-Crafts-Bewegung zum Jugendstil

Auf rund 190 Seiten wird aufgezeigt, wie sich der Jugendstil ausgehend von der Arts and Crafts Bewegung in England über ganz Europa verbreitet hat. Es werden die wichtigsten Künstler, Architekten und Designer mit ihren bekanntesten Werken vorgestellt und erklärt, welche besonderen, lokalen Ausprägungen der Jugendstil in den einzelnen Ländern entwickelte.

Was ich mir als Nächstes anschauen werde, ist nach dieser Lektüre auch klar. Nämlich etwas, was fast vor meiner Haustür liegt: die Mathildenhöhe Darmstadt.

Kurz, knapp und kompetent: Dumont Schnellkurs und Beck Wissen

Ich bin ein großer Fan von Buch-Reihen, die kurz, knapp und kompetent in komplexe Themen einführen. Dumont Schnellkurs ist eine davon – ganze 19 Bücher sind aus der einst so umfangreichen Reihe noch lieferbar. Tendenz sinkend. Noch schlechter erging es der Reihe Diederichs kompakt – sie wurde eingestellt. Beck Wissen hingegen gedeiht prächtig! Neu dazu gekommen, mit einem leicht anderen, essayistischen Zugang: Reclam 100 Seiten. Hier ein Beispiel: 100 Seiten Wandern

Drachen, Daoismus und die Sache mit dem Feminismus: Erdsee

Dicker Schmöker: Der Fantasy-Zyklus Erdsee von Ursula Le Guin.

Vorkenntnisse können den Einstieg in ein Buch erschweren. Über Erdsee von Ursula Le Guin hatte ich im Vorfeld viel gelesen. Philosophisch und feministisch sollte der Fantasy-Zyklus sein.

Ich war gespannt.

Die Philosophie fand ich sofort. Den Daoismus habe ich erst später darin erkannt. Den Feminismus hingegen sah ich erst mal nicht.

Wie auch, wenn im ersten Band »Der Magier der Erdsee« quasi keine Frauen vorkommen?

Eine Fantasy-Geschichte, die sich in Ruhe entwickeln darf

Gestört hat mich das nicht, denn der Erdsee-Zyklus ist Fantasy nach meinem Geschmack. Eine Geschichte, die sich entwickeln darf. Helden, die eine Wandlung durchmachen. Eine klug ausgedachte Welt. Kämpfe nur dann, wenn sie für die Handlung nötig sind. Drachen. Spannung, Überraschungen und interessante Charaktere.

Aber die Geschichte beginnt in einer reinen Männerwelt. Erst im zweiten Band erscheinen Frauen. Doch ihre Welt ist eher noch restriktiver als die Gesellschaft der Magier. Erst das Aufeinanderprallen von Ged, dem Magier, und Tenar, der Priesterin, bringt Dynamik in die Geschlechterfrage. Doch zynisch gestimmte Leserinnen könnten in der Konstellation vor allem eines erkennen: Ein männlicher Mentor, der einer Frau hilft, veraltete Strukturen hinter sich zu lassen.

Ganz so ist es dann zum Glück nicht. Auch hier gilt: Diese Fantasy-Geschichte darf sich in Ruhe entwickeln. Im vierten Buch, »Tehanu«, das erst 1990 erschien, fliegt dem Leser dann der Feminismus geradezu um die Ohren – und bleibt trotzdem immer bestens in die Fantasy-Welt eingebunden.

Zum Glück habe ich noch was vor mir

Den fünften Band, »Rückkehr nach Erdsee«, habe ich noch nicht gelesen. Er soll die Auflösung aller Ungleichgewichte bringen. Jetzt bin ich wieder gespannt!


Hintergrund-Infos zum Buch:


Hier findet Ihr noch mehr Fantasy-Tipps von mir. Ganz besonders empfehle ich Krakonos von Wieland Freund.


Vielleicht steckt ja eine Drachin in jeder Frau? When Women Were Dragons

Vertage nicht dein Glück – Lebenskunst nach Eva Wlodarek

Eva Wlodarek - geballte Lebenskunst in ihrem Ratgeber "Vertage nicht dein Glück, ändere dein Leben"

Es gibt Autorinnen, bei denen ich das Gefühl habe, dass mich ihre Ratgeber schon immer begleiten. Barbara Rias-Bucher ist eine von ihnen – darüber habe ich auf meinem Blog schon mal geschrieben.

Mit Eva Wlodarek verhält es sich ähnlich. Ihren Stil mochte ich von Anfang an: kompetent, einfühlsam, motivierend, lebensklug und im positiven Sinne unaufgeregt.

Damit war sie für mich schon immer ein angenehmes Gegenwicht zu den Chakka-du-schaffst-es-Büchern amerikanischer Prägung, die mir meist zu laut, zu grell und sehr häufig zu banal waren.

Aber wie das so ist mit Ratgebern: irgendwann meint man, sich jetzt genug Werkzeug zur Lebensbewältigung angelesen zu haben. So haben sich Eva Wlodarek und ich aus den Augen verloren – wovon sie natürlich nichts weiß.

Als ich jetzt auf ihr neues Buch Vertage nicht dein Glück, ändere dein Leben stieß, war mein erster Gedanke: ach, die schreibt noch? Die Aussage, dass der neue Ratgeber „Die Essenz aus dreißig Jahren Praxis als Psychotherapeutin“ sei, machte mich neugierig.

Genau so ist es auch: knackig und sehr stark verdichtet fasst sie alles an guten Ratschlägen und erprobten Tipps zusammen. Dabei behandelt sie diese Themengebiete:

  • In der Gegenwart leben
  • Die eigene Attraktivität erkennen
  • Vom Beruf zur Berufung finden
  • Freiheit gewinnen
  • Verbindung zu anderen herstellen

Das liest sich wie gewohnt gut, ist motivierend und wohltuend. Aber doch lässt es mich mit einer Frage zurück: wie müsste eigentlich ein zeitgemäßer Ratgeber für Leserinnen wie mich aussehen – 50+ und mit einem wohlsortierten Werkzeugkasten, den ich mir aus vielen Ratgebern zusammengelesen habe?

Hat jemand Buch-Vorschläge für mich?


Angaben zum Buch:

Eva Wlodoarek

Vertage nicht dein Glück, ändere dein Leben

Herder Verlag

Eva Wlodarek betreibt übrigens eine hochinteressante Webseite mit kurzen Rezensionen zu Sachbüchern und Ratgebern.


100 Tage hier & 100 Tage dort

Eine Familie zieht nach New York und erzählt darüber. 100 Tage hier & 100 Tage dort. Buch-Cover

Zu den Büchern, die mich in 2018 besonders berührt haben, gehört zweifellos 100 Tage hier & 100 Tage dort von Stephanie Hanel.

Das liegt zum einen an dem Weg, auf dem mich das Buch erreicht hat: Als Geschenk in einer Lebensphase, deren Stimmung die Schenkerin von außen viel deutlicher erkannt hat als ich, die mittendrin war. Dafür möchte ich mich hier auf diesem Wege noch mal bedanken!

Zum anderen ist es die Geschichte und ihre Ehrlichkeit, die mich berührt. Worum geht es? Eine Familie samt schulpflichtiger Tochter und großem Hund zieht nach New York und wir nehmen daran teil. Die Autorin lässt uns Mäuschen spielen, in dem sie in Tagebucheinträgen von den letzten 100 Tagen in Deutschland und den ersten 100 Tagen in Brooklyn erzählt.

Ganz ehrlich und transparent schreibt sie über alles, was eine solche Lebensveränderung mit sich bringt: von der Vorfreude, der bangen Neugier, der Begeisterung, den Zweifeln, den Abschieden und den Neuentdeckungen. Und natürlich von den bürokratischen Kämpfen und organisatorischen Problemen.

Das ist so persönlich, dass ich mich als Leserin fast wie eine Freundin erlebt habe, der das alles berichtet wird.

Gleichzeitig begann ich mich zu fragen, was wäre, wenn ich in dieser Situation gewesen wäre? Wie hätte ich die organisatorische Belastung gemeistert, wie wäre ich mit den Abschieden umgegangen? Wie schnell hätte ich die neue Umgebung erkundet und wie neue Freundschaften geschlossen? Hätte ich mich in der Großstadt wohlgefühlt oder hätte mir die Natur und die Heimat gefehlt? Ich weiß es nicht und ohne diese Familie hätte ich mich das wahrscheinlich auch gar nicht so gründlich gefragt.

Eigentlich wäre ein solches Projekt wie 100 Tage hier & 100 Tage dort perfekt für einen Blog geeignet. Und doch bin ich froh, dass Stephanie Hanel zusammen mit ihrer Tochter Paula ein Buch daraus gemacht hat. Nur so, wie es jetzt vorliegt, mit Tagebucheinträgen und persönlichen Fotos, kann es seinen ganzen Zauber entfalten und die Nähe zum Leser aufbauen, die mich so berührt hat. Danke dafür!


Sein Leben im badischen Dorf hinter sich lassen und ein neues in New York aufbauen ... Wie funktioniert das? Wie fühlt sich das an? "100 Tage hier & 100 Tage dort" vermittelt lebendig die damit verbundenen Herausforderungen und das Auf und Ab der Gefühle. Ein Buch sowohl für alle, die mit so einem Abenteuer liebäugeln, als auch für jene, die darüber nur den Kopf schütteln können.

Angaben zum Buch:

Stephanie Hanel
Idee & Konzeption: Paula Hanel

100 Tage hier & 100 Tage dort

Edition Bilderbusch

Leseprobe bei BoD

Und so geht die Geschichte weiter: 50 Tage in Brooklyn und Goodbye New York


Auch dieses Buch von Stephanie Hanel hat mich fasziniert: Künstlerinnen in New York

Wolfsmedizin – eine Reise mit Wolf Dieter Storl in die Mongolei

Wolfsmedizin: Wolf Dieter Storl bereist die Mongolei und Sibirien und besucht Schamanen, Heiler und Wölfe.

Natürlich habe ich das neue Buch von Wolf Dieter Storl gelesen. Lieblingsautor in einem Lieblingsverlag. Was soll da schon schief gehen?

Nichts. Es ist ein Storl, es ist ein wunderschön und wohl überlegt gestaltetes Buch.

Und doch ist diesmal einiges anders. Der Ton hat sich geändert. Vielleicht sogar der Blick des Autors auf die Welt. Oder liegt es nur daran, dass er diesmal mit einer Reisegruppe unterwegs war?

Auf jeden Fall gibt es Zwischentöne, die ich früher nicht herauslesen konnte. Er, der meinungsstarke Autor, schenkt anderen Ansichten Raum. Gleichzeitig reflektiert er sich selbst mehr und gibt auch schon mal zu, dass er nicht der pflegeleichteste Reisegefährte ist. Gewohnt begeistert erzählt er, wie toll es ist, barfuss durch die Steppe zu laufen, nur um ein Kapitel weiter zu erwähnen, dass er sich dabei verletzt hat. Mehrere Absätze widmet er unterschiedlichen Löwenzahnarten und erklärt kurz darauf, dass die mongolischen Heiler diese Unterscheidungen wahrscheinlich gar nicht treffen.

Doch ansonsten ist alles wie gehabt. Storl ist und bleibt ein begnadeter Erzähler. Auch sein neues Buch ist voll großartiger Geschichten von Menschen, Pflanzen und Tieren und voller Wissen über Ethnobotanik, Heilkunde und Geschichte.

Immer wieder greift er seine eigene Lebensgeschichte auf. Er vergleicht die Mongolei mit dem mittleren Westen der USA, wo er aufgewachsen ist. Dabei entdeckt er Parallelen zwischen Mongolen und Indianern und weiß das auch zu begründen. Genau das mochte ich schon immer an seinen Büchern: das Aufbrechen von Denkgewohnheiten, das Vernetzen von Themen.

Doch in diesem Buch wirkt all das routinierter, um nicht zu sagen: etwas müde. Oder liegt es nur daran, dass ich schon so viel von ihm gelesen habe?


Infos zum Buch:

Wolf Dieter Storl

Wolfsmedizin
Eine Reise zu den Pflanzenheilkundigen in der Mongolei und Sibirien

AT Verlag


Rezension im Nexus Magazin


Mehr dazu auf meinem Blog:

Das kunstseidene Mädchen.

Nach einer wirklich sehr langen Sachbuch-Phase ist in diesem Jahr die Lust auf Romane zurückgekehrt.

Doch während ich bei Sachbüchern eine Vorliebe für neue Themen habe, greife ich bei Romanen derzeit lieber zu Büchern, die sich schon längst bewährt haben.

So wie Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen, das ich gerade mit viel Vergnügen zu Ende gelesen habe. Es ist die Sprache, die den Roman auch heute noch zu einem Genuss macht.

… ein Nasenflügelbeben wie ein belgisches Riesenkaninchen beim Kohlfressen

Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen

Leicht schnodderig, nicht immer grammatikalisch korrekt, doch dafür sehr nah an der gesprochenen Sprache und dem persönlichen Erleben. So wirkt das Buch von 1932 auch heute noch vor allem eines: frisch.

Was lese ich als nächstes? Und warum?

Für mich ist es interessant zu beobachten, wie ich meine Lektüre auswähle. Während ich mich auf meinem Kinderbuch-Blog treiben lasse und zu Büchern begreife, die mir begegnen, – darüber habe ich hier geschrieben – scheinen hier, auf diesem Blog, andere Mechanismen zu greifen.

Das kunstseidene Mädchen ist nicht nur ein feministischer Klassiker und ein Buch, das mir schon häufig empfohlen wurde. Es ist auch eines, das ich als Buchhändlerin immer guten Gewissens empfohlen habe, ohne es  selbst gelesen zu haben. Genau solche Bücher machen jetzt immer häufiger auf sich aufmerksam, fast, als wollten sie sagen: „Na, wie wäre es mit uns beiden?“

Die Tatsache, dass es genau diese Bücher mittlerweile in edel gestalteten, kleinen Ausgaben gibt, erleichtert die Wahl enorm. Bücher als Handschmeichler, die trotzdem nicht wie Wohnungsbeschwerer wirken – ich glaube, da bin ich gerne Marketingopfer!

Bevor jetzt wieder Beschwerden kommen, ich hätte zuviel über meine Lesewelt und zu wenig über den Roman geschrieben – bitte schön, die Zusammenfassung auf Youtube: Das Kunstseidene Mädchen to go


Angaben zum Buch:

Irmgard Keun
Das kunstseidene Mädchen

Ullstein


Lust auf Bücher über die 20er und 30er Jahre?

Weihnachten und ich. Es ist kompliziert.

Ich habe ein Weihnachtsbuch gefunden, das mir gefällt und trotzdem weihnachtlich ist: Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink WEIHNACHTEN

Ich habe ein Weihnachtsbuch gefunden, das mir gefällt. Da dieser Satz sehr harmlos wirkt und der Tragweite nicht gerecht wird, erhöhe ich auf: Ich habe ein Weihnachtsbuch gefunden, das mir gefällt, und das trotzdem weihnachtlich ist.

Weihnachten und ich, wir haben ein angespanntes Verhältnis. Dazu haben 25 Weihnachtsgeschäfte im Einzelhandel und deutlich mehr Familienfeiern beigetragen.

Dabei habe ich alles versucht, um die Beziehung zu retten! Plätzchenbackorgien. Lebkuchenquerverkostung. Düll in Nürnberg hat gewonnen – vor allem, weil mir diese Lebkuchen auch im Sommer schmecken. Ich bin einmal quer durch Deutschland gereist – eine Route wie ein Spinnennetz auf LSD – um Weihnachtsmärkte zu besuchen. Die beste Bratwurst gab es in Coburg. Der schönste Weihnachtsmarkt bleibt aber der Belzenickel Markt in Bobenheim am Berg in der Pfalz. Vor allem bei milden 14 Grad wie in diesem Jahr.

Weihnachtsdeko mit Räuchermännchen Rehen und einem Osterhasen
Wie kommt der Hase in die Weihnachtsdeko?

Auch bei der Weihnachtsdeko habe ich mich schon verausgabt. Allein: Weihnachtsstimmung wollte nicht aufkommen.

Also habe ich versucht, das Konzept hinter Weihnachten zu verstehen. Zum Beispiel, dass der Weihnachtsmann ein Fliegenpilz ist – das sagt zumindest Christian Rätsch hier.

Die größtmögliche Annäherung gelang mir über die Rauhnächte. Doch auch hier interessierte mich die wilde Jagd nach Weihnachten mehr als alles andere.

Weihnachten und ich, das wird also nichts mehr. Dachte ich mir. Dann kam das Buch. Und was mache ich jetzt?

Weiterlesen. Was sonst. Bis Weihnachten ist schließlich nicht mehr allzu viel Zeit.

Und ich lese. Viel über Gänse, aber auch über Karpfen und über den Versuch Gottes, eine rot-weiße Fußballmannschaft aufzustellen. Demnach war Schopenhauer der härteste Vorstopper, mit dem Gott je gearbeitet hatte. Ich lerne viel über die Alchemie des Schmorbratens und tauche mit Vincent Klink in seine Kindheitserinnerungen ein. Diese werden jedoch von Wiglaf Drostes schönstem Weihnachtserlebnis überboten, dass einen fallenden Engel und viel Kunstblut enthält. Zwischendrin erhole ich mich mit den Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, der erstaunlich viel nackte Menschen zu Weihnachten zeigt, bevor er dann wieder Kulinarisches zeichnet. Schon muss ich das Buch zur Seite legen und mir Weihnachtsplätzchen holen … wieso ist der Teller schon wieder leer?


Erzählt von Glanzstunden und Schattenseiten des Lichterfestes: „Advent ist, wenn der Pfarrer schreit: Besinnlichkeit! Besinnlichkeit“.

Sagt der Verlag über das Buch.


Angaben zum Buch:

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink
Weihnachten

Dumont Verlag


So liebten die Götter. Sagt Stephen Fry. Und hat Spaß dabei.

Das Buch Cover glitzert golden und hat ein fliegendes Schwein: > Stephen Fry Mythos Was uns die Götter heute sagen

Die spinnen, die griechischen Götter – das wäre aus meiner Sicht eine durchaus adäquate Zusammenfassung von Mythos – Was uns die Götter heute sagen.

Wahlweise auch: Allmacht macht das Leben auch nicht leichter.

Oder auch: Ach, so war das!

Stephen Fry erzählt also griechische Göttersagen nach. Und weil er ist, wie er ist, konzentriert er sich auf die wirklich wichtigen Themen: Die Liebe! Das Leben!

Krieg und Kampfgetümmel wird nur erwähnt, wenn es für den Fortgang der Handlung wichtig ist. Oder wenn es edle Recken mit nacktem, muskulösen Oberkörper zu bewundern gibt – also dieser Moment vor der Schlacht, wenn die Sonne aufgeht und die Muskeln der Helden in Szene setzt … ich schweife ab. Pardon.

Aber genau das tut Stephen Fry auch – lustvoll abschweifen und sich in unmoralischen Details verlieren. Nur – im Gegensatz zu mir – hält er seine Fäden zusammen und lässt sich nicht vom Glanz der Götter, der Größe des Pantheons und der schier unendlichen Anzahl von Geschichten verwirren. Er weiß, was er erzählen will und hat Spaß dabei. Ich auch.

Wenn ich an den Details ein wenig herumfummle, mache ich nur das, was Menschen immer mit Mythen gemacht haben. In diesem Sinne glaube ich, dass ich meinen Teil dazu beitrage, sie am Leben zu erhalten.
Stephen Fry: Mythos. Was uns die Götter heute sagen. Seite 438


Angaben zum Buch:

> Stephen Fry Mythos Was uns die griechischen Götter heute sagen

 

 Stephen Fry

Mythos
Was uns die Götter heute sagen

Übersetzt von Matthias Frings

Aufbau Verlag

 


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