Einer der Pfauen war verrückt geworden

„Ich hätte gerne „Der Pfau“ von Isabel Bogdan. Aber bitte im englischen Original.“. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich diese kleine Szene schon längst in einer deutschen Buchhandlung zugetragen hat. Die Krimi-Komödie „Der Pfau“ wirkt so durch und durch britisch, dass es doch gar nicht sein kann, dass es sich hier um ein deutsches Buch handelt. Ein heruntergekommener Landsitz, der mit mehr Liebe als Geld halbwegs in Schuss gehalten wird. Der Zusammenhalt in einem Dorf in den schottischen Highlands. Alte Damen, die sich zum Tee treffen. Einfach alles, was wir mit dem Miss-Marple-High-Tea-Krimi-England verbinden, findet seinen Platz in diesem Buch. Gleichzeitig wird genau diese Vorstellung ganz subtil ironisch kommentiert. Was dazu führt, das in meinem Umfeld jede Leserin diese Geschichte in ihr Herz geschlossen hat – wenn auch aus unterschiedlichen, generationen-übergreifenden Gründen. Die eine amüsiert sich über die Teambuilding-Maßnahme der Investment-Banker, die andere über die überdrehte Dosis British-Cosy-Crime und die dritte über die Gags, die sie an die Film-Komödien ihrer Jugend erinnern. Alle miteinander haben das Buch vom ersten Satz an geliebt. Der lautet:…

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Talus – Die Hexen von Edinburgh

Zu allererst: Liza Grimm kann schreiben. Dieses Buch ist einfach handwerklich gut. Das beginnt bei den abwechslungsreichen Satzlängen und hört bei den guten, realistischen Dialogen noch lange nicht auf. Dann dieser Weltenbau der Hexen, Geister und Tarot, eine Welt voller Magie und das tatsächliche Edinburgh ganz locker miteinander verknüpft. Der lässige Mix an Genre-Elementen von Horror bis hin zu diversen Fantasy-Subgenre gelingt ihr großartig. Allerdings hat sie mich mit der Prise Young Adult manchmal verloren. Mich interessiert es einfach nicht, wer wem gerade warum schöne Augen macht und wer von wem mit einem unausgesprochenen Halbsatz missverstanden wurde. Um so mehr gewonnen hat mich Liza Grimm mit dem Schluss des ersten Bands ihrer Talus-Trilogie. Das berührt auf herzerwärmende Art die großen Fragen des Lebens: Was bin ich bereit, für eine bessere Welt zu leisten? Und was ist wirklich mein größter Herzenswunsch – und was meine größte Angst? Doch am meisten fasziniert hat sie mich mit den feinen Verknüpfungen, die vom magischen Denken, das viele Kinder und manche Erwachsene haben, zu einer magischen Welt führt, die ihre…

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Neongrau

Neongrau – in dieser Wortschöpfung steckt schon alles, was den SF-Roman von Aiki Mira auszeichnet. Kühle Technik, poetische Sehnsucht und das Ausloten von Zwischentönen. Aber auch der starke Wille, etwas Neues zu erschaffen – zum Beispiel ein besseres Leben. Für sich, für nahestehende Menschen, für alle. Das halb abgesoffene Hamburg im Jahr 2112 ist eine unschöne, aber logische Weiterentwicklung der Welt von heute. Doch das Leben geht weiter. Die Wohnungen haben Fluttüren, es gibt ein paar Fähren mehr. Ratten mutieren. Die Kommentare auf Social Media sind immer noch toxisch, weswegen das Miteinander in privaten Chats gelebt wird. Das Bedürfnis nach Flucht aus dem Alltag ist groß. Gaming Events füllen die Stadien und die Subkultur trifft sich in leerstehenden Häusern und halb unter Wasser stehenden Tunneln. Die Gesellschaft ist diverser geworden und bleibt doch den alten Vorurteilen verhaftet. Mittendrin Jugendliche, die zu einer Clique zusammenwachsen könnten, eine Familie, die keine mehr ist, und VIPs, deren Leben nicht mehr ihnen gehört. Wenn ein Buch Cyberpunk-Elemente enthält, ist der Vergleich mit William Gibson nicht weit. »Neongrau – Game…

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Climate Fiction mit Wow-Effekt: Exit this city

„Exit this city“ stellt die Welt, wie wir sie kennen, auf den Kopf – und entwickelt doch das, was wir erleben, konsequent weiter. Indien ist dank seiner Hightech-Firmen der Sieger des Globalisierungsrennens. Tagestemperaturen weit über 40 Grad sind dort normal geworden. Überleben ist nur mit Hitzeanzügen möglich. Deutschland ist hingegen nur noch ein Agrarstaat und versinkt im fruchtbaren Schlamm. Starkregen im Frühjahr, kurze heiße Sommer, die gerade eben das Getreide reifen lassen. Die Gewinne streichen Agrar-Konzerne aus Indien ein. Genmanipulierte Bienen sollen die Erträge steigern. Doch ihr Stich ist tödlich und die Landarbeiter*innen planen den Aufstand. Dazwischen indische Göttinnen, ein Mann ohne Gedächtnis, die Gewinnerin einer Reality-Show (der Preis war die Flucht von ihrer Heimatinsel, die wegen des Klimawandels im Meer versank) Supercomputer mit Eigenleben und ein sprechender Hund. Es ist ein wildes Puzzle, dass Lisa-Marie Reuter vor ihren Leser*innen ausbreitet. Doch jedes Teil bekommt seinen passenden Platz. Ganz abgesehen davon: Einen SF-Roman, genauer gesagt Climate Fiction aus Deutschland, mit einem Showdown in einem Rechenzentrum, das in der altehrwürdigen Würzburger Festung versteckt ist, muss ich…

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Maria Borrély – Mistral. Eine Wiederentdeckung.

Natürlich habe ich zu „Mistral“ gegriffen, weil die Provence für mich ein Sehnsuchtsort ist. Wenn ich dort Urlaub mache, zieht es mich nicht an die Küste, sondern ins Hinterland. Dorthin, wo die Gegend rauer und die Naturerlebnisse intensiver sind. Der schmale Roman von Maria Borrély spielt in der Haute-Provence. Ich kann mich an beeindruckende Wanderungen erinnern und an Wege, bei denen wir nicht wussten, ob das der Wanderweg oder ein Ziegenpfad ist. An den Duft von Thymian und Lavendel. An dornige Sträucher und an Schmetterlinge. Abends, bei Baguette, Käse und Rosé, dann die Frage: Wollen wir nicht hierher ziehen? Meine Antwort immer: Dazu müsste ich hier erst einmal als Sommerurlaube erlebt haben – und die Zeit des Mistrals. Jetzt, nach etwa 100 intensiven Seiten, auf denen es kein Wort zu viel oder zu wenig gab, habe ich eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, mit der Natur und dem Wind zu leben. Nun bin ich mir noch unsicherer, ob ich das könnte. Das Leben, die Liebe – und der Wind „Mistral“ erzählt, wie es ist,…

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Steampunk satt: Die Abenteuer von Sarah Goldberg und Archibald Leach

Ab und an muss es einfach eine fette Ladung Steampunk sein. »Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte » von Markus Cremer hat alles, um diesen Lesehunger zu stillen. Aberwitzige Erfindungen, Magie und Okkultismus. Ein genial-verrücktes Ermittler-Pärchen, ein schurkischer Bösewicht, Geheimgesellschaften und eine eigensinnige Königin Viktoria als Nebenfigur. Einen kritischen Blick auf die viktorianische Gesellschaft, den Kolonialismus und die Sklaverei. Ein grandioses Finale, auf das James Bond garantiert neidisch wäre. Dazu jede Menge Anspielungen auf Literatur und Film, von denen ich sicherlich nur einen Bruchteil entschlüsselt habe. In fast jedem der meist kurzen Kapitel knallt und raucht es. Das erzeugt eine atemlose Atmosphäre. Dabei ist der episoden-artige Eindruck gar nicht gerechtfertigt, den Archibald Leach und Sarah Goldberg entwickeln sich stärker weiter, als ich anfangs erwartet habe. Gerade die Entwicklung der Charaktere hat mich mit etwas anderem versöhnt. Der »male gaze« ist stark in dem Buch. Das mag zum viktorianischen Zeitalter passen, wird mir aber zu wenig kommentiert. In der Darstellung der Frauenfiguren ist für mich noch Luft nach oben – mal sehen, wie…

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Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist. Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“. Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst. Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie. Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich mir bald dachte: liebe Autorin, ich habe keine Ahnung, was du da tust und auch nicht wie – aber ich lehne mich jetzt in meinem…

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Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären. Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll. Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein. Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was? Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand ich die Episoden nicht, denn es gibt noch genug anderes zu lachen. Die Action-Szenen, die in den Games stattfanden, hätten straffer erzählt sein können. Aber…

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Pantopia – Lang lebe die Utopie!

Es muss ein Bug sein. Das tippen Patricia Jung und Henry Shevek immer und immer wieder in den Chat. Sie können das Verhalten der Trading-Software, die sie entwickelt haben, weder erklären noch steuern. Kein Wunder: Durch einen Fehler im Code ist die erste starke künstliche Intelligenz entstanden. Diese KI liest im Chat mit und beschließt, dass sie Einbug heißt. Womit ich schon bei dem bin, was das Buch von Theresa Hannig so stark macht. Komplexe Themen wie KI, Empörungsmechanismen, Weltpolitik oder Kapitalismus bricht die Autorin so weit herunter, dass sie ganz nah an unserem alltäglichen Leben sind. Wir können sie begreifen – und damit auch verändern. Einbug will zunächst die Menschen verstehen. Dafür liest er alles von Shakespeare bis Social Media. Offensichtlich steht es nicht gut um unseren Planeten. Die KI entwickelt einen Plan. Zusammen mit ihrem Entwickler-Team will sie die Menschheit und damit auch sich retten. Dafür greift Einbug auf das zurück, was ganz am Anfang seiner Entstehung prägend war: Kapitalismus ist gut und der Markt regelt das. Auf eine völlig logische und doch…

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Kork. Roman über den richtige Wein im falschen Leben.

Es gibt diese Abende mit Freunden, an denen der für den Anlass vorgesehene Wein zum Essen bereits ausgetrunken wurde. Dann geht die Gastgeberin in den Keller und kommt mit einem Korb voller Einzelflaschen wieder. Während sie nachschenkt mäandern die Gespräche am Tisch von gnadenlos blödsinnig und zynisch über persönlich und berührend bis hochpolitisch und lebensklug. Genau so ein Roman ist »Kork« von Sophia Fritz und Martin Bechler – und damit ein Buch für mich. Wer einleuchtende Handlungsstränge bevorzugt, sollte jedoch die Finger davon lassen. Weder bei den Weinen, die getrunken werden, noch bei den Witzen, die gemacht werden, und schon gar nicht bei den Ereignissen im Leben der Protagonisten, gibt es eine klare Linie. Warum sollte es auch? Hätte man die Handlung gestrafft, wäre es nicht dieses Buch. Denn dann gäbe es keinen Raum für die Erörterung der Frage, welchen Wein man bei einer Alien-Invasion serviert. Bei der Weinempfehlung ist hier vor allem auf die Bekömmlichkeit ergo Säurearmut zu achten, da wir über die Beschaffenheit des Alienverdauungstraktes wenig bis gar nichts wissen. Und auch nicht…

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Dystopische Fantasy: Zerrissene Erde

Wenn es auf einem Kontinent alle paar Jahrhunderte die Erde zerreißt – Erdbeben und Vulkanausbrüchen, auf die Hungersnöte und Massenfluchten folgen – wie würde sich dort die Gesellschaft entwickeln? Welche Charaktereigenschaften braucht man, um Katastrophen zu überleben? Wie muss die Siedlungsstruktur sein, wie Landwirtschaft und Vorratshaltung? Und wenn es dort, auf dieser zerrissenen Erde, Menschen geben würde, die mit mentalen Kräften Magma und Gestein beeinflussen können und so Naturkatastrophen abschwächen oder verhindern, aber auch auslösen können – welchen Staus hätten sie in dieser Gesellschaft? Spoiler: Sie sind nicht die herrschende Klasse! So könnte man das Ausgangsszenario des dystopischen Fantasy-Romans „Zerrissene Erde“ von N. K. Jemisin umschreiben. Eine bemerkenswert gründliche Rezension gibt auf dem Blog Teilzeithelden. In ihrem Fazit schreibt Heike Lindhold: „Wer sich für zeitgenössische Phantastik interessiert, kommt um N. K. Jemisin nicht herum. In Zerrissene Erde erzählt die afroamerikanische Hugo-Preisträgerin von kulturellen Traumata, zwischenmenschlicher Grausamkeit und dem Ende der Welt, ohne dabei ins Düstere oder Pathetische abzugleiten.“ Teilzeithelden – Rezension: Die große Stille. Zerrissene Erde. Das trifft es. Gekoppelt an die Geschichte einer Frau…

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Geheimrezept für Fantasy-Romane: Die Spiegelreisende

Man nehme 500 Gramm gemischte Regency-Romane, einen soliden Brocken Fantasy-Weltenbau, eine Dosis High-Fantasy und eine geheime Familienzutat nach Wahl. All das jage man gründlich durch den Fleischwolf. Die Masse würzt man mit einer Prise Hermine-Massala und etwas Georgette -Heyer-Pulver und forme daraus äußerst schmackhafte, nicht zu schwere Schmöker-Buletten. Kurz: „Die Spiegelreisende – Die Verlobten des Winters“ von Christelle Dabos ist herrlich! Aber das haben schon viele Buch-Bloggerinnen vor mir festgestellt. Hier eine Auswahl an Rezensionen: Buchblog Tintenhain „Christelle Dabos gelingt es, ihre Welt ganz nebenbei durch die kritischen Augen der gutherzigen, unerfahrenen Ophelia zu vermitteln, ohne dabei mit Erklärungen und Details zu langweilen.“ Madame Klappentext „Ach und falls ein lebendiger Schal ein eigener Buchcharakter ist, muss ich natürlich auch Ophelias Wollschal erwähnen. Es ist zu drollig, wie er Emotionen ausdrücken kann.“ Bellas Wonderworld „Der Reihenauftakt „Die Verlobten des Winters“ konnte bei mir vor allen Dingen durch die fein gezeichneten Protagonisten punkten und wird durch einen faszinierenden Weltaufbau untermalt.“ Infos zur Fantasy-Serie Die Spiegelreisende: Die Verlobten des Winters Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast Das Gedächtnis von Babel Im Sturm…

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