Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Womit soll ich bei dieser Buchbesprechung? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte. Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin. Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie mit gründlicher Strenge, aber stets dem…

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Gutmensch, Frühsexualisierung, Tag X: Rechte Wörter.

Ich hatte lange gehofft, dass ich mich nicht intensiver mit rechter Ideologie und rechter Sprache auseinandersetzen muss. Dass die Lektüre von Zeitungsartikeln und Blog-Beiträgen genügt, um zu verstehen, was in unserem Land passiert. Dass ich auch so jederzeit fundiert argumentieren kann, warum ich nicht nur bestimmte Wörter aus meinem Sprachschatz habe verschwinden lassen, sondern mich auch aktiv um einen Sprachwandel bemühe. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass mein eigenes Sprachempfinden keine ausreichende Basis ist, um in Diskussionen zu überzeugen. Augenöffner war einmal, dass ich Menschen begegnet bin, bei denen ich nicht erwartet hätte, dass sie einem Sprachwandel nichts abgewinnen können. Und natürlich Bücher wie „Eine Frage der Moral“ und „Richtig gendern“. Jetzt also „Rechte Wörter – von Abendland bis Zigeunerschnitzel“ , der nächste Schritt, mich tiefer in die Thematik einzuarbeiten. Mir tat die Lektüre weh. Es schmerzt, zu erkennen, wie weit rechte Wörter in den alltäglichen Sprachgebrauch gesickert sind. Wie manche Wörter vom positiven Begriff zum…

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Selbst denken – eine Anleitung zum Widerstand

Die ersten Schritte sind ganz einfach: sich endlich wieder ernst nehmen, selbst denken, selbst handeln. Sagt Harald Welzer.

Die ersten 50 bis 100 Seiten sind eine brillante Analyse und ein einziger Rant. Wir Leser*innen sind schuld am schlechten Zustand der Welt und an miesen Zukunftsprognosen. Harald Welzer lässt keine Gelegenheit aus, klarzustellen, dass er Menschen wie dich und mich meint. Sich selbst scheint er davon auszunehmen, denn das Wörtchen WIR verwendet er in diesen Passagen nicht. Eine Publikumsbeschimpfung? Bei mir hatte dieses Stilmittel eine interessante Wirkung: Ungefähr ab Seite 30 begann ich, mehr darauf zu achten, WIE Harald Welzer schreibt, als auf das, was er mir sagen will. Im Sinne des Autors kann dieser Effekt kaum sein. Knapp 100 Seiten später fällt auf einmal der Satz, den ich am Anfang vermisst habe. Ab da nimmt sich der Autor nicht mehr aus und gibt zu, dass auch er Teil des Problems ist. An meiner distanzierten Haltung zum Buch hat das aber nichts mehr geändert. Selbst denken, Zukunft gestalten Aus der Distanz betrachtet würde ich…

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Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Ein Essay von Anatol Stefanotitsch. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit!

Diese Lektüre tat gut, richtig gut. Ich hatte erwartet, dass „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.“ eine anstrengende Lektüre sein wird. Aber es kam ganz anders. Diese glasklare Argumentation liest sich nicht nur sehr flüssig – es ist auch wohltuend, endlich mal wieder einen so klugen, gut konstruierten und sehr verständlichen kurzen Text zu lesen. Sprache macht einen Unterschied. Bereits durch die Wahl des Vokabulars gestalten wir die Gesellschaft, in der wir leben, mit. Respektvoll, sich ihrer Werte bewusst, demokratisch, interessiert an Menschen, offen für unbekannte Themen – das sind einige Eckpunkte meiner Wunsch-Gesellschaft. Herabwürdigende Sprache ist das exakte Gegenteil davon. Damit bin ich doppelt in der Pflicht. Einmal gilt es, meinen eigenen Sprachgebrauch immer wieder zu überprüfen, und Menschen zuzuhören, die Kritik an Begriffen äußern, die ich verwende. Anatol Stefanowitsch gibt mir dafür Werkzeug an die Hand; klare Regeln, an denen ich herabwürdigende Sprache auch jenseits von Schimpfwörtern und Beleidigungen erkennen…

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Disruptive thinking. Machen Menschen den Unterschied?

disruptive thinking. was nun? Doppelseite aus dem Buch.

Manchmal denke ich mir, dass gerade wir Buchhändlerinnen perfekt auf das digitale Zeitalter vorbereitet sind. Schließlich konnten wir schon in Stichwörtern und Schlagwörtern denken, bevor es Begriffe wie Keywords und SEO gab. Wenn ich dann in dem Buch Disruptive Thinking lese, dass Nichtwissen aushalten eine Schlüsselqualifikation für das Disruptive Zeitalter sei, denke ich mir schon wieder, dass ich als Buchhändlerin darauf perfekt vorbereitet bin. Wir lernen schon im allerersten Lehrjahr, dass wir nicht auf alle Kundenfragen sofort eine Antwort haben. Mit etwas Ausdauer und Talent haben wir dann schon nur wenige Jahre später Strategien entwickelt, wie wir mit unserem Nichtwissen umgehen und es in Verkaufserfolge umwandeln können. Doch ich schweife ab und das schon bevor wir zum Buch „Disruptive Thinking. Das Denken, das der Zukunft gewachsen ist“ kommen. Das kann ja heiter werden. Disruption. Schon erlebt. Ich hatte schon seit einiger Zeit kein Wirtschaftssachbuch mehr gelesen. Die letzten Hypes und Buzzwords berührten mich nicht. Industrie…

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How soon is now? Ohne Krise keine Veränderung.

Daniel Pinchbeck How soon is now Sachbuch

Auf dem Burning Man Festival wollte Daniel Pinchbeck eine Revolution anzetteln. Lasst uns die Figur nicht verbrennen, das Festival nicht beenden. Wir bleiben genau hier zusammen und erarbeiten Strategien, Techniken und Anleitungen zur Rettung der Welt, denn hier auf dem Festival sind alle Menschen zusammen, die wir dafür brauchen. Die Revolution fand nicht statt, seine Idee war wohl selbst für das Burning Man Festival zu sperrig. Zum Glück. Daniel Pinchbeck musste wieder hinaus in die Welt und dort weiter an seinen Visionen feilen. Den aktuellen Stand seiner Überlegungen hat er jetzt in „How soon is now?“ zusammengefasst. Sein Buch hat Wucht. Es ist alles andere als depressiv, denn Pinchbeck ist fest davon überzeugt, dass die aktuellen politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Krisen uns, die Menschheit, zu guten Veränderungen zwingen werden. Ohne Krise keine Veränderung und je größer die Krise, desto größer fällt der Entwicklungssprung aus. So betrachtet haben wir also gute Karten. Buckminster Fuller, Tamera und…

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