
Wer den SF-Roman „Wandernde Himmel“ lesen möchte, sollte einen langen Atem mitbringen, denn die Geschichte entwickelt sich sehr gemächlich. So gemächlich, dass ich beim Lesen dachte: ist das wirklich ein Science Fiction oder nicht doch eine Hof-Intrige aus einem vergangenen Jahrhundert? Denn der Plot würde nicht nur mit einer Weltraumkolonie funktionieren, sondern auch zwischen verfeindeten Adelsgeschlechtern. Zwei Staaten – Erde und Mars – suchen nach einem verheerenden Krieg Wege der Annäherung, denn der eine hat die Rohstoffe, der andere begehrte hochentwickelte Technik. Als Unterpfand wird eine Gruppe Kinder auf die Erde geschickt. Fünf Jahre später, als junge Erwachsene, kehren sie zurück auf den Mars. Nun kennen sie beide Welten. Die Erde mit ihrem Wildwuchs-Kapitalismus – oder ist es zerstörerischer Wahnsinn? Der Mars mit seiner Gemeinwohl-Ökonomie – oder ist es eine Diktatur?
Interessant, dass sich diese Geschichte eine Autorin aus China ausgedacht hat. Doch sie liefert keine einfachen Antworten. Sie lässt die Jugendlichen Revolutionen planen, Kunst machen, die Welt verbessern wollen, sich verlieben und die Grenzen der Loyalität gegenüber Staat und Familie austesten. Dafür braucht sie gut 700 Seiten. Für das Science-Fiction-Genre ein durchaus üblicher Umfang. Doch das langsame Erzähltempo überrascht. Es wirkt entschleunigend und lenkt den Fokus auf die philosophischen Fragen, die um Heimat und Freiheit kreisen.
Hugo & Co. – mein neuer Kompass, um durch Lesewelten zu navigieren
Autorin Hao Jingfang wurde für ihren Text „Peking falten“ mit dem Hugo-Award ausgezeichnet. Das ist auch der Grund, warum ich ihr Buch überhaupt entdeckt habe. Seit einiger Zeit lese ich verstärkt Phantastik-Autorinnen, die in den letzten Jahren Literaturpreise gewonnen haben – Hugo Award, Nebula Awards, SERAPH und Kurd Laßwitz Preis. Ein guter Ansatz, um aus dem Novitäten-Zirkus und den Hype um Tropes auszubrechen.
Ob das Buch, das im Original 2016 erschien, heute eine Auszeichnung gewinnen könnte? Ich bezweifle es – und das liegt nicht am Erzähltempo, sondern an den Geschlechterrollen. Die Charaktere bleiben oft in traditionellen Rollenbildern gefangen. Die Mädchen sind impulsiv, kreativ und empathisch. Die Jungs technische Tüftler, karriere-orientiert mit einem Hang zum Rittertum. Zur eingangs erwähnten Hof-Intrige würde das gut passen. Von einem Science Fiction mit philosophischem Anspruch erwarte ich mir in diesem Punkt jedoch mehr! Trotz dieser Schwächen ist „Wandernde Himmel“ ein interessantes Gedankenexperiment, das sowohl Gesellschaftsentwürfe als auch, vielleicht ungewollt, Genre-Erwartungen hinterfragt.
Infos zum Buch:
Hao Jingfang
Übersetzung von Marc Hermann
Wandernde Himmel
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Von Science Fiction zur Fantasy ist es manchmal nur ein Zeilensprung. An diesen Roman musste ich beim Lesen häufiger denken: Der Winterkaiser

