
Was für ein wilder Ritt und doch so nah am Leben! Das waren meine Gedanken, als ich etwas atem- und fassungslos Domenico Müllensiefens Debütroman „Aus unseren Feuern“ zur Seite legte. Wir begleiten Heiko, Thomas und Karsten beim Erwachsenwerden in der Nachwendezeit in Leipzig. Der eine soll den Schlachthof der Eltern übernehmen und hat nach dem Konkurs nichts außer das Gefühl, verarscht worden zu sein. Der andere wird Sprengmeister und wandert wie erhofft in die USA aus, um dort zwar Erfolg, jedoch nicht das Glück zu finden. Der dritte macht eine Ausbildung, denn irgendjemand muss ja im Osten bleiben, lernt dabei saufen und hofft auf Sex, sucht aber eigentlich Liebe. Einer von ihnen endet als Leiche und einer wird versuchen, alles doch noch zu einem ordentlichen, würdevollen Ende zu führen – als Bestatter, aber vor allem als Freund.
Atemlos fühlte ich mich beim Lesen, weil der Roman extreme Schnitte, ein irres Erzähltempo, harte Alltagsszenen und unerwartete Sprünge zwischen den Zeitebenen hat. Das muss man erst einmal aushalten können. Fassungslos war ich, weil ich mich beim Gedanken erwischte: Wenn dieser Beat aus Alkohol, Sexismus, Rassismus und sich beweisen müssen das Leben junger Männer ist, dann bin ich froh, dass ich ein Mädchen bin.
Gleichzeitig ist all das so großartig und mehrschichtig erzählt, dass ich einfach dranbleiben musste. „Aus unseren Feuern“ mag wie ein Leipzig-Roman oder eine Ostgeschichte daher kommen. Doch das täuscht. Es ist eine universelle Geschichte über die Sehnsucht, für sich einen passenden Platz in der Gesellschaft zu finden – keine Reichtümer, aber Sinn und Geborgenheit. Wie sich erwachsenwerden anfühlt, wenn man nicht durch Geld und Beziehungen abgesichert ist. Wenn Scheitern das Wahrscheinlichste ist und man trotzdem immer weiter macht. Dafür braucht es jemanden, der das schreiben kann. Domenico Müllensiefen kann das.

Bibliographische Angaben:
Domenico Müllensiefen
Aus unseren Feuern
Für die Fotos zum Blog-Beitrag habe ich das Buch auf einen Bildband gelegt: „Leipzig. Den Wandel zeigen“ von Niels Gormsen und Armin Kühne, der 2000 in der Edition Leipzig erschienen ist.
Leipzig ist meine Lieblingsstadt in Deutschland. Diese Anthologie bietet einen facettenreichen Blick auf die Stadt: Leipzig zum Verweilen – meine Buchvorstellung hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin. Genauso empfehlenswert ist diese DDR-Kulturgeschichte: Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens

