
Als ich das Taschenbuch „Flâneuse. Frauen erobern die Stadt“ von Lauren Elkin in meiner Handtasche hatte, lief ich an einer Straßenbahnhaltestelle entlang. Ein laut telefonierender Mann mit der Ausstrahlung eines Drahthaarterriers auf Speed kam mir entgegen. Wettergegerbt, tätowiert bis an die Ohren, Bierflasche in der Hand. Während ich noch überlegte, ob ich ausweichen soll, trat die Schwarze Frau vor mir schon zwei Schritte zurück. Der Mann merkte davon nichts und sprach in dem Moment laut „Ich habe gerade ein Geschenk für meine Mama gekauft.“
Diese Szene enthält schon so viel von dem, was Lauren Elkin in ihrem Buch erzählt und durchdenkt. Während sich Männer völlig selbstverständlich durch den städtischen Raum bewegen, verhalten sich Frauen anders. Sie lesen zuerst den Raum; überlegen, ob sie hier sicher sind, ob sie hier sein dürfen, wollen, sollen.
Doch es gab schon immer Frauen, die dies bewusst durchbrochen haben, die sich ihr Recht auf Stadt genommen haben. Sie durchstreifen Straßen und Wohnviertel, überqueren Plätze und begeben sich an Orte, an denen „man“ sie nicht erwartet. Über Jahrhunderte hinweg war der öffentliche Raum für Frauen kein selbstverständlicher Ort. Umso mehr ist jedes Flanieren, jedes bewusste Sich-Aneignen der Stadt, ein kleiner Akt der Emanzipation – damals wie heute.
Zu diesen Flâneusen zählen Frauen wie Virginia Woolf mit ihren Spaziergängen durch Bloomsbury, die Journalistin Martha Gellhorn und ihre Reportagen aus Madrid, George Sand in Hosen, Sophie Calle als Stalkerin in Venedig und die Filmemacherin Agnès Varda und ihre Pariser Protagonistin Cléo aus Mittwoch zwischen 5 und 7. Und natürlich auch Lauren Elkin selbst, die uns an ihren Streifzügen durch Paris, New York, Tokio, Venedig und London teilhaben lässt. Zugleich erzählt sie, wie sie überhaupt in diese Städte kam (und mit welchen Männern) und wie sie sich dort verändert hat.
Das ist wohl mein einziger Kritikpunkt an dem Buch: So viele Blicke durchs Schlüsselloch hätte ich nicht gebraucht. Mir hätte das Flanieren durch Literaturgeschichte, Soziologie und Stadtplanung völlig genügt. Was den Lesespaß noch verstärkt, ist der wunderbare Schreibstil. Genau wie bei einem gelungenen Spaziergang können wir uns beim Lesen treiben lassen. Gedanken kommen zur Ruhe, der Blick weitet sich und springt vom Detail zum Horizont und wieder zurück – vom Vertrauten zum Unbekannten, vom Alltag zum großen Zusammenhang, von der persönlichen Erinnerung zur Weltpolitik.
Das machte das Buch für mich zu einem Lesegenuss. Für lange Zeit war das mein Handtaschenbuch, das ich bei mir hatte, wenn ich selbst durch meine Heimat flaniert bin. Dabei habe ich begonnen, genauer hinzuschauen. Auf die Frau, die zwei Schritte zurücktritt. Auf die, die es nicht tut. Und auf mich, die sich irgendwo dazwischen bewegt.
Eine weibliche Flânerie, eine Flâneuserie, verändert nicht nur die Art, wie wir uns im Raum bewegen, sondern greift in die Struktur des Raums selbst ein. Wir fordern unser Recht ein, den Frieden zu stören, zu beobachten (oder nicht zu beobachten) und auf unsere Weise Raum einzunehmen (oder nicht einzunehmen) und zu strukturieren (oder zu destrukturieren).
Lauren Elkin; Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London. Seite 365
Bibliographische Angaben:
Lauren Elkin
Aus dem Englischen übersetzt von Cornelia Röser
Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London
btb
Penguin Randomhouse Verlag
Für alle, die gerne durch Städte spazieren, flanieren, wandern, hat die Flâneuse in mir drei Buchrezensionen parat:
- Immer schön langsam. Unterwegs in der Stadt. Barbara Weitzel streift durch Berlin und nein, das ist kein Berlin-Reiseführer. Es ist ein zutiefst empathisches Buch, bei dem jeder Schritt und jedes Wort zählt.
- Platz nehmen. Gegen eine Architektur der Verachtung. Mickaël Labbé spricht sich vehement gegen eine Stadtentwicklung aus, die sich nur um die Themen Wohnen, Arbeiten, Konsumieren und Verkehr dreht. In dieser Art zu denken fehlt ihm das Entscheidende: der Mensch. Das Wir. Unser Recht auf Stadt.
- Stadtwildpflanzen. 52 Ausflüge in die urbane Pflanzenwelt. Mit Hintergrundwissen zur Stadtvegetation. Jonas Frei zeigt uns das Grün in der Stadt – nicht nur in Parks und Gärten, sondern auch in Fugen, an Mauern, auf Brachen. In Zeiten des Klimawandels zählt jede Pflanze, die Schatten spendet, Wasser bindet und Lebensraum bietet.

