
Die Bücher von Nnedi Okorafor fordern mich – nicht zuletzt, weil ich sie als weiße Frau lese. Ihre Position als Schwarze Autorin kann ich nachvollziehen, aber nie aus eigenem Erleben verstehen. Hinzu kommt eine zweite Fremdheit: die kulturelle. Ich bin die, die kurz nachdenken muss, wie Waxprints Stoffmuster aussehen. Die nicht weiß, wie die nigerianischen Gerichte schmecken, die in der Familie gekocht werden. Die sicher sein kann, dass sie nicht jede kulturelle Anspielung versteht.
Auch die Protagonistin Zelu fordert mich, denn sie ist nicht gerade eine Sympathieträgerin. Als kleines, wildes Mädchen genügte es ihr nicht, sich hinter dem Baum zu verstecken wie die anderen Kinder. Sie kletterte hinauf. Doch der Baum war morsch und der Sturz führte zu einer Querschnittslähmung. Diese Mischung aus Hybris und unbändigem Freiheitsdrang prägt auch weiter ihr Auftreten. Ihren Job als Dozentin verliert sie auf Grund ihres arrogant-aggressiven Verhaltens gegenüber den Studierenden. Ihr erster Roman findet keinen Verlag, denn er ist nichtssagender, als sie sich einzugestehen bereit ist.
Aus Frust schreibt sie daraufhin eine Dystopie über eine Welt, in der es keine Menschen mehr gibt. Rusted Robots wird zum Mega-Erfolg, doch die Geschichte entgleitet ihr und verändert zugleich ihr Leben. Denn Geschichten haben ein Eigenleben und eine transformierende Kraft. Wir Menschen sind mal Gäste, mal Akteure, doch niemals bloße Zuschauende. Wir sollten jedoch nie davon ausgehen, dass wir die Handlung bestimmen können.
Dementsprechend besteht „Tod der Autorin“ von Nnedi Okorafor aus vielen Geschichten, die wie in einem von der Igbo-Spinne Udide erschaffenen Spinnengewebe miteinander verknüpft sind. Sie spielt in der Binnengeschichte von Rusted Robots eine wichtige Rolle. An jedem Knotenpunkt könnte die Handlung eine neue Richtung einschlagen. Manches wird begonnen und groß aufgebaut, aber dann doch nicht zuende erzählt. Manches wird unverhofft wichtig, um dann doch wieder zu entschwinden. Doch jetzt ist die Geschichte in der Welt. Sie wird sich entwickeln und vielleicht eines Tages wieder zurückkommen, um weitererzählt zu werden. Genau wie Zelu, die in einem offenen Ende von unserer Welt in den Weltraum verschwindet und damit unsere Fantasie, unseren Freiheitsdrang und unseren technologischen Optimismus nährt.
Bleibt für mich nur noch eine Frage offen: Was um Himmelswillen will Nnedi Okorafor nach diesem Feuerwerk noch schreiben? In „Tod der Autorin“ verwebt sie so viele Handlungsstränge und Bedeutungsebenen, nur um sie kurz darauf genussvoll zu dekonstruieren. Sie zitiert Popkultur und diskutiert post-koloniale Strukturen. Sie verbindet afrikanische Mythologie und Zukunftstechnologien. Sie erfindet mit Rusted Robots einen kompletten Roman im Roman, der genau wie das Familiendrama oder das Leben von Zelu schon ein eigenes Buch ergeben würde. Ich hoffe doch sehr, dass „Tod der Autorin“ nicht das Ende ist – die Welt der Geschichten braucht Autorinnen wie Nnedi Okorafor! Ich bin dankbar, Gast in ihren Geschichten sein zu dürfen, und freue mich, mir fremde Welten erkunden zu können. Das holt mich aus meiner weißen Komfortzone und eröffnet neue Perspektiven. Genau das schätze ich an guter phantastischer Literatur!
Infos zum Buch:
Nnedi Okorafor
Aus dem Englischen von Corinna Rodewald
Tod der Autorin
Sehr informative Buchbesprechung auf de Blog booknerds
Das hier war meine erste Begegnung mit einem Roman von Nnedi Okorafor: Meine Rezension zu „Lagune“ hier auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin.

