Thomas Grüter – Magisches Denken – Rezension

Eines gleich vorneweg: Ich habe das Buch „Magisches Denken – Wie es entsteht und wie es uns beeinflusst“ mit großem Interesse und viel Freude gelesen, weil der Autor und ich einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt haben. Thomas Grüter hat eine Mission, die er gründlich und gewissenhaft verfolgt: „Auf Dauer werden das magische Denken und die Unvernunft nachlassen müssen, wenn Menschen überleben wollen.“ (S. 286) Die Rettung der Menschheit betrifft auch mich und ich möchte dann doch gerne wissen, warum ich gerettet werden muss und wie das geschehen soll. Was bedeutet Magisches Denken? Die Kennzeichen magischen Denkens leitet er sehr schön ab. Dazu gehören zum Beispiel die Beeinflussung der Außenwelt durch Worte, Rituale oder Gedanken; der Glaube, das die Zukunft vorhersehbar ist und eine Verbindung zwischen Symbol und Wirklichkeit. (S. 32) In den anschließenden Kapiteln sucht er eine psychologische und/oder neurobiologische Erläuterung für das magische Denken. Unser Gehirn sucht…

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Grooveblog – Prince – Diamonds & Pearls Tour 1992

1992 hatten wir, die Buchhändlerin und der Buchhändler alias Grooveblog, etwas zu feiern. Was? Das wird hier nicht verraten.  Aber das wie … Prince – Diamonds & Pearls Tour 1. Juli 1992 Stuttgart Schleyerhalle Ich vermute, dass die Hälfte des Publikums so wie ich nicht so ganz wusste, was auf uns zukommen würde. Die andere Hälfte fühlte sich gleich zu Hause: Angehörige der US-Armee, die fest mit einer Party dieser Größenordnung gerechnet hatten. Natürlich kannte ich die Videos und rechnete daher mit einem bombastischen Bühnenbild und viel Choreographie im Sinne von Tanzeinlagen, wenn nicht gerade gesungen wird. Das war zu klein gedacht. Ich erinnere mich an ein rauschendes Fest, ich erinnere mich an viel lila-farbenes Licht, ich erinnere mich, den ganzen Abend getanzt zu haben … und ich weiß, das „Purple Rain“ liveso verdammt großartig ist, wie ich es mir erträumt hatte. Das Live-Video „Erotic City Housequake“ vermittelt einen guten…

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Ben Aaronovitch – Ein Wispern unter Baker Street – Rezension

Die Kult-Serie von Ben Aaronovitch. Diesmal kann ich sagen:  Ich war von Anfang an dabei. Bis ich Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romane* entdeckte, waren schon die ersten Bücher auf Deutsch bei Heyne erschienen. Ich kann mich also nicht als Discworld-Fan der ersten Stunde bezeichnen. Mein Fan-Karma verbesserte ich dann dadurch, das ich alles, was noch nicht übersetzt war, auf Englisch las und so ziemlich jedem die Scheibenwelt-Romane empfahl. Bei Jasper Ffordes Thursday-Next-Serie entwickelte sich mein Fan-Karma auch nicht optimal – ich setzte zwischendurch aus. Warum ist mir bis heute ein Rätsel**, bietet doch die Serie mit ihrem schrägen Humor, ihrem Unwahrscheinlichkeits-Drive und ihren literarischen Anspielungen alles, was mein Serien-Junkie-Herz begehrt. Diesmal, bei Ben Aaronovitchs Urban-Fantasy-Serie, kann ich sagen, dass ich von Anfang an dabei war. Schon der erste Band „Die Flüsse von London“ begeisterte mich trotz kleinerer Mängel in der Konstruktion. Wie erwartet wurden die fehlenden Erklärungen im zweiten Band „Schwarzer Mond über Soho“ nachgeliefert,…

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Remo Rittiner – Das große Yoga-Therapiebuch – Rezension

  Ich habe Nacken. Wahrscheinlich hat sich die Maus hat sich gerächt. Ich hatte sie wohl zu viel durch die Gegend geschubst. Auf jeden Fall war mein Nacken schon mal beweglicher. Auch die Schulter hat sich schon mal besser angefühlt. Es gab auch Zeiten, in denen ich deutlich weniger Kopfschmerzen hatte. So kann das nicht bleiben. Höchste Zeit für ein paar wohltuende Yoga-Übungen – höchste Zeit, ein ganz bestimmtes Yoga-Buch wieder aus dem Regal zu holen! Meine Hausapotheke für Notfälle: „Das große Yoga-Therapiebuch“ von Remo Rittiner Dieses Buch hilft. Das liegt nicht daran, dass ich Buchhändlerin bin und daher an die Heilwirkung von Büchern glaube. Remo Rittiner hat für alles, was zwickt und zwackt, Übungsreihen entwickelt: Nacken, Schulter, Hüfte, Knie … Diese Übungen sind einfach, ganz einfach. Das glaubt man zumindest nach dem ersten Durchlesen. Besondere Beweglichkeit oder gar Akrobatik-Grundkenntnisse sind nicht notwendig. Das sieht alles so einfach aus und…

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Andreas Séché – Zeit der Zikaden – Rezension

Wir müssen über den Schluss reden. Wirklich! „Zeit der Zikaden“ von Andreas Séché hat einen einzigartigen Schluss. Ein Paukenschlag voll leiser Töne.  Eine solche Formulierung ist unmöglich und genau so endet der Roman. Unmöglich großartig. Mein Leserinnen-Herz fieberte mit dem Helden mit und meine Lese-Erfahrung beruhigte mich, das Andreas Séché seinen Selim schon nicht vereinsamt sterben lassen wird. Doch die Wendung, die die Geschichte nimmt, übertrifft alle meine Lese-Erwartungen und lässt mich verblüfft zurück. Dann müssen wir noch über Musik reden. Zumindestens meint der Verlag das und erweckt den Anschein, als wäre „Zeit der Zikaden“ ein Buch über klassische Musik. Das ist nicht falsch, aber zu kurz gegriffen. Es geht darum, wie Kunst Emotionen wecken kann und welche Kraft Menschen daraus schöpfen können. Das kann klassische Musik, aber auch die Poesie und die Architektur können das. Auch diese Künste spielen in dem Buch eine wichtige Rolle und deswegen gefällt mir diese…

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Christian Rätsch – Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen – Rezension

Wie schmeckt eigentlich gegrillter Papagei? Die Frage geht mir seit der Lektüre von Christian Rätschs Autobiographie „Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen“ nicht mehr aus dem Kopf. Bevor sich jetzt wütende Veganer auf mich stürzen, möchte ich betonen, dass ich nicht vorhabe, den Papagei in der Nachbarschaft mit Pfeil und Bogen zu erschießen, um ihn am offenen Feuer zu grillen. In „Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen“ beschreibt Christian Rätsch, wie er mit den Lakandonen, bei denen er ein Jahr lebt, auf Papageienjagd geht. Die Aufregung der Jagd und seine Vorfreude auf das leckere Papageienfleisch sind greifbar, regelrecht spürbar. All das Fremde des Lebens mit einem Maya-Volk wurde für mich in dieser Passage in einem magischen Lesemoment zusammengefasst. Die zweite Schlüsselszene verbindet für mich die fast nicht mehr greifbare europäische magische Tradition mit der, zumindestens damals noch, lebendigen, magischen Maya-Tradition.Ein Lakandone, der sich den Fuß verknackst…

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Andreas Séché – Zwitschernde Fische – Rezension

Doch bevor ich erzähle, wie es dazu kam, erzähle ich etwas über das Buch „Zwitschernde Fische“ von Andreas Séché – denn das finde ich wichtiger als mein ganz persönliches Leseverhalten. Ehrlich. Für mich ist „Zwitschernde Fische“ vor allen Dingen eine Liebesgeschichte – die Liebe zu den Büchern, zur Literatur, zu den Märchen, zu Buchhandlungen und natürlich die Liebe des Helden zu Lio, der geheimnisvollen Buchhändlerin. Dann ist „Zwitschernde Fische“ eine Abenteuergeschichte. Wie könnte es anders sein, wenn Sir Arthur Conan Doyle und die griechischen Götter eine wichtige Rolle spielen. Dazu ist „Zwitschernde Fische“ auch noch ein charmantes, wohltuendes, intelligentes Büchlein voller schöner Sätze. So wie dieser Satz hier: Zwar darf man, wenn man ein Buch kauft, deshalb auch nicht gleich die Liebe der Buchhändlerin erwarten. Wenn man sich aber in eine Buchhändlerin verliebt, bekommt man, wenn alles gut geht, auch die Bücher dazu. Und warum hat „Zwitschernde Fische“ mein Leseverhalten verändert? Dieses Buch kam auf einem ganz eigenen Weg zu mir. Ich hatte in dem…

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Abschied auf Raten: ein Nachruf auf den Brockhaus

Überraschend kommt es nicht, traurig ist es trotzdem: Bertelsmann beginnt, sich vom Brockhaus zu trennen. Als Mannheimerin und Buchhändlerin konnte ich das Drama um die Marken Brockhaus, Meyer, Bibliographisches Institut und Duden aus nächster Nähe beobachten. Beschleunigt wurde der Niedergang durch die grandiose Fehlentscheidung, noch einmal eine große Brockhaus-Enzyklopädie zu verlegen – und durch Wikipedia. Aber das kann es nicht allein gewesen sein, oder? Die Haltung des Verlagshauses BI klang für mich lange Zeit nach „Wir waren schon immer da, deswegen wird es uns auch immer geben.“ Als sich die kritische Situation nicht mehr länger ausblenden ließ, begann wilder Aktionismus. Brockhaus wurde an Bertelsmann verkauft, der Direktvertrieb gleich mit dazu. Im Bertelsmann Lexikon Verlag wurde zumindest der Kinder-Brockhaus weiterentwickelt und die inhaltliche Substanz der Lexika für Kalender erfolgreich ausgeschlachtet. Die große Brockhaus-Enzyklopädie verkaufte sich nur schleppend. Im BI wurden indessen neue Konzepte entwickelt und dann nicht weiterverfolgt. Ein Beispiel dafür ist der…

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Georg Schweisfurth – Bewusst anders – Rezension

In seinen schlechten Momenten ist „Bewusst anders – Erfahrungen eines Öko-Pioniers“ von Georg Schweisfurth ein erweiterter beruflicher Lebenslauf. Da muss der Leser durch. Belohnung für dieses klein bisschen Lese-Ausdauer gibt es reichlich, denn in seinen guten Momenten ist „Bewusst anders – Erfahrungen eines Öko-Pioniers“ inspirierend, bereichernd, motivierend. Und die guten Momente überwiegen! Autobiografien funktionieren für mich dann am besten, wenn ich als Leserin eine persönliche Beziehung zum Autoren aufstellen kann. Über Georg Schweisfurth wusste ich vor meiner Lektüre nichts. Der Familienname Schweisfurth sagte mir etwas, genauso wie die Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Welche Projekte noch alles im Umfeld der Familie Schweisfurth entstanden waren und das Georg Schweisfurth einer der Gründer der Bio-Supermarktkette Basic ist, bei der ich selbst gelegentlich einkaufe, war mir nicht bewusst. Warum habe ich eigentlich zu dem Buch gegriffen? Das lag wohl an dem Titel: „Bewusst anders“ – ein sehr schönes Lebensmotto. Mich hat die Lebensgeschichte von Georg Schweisfurth immer…

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Museumsbesuch – Der Hohenhof in Hagen

Das altmodische Wort Wohnsitz ist für mich der einzige Begriff, der zur Villa Hohenhof in Hagen passt. Der Hohenhof war der Familienwohnsitz des Gründers des Folkwang-Museums Karl Ernst Osthaus und wurde 1906 bis 1908 vom Architekten Henry van de Velde konzipiert und erbaut. Dieses Gesamtkunstwerk des Jugendstils ist bis heute unverändert erhalten geblieben. Sogar die Ausstattung der repräsentativen Räume wie Möbel, Wanddekorationen, Lampen und Stoffe bis hin zu Heizkörperverkleidungen sind unverändert erhalten geblieben! Dies macht das Museum „Villa Hohenhof“, eine Außenstelle des Osthaus-Museums in Hagen, zu etwas ganz besonderem. Auf lichtbild.org findet ihr großartige Fotos, die das Besondere dieses Hauses aufzeigen. Dort erkennt ihr auch, das diese Form des Jugendstils so gar nichts mit floraler Leichtigkeit zu tun hat, wie es zum Beispiel beim Wiener Jugendstil der Fall ist. Hier zeigt sich der Jugendstil von seiner eher sachlichen Seite und weist den Weg zum Bauhaus-Stil. Von der Straßenseite zeigt sich der Hohenhof…

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Blogparade: Die "Neuen" – Aus- und Weiterbildung in der Buchbranche

„Willkommen im vierten Lehrjahr!“ mit diesem Satz habe ich gerne meine Azubis nach bestandener Prüfung begrüßt. Wenn ich mich richtig erinnere, waren die meisten von Ihnen  nur mäßig davon begeistert, hatten sich aber nach drei Lehrjahren in meiner Buchhandlung an meine Vorstellung von Humor gewöhnt. Im November 2012 hätten sie sich mit einem herzlichen „Willkommen im 25. Lehrjahr!“ revanchieren können und ich hätte es geliebt! Meine drei Empfehlungen an Berufsanfänger, die sich hinter dem Satz „Willkommen im vierten Lehrjahr!“ verbergen, lauten: Neugier ist die Grundvoraussetzung für ein abwechslungsreiches und inspirierendes Berufsleben. Aus Neugier habe ich im ersten Monat meiner Buchhandels-Ausbildung begonnen, das Börsenblatt zu lesen. Komplett. Inklusive der Beilage „Aus dem Antiquariat“, die es damals noch gab. Verstanden habe ich erst einmal nichts – lauter Namen, die ich nicht kannte und Probleme, von denen ich noch nie was gehört hatte. So erwarb ich mir eine Grundorientierung; ein Gefühl für Zusammenhänge.…

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Richard Harland – Worldshaker – Rezension

Virtuos, beeindruckend und durch und durch ein Jugendbuch: Richard Harlands „Worldshaker“ Worldshaker ist ein Buch, dem ich wünsche, in den Kanon der Jugendbuch-Klassiker aufgenommen zu werden. Richard Harland erzählt spannend und virtuos und verwebt viele Ebenen, die alle in der Welt und den Erfahrungen Jugendlicher verwurzelt sind. Wer bin ich? Wie will ich leben? Wie funktioniert die Welt?Genau diese Fragen stellt sich der Held Colbert Porpentine erst einmal nicht. Er ist der Enkel des Oberbefehlshabers der Worldshaker und sein Nachfolger. Eines Tages wird Colbert der wichtigste Mann nach Königin Victoria sein. Er wird die Route des Juggernauten bestimmen, auf der dieses riesige Land-Luftschiff-Dampfer-Gefährt die Handelsstützpunkte anfährt und dabei versucht, schneller zu sein als die französische und deutsche Konkurrenz. Er wird dafür sorgen, dass die Dreckigen, die Arbeiter dieser abgeschlossenen Welt, zu Höchstleistungen angetrieben werden. Vor allen Dingen wird er stets loyal sein zum Königspaar, den Großeltern und seiner Familie –…

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