Reisen in Gedanken: Literarisches Lothringen

In den letzten Wochen bin ich in Gedanken durch Lothringen gereist. Ich habe von Städten, wie Plombières les Bains erfahren, in denen ich noch nie war. An Metz, Nancy und Lunéville habe ich neue Seiten entdeckt. Und für Orte, zu denen ich bisher keinen Zugang fand wie Géradmer und Saint Dié des Vosges, habe ich Erklärungen gefunden, warum das so ist. Meist, aber nicht immer, lautet sie: Krieg und Entvölkerung, Zerstörung und Wiederaufbau.Denn über Lothringen zu schreiben bedeutet auch, über deutsch-französische Verhältnisse zu schreiben. Über Vorurteile und Nichtwissen, über Feindschaft und Versöhnung. Doch vor allem schreibt Stefan Woltersdorff über das menschliche Bedürfnis, eine Heimat zu haben, und über die Faszination des Reisens. Dafür lässt er einheimische Schriftsteller*innen beider Sprachen ebenso zu Wort kommen wie Touristen und historische Persönlichkeiten. Er zitiert aus Büchern, Tagebüchern und Zeitschriften. So wurden zahlreiche bekannte und weniger bekannte Autoren und Autorinnen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, gesellschaftlichen…

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Urlaub verändert die Gesellschaft: eine Geschichte des Tourismus

War der erste Pauschaltourist ein Pilger auf der Reise nach Jerusalem? Das ist nicht so abwegig, wie es zunächst klingt. Viele Pilger hatten schon im Mittelalter einen Reiseleiter, einen Schiffskapitän. Er beschaffte ihnen die nötigen, meist teuren Geleitpapiere, kümmerte sich um sichere Herbergen und sorgte dafür, dass seine Reisegruppe ihr Ziel auch fand. Somit sind die mittelalterlichen Pilgerfahrten eine der Wurzeln dessen, was wir heute als Pauschalurlaub bezeichnen. In »TraumZeitReise. Eine Geschichte des Tourismus« benennt Hasso Spode noch weitere solcher Wurzeln. So führte die Naturverherrlichung der Romantiker dazu, dass aus dem lebensfeindlichen Hochgebirge ein Sehnsuchtsort wurde. Und die »Grand Tour« junger Adliger, aus der vielleicht das Wort Tourist entstand, ist die Blaupause für die Reisen des Bildungsbürgertums. All das führte zu Phänomenen wie die Erfindung des Reiseführers oder der Gründung von Fremdenverkehrs- und Wandervereinen. Aus der Entdeckung der Sommerfrische wurde ein Aufschwung der Seebäder, was wiederum das Leben der bürgerlichen…

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Wie ich Chemnitz besucht und die Kulturhauptstadt verpasst habe

Ich war in Chemnitz und es war schön, spannend und inspirierend. Aber die Kulturhauptstadt habe ich nicht gefunden. Vielleicht hatte ich mir etwas anderes vorgestellt – eine Bundesgartenschau für Kunst und Kultur. Vielleicht war auch Ende März einfach zu früh. Das Schmidt-Rottluff Haus war noch nicht fertig, das Fenster zur Erdgeschichte in Winterpause. Im Tietz bauten sie gerade erst die Info-Tafeln auf. Es wird wohl auch noch etwas dauern, bis man erkennt, dass die Öffnungszeiten des Besuchszentrums am Wochenende (Samstag bis 15 Uhr, Montag ab 10 Uhr) problematisch sind. Touristinnen wie mich verpasst man so. Aber solche Besucherinnen müssen sich bei Chemnitz 2025 sowieso entscheiden. Entweder sie gönnen sich ein tolles Wochenende in Chemnitz. Oder sie erkunden die Hauptattraktion, die Skulpturen des Purple Path. Der führt aber so weit ins Umland, dass man viel Reisezeit hätte. Ich habe mich für eine gute Zeit in Chemnitz entschieden und die Kulturhauptstadt ignoriert.…

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Jedem sein Ruhrgebiet: Geschichten von Fördertürmen und Schrankwänden

Anscheinend hat Heinrich Böll einmal etwas über das Ruhrgebiet geschrieben, das für viel Wirbel sorgte. Sein Einleitungstext zum Bildband „Im Ruhrgebiet“, den er zusammen mit dem Fotografen Chargesheimer 1958 veröffentlichte, beginnt mit den Worten: „Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden.“ Was dann folgt, klingt für mich wie der Intellektuelle aus der Großstadt, der die malochende Verwandtschaft besucht und froh ist, wenn er wieder zurück nach Köln darf. Für mich mit meinen Ruhrgebietswurzeln liest sich das amüsant, löst aber nicht mehr als ein Schulterzucken aus. So ganz konnte ich Böll nicht folgen. Wurde das Ruhrgebiet noch nicht entdeckt, weil es ignoriert wurde? Oder weil es sich als Industrielandschaft ständig wandelt? Oder weil man es vor lauter Smog nicht sieht? Oder einfach nur, weil er nie richtig hingeschaut hatte? Um so mehr war ich verblüfft, dass sowohl der Schriftsteller und Philosoph Wolfram Eilenberger in seinem Buch „Das Ruhrgebiet. Versuch einer Liebeserklärung“…

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Maria Borrély – Mistral. Eine Wiederentdeckung.

Natürlich habe ich zu „Mistral“ gegriffen, weil die Provence für mich ein Sehnsuchtsort ist. Wenn ich dort Urlaub mache, zieht es mich nicht an die Küste, sondern ins Hinterland. Dorthin, wo die Gegend rauer und die Naturerlebnisse intensiver sind. Der schmale Roman von Maria Borrély spielt in der Haute-Provence. Ich kann mich an beeindruckende Wanderungen erinnern und an Wege, bei denen wir nicht wussten, ob das der Wanderweg oder ein Ziegenpfad ist. An den Duft von Thymian und Lavendel. An dornige Sträucher und an Schmetterlinge. Abends, bei Baguette, Käse und Rosé, dann die Frage: Wollen wir nicht hierher ziehen? Meine Antwort immer: Dazu müsste ich hier erst einmal als Sommerurlaube erlebt haben – und die Zeit des Mistrals. Jetzt, nach etwa 100 intensiven Seiten, auf denen es kein Wort zu viel oder zu wenig gab, habe ich eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, mit der Natur und dem Wind…

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Bloß nicht verirren und schon gar nicht auf Zeitreisen!

Nehmen wir einmal an, Zeitreisen wären möglich. Der Aufwand für eine Reise wäre zudem vergleichbar mit dem einer heutigen Fernreise. Wahrscheinlich würde sich sehr schnell eine spezialisierte Tourismusbranche entwickeln. Abenteuerreisen, Individualtourismus, Gruppenreisen, Bildungsreisen, einfach-so-Reisen – nur eben in die Vergangenheit. Für solche touristischen Zeitreisen bräuchte es einen objektiven Reiseführer. Kathrin Passig und Aleks Scholz haben ihn bereits geschrieben. Und ich habe ihn jetzt, in der Gegenwart, mit viel Spaß gelesen. Sehen, staunen, entdecken: mach mehr aus deiner Zeitreise! »Handbuch für Zeitreisende. Von den Dinosauriern bis zum Fall der Mauer« funktioniert auf (mindestens) zwei Ebenen. Einmal als vergnügliche Lektüre, die Geschichts-Nerds und Science-Fiction-Fans beim Lesen vor sich hin glucksen und kichern lässt. In allen Details wird erklärt, warum Zeitreisen die eigene Geschichte nicht verändern (parallele Geschichtsstränge) und warum es schwierig ist, den richtigen Landepunkt zu bestimmen, um Steinzeitmenschen zu beobachten (viel Landschaft, wenig Menschen). Sehr praktisch sind auch die Empfehlungen für…

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Museum Wagenschwend: Reise in die Odenwälder Vergangenheit

gerät aus dem alten friseur-salon im museum wagenschwend: eine Trockenhaube

Die Anreise zu den Urlaubsorten meiner Kindheit dauerte keine Stunde. Der Odenwald war das Ziel. In Hammelbach oder Kröckelbach wurde Quartier bezogen. Gewandert wurde auf der Tromm und im Café-Bauer-Tal. Nebenbei haben wir im Sommer Nibelungen-Brunnen gezählt und im Herbst Walnüsse gesammelt. Wer sich etwas gönnen wollte, fuhr bis zum Katzenbuckel, der damals ein touristisches Zentrum war. Das dürfte der Grund sein, warum Touren durch den Odenwald bei mir zuverlässig nostalgische Gefühle auslösen. Mein Besuch im Dorfmuseum in Wagenschwend am Katzenbuckel hat das jetzt noch gesteigert. Kleines Museum, große Wunderkammer Vorneweg: Es gibt einen Audioguide für das Heimatmuseum. Mit ihm kann man die Ausstellung bestimmt systematisch erkunden. Ich habe natürlich die Systematik ignoriert und bin frei durch das Haus gestreunt. Insbesondere der Keller samt Küche war für mich ein Paradies. Hier dürfen die Dinge einfach sein. Manches wie das Lot sieht aus, als läge es schon immer da. Anderes, als…

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Immer schön langsam. Unterwegs in der Stadt.

Stadtwandern. Durch die City, die Vororte, die Parks und die Industriegebiete. Mir eine Stadt erlaufen ist etwas, was ich mir nicht für die Urlaube aufhebe. Auch meine Heimatstadt Mannheim erkunde ich so, wie Barbara Weitzel ihr Berlin. Immer schön langsam. Zu Fuß unterwegs in der Stadt. Das ist etwas anderes, als von A nach B zu laufen oder auf den stets gleichen Wegen die Besorgungen zu erledigen. Spazieren? Flanieren? Ich kenne kein Wort für das, was Barbara Weitzel macht. Sie erläuft sich ihren Alltag genauso wie den Sonntagsspaziergang, den Weg zur Ärztin oder die 10 Minuten Müßiggang, die man sich zwischen den Verpflichtungen gönnt. Immer an ihrer Seite: die Stadt mit all ihren Facetten Da heißt es: Hinschauen und sich den Beobachtungen öffnen. Architektonische Details bewundern und die tristen Stellen akzeptieren. Das Minutenglück genauso umarmen wie die harschen Momente. Die Menschen auch dann mögen, wenn sie unangenehm sind, und sie…

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Französische Bistro-Küche von einfach & lecker bis oh là là!

80 Seiten über Wein, 400 Seiten über Essen. Ich mag die klare Ansage auf dem Buchrücken des Kochbuchs »Bistro, Bistro! 100% französische Küche«. Ein bisschen erinnert das Buch an den Manufactum-Katalog: Es gibt sie noch, die guten Dinge. Das, was früher auf den Speisekarten der Bistros stand. Diese Welt jenseits von Baguette frites und Touristenmenüs. Wir können sie wieder aufleben lassen, wir müssen es nur wollen! Manche Rezepte wirken tatsächlich ein wenig aus der Zeit gefallen: Markknochen mit Austern oder Froschschenkel. Bei anderen frage ich mich, wo ich bitte diese Zutaten herbekommen soll. Schnecken oder Merguez erhalte ich in den zum Glück für mich nicht so weit entfernten Supermärkten im Elsass. Aber Scheidenmuscheln oder Entenmägen? Andere wiederum verblüffen durch ihre Einfachheit. Doch bei fast jedem Rezept denke ich mir: Her damit – das würde ich wirklich gerne essen! Viele der Kochrezepte stammen zudem aus einer Zeit, in der es selbstverständlich…

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Das Mädchen auf dem Motorrad: die Geschichte der Anne-France Dautheville

Motorrad gefahren bin ich nie. Alleine gereist auch nicht. Doch den Wunsch, einfach immer weiter zu fahren, zu laufen, von hier nach woanders – den kenne ich. Große Sehnsucht und Freiheitsliebe, gepaart mit Neugier und ein wenig Abenteuerlust: Das ist es, was der Heldin in »Das Mädchen auf dem Motorrad« die Kraft gibt, loszuziehen. Das Bilderbuch basiert auf einer wahren Geschichte aus den siebziger Jahren. Als erste Frau der Welt umrundete Anne-France Dautheville die Erde auf ihrem Motorrad. Sie reiste alleine und war fast 10 Jahre lang unterwegs. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Afghanistan und Indien. Aber auch in Kanada war eine alleinreisende Frau auf einem Motorrad eine Sensation. »Das Mädchen auf dem Motorrad« ist in einem Verlag für Bilderbücher erschienen. Trotzdem bespreche ich es nicht auf meinem Kinderbuch-Blog, sondern hier, zwischen Romanen und Sachbüchern für Erwachsene. Denn genau wie die Heldin der Geschichte ist auch das Buch…

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Hôtel Provençal. Eine Geschichte der Côte d’Azur

Es war einmal ein prunkvolles Hotel, das über Juan-les-Pins thronte, einem kleinen Ort an der Côte d’Azur, der damals noch kein Seebad und auch kein touristisches Zentrum war. „Hôtel Provençal“ erzählt nicht nur seine Geschichte von der Gründung bis zum Zerfall. Mit seinem facettenreichen Buch schildert Lutz Hachmeister auch, wie die Côte d‘Azur zu dem wurde, was sie heute ist. Doch vor allem berichtet er von den Sehnsüchten und Träumen der Menschen, die es an die Mittelmeerküste zog. Mal ging es darum, freier und selbstbestimmter zu leben. Manchmal auch nur darum, günstiger zu leben, als das zum Beispiel in den USA möglich war. Mal lockten das Licht und das gute Wetter, mal die Freunde, die schon längst dort waren und von der Gegend schwärmten. Dann verflog die Leichtigkeit und es galt, durch Flucht in den Süden das Überleben zu sichern. Nach dem Krieg gab es einen Bau-Boom, an dem die…

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Sänger müssen zweimal sterben

Ob ganz Indien mit seinen Menschenmassen, Rikschas Motorrädern, Tempeln, Affen und was noch alles zur Geräuschkulisse beiträgt, wirklich Musik ist, wie der Klappentext behauptet? Ich wage es zu bezweifeln. Aber dass Indien einen eigenen intensiven Klang hat, bekommt sogar eine Touristin wie ich mit. Peter Pannke hat das Land deutlich intensiver erlebt, als mir das damals in drei Wochen Urlaub gelingen konnte. Er hat lange mit der Sängerfamilie Mallik gelebt, die über 200 Jahre dem Maharadscha von Darbhanga als Hofmusiker gedient hatte. An diese Zeit und an alles, was daraus entstand, erinnert er sich, als er anlässlich einer Beerdigung versucht, in das von schweren Regenfällen überflutete Nordindien zu gelangen. „Sänger müssen zweimal sterben“ ist ein wunderbar intensives Buch. Eines, das gar nicht erst versucht, Indien zu erklären. Stattdessen lässt uns Peter Pannke teilhaben an seinen Erfahrungen und erlaubt uns damit ein sehr direktes, sinnliches Erleben. Entdeckt habe ich das Buch,…

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