Karte der Wildnis

Was ist Wildnis? Für Menschen wie Robert Macfarlane lässt sich diese Frage kaum stellen, ohne den Verlust von Wildnis durch Umweltzerstörung gleich mitzudenken. Er macht sich auf, in seinem Heimatland Großbritannien die letzten wilden Winkel zu erkunden, bevor sie, wie er befürchtet, endgültig verschwunden sind: Gipfel, Moore, Küsten, Inseln, Wälder. Seine Betrachtung der Natur erschien mir manchmal seltsam distanziert. Zuerst dachte ich, dass es daran liegt, dass seine Leitwissenschaft die Geologie ist. Das Benennen von Gesteinsschichten und Erdzeitaltern ist nicht meine Welt, aber ich bin grundsätzlich neugierig auf andere Blickwinkel. Dann dachte ich, dass das Gefühl von Distanz darin begründet ist, dass er so vieles macht, was ich nicht tue: Auf Bäume klettern, im Freien übernachten, querfeldein ohne Karte wandern. Aber auch daran kann es nicht liegen, da ja der Reiz von Büchern gerade darin liegt, Abenteuer mitzuerleben. Was war es dann? Es ist der Blickwinkel des Erzählers selbst. Jede seiner Reisen ist wie Anlauf…

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Clever und Smart – sie werden 60

Clever und Smart - Comic

Zu Clever und Smart hatten wir Schüler damals eine eindeutige Meinung: Top oder Flop. Kult oder geht gar nicht. Dazwischen gab es nichts. Ganz so einfach war es dann doch nicht. Comic lesen war im Gegensatz zu Büchern kein reines Privatvergnügen. Es war immer auch ein Signal nach außen: Schau her, ich teile deinen Humor. Was irgendwas zwischen „ich mag dich“ und „ich gehöre dazu“ bedeutete. Nur Musik hatte eine noch stärkere Signalwirkung. Dazu kam, dass nur die wenigsten von uns sich Clever und Smart Comics gekauft haben. Wir haben sie uns ausgeliehen, was den sozialen Kitt noch weiter verstärkte. Clever und Smart werden 60. Ich werde 50. Wie wohl eine Begegnung heute ausgehen würde? Hallo Gags aus meiner Schulzeit, hallo Clever und Smart! Das Ende vorneweg: ich zupfe ab jetzt Freunde am Ärmel, ob sie sich vorstellen könnten, wieder Clever und Smart zu lesen. Denn ich hatte einen Riesenspaß mit den beiden Agenten, ihren …

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Einfach nur Musik machen: Kurt Cobain. 1967 – 1994.

»I don't have a gun«. Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain. Jugendbuch. Biografie.

Ein Jugendbuch über Kurt Cobain zu schreiben, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Wie soll man für diese sensible Zielgruppe über einen Musiker schreiben, dessen Leben von unglaublich viel Talent, Drogen und alten Wunden geprägt wurde, sehr früh mit einem Selbstmord endete, und der heute noch als Ikone der Rockmusik verehrt wird? Ein solches Unterfangen gleicht einer schwierigen Gratwanderung. Informieren, aber nicht verherrlichen. Empathisch schreiben, aber nicht zur Nachahmung anregen. Kurz: Ich hätte es nicht schreiben wollen. Aber lesen. Vielleicht verstehe ich ja danach die Heldenverehrung, die Kurt Cobain heute noch erfährt? Warum ich kein Fan wurde: Nirvana in heavy Rotation Ich hatte Nirvana relativ spät entdeckt. Gute Musik, eindeutig. Mir erst einmal einen Tick zu eingängig – Mudhoney lagen mir da näher. Doch bevor ich mich entscheiden konnte, ob mir Nirvana nun gefällt oder nicht, liefen sie in heavy Rotation. Auf MTV, im Radio, überall. Wenn in den Clubs die prägnanten Eröffnungsakkorde von »Smells like…

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Thich Nhat Hanh – Mein Leben ist meine Lehre

THICH NHAT HANH Mein Leben ist meine Lehre Autobiographische Geschichten und Weisheiten eines Mönchs

Autobiographische Geschichten von Thich Nhat Hanh verspricht das Buch. Da hatte ich vor allem Spirituelles erwartet und war verblüfft, wie viel Politik das Buch enthält. Daran habe ich gemerkt, dass ich Thich Nhat Hanh erst spät für mich entdeckt hatte. Von seinem Einsatz für Frieden in Vietnam und seiner Arbeit für eine aktiven, die Gesellschaft mitgestalteten Buddhismus wusste ich nichts. Ich kannte ihn eigentlich nur als Achtsamkeitslehrer. Gehmeditation, achtsames Atmen und Kontemplation kommen in dem Buch definitiv nicht zu kurz, denn Achtsamkeit ist die Basis für alles im Leben Thich Nhat Hanhs. Aber für mich gab es so viel mehr zu entdecken! Buddhistische Weisheitsgeschichten Ich mag diese Art zu erzählen sehr: Weisheitsgeschichten, bei denen nicht am Ende fett »Fazit, Moral und das haben Sie, werter Leser, nun zu tun«. Stille Geschichten, die wie ein Samenkorn Zeit brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Bei uns werden solche Bücher gerne als buddhistische Weisheitsgeschichten bezeichnet und ich habe…

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Setzt die Segel und sucht euren Horizont: Mut braucht eine Stimme

Sachbuch: Peter Holzer - Mut braucht eine Stimme

Dieses Buch erschafft sich sein Genre selbst. Mut braucht eine Stimme ist ein persönliches Buch, aber keine Biographie. Für einen Ratgeber kommt es mit erstaunlich wenigen Ratschlägen aus. Solche Genre-Grenzgänger haben es mir ja grundsätzlich angetan – ich mag diese Freigeister unter den Büchern. Drei große Themenfelder bearbeitet der Autor, die er mit Stumm sein – Laut werden – Gehör finden benennt. Im ersten Teil beschreibt er, wie zuviel Input, Aktionismus und unser zu hohes Lebenstempo uns zum Verstummen bringt – und unsere innere Stimme gleich mit. Der zweite Teil bringt die innere Stimme wieder zum Klingen. Wichtigstes Werkzeug ist das Ausrichten der Lebensreise an einem eigenen Werte-Horizont. Im letzten Abschnitt wird beides im eigenen Leben verankert, so dass das Handeln im Einklang mit der inneren Stimme seine Wirkung entfalten kann. Das ist ein sehr sympathisches und tragfähiges Lebenskonzept, dass dazu führt, das Menschen einander wieder wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen können. Ein Lieblingszitat bescherte…

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Der Tanz der Tiefseequalle

Schon lange mehr kein Jugendbuch gelesen und zum Wiedereinsteig gleich einen Volltreffer gelandet! So darf es gerne weitergehen. Aber das nächste Buch muss sich jetzt sehr anstrengend, um Tanz der Tiefseequalle von Stefanie Höfler zu toppen. Schon kleine Details genügen der Autorin, um ihre Protagonisten minimalistisch exakt zu charakterisieren und um ihnen eine authentische Stimme zu verleihen. Hier sitzt jede Geste, jedes mimische Detail, jeder Satzfetzen. Obwohl die Geschichte abwechselnd aus Seras und Nikos Perspektive erzählt wird, fügt sich alles passgenau ineinander. Zudem umschifft Stefanie Höfler zielsicher alle Klischees. Das Thema des Buches ist nicht Mobbing, es ist keine Außenseiter-Geschichte und auch kein Buch gegen Body-Shaming. All das ist Teil des Lebens der Kinder und deswegen Teil der Geschichte. Doch im Mittelpunkt des Romans stehen Menschen, echte Menschen. Die schöne Sera ist keine Außenseiterin, aber auch nicht der Mittelpunkt der Clique. Sie schwimmt mit und verdrängt zuerst erfolgreich, dass sie sich eigentlich im Freundeskreis nicht…

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Schule des Sehens: gebt dem Zufall eine Chance

Sachbuch: Die Schule des Sehens von Peter Jenny

Wie lernt man schreiben? Ein berühmter SF-Schriftsteller* antwortete mal auf die Frage eines Fans: „Schreibe eine Million Wörter und dann komme wieder zu mir.“ Wie lernt man demnach fotografieren? Mit jedem Blogbeitrag lerne ich ein wenig mehr über das Schreiben. Mit jedem Smartphone-Foto ein wenig mehr über das Fotografieren. Veröffentlichen ist dabei Teil des Lernprozesses. Ich mache mein Üben damit sichtbar – und nehme es selbst dadurch ernster. Die Suche nach neuen Themen und Motiven ist ein zweiter wichtiger Ansporn. Nicht ausruhen auf dem, was man schon kann. Weitergehen, Neues wagen. Neue Fotomotive suchen, neue Blog-Themen. Über Bücher schreiben kann ich. Außer, es ist ein Buch aus dem Herrmann Schmidt Verlag. Dann wird es knifflig, denn diese Bücher sind anders als die, die ich 25 Jahre lang in der Buchhandlung angepriesen habe. Die Schule des Sehens – zweite Runde Der 8. Band aus der Reihe Schule des Sehens von Peter Jenny war für mich ein…

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Naturbeobachtung, Wissenschaft und Poesie: Das verborgene Leben des Waldes

Naturbeobachtung: Das verborgene Leben des Waldes von David G. Haskell

In dem Stapel der Bücher, die ich gerade lese, befindet sich immer eines, an dem ich besonders lange lese. Manchmal, weil es anstrengend ist. Oder auch, weil jedes Kapitel erst mal verdaut werden muss. Vielleicht auch deswegen, weil es ein Thema behandelt, das nicht immer passt. Auf Das verborgene Leben des Waldes von David G. Haskell trifft all das nicht zu und doch lese ich schon seit dem letzten Frühsommer darin. Jetzt, im Januar, habe ich immer noch 40 Seiten vor mir. Ich werde sie mir einteilen. Ich habe keine Eile mit dem Buch – ganz im Gegenteil. Es ist mein momentanes Genussbuch. Ich lese es langsam, ein Kapitel am Abend, höchstens zwei. Dann lege ich es wieder weg, genieße, was ich gerade gelesen habe und freue mich auf das nächste Kapitel, dass ich vielleicht in ein paar Tagen lese werde. David G. Haskell hatte auch keine Eile. Ein Jahr lang hat er sich Zeit…

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Lee Hollis: schreiben statt schreien

Lee Hollis, Sänger der Hardcore Bands Spermbands und Steakknife, hat im Ventil Verlag Kurzgeschichten veröffentlicht

Am 1. Oktober 1995 trat Lee Hollis zum ersten Mal als Spoken-Word-Künstler auf – und das gleich im Vorprogramm von Lydia Lunch. Kein schlechter Start, den er so beschreibt: It was the first time I ever spoke to an audience, instead of screaming at one. Daraus könnte man eine Geschichte machen. Macht Lee Hollis aber nicht. Er verwendet dieses Schnipsel einfach nur für den Abspann des Buches. Das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums hat er perfektioniert. Manche seiner Kurzgeschichten sind von vornherein in einem Land weit jenseits der Normalität angesiedelt: brennende Hochhäuser, Horror-Ausflüge mit dem Segelboot, Wahnsinn. Doch am besten gefallen mir die Geschichten, die harmlos und realistisch beginnen und dann urplötzlich kippen, surreal werden. Einige Stories sind autobiographisch verankert, wobei sich der Leser auch hier nie so ganz sicher ist, ob die Geschichte nicht doch an irgendeiner Stelle die Realität verlassen hat. Hat sich das wirklich so zugetragen oder erzählt Lee Hollis gerade…

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Schnelleinstieg Storytelling

Ausschnitt aus dem Buch-Cover: "Storytelling. Geschichten für das Marketing und die PR-Arbeit entwickeln" von Edgar von Cossart

Da ist es auf einmal, das Buch, das ich mir vor zwei Jahren gewünscht hätte. Damals suchte ich einen Einstieg in das Thema Storytelling und fand kein Buch, das mir so richtig meine Fragen beantwortete. Seltsam, oder? Das ich damals nichts fand, lag an meinem etwas undefinierbaren Standort als Leserin. Wie immer befand ich mich zwischen allen Stühlen und war mit meiner Position im Zielgruppen-Denken der Verlage so nicht vorgesehen. Ich interessiere mich für Storytelling, In den meisten Büchern, die ich damals fand, ging es um Storytelling in der Markenkommunikation oder in der Werbung. Beides passt für mich nicht – genauso wenig wie die kommunikationswissenschaftlichen Bücher, die als Lehrbücher für die Uni gedacht sind. Edgar von Cossart hat jetzt mit seiner kurzen, knappen Einführung in die Grundlagen und Regeln des Storytellings das für mich passende Buch geschrieben. Dabei schreibt er eigentlich über ein für mich völlig unpassendes Thema: Storytelling im Film, was nun mal so…

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Leichte Sprache, einfache Sprache, Online-Sprache

Buchcover: Ratgeber Leichte Sprache aus dem Duden Verlag

„Du verbindest hier mit einem ‚und‘ – schau doch mal, ob Du zwei Sätze daraus machen kannst.“ Dieser Schreibtipp war für mich der Auslöser, mich mit Leichter Sprache zu beschäftigen.* Doch solche Vereinfachungen, die die Lesbarkeit von Online-Texten deutlich erhöhen, sind eigentlich gar nicht das Thema bei Leichter Sprache. Hier geht es um Inklusion von Menschen mit Sprachverständnis-Schwierigkeiten und um Barriere-Freiheit. Was bringt es mir also für meine Arbeit als Online-Texterin und für mein Hobby Bloggen, mich mit Leichter Sprache zu befassen? Eine Menge. Beginnen wir am Anfang, mit der Definition. Was ist Leichte Sprache? Ein schönes Beispiel findet Ihr auf der Webseite Hurraki, dem Wörterbuch für Leichte Sprache: Hurraki ist ein Wörterbuch für Leichte Sprache Viele Menschen reden umständlich. Nicht jeder versteht das. Die Wörter bei Hurraki soll jeder verstehen können. Niemand soll ausgegrenzt werden. Quelle: https://hurraki.de/wiki/Hauptseite Genau so funktioniert Leichte Sprache: kurze Sätze, eine Information pro Satz, allgemein bekannte Wörter. Dabei folgt die Sprache einem…

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Rauhnächte. Träumen, sich besinnen, räuchern.

Rauhnächte. Buch Cover

Ja ist denn schon wieder Weihnachten? Nein, natürlich nicht. Bis zur Wintersonnenwende und den Rauhnächten gehen noch ein paar Wochen ins Land. Es ist gerade mal Herbst. Doch mit den Herbst kommt die Stille. Mein Blick auf die Welt ändert sich. Ich werde ruhiger und nachdenklicher. Fragen, die zum Jahreswechsel passen, kommen jetzt schon auf und ich habe tatsächlich jetzt schon das kleine Buch Rauhnächte von Gerhard Merz gelesen. Eigentlich wollte ich ja nur kurz reinlesen. Prüfen, ob es für mich passt, ob das mein Begleiter für dieses Jahr sein könnte. Es passt. Und wie – ich habe die 127 Seiten dann mal gleich ganz gelesen. Jetzt schon, im Oktober – und ich freue mich darauf, das Buch zur Wintersonnenwende wieder zu lesen. Es war die Art, wie Gerhard Merz über Odins wilde Jagd und die alten Mythen erzählt. Das hat mich gepackt, daran bin ich hängengeblieben. Er hat die alten Sagen gelesen und gibt…

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