Für immer in Pop

Martin Büsser habe ich spät entdeckt – dafür dann um so heftiger lieben gelernt. Der Plan steht: ich will alles von ihm lesen. Wenn ich allerdings jedes Buch so genüsslich zelebriere und mir während des Lesens alle seine Musiktipps anhöre – dann wird das noch Jahre dauern! Martin Büsser hat sich durch die Musikgeschichte abseits des Mainstreams geschrieben. Leidenschaftlich empfahl er Bands, die es nie ins Radio schafften. Er stellte Zusammenhänge her, analysierte musikalische Strömungen, Moden und Jugendbewegungen. Was er aber vielen Nerds voraus hatte: er hat stets so geschrieben, dass seine Begeisterung begreifbar wird. Auch ohne Vorkenntnisse kann man ihm nicht nur folgen, man liest auch all seine Texte mit Spaß und Erkenntnisgewinn. Selten war das Angebot an undogmatischer, nonkonformer Musik so groß wie in den letzten Jahren. … die derzeit spannendste Musik ist zwar jederzeit verfügbar, obwohl kein Radiosender die mehr spielt und obwohl kein Musikmagazin mehr über…

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50 Tage in Brooklyn

Stephanie Hanel: 50 Tage in Brooklyn. Im Hintergrund das erste Buch: 100 Tage hier & 100 Tage dort

Was folgt nach dem großen Tag, der so viel im Leben verändert? Stephanie Hanel ist diese Frage in ihrem ersten Buch schon klug angegangen. Der große Tag ist der Umzug der Familie von Deutschland nach New York. Doch in 100 Tage hier & 100 Tage dort liegt dieser Tag in der Mitte der Erzählung. So kann der Leser viel besser in den Tagebuch-Einträgen verfolgen, welche Veränderungen Abschied nehmen und ankommen im Leben der Familie bewirken. Doch was kommt dann? Ich habe mich sehr gefreut, dass sie uns jetzt mit 50 Tage in Brooklyn an den weiteren Entwicklungen teilnehmen lässt. Was auf das Ankommen im neuen Land folgt? Auf den großen Schritt über den Teich folgen viele kleine. Ein Sich-im-Alltag-zurechtfinden. Und manchmal ein Gefühl von weder hier noch dort. Eben all das, was mir in den eher euphorischen Erzählungen von Freunden, die eine Weile im Ausland gelebt haben, gefehlt hat. In…

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Bauhaus-Frauen. So viel Talent, so viele Hindernisse.

Was könnte ich im Bauhaus-Jubiläumsjahr noch über ein Buch wie Bauhaus-Frauen von Ulrike Müller schreiben, was ihr nicht längst schon irgendwo gelesen habt? Ich konzentriere mich daher erst einmal auf das Wesentliche: Das Buch ist gut und ersetzt einen ganzen Stapel an Lektüre. Biographien, Kunstgeschichte, Feminismus – alles drin auf moderaten 160 Seiten. Das Bauhaus war für mich lange eher ein Kuriosum. Was soll an weißen Würfelhäusern besonderes sein? Meine Einschätzung änderte sich, als ich zum ersten Mal in einem der Meisterhäuser in Dessau stand. Dieses Licht! Der Blick nach draußen! Die nächste Annäherung an das Phänomen Bauhaus erfolgte über die Kinderbücher aus dem Seemann Henschel Verlag – die Bauhaus Stadt aus der Reihe habe ich auf meinem Kinderbuchblog vorgestellt. Die Kinderbücher machten es mir einfach, das Bauhaus zu verstehen, weil sie sehr klar das Wesentliche und die innovative Leistung herausarbeiten. Den dritten Zugang fand ich über die Biografien. Über…

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Die Aliens sind unschuldig. Das Chaos steckt in uns.

LAGUNE von Nnedi Okorafor. Science Fiction.

Horizonterweiterung. Meine Sachbücher suche ich schon lange danach aus, was sie Neues in mein Leben bringen können. Meine Romane hingegen schon länger nicht mehr. Sie sind eher Fluchtlektüre. Ein Science Fiction mit einem wunderschönen Cover, einer starken Heldin und afrikanischem Hintergrund klang wie eine perfekte Fluchtlektüre. Es kam anders. Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Diese Protagonisten verhalten sich nicht so, wie ich es gewohnt bin. Wir befinden uns in Lagos, Nigeria. Das Leben hier funktioniert anders als alles, was ich kenne. Die Tatsache, dass Aliens im Meer vor der Stadt gelandet sind und bleiben möchten, macht es nicht einfacher. Seite für Seite bekomme ich ein Gefühl dafür, wie sich Eurozentrismus für Nicht-Europäer anfühlen muss: diese Erzählung gehorcht Regeln, mit denen ich nicht aufgewachsen bin. Der Rhythmus der Story ist ein anderer. Ungewohnt. Den Begriff exotisch verbiete ich mir bei einem Roman, in dem die Aliens normaler wirken als wir…

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Art Nouveau, Secession und Stile Modernista: Schnellkurs Jugendstil

Dumont Schnellkurs Jugendstil - Buch Cover.

Jugendstil fasziniert mich. Aber würde ich so wohnen und leben wollen? Nachdem ich mir in Brüssel, Nancy und Hagen Museen angeschaut habe, die komplette Jugendstil-Inneneinrichtungen ausstellen, lautet die Antwort Nein. Zu sehr hätte ich Angst, die filigranen Vasen und Lampen herunterzuwerfen und zu sehr würde mich die Wohnung als Gesamtkunstwerk in meiner eigenen Kreativität einschränken. Was bewegt Menschen, ihr ganzes Leben einem ästhetischen Prinzip unterzuordnen? Das würde ich gerne verstehen. Deswegen habe ich begonnen, mich einzulesen. Der Schnellkurs Jugendstil aus dem Dumont Verlag ist dafür ein wirklich guter Einstieg. Von der Arts-and-Crafts-Bewegung zum Jugendstil Auf rund 190 Seiten wird aufgezeigt, wie sich der Jugendstil ausgehend von der Arts and Crafts Bewegung in England über ganz Europa verbreitet hat. Es werden die wichtigsten Künstler, Architekten und Designer mit ihren bekanntesten Werken vorgestellt und erklärt, welche besonderen, lokalen Ausprägungen der Jugendstil in den einzelnen Ländern entwickelte. Was ich mir als Nächstes anschauen…

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Drachen, Daoismus und die Sache mit dem Feminismus: Erdsee

Vorkenntnisse können den Einstieg in ein Buch erschweren. Über Erdsee von Ursula Le Guin hatte ich im Vorfeld viel gelesen. Philosophisch und feministisch sollte der Fantasy-Zyklus sein. Ich war gespannt. Die Philosophie fand ich sofort. Den Daoismus habe ich erst später darin erkannt. Den Feminismus hingegen sah ich erst mal nicht. Wie auch, wenn im ersten Band »Der Magier der Erdsee« quasi keine Frauen vorkommen? Eine Fantasy-Geschichte, die sich in Ruhe entwickeln darf Gestört hat mich das nicht, denn der Erdsee-Zyklus ist Fantasy nach meinem Geschmack. Eine Geschichte, die sich entwickeln darf. Helden, die eine Wandlung durchmachen. Eine klug ausgedachte Welt. Kämpfe nur dann, wenn sie für die Handlung nötig sind. Drachen. Spannung, Überraschungen und interessante Charaktere. Aber die Geschichte beginnt in einer reinen Männerwelt. Erst im zweiten Band erscheinen Frauen. Doch ihre Welt ist eher noch restriktiver als die Gesellschaft der Magier. Erst das Aufeinanderprallen von Ged, dem Magier,…

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Der Wäschekorb, die Treppe und ich. Mehr Bewegung im Alltag.

Wäsche aufhängen - eine gute Möglichkeit, mehr Bewegung in den Alltag zu bringen!

10.000 Schritte! schallt es mir entgegen. Pilates! ertönt es aus der anderen Richtung. Krafttraining! Mein innerer Schweinehund packt bei solchen Rufen die Ohrenstöpsel aus und stellt sich quer. Doch heimlich still und leise, ohne dass der Schweinehund anschlägt, habe ich einen anderen Weg gefunden, mehr Bewegung in meinen Alltag zu bringen. Dafür habe ich mich von zwei gut gemeinten Ratschlägen aus meiner Kindheit verabschiedet: Planung ist die halbe Arbeit und Hampel nicht rum. Planung ist die halbe Arbeit – aber leider auch die halbe Bewegung Von meiner Mutter und meiner Oma habe ich gelernt, Handgriffe bei der Hausarbeit überlegt anzugehen. Geschirr, dass ich täglich brauche, befindet sich in Griffhöhe und nicht im untersten Schrankfach. Planvolles Vorgehen minimiert die Hausarbeit. Doch viele der Ratschläge stammen aus einer Zeit, in der Hausarbeit wirklich anstrengend war. Heute, in einem Haushalt wie meinem, ist das anders. Gerade die Hausarbeit bietet in einem bewegungsarmen Alltag…

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Vertage nicht dein Glück – Lebenskunst nach Eva Wlodarek

Es gibt Autorinnen, bei denen ich das Gefühl habe, dass mich ihre Ratgeber schon immer begleiten. Barbara Rias-Bucher ist eine von ihnen – darüber habe ich auf meinem Blog schon mal geschrieben. Mit Eva Wlodarek verhält es sich ähnlich. Ihren Stil mochte ich von Anfang an: kompetent, einfühlsam, motivierend, lebensklug und im positiven Sinne unaufgeregt. Damit war sie für mich schon immer ein angenehmes Gegenwicht zu den Chakka-du-schaffst-es-Büchern amerikanischer Prägung, die mir meist zu laut, zu grell und sehr häufig zu banal waren. Aber wie das so ist mit Ratgebern: irgendwann meint man, sich jetzt genug Werkzeug zur Lebensbewältigung angelesen zu haben. So haben sich Eva Wlodarek und ich aus den Augen verloren – wovon sie natürlich nichts weiß. Als ich jetzt auf ihr neues Buch Vertage nicht dein Glück, ändere dein Leben stieß, war mein erster Gedanke: ach, die schreibt noch? Die Aussage, dass der neue Ratgeber „Die Essenz aus dreißig Jahren Praxis als…

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2018 war gut zu meinen Ohren

Was habe ich 2018 gehört? Auf Platz 1 meiner Hitliste hat mir Spotify Emma Ruth Rundle mit Marked for Death gesetzt. Damit kann ich gut leben, denn 2018 war für mich ein Jahr der Frauen und Emma Ruth Rundle in Karlsruhe als Vorprogramm von Chelsea Wolfe gehört zu den bemerkenswertesten Auftritten in 2018. Trotzdem entspricht mein Blick auf das vergangene Jahr absolut nicht dem, was mir der Spotify-Algorithmus erzählt. Guter Grund, nach 2015 und 2016 wieder einen Jahresrückblick zu schreiben: welche Bands habe ich entdeckt und wie? Wann höre ich Musik und warum? Und welche Bücher über Musik habe ich gelesen? Frauen finden – so geht es So viele für mich neue Künstlerinnen habe ich schon lange nicht mehr aufgespürt. Genau wie bei Büchern gilt: neu ist es, wenn ich es neu entdecke – es gibt auch Altmeisterinnen, die ich dieses Jahr zum ersten Mal gehört. Damit ist meine größte…

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100 Tage hier & 100 Tage dort

Zu den Büchern, die mich in 2018 besonders berührt haben, gehört zweifellos 100 Tage hier & 100 Tage dort von Stephanie Hanel. Das liegt zum einen an dem Weg, auf dem mich das Buch erreicht hat: Als Geschenk in einer Lebensphase, deren Stimmung die Schenkerin von außen viel deutlicher erkannt hat als ich, die mittendrin war. Dafür möchte ich mich hier auf diesem Wege noch mal bedanken! Zum anderen ist es die Geschichte und ihre Ehrlichkeit, die mich berührt. Worum geht es? Eine Familie samt schulpflichtiger Tochter und großem Hund zieht nach New York und wir nehmen daran teil. Die Autorin lässt uns Mäuschen spielen, in dem sie in Tagebucheinträgen von den letzten 100 Tagen in Deutschland und den ersten 100 Tagen in Brooklyn erzählt. Ganz ehrlich und transparent schreibt sie über alles, was eine solche Lebensveränderung mit sich bringt: von der Vorfreude, der bangen Neugier, der Begeisterung, den Zweifeln,…

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Wolfsmedizin – eine Reise mit Wolf Dieter Storl in die Mongolei

Wolfsmedizin: Wolf Dieter Storl bereist die Mongolei und Sibirien und besucht Schamanen, Heiler und Wölfe.

Natürlich habe ich das neue Buch von Wolf Dieter Storl gelesen. Lieblingsautor in einem Lieblingsverlag. Was soll da schon schief gehen? Nichts. Es ist ein Storl, es ist ein wunderschön und wohl überlegt gestaltetes Buch. Und doch ist diesmal einiges anders. Der Ton hat sich geändert. Vielleicht sogar der Blick des Autors auf die Welt. Oder liegt es nur daran, dass er diesmal mit einer Reisegruppe unterwegs war? Auf jeden Fall gibt es Zwischentöne, die ich früher nicht herauslesen konnte. Er, der meinungsstarke Autor, schenkt anderen Ansichten Raum. Gleichzeitig reflektiert er sich selbst mehr und gibt auch schon mal zu, dass er nicht der pflegeleichteste Reisegefährte ist. Gewohnt begeistert erzählt er, wie toll es ist, barfuss durch die Steppe zu laufen, nur um ein Kapitel weiter zu erwähnen, dass er sich dabei verletzt hat. Mehrere Absätze widmet er unterschiedlichen Löwenzahnarten und erklärt kurz darauf, dass die mongolischen Heiler diese Unterscheidungen…

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Das kunstseidene Mädchen.

Das kunstseidene Mädchen Irmgard Keun Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagaus, tagein lange Briefe tippen, sondern ein Star werden. Sie will hinaus in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties.

Nach einer wirklich sehr langen Sachbuch-Phase ist in diesem Jahr die Lust auf Romane zurückgekehrt. Doch während ich bei Sachbüchern eine Vorliebe für neue Themen habe, greife ich bei Romanen derzeit lieber zu Büchern, die sich schon längst bewährt haben. So wie Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen, das ich gerade mit viel Vergnügen zu Ende gelesen habe. Es ist die Sprache, die den Roman auch heute noch zu einem Genuss macht. … ein Nasenflügelbeben wie ein belgisches Riesenkaninchen beim Kohlfressen Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen Leicht schnodderig, nicht immer grammatikalisch korrekt, doch dafür sehr nah an der gesprochenen Sprache und dem persönlichen Erleben. So wirkt das Buch von 1932 auch heute noch vor allem eines: frisch. Was lese ich als nächstes? Und warum? Für mich ist es interessant zu beobachten, wie ich meine Lektüre auswähle. Während ich mich auf meinem Kinderbuch-Blog treiben lasse und zu Büchern begreife, die mir…

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