Tad Williams – Die dunklen Gassen des Himmels – Rezension

Und diesmal ist alles ganz anders „Die dunklen Gassen des Himmels“ von Tad Williams Hoppla, das kam wirklich unerwartet. Eine so explizite Sex-Szene gab es bisher bei Tad Williams noch nie. Respekt, sie ist ihm wirklich gut gelungen. Überhaupt ist diesmal alles anders, aber nicht zu sehr. Klassische Fantasy ist das nicht. Keine Drachen, keine verfeindeten Königreiche, aber immerhin eine Himmels-Burg. So ganz verlässt der Autor die Pfade, auf denen er sich so gut auskennt, nicht. Er hat sich mit „Bobby Dollar Band 1: Die dunklen Gassen des Himmels“ nur fast neu erfunden, so dass auch die alten Fans beherzt zum neuen Buch greifen können. Mit solider Handwerkskunst verbindet Tad Williams Action, Anwalts-Thriller und Mystery mit dem ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Doch dieser Kampf ist diesmal nur Kulisse für das viel größere Thema: Was ist Gerechtigkeit? Teuflische und himmlische Anwälte kämpfen in Gerichtsverhandlungen um die Seele der Verstorbenen mit allen Tricks und Formalien,…

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Christian Stöcker – Nerd Attack – Rezension

Hach, damals … Der C64, die Floppy Disk und die weite, freie Welt des Internet Ganz harmlos mit sentimentalen Erinnerungen beginnt das Buch „Nerd Attack – Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook“ von Christian Stöcker. Es endet weit weniger harmlos kurz vor PRISM bei den Themen „Internet der Konzerne“ und „Was bedeutet Freiheit im Internet“. Erstaunlich, wie aktuell und lesenswert dieses 2011 erschienene Sachbuch immer noch ist! Bei einem Buch über Computertechnik hätte ich eigentlich erwartet, das es mit Erscheinen bereits veraltet ist. Aber „Nerd Attack“ ist eben kein Fachbuch über die Entwicklung des Heim-Computers. Der Autor nutzt die Jugenderinnerungen an den C64 und die frühen Computerspiele als emotionalen Einstieg in sein eigentliches Thema: wie ticken die Menschen, die das Internet technisch und inhaltlich zu dem gemacht haben, was es heute ist? Welche moralischen Werte und welche Geisteshaltung vertreten sie? So wird klarer, warum Onliner und Offliner so häufig komplett aneinander…

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Museumsbesuch – Citânia de Briteiros – Portugal

Museum Citania Briteiros

800 v. Christus war Citânia de Briteiros eine große keltische Siedlung. Heute ist Citânia de Briteiros ein Museum, das gutes und festes Schuhwerk erfordert. Fast 200 Häuserfundamente der keltiberischen Siedlung wurden mittlerweile ausgegraben. Häuserfundamente, Wasserrinnen, Verbindungsstraßen – also Steine, Steine und nochmals Steine. Diese gilt es zu erkunden, zu erlaufen, zu erklettern. Nur so kann man den Reiz des Ortes erfahren. Der Begriff Häuserfundamente passt nicht wirklich. Grundstücksgrenzen wäre wohl treffender. Jede Familie hatte einen abgegrenzten Bereich, den sie je nach Bedarf bebaute. Wenn man annimmt, das eine Familie aus mindestens 8 Mitgliedern besteht, wohnten in Citânia de Briteiros um die 1600 Personen. Wahrscheinlich waren es mehr. Wie das Leben dort wohl ausgesehen haben mag? Auf einmal sah ich nicht nur Steine, sondern eine kleine Stadt und kletterte fasziniert weiter. Das Museum und ich, wir laden Euch jetzt zu einer virtuellen Rundtour durch Citânia de Briteiros ein. Den Spaß des Kletterns habt ihr so nicht – aber…

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Philip Ardagh – Familie Grunz – Rezension

Kinderbuch Familie Grunz hat Ärger Band 1

„Wenn Du so schlau werden willst wie Vati, denk nicht so viel!” Familie Grunz hat Ärger und wir haben den Spaß Schubladen vereinfachen das Leben. Nicht schön, aber wahr. Aber in welche Schublade würde dieses Kinderbuch passen? Kurze Antwort: das ist nicht so einfach. Vielleicht trägt die passende Schublade für das Buch „Familie Grunz“ die Beschriftung „Olchis auf Speed“. Das mag zwar passend sein, aber eine Vereinfachung ist das nicht. Was könnte noch passen? Ich stelle mir folgende Lesesituation vor: Ein Vater mit einem dibbel-schisserischen Vorgesetzten. Voll mit Bürofrust. Sein Sohn. Seinem Englisch-Lehrer ist die Handschrift wichtiger als der kreative Umgang mit dem Vokabular. Beide sitzen in einer Wohnung ohne Gardinen in einem Haus voller Nachbarn, denen die Kehrwoche heilig ist. Sie lesen. Gemeinsam (man wird ja noch träumen dürfen …) Und lachen, lachen, lachen – bis das Lachen in glucksendes Grunzen übergeht. Ich versuche es jetzt noch einmal mit einer Schublade für „Familie Grunz…

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Kai Franz – Surya Namaskar. Den Sonnengruß mit Mantren üben

Yoga zu Hause üben ist ganz einfach: Matte ausrollen und loslegen. Yoga zu Hause üben ist ganz schwer: Ach, 4 Runden Sonnengruß reichen doch zum Aufwärmen und die Dreieckshaltungen zwicken immer so, die lasse ich heute mal weg. Und schon dauert die Home-Yoga-Stunde nicht 90 Minuten wie in der Gruppe, sondern nur 50 Minuten. Die wichtigste Asana – immer wieder gerne geübt –  ist dann auf einmal der „Schweinehund, die Kekse suchend“. So konnte es nicht weitergehen – ein Hilfsmittel musste her: „Surya Namaskar – 12 Mantren für den Sonnengruß“. CD von Kai Franz, erschienen bei Silenzio. Mit Mantren besser im Flow bleiben: so gelingt der Sonnengruß Yoga-Übungs-CDs gibt es viele, aber bei der CD von Kai Franz werden die einzelnen Körperhaltungen nicht angesagt, sondern die dazu passenden Mantren gesungen. Technische Ansagen per CD beim Yoga finde ich immer etwas irritierend; meist fällt es mir dann schwerer, mich zu konzentrieren. Außerdem brauche ich keine Anleitung; ich…

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Thomas Grüter – Magisches Denken – Rezension

Eines gleich vorneweg: Ich habe das Buch „Magisches Denken – Wie es entsteht und wie es uns beeinflusst“ mit großem Interesse und viel Freude gelesen, weil der Autor und ich einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt haben. Thomas Grüter hat eine Mission, die er gründlich und gewissenhaft verfolgt: „Auf Dauer werden das magische Denken und die Unvernunft nachlassen müssen, wenn Menschen überleben wollen.“ (S. 286) Die Rettung der Menschheit betrifft auch mich und ich möchte dann doch gerne wissen, warum ich gerettet werden muss und wie das geschehen soll. Was bedeutet Magisches Denken? Die Kennzeichen magischen Denkens leitet er sehr schön ab. Dazu gehören zum Beispiel die Beeinflussung der Außenwelt durch Worte, Rituale oder Gedanken; der Glaube, das die Zukunft vorhersehbar ist und eine Verbindung zwischen Symbol und Wirklichkeit. (S. 32) In den anschließenden Kapiteln sucht er eine psychologische und/oder neurobiologische Erläuterung für das magische Denken. Unser Gehirn sucht ständig nach Erklärungen und Verbindungen…

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Grooveblog – Prince – Diamonds & Pearls Tour 1992

1992 hatten wir, die Buchhändlerin und der Buchhändler alias Grooveblog, etwas zu feiern. Was? Das wird hier nicht verraten.  Aber das wie … Prince – Diamonds & Pearls Tour 1. Juli 1992 Stuttgart Schleyerhalle Ich vermute, dass die Hälfte des Publikums so wie ich nicht so ganz wusste, was auf uns zukommen würde. Die andere Hälfte fühlte sich gleich zu Hause: Angehörige der US-Armee, die fest mit einer Party dieser Größenordnung gerechnet hatten. Natürlich kannte ich die Videos und rechnete daher mit einem bombastischen Bühnenbild und viel Choreographie im Sinne von Tanzeinlagen, wenn nicht gerade gesungen wird. Das war zu klein gedacht. Ich erinnere mich an ein rauschendes Fest, ich erinnere mich an viel lila-farbenes Licht, ich erinnere mich, den ganzen Abend getanzt zu haben … und ich weiß, das „Purple Rain“ liveso verdammt großartig ist, wie ich es mir erträumt hatte. Das Live-Video „Erotic City Housequake“ vermittelt einen guten Eindruck von dem, was dann wirklich…

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Ben Aaronovitch – Ein Wispern unter Baker Street – Rezension

Die Kult-Serie von Ben Aaronovitch. Diesmal kann ich sagen:  Ich war von Anfang an dabei. Bis ich Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romane* entdeckte, waren schon die ersten Bücher auf Deutsch bei Heyne erschienen. Ich kann mich also nicht als Discworld-Fan der ersten Stunde bezeichnen. Mein Fan-Karma verbesserte ich dann dadurch, das ich alles, was noch nicht übersetzt war, auf Englisch las und so ziemlich jedem die Scheibenwelt-Romane empfahl. Bei Jasper Ffordes Thursday-Next-Serie entwickelte sich mein Fan-Karma auch nicht optimal – ich setzte zwischendurch aus. Warum ist mir bis heute ein Rätsel**, bietet doch die Serie mit ihrem schrägen Humor, ihrem Unwahrscheinlichkeits-Drive und ihren literarischen Anspielungen alles, was mein Serien-Junkie-Herz begehrt. Diesmal, bei Ben Aaronovitchs Urban-Fantasy-Serie, kann ich sagen, dass ich von Anfang an dabei war. Schon der erste Band „Die Flüsse von London“ begeisterte mich trotz kleinerer Mängel in der Konstruktion. Wie erwartet wurden die fehlenden Erklärungen im zweiten Band „Schwarzer Mond über Soho“ nachgeliefert, der außerdem noch mit ein…

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Remo Rittiner – Das große Yoga-Therapiebuch – Rezension

  Ich habe Nacken. Wahrscheinlich hat sich die Maus hat sich gerächt. Ich hatte sie wohl zu viel durch die Gegend geschubst. Auf jeden Fall war mein Nacken schon mal beweglicher. Auch die Schulter hat sich schon mal besser angefühlt. Es gab auch Zeiten, in denen ich deutlich weniger Kopfschmerzen hatte. So kann das nicht bleiben. Höchste Zeit für ein paar wohltuende Yoga-Übungen – höchste Zeit, ein ganz bestimmtes Yoga-Buch wieder aus dem Regal zu holen! Meine Hausapotheke für Notfälle: „Das große Yoga-Therapiebuch“ von Remo Rittiner Dieses Buch hilft. Das liegt nicht daran, dass ich Buchhändlerin bin und daher an die Heilwirkung von Büchern glaube. Remo Rittiner hat für alles, was zwickt und zwackt, Übungsreihen entwickelt: Nacken, Schulter, Hüfte, Knie … Diese Übungen sind einfach, ganz einfach. Das glaubt man zumindest nach dem ersten Durchlesen. Besondere Beweglichkeit oder gar Akrobatik-Grundkenntnisse sind nicht notwendig. Das sieht alles so einfach aus und ist so gut und gründlich…

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Andreas Séché – Zeit der Zikaden – Rezension

Wir müssen über den Schluss reden. Wirklich! „Zeit der Zikaden“ von Andreas Séché hat einen einzigartigen Schluss. Ein Paukenschlag voll leiser Töne.  Eine solche Formulierung ist unmöglich und genau so endet der Roman. Unmöglich großartig. Mein Leserinnen-Herz fieberte mit dem Helden mit und meine Lese-Erfahrung beruhigte mich, das Andreas Séché seinen Selim schon nicht vereinsamt sterben lassen wird. Doch die Wendung, die die Geschichte nimmt, übertrifft alle meine Lese-Erwartungen und lässt mich verblüfft zurück. Dann müssen wir noch über Musik reden. Zumindestens meint der Verlag das und erweckt den Anschein, als wäre „Zeit der Zikaden“ ein Buch über klassische Musik. Das ist nicht falsch, aber zu kurz gegriffen. Es geht darum, wie Kunst Emotionen wecken kann und welche Kraft Menschen daraus schöpfen können. Das kann klassische Musik, aber auch die Poesie und die Architektur können das. Auch diese Künste spielen in dem Buch eine wichtige Rolle und deswegen gefällt mir diese marketing-technische Verengung auf Geige und…

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Christian Rätsch – Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen – Rezension

Wie schmeckt eigentlich gegrillter Papagei? Die Frage geht mir seit der Lektüre von Christian Rätschs Autobiographie „Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen“ nicht mehr aus dem Kopf. Bevor sich jetzt wütende Veganer auf mich stürzen, möchte ich betonen, dass ich nicht vorhabe, den Papagei in der Nachbarschaft mit Pfeil und Bogen zu erschießen, um ihn am offenen Feuer zu grillen. In „Vom Forscher, der auszog, das Zaubern zu lernen“ beschreibt Christian Rätsch, wie er mit den Lakandonen, bei denen er ein Jahr lebt, auf Papageienjagd geht. Die Aufregung der Jagd und seine Vorfreude auf das leckere Papageienfleisch sind greifbar, regelrecht spürbar. All das Fremde des Lebens mit einem Maya-Volk wurde für mich in dieser Passage in einem magischen Lesemoment zusammengefasst. Die zweite Schlüsselszene verbindet für mich die fast nicht mehr greifbare europäische magische Tradition mit der, zumindestens damals noch, lebendigen, magischen Maya-Tradition.Ein Lakandone, der sich den Fuß verknackst hat, fragt Rätsch, ob er…

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Andreas Séché – Zwitschernde Fische – Rezension

Doch bevor ich erzähle, wie es dazu kam, erzähle ich etwas über das Buch „Zwitschernde Fische“ von Andreas Séché – denn das finde ich wichtiger als mein ganz persönliches Leseverhalten. Ehrlich. Für mich ist „Zwitschernde Fische“ vor allen Dingen eine Liebesgeschichte – die Liebe zu den Büchern, zur Literatur, zu den Märchen, zu Buchhandlungen und natürlich die Liebe des Helden zu Lio, der geheimnisvollen Buchhändlerin. Dann ist „Zwitschernde Fische“ eine Abenteuergeschichte. Wie könnte es anders sein, wenn Sir Arthur Conan Doyle und die griechischen Götter eine wichtige Rolle spielen. Dazu ist „Zwitschernde Fische“ auch noch ein charmantes, wohltuendes, intelligentes Büchlein voller schöner Sätze. So wie dieser Satz hier: Zwar darf man, wenn man ein Buch kauft, deshalb auch nicht gleich die Liebe der Buchhändlerin erwarten. Wenn man sich aber in eine Buchhändlerin verliebt, bekommt man, wenn alles gut geht, auch die Bücher dazu. Und warum hat „Zwitschernde Fische“ mein Leseverhalten verändert? Dieses Buch kam auf einem ganz eigenen Weg zu mir. Ich hatte in dem Moment die Wahl zwischen 3…

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