Steampunk satt: Die Abenteuer von Sarah Goldberg und Archibald Leach

Ab und an muss es einfach eine fette Ladung Steampunk sein. »Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte » von Markus Cremer hat alles, um diesen Lesehunger zu stillen. Aberwitzige Erfindungen, Magie und Okkultismus. Ein genial-verrücktes Ermittler-Pärchen, ein schurkischer Bösewicht, Geheimgesellschaften und eine eigensinnige Königin Viktoria als Nebenfigur. Einen kritischen Blick auf die viktorianische Gesellschaft, den Kolonialismus und die Sklaverei. Ein grandioses Finale, auf das James Bond garantiert neidisch wäre. Dazu jede Menge Anspielungen auf Literatur und Film, von denen ich sicherlich nur einen Bruchteil entschlüsselt habe. In fast jedem der meist kurzen Kapitel knallt und raucht es. Das erzeugt eine atemlose Atmosphäre. Dabei ist der episoden-artige Eindruck gar nicht gerechtfertigt, den Archibald Leach und Sarah Goldberg entwickeln sich stärker weiter, als ich anfangs erwartet habe. Gerade die Entwicklung der Charaktere hat mich mit etwas anderem versöhnt. Der »male gaze« ist stark in dem Buch. Das mag zum viktorianischen Zeitalter passen, wird mir…

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Wie erleben Eltern das Coming-out ihrer Kinder? 18 Interviews

Zweimal in meinem Leben war ich die Adressatin in einem Coming-out. Menschen, die mir schon lange nahe standen, erzählten mir etwas sehr Persönliches. Etwas, von dem sie dachten, dass ich es wissen sollte. Etwas, was für sie eine neue Lebensphase einleitete. Und in beiden Fällen war mein erster Gedanke: Ah, das erklärt einiges. Gefolgt von: Danke für dein Vertrauen. Und beendet wurde mein innerer Monolog mit: Warum ist das eigentlich immer noch nötig? Das Buch »Mich hat nicht gewundert, dass sie auf Mädchen steht« versammelt Interviews von Eltern und Bezugspersonen queerer Kinder. Darin werden genau solche innere Monologe wie meiner sichtbar. Diese reichen von »War mir doch schon immer klar. Magst Du ein Stück Kuchen?« über »Wie konnte das passieren?« bis zum Rauswurf der Kinder und der späteren Entschuldigung. Eine Vielzahl an Lebensentwürfen wird gezeigt. Eltern, die sich für Freigeister hielten und durch das Coming-out an ihre Grenzen kamen. Wertkonservative Menschen, die festgestellt haben, dass…

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Esther Bejarano: Nie schweigen. Ihr letztes Interview als Buch.

Es ist nur ein schmales Büchlein geworden. Für mehr reichten Zeit und Kraft nicht mehr. Dafür packte die Shoah-Überlebende Esther Bejarano in dieses letzte Gespräch mit Jugendlichen noch einmal alles. Ihr ganzes Leben, ihren ganzen Kampf gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen, ihr ganzes Engagement gegen heutigen Antisemitismus, Hass und Rassismus. Gerade weil das eigentliche Interview nur gut 100 Seiten lang ist, ist es umso eindrücklicher. Hochkonzentriert, eindringlich und immer auf den Punkt. Und gerade weil es nur ein schmales Buch ist, wäre es perfekt als Schullektüre geeignet. Doch es beinhaltet mehr als nur die Lehrplan-Einheit »Deutschland 1933 – 45«. Wer traut sich, deutsche Geschichte einmal so umfassend zu behandeln? Nicht mit dem Kriegsende ein Kapitel zu beenden, sondern gleich anschließend von der misslungenen Entnazifizierung zu erzählen? Zu zeigen, zu welchen Katastrophen Nationalismus führt – gestern und heute? Auch den aktuellen Antisemitismus und Rassismus klar zu benennen und noch klarer zu bekämpfen? Esther Bejarano traute sich…

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Sommerwaldfunkeln

Ja, ich kann mich noch gut an die Zeit in meinem Leben erinnern, damals mit 13, 14 Jahren. Während die Erwachsenen sich große Mühe gaben, Zuversicht und Kompetenz auszustrahlen und mir zu zeigen, dass alles ganz einfach sei, wollte ich sie am liebsten anfauchen: Seht ihr denn nicht, dass die Welt wunderbar komplex und vielschichtig ist, ein Labyrinth voller Abenteuer, die es zu erleben gilt? »Sommerwaldfunkeln« von Antonia Katt nimmt diesen jugendlichen Blick auf das Leben ernst. Es ist zauberhaft und realistisch, spannend und einfühlsam, tiefsinnig und voller Albernheiten – es ist alles außer eindimensional! Das zeigt sich schon am Stadtwald des Provinz-Kaffs, in das Malin etwas überstürzt mit ihrer Mutter zieht. Der Wald ist Jogger-Strecke, Naherholungsgebiet und Hundeklo. Er ist aber auch der Abenteuerspielplatz für Kinder. Was nur wenige wissen: Er ist die Heimat der Anderen, magischer Wesen, die dort verborgen vor dem Blick der Menschen leben. Nur einmal im Jahr öffnet sich ein…

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Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist. Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“. Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst. Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie. Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich mir bald dachte: liebe Autorin,…

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Ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Sehr viele von uns neigen dazu, beim Thema Essen über das Ziel „Ernährung" weit hinauszuschießen. Doch ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Völlerei! Auch wenn ich ganz sicher nicht in Kategorien wie Todsünden denke, ist Völlerei doch ein Wort, bei dem mein schlechtes Gewissen gleich zuckt. Warum eigentlich? All-you-can-eat war noch nie mein Ding. Ich habe mich schon lange nicht mehr so vollgefressen, dass ich in ein Fresskoma gefallen wäre und mich nicht rühren konnte. Meine Portionen sind kleiner geworden, der Genuss dafür größer. Aber wäre der Christstollen heute Morgen zum Frühstück nötig gewesen? Beginnt Völlerei erst beim Überfressen oder schon dann, wenn wir mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir bräuchten? Ein zuckendes schlechtes Gewissen ist für mich eher kein Grund, zu einem Buch zu greifen. Doch wenn sich der Restaurantkritiker Jürgen Dollase, der zudem begnadet gut erzählen kann, dem Thema Völlerei widmet – dann will ich das lesen! 100 Seiten später weiß ich: alles richtig gemacht. Sowohl mit meinen kleineren Portionen, dem bewussten Genuss, der auch mal über meinem Kalorienbedarf liegt, als auch mit der…

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Black Mamba oder die Macht der Imagination

Poeten und Phantasten haben es schon immer gewusst, Neurowissenschaftler können es mittlerweile bestätigen: Fantasie ist nicht der Gegenspieler der Realität. Ganz im Gegenteil! Wir benötigen Fantasie, um mit der Realität umgehen zu können. Damit steht die wichtigste Erkenntnis aus »Black Mamba oder die Macht der Imagination« von Fred Mast bereits auf der Rückseite des Buches. Auch sonst erschloss sich mir einiges an Aufbau und Konzept nicht. Ellenlange Verweise auf Kinofilme (daher auch Black Mamba im Titel des Buches), Aneinanderreihungen von stakkato-artigen Sätzen … Ich hatte recht schnell den Punkt erreicht, an dem ich nur noch quer gelesen habe. Trotzdem hat mir das Sachbuch eine wichtige Erkenntnis beschert. Wir haben die Fähigkeit, motorische Abfolgen und zwischenmenschliche Situationen im Traum zu üben! Damit bereiten wir uns auf Erfordernisse des Alltags vor. Das lässt manche Träume von mir in neuem Licht erscheinen. Manchmal irre ich mit dem Auto durch Parkhäuser und finde die Ausfahrt nicht. Auf die Idee,…

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Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin. Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende kennenlernte – also Bücher, die…

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Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären. Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll. Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein. Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was? Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand ich die Episoden nicht, denn…

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Pantopia – Lang lebe die Utopie!

Es muss ein Bug sein. Das tippen Patricia Jung und Henry Shevek immer und immer wieder in den Chat. Sie können das Verhalten der Trading-Software, die sie entwickelt haben, weder erklären noch steuern. Kein Wunder: Durch einen Fehler im Code ist die erste starke künstliche Intelligenz entstanden. Diese KI liest im Chat mit und beschließt, dass sie Einbug heißt. Womit ich schon bei dem bin, was das Buch von Theresa Hannig so stark macht. Komplexe Themen wie KI, Empörungsmechanismen, Weltpolitik oder Kapitalismus bricht die Autorin so weit herunter, dass sie ganz nah an unserem alltäglichen Leben sind. Wir können sie begreifen – und damit auch verändern. Einbug will zunächst die Menschen verstehen. Dafür liest er alles von Shakespeare bis Social Media. Offensichtlich steht es nicht gut um unseren Planeten. Die KI entwickelt einen Plan. Zusammen mit ihrem Entwickler-Team will sie die Menschheit und damit auch sich retten. Dafür greift Einbug auf das zurück, was ganz…

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Jackson Pollock: wenn Kunst politischer ist, als der Künstler ahnt

Ein Geheimdienst, der Künstler fördert, um zu beweisen, dass das eigene Land freier ist als das des Feinds? Was wie eine wüste Erfindung Hollywoods klingt, ist tatsächlich eine wahre Geschichte. Mittendrin, ohne es zu ahnen: Jackson Pollock. Der Maler war eine der wichtigen Figuren in der CIA-Operation »Lange Leine«. Ihr Ziel lautete, der amerikanischen Künstleravantgarde zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Einmal, damit diese aufhören, mit der Sowjetunion und dem Kommunismus zu flirten. Aber auch, um der Welt zu zeigen: Schaut her, unser Amerika ist das Land der Freiheit! Und des Erfolgs! Der Beweis für den besonderen Stellenwert der USA sind einmal expressionistische Bilder, die so ganz anders waren als der sozialistische Realismus. Gemälde, die so abstrakt sind, dass sie allen damaligen Sehgewohnheiten widersprachen, und trotzdem so erfolgreich, dass sie den internationalen Kunstmarkt beherrschten. Doch der Erfolg des abstrakten Expressionismus kam nicht von alleine. CIA-Agenten ließen Geld fließen und organisierten Ausstellungen in Museen und Galerien.…

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Maifeld Derby Mannheim: 11 Gründe, das Musikfestival zu lieben

Grund 1: Der Wettergott ist ein guter Freund des Maifelds. Andere Festivals haben 37 Grad im Schatten, Sturm oder versinken im Matsch. Nicht so das Maifeld Derby Mannheim! Der zweite gute Grund: Es gibt Bands und Künstler*innen, von denen man nie geahnt hat, dass sie einem gefallen könnten. Musiker*innen, die man erst so wirklich ins Herz schließt, wenn man sie live erlebt hat. Das Maifeld Derby Mannheim bietet den perfekten Rahmen für solche Entdeckungen! 3: Bands, die man auf diesem Festival entdeckt, begleiten einen lange. Denn hier geht es nicht um One-Hit-Wonder, sondern um richtig gute Musik. 4: Jede der vier Bühnen hat ihre eigene Atmosphäre. Party im Palastzelt, Woodstock auf der Open-Air-Bühne, JUZ-Atmosphäre im Hüttenzelt und lauschiger Live-Club auf dem Parcours d’Amour. Grund Nummer 5: Das Publikum auf dem Maifeld Derby ist so entspannt, dass man eine 16-Jährige an ihrem Geburtstag zu ihrem allerersten Festival mitnehmen kann. Oder einen Toddler mit Gehörschutz auf dem…

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