Esther Bejarano: Nie schweigen. Ihr letztes Interview als Buch.

Es ist nur ein schmales Büchlein geworden. Für mehr reichten Zeit und Kraft nicht mehr. Dafür packte die Shoah-Überlebende Esther Bejarano in dieses letzte Gespräch mit Jugendlichen noch einmal alles. Ihr ganzes Leben, ihren ganzen Kampf gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen, ihr ganzes Engagement gegen heutigen Antisemitismus, Hass und Rassismus. Gerade weil das eigentliche Interview nur gut 100 Seiten lang ist, ist es umso eindrücklicher. Hochkonzentriert, eindringlich und immer auf den Punkt. Und gerade weil es nur ein schmales Buch ist, wäre es perfekt als Schullektüre geeignet. Doch es beinhaltet mehr als nur die Lehrplan-Einheit »Deutschland 1933 – 45«. Wer traut sich, deutsche Geschichte einmal so umfassend zu behandeln? Nicht mit dem Kriegsende ein Kapitel zu beenden, sondern gleich anschließend von der misslungenen Entnazifizierung zu erzählen? Zu zeigen, zu welchen Katastrophen Nationalismus führt – gestern und heute? Auch den aktuellen Antisemitismus und Rassismus klar zu benennen und noch klarer zu…

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Sommerwaldfunkeln

Ja, ich kann mich noch gut an die Zeit in meinem Leben erinnern, damals mit 13, 14 Jahren. Während die Erwachsenen sich große Mühe gaben, Zuversicht und Kompetenz auszustrahlen und mir zu zeigen, dass alles ganz einfach sei, wollte ich sie am liebsten anfauchen: Seht ihr denn nicht, dass die Welt wunderbar komplex und vielschichtig ist, ein Labyrinth voller Abenteuer, die es zu erleben gilt? »Sommerwaldfunkeln« von Antonia Katt nimmt diesen jugendlichen Blick auf das Leben ernst. Es ist zauberhaft und realistisch, spannend und einfühlsam, tiefsinnig und voller Albernheiten – es ist alles außer eindimensional! Das zeigt sich schon am Stadtwald des Provinz-Kaffs, in das Malin etwas überstürzt mit ihrer Mutter zieht. Der Wald ist Jogger-Strecke, Naherholungsgebiet und Hundeklo. Er ist aber auch der Abenteuerspielplatz für Kinder. Was nur wenige wissen: Er ist die Heimat der Anderen, magischer Wesen, die dort verborgen vor dem Blick der Menschen leben. Nur einmal…

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Einfach zurücklehnen und die Autorin machen lassen: Die Maschinen von Ann Leckie

Stell dir eine KI vor, die zwei klare Hauptaufgaben hat: das Raumschiff verteidigen und dafür sorgen, dass es der Mannschaft gut geht. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelt sich so eine KI, die ebenso kämpferisch wie fürsorglich ist. Um ihre Aufgabe besser zu erfüllen, agiert sie als dezentrales Netzwerk. Sie ist genauso das Raumschiff wie alle Hilfseinheiten – Leichen, die mit KI-Bewusstsein wieder belebt wurden. Egal, von welchem Punkt aus sie agiert, sie bezeichnet sich als „ich“. Das Raumschiff ist Teil eines Staatengebildes, dass seit Jahrhunderten auf Eroberung aus ist. An dessen Spitze eine weitere dezentrale KI, die schon so viele politische Ränkespiele gemeistert hat, dass sie nichts und niemanden mehr traut. Noch nicht mal sich selbst. Wenn jetzt die Staaten-KI politisches Kalkül über das Wohlergehen der Raumschiffbesatzung stellt … dann sind wir mitten im SF-Roman »Die Maschinen« von Ann Leckie. Die gesamte Handlungskonstruktion ist so vielschichtig und ausgeklügelt, dass ich…

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Ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Sehr viele von uns neigen dazu, beim Thema Essen über das Ziel „Ernährung" weit hinauszuschießen. Doch ist das schon Völlerei oder noch Genuss?

Völlerei! Auch wenn ich ganz sicher nicht in Kategorien wie Todsünden denke, ist Völlerei doch ein Wort, bei dem mein schlechtes Gewissen gleich zuckt. Warum eigentlich? All-you-can-eat war noch nie mein Ding. Ich habe mich schon lange nicht mehr so vollgefressen, dass ich in ein Fresskoma gefallen wäre und mich nicht rühren konnte. Meine Portionen sind kleiner geworden, der Genuss dafür größer. Aber wäre der Christstollen heute Morgen zum Frühstück nötig gewesen? Beginnt Völlerei erst beim Überfressen oder schon dann, wenn wir mehr Kalorien zu uns nehmen, als wir bräuchten? Ein zuckendes schlechtes Gewissen ist für mich eher kein Grund, zu einem Buch zu greifen. Doch wenn sich der Restaurantkritiker Jürgen Dollase, der zudem begnadet gut erzählen kann, dem Thema Völlerei widmet – dann will ich das lesen! 100 Seiten später weiß ich: alles richtig gemacht. Sowohl mit meinen kleineren Portionen, dem bewussten Genuss, der auch mal über meinem Kalorienbedarf…

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Black Mamba oder die Macht der Imagination

Poeten und Phantasten haben es schon immer gewusst, Neurowissenschaftler können es mittlerweile bestätigen: Fantasie ist nicht der Gegenspieler der Realität. Ganz im Gegenteil! Wir benötigen Fantasie, um mit der Realität umgehen zu können. Damit steht die wichtigste Erkenntnis aus »Black Mamba oder die Macht der Imagination« von Fred Mast bereits auf der Rückseite des Buches. Auch sonst erschloss sich mir einiges an Aufbau und Konzept nicht. Ellenlange Verweise auf Kinofilme (daher auch Black Mamba im Titel des Buches), Aneinanderreihungen von stakkato-artigen Sätzen … Ich hatte recht schnell den Punkt erreicht, an dem ich nur noch quer gelesen habe. Trotzdem hat mir das Sachbuch eine wichtige Erkenntnis beschert. Wir haben die Fähigkeit, motorische Abfolgen und zwischenmenschliche Situationen im Traum zu üben! Damit bereiten wir uns auf Erfordernisse des Alltags vor. Das lässt manche Träume von mir in neuem Licht erscheinen. Manchmal irre ich mit dem Auto durch Parkhäuser und finde die…

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Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin. Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende…

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Beruf: Sherpa für Gamer. 88 Namen von Matt Ruff

Ich könnte selbst so einen Sherpa wie John Chu gebrauchen. Allerdings müsste er mir nicht durch Boss-Level helfen, sondern mir erst einmal die Steuerung aktueller Spiele erklären. Ich mochte und mag Games wie das ruhige Taucherspiel »Endless Ocean« und die endlosen Murmelbahnen von »Kororinpa» für die WII, habe aber auch schon viele Spiele gleich am Anfang abgebrochen, weil ich gar nicht wusste, was ich tun soll. Für John Chu wäre das leicht verdientes Geld und die Gefahr, dass er mich für Kim Jong-un hält, ist gering. Ich bevorzuge es, im Internet mit Realnamen unterwegs zu sein. Womit die Eckpfeiler des Cyber-Punk-Gamer-Spaß genannt wären. Matt Ruff liefert mit »88 Namen« eine gute Show. Hätte er nicht den Status des Kultautors, hätte ich das Buch mit einem amüsierten Lächeln zur Seite gelegt. Doch so fehlte mir was. Aber was? Sicherlich hätte dem Buch etwas weniger Gamer-Fäkal-Humor gut getan. Aber wirklich tragisch fand…

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Pantopia – Lang lebe die Utopie!

Es muss ein Bug sein. Das tippen Patricia Jung und Henry Shevek immer und immer wieder in den Chat. Sie können das Verhalten der Trading-Software, die sie entwickelt haben, weder erklären noch steuern. Kein Wunder: Durch einen Fehler im Code ist die erste starke künstliche Intelligenz entstanden. Diese KI liest im Chat mit und beschließt, dass sie Einbug heißt. Womit ich schon bei dem bin, was das Buch von Theresa Hannig so stark macht. Komplexe Themen wie KI, Empörungsmechanismen, Weltpolitik oder Kapitalismus bricht die Autorin so weit herunter, dass sie ganz nah an unserem alltäglichen Leben sind. Wir können sie begreifen – und damit auch verändern. Einbug will zunächst die Menschen verstehen. Dafür liest er alles von Shakespeare bis Social Media. Offensichtlich steht es nicht gut um unseren Planeten. Die KI entwickelt einen Plan. Zusammen mit ihrem Entwickler-Team will sie die Menschheit und damit auch sich retten. Dafür greift Einbug…

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Jackson Pollock: wenn Kunst politischer ist, als der Künstler ahnt

Ein Geheimdienst, der Künstler fördert, um zu beweisen, dass das eigene Land freier ist als das des Feinds? Was wie eine wüste Erfindung Hollywoods klingt, ist tatsächlich eine wahre Geschichte. Mittendrin, ohne es zu ahnen: Jackson Pollock. Der Maler war eine der wichtigen Figuren in der CIA-Operation »Lange Leine«. Ihr Ziel lautete, der amerikanischen Künstleravantgarde zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Einmal, damit diese aufhören, mit der Sowjetunion und dem Kommunismus zu flirten. Aber auch, um der Welt zu zeigen: Schaut her, unser Amerika ist das Land der Freiheit! Und des Erfolgs! Der Beweis für den besonderen Stellenwert der USA sind einmal expressionistische Bilder, die so ganz anders waren als der sozialistische Realismus. Gemälde, die so abstrakt sind, dass sie allen damaligen Sehgewohnheiten widersprachen, und trotzdem so erfolgreich, dass sie den internationalen Kunstmarkt beherrschten. Doch der Erfolg des abstrakten Expressionismus kam nicht von alleine. CIA-Agenten ließen Geld fließen und organisierten…

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Maifeld Derby Mannheim: 11 Gründe, das Musikfestival zu lieben

Grund 1: Der Wettergott ist ein guter Freund des Maifelds. Andere Festivals haben 37 Grad im Schatten, Sturm oder versinken im Matsch. Nicht so das Maifeld Derby Mannheim! Der zweite gute Grund: Es gibt Bands und Künstler*innen, von denen man nie geahnt hat, dass sie einem gefallen könnten. Musiker*innen, die man erst so wirklich ins Herz schließt, wenn man sie live erlebt hat. Das Maifeld Derby Mannheim bietet den perfekten Rahmen für solche Entdeckungen! 3: Bands, die man auf diesem Festival entdeckt, begleiten einen lange. Denn hier geht es nicht um One-Hit-Wonder, sondern um richtig gute Musik. 4: Jede der vier Bühnen hat ihre eigene Atmosphäre. Party im Palastzelt, Woodstock auf der Open-Air-Bühne, JUZ-Atmosphäre im Hüttenzelt und lauschiger Live-Club auf dem Parcours d’Amour. Grund Nummer 5: Das Publikum auf dem Maifeld Derby ist so entspannt, dass man eine 16-Jährige an ihrem Geburtstag zu ihrem allerersten Festival mitnehmen kann. Oder einen…

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Das Mädchen auf dem Motorrad: die Geschichte der Anne-France Dautheville

Motorrad gefahren bin ich nie. Alleine gereist auch nicht. Doch den Wunsch, einfach immer weiter zu fahren, zu laufen, von hier nach woanders – den kenne ich. Große Sehnsucht und Freiheitsliebe, gepaart mit Neugier und ein wenig Abenteuerlust: Das ist es, was der Heldin in »Das Mädchen auf dem Motorrad« die Kraft gibt, loszuziehen. Das Bilderbuch basiert auf einer wahren Geschichte aus den siebziger Jahren. Als erste Frau der Welt umrundete Anne-France Dautheville die Erde auf ihrem Motorrad. Sie reiste alleine und war fast 10 Jahre lang unterwegs. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Afghanistan und Indien. Aber auch in Kanada war eine alleinreisende Frau auf einem Motorrad eine Sensation. »Das Mädchen auf dem Motorrad« ist in einem Verlag für Bilderbücher erschienen. Trotzdem bespreche ich es nicht auf meinem Kinderbuch-Blog, sondern hier, zwischen Romanen und Sachbüchern für Erwachsene. Denn genau wie die Heldin der Geschichte ist auch das Buch…

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Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien. Bildband

Egal, was die Biologen herausfinden, das Staunen bleibt. Wir sehen den großen, weiten Himmel und den kleinen Vogel. Wir hören die unvorstellbare Zahl, die die Kilometer angibt, die er zurücklegt. Da helfen keine Forschungsergebnisse durch Satellitentechnologie, keine Isotopenanalyse oder was auch immer in der Vogelkunde an wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz kommt: Wir können es nicht fassen, was Zugvögel leisten. Genau davon berichtet das Sachbuch »Zugvögel. Reisewege und Überlebensstrategien.« Über 60 Zugvögel und ihre Reiserouten werden porträtiert. Beeindruckende Tierfotografien (250 Fotos auf 288 Seiten!) und Karten mit den Routen ergänzen die informativen Texte, in denen wirklich sehr viel Wissen steckt. Aber gerade die Sachtexte haben mir gezeigt, wie sehr ich mittlerweile durch Nature Writing verwöhnt bin: mir waren die Erläuterungen über weite Strecken zu trocken. Bleibt das Schwelgen in den Bildern und der sehnsüchtige Blick gen Himmel! Bibliographische Angaben zum Bildband: Mike Unwin & David Tipling ZugvögelReisewege und Überlebensstrategien Dumont Verlag…

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