Nerd Girl Magic. Noch genauer: Nrrd Grrrls

Buchcover Nerd Girl Magic

Die ersten Nerds, die mir begegnet sind, waren die Perry Rhodan Fans in meiner Klasse. Alles Jungs. Später folgten die Musik-Nerds. Mädchen wie ich versuchten, mitzuhalten. Das führte zu meiner ersten Begegnung mit den Gatekeepern. Jungs, die bestimmen wollten, was niedliche Schwärmerei und was echtes Fandom ist. Mädchen = Schwärmen = muss Mann nicht ernst nehmen.

Wirklich darüber nachgedacht habe ich nicht, sondern lieber weiter Musik entdeckt. Bewusst wurde mir der Mechanismus Jahre später beim anerkennenden Nicken eines WOM-Mitarbeiters, der durch seinen Job und seine Arbeit als Musikjournalist der personifizierte Gatekeeper war: „Hätte nicht gedacht, dass du so etwas (Geniales) hörst.“ Meine Reaktion lag wahrscheinlich irgendwo zwischen Schulterzucken, hochgezogener Augenbraue und Lachen. Lachen hilft ja immer. Was ich daran lustig fand, hätte er eh nicht verstanden: Es ging um die Band Monster Magnet, die ich musikalisch gut und erfrischend, aber ihre überzogene Männlichkeit einfach nur amüsant fand. Und ihn durch seine Reaktion auch.

Ich glaube, Simoné Goldschmidt-Lechner kennt diese Momente der Nicht-Kommunikation nur zu gut. Sie erzählt auch von solchen Erlebnissen. Aber ihr Leben lässt sich mit meinem kaum vergleichen. Sie hat mir mit ihrem Buch „Nerd Girl Magic“ neue Räume eröffnet, denn sie schreibt aus einer queeren, nicht weißen, nicht männlichen Perspektive.

Für ihr Buchcover wählte sie ein Sailor-Moon-Motiv, aber eben nicht-weiß. Sie zeigt die Manga-Heldin, wie sie sie empfunden hat. Sailor Moon und der Beginn der Manga-Euphorie war für mich damals tatsächlich der Moment, in dem ich begriff, was für eine Kraft, was für eine Magie ein Fandom entwickeln kann. Nerd Culture kann ein Rückzugsort sein, von dem man gestärkt in die Realität zurückkehrt. Allerdings stand ich dabei eher außerhalb: Ich habe die Mangas verkauft.

Auch die anderen Nerd-Themen – Games, Buffy, Star Trek, Pen & Paper, Harry Potter, Dark Academia und noch manch anderes – habe ich bestenfalls gestreift. Und doch hat mir ihr Buch so viel gegeben! Denn sie lädt uns ein, immer mehr als eine Seite zu sehen. Das Empowerment genauso wie den Konsumrausch; die befreiende Kraft von Vorbildern genauso wie das Gefühl, nicht gemeint zu sein.

Ihren letzten Zeilen kann ich mich nur anschließen:

Wir sind Nrrd Grrrls. Und wir werden die Welt verändern.


Infos zum Buch:

Simoné Goldschmidt-Lechner

Nerd Girl Magic

Verbrecher Verlag


Nerd Attack gibt es auch hier auf meinem Blog. Aber zu diesen Nerd Girls passt das hier viel besser:

Absurd, charmant, ironisch: Die Kartenmacherin

Die Kartenmacherin - die Graphic Novel steht auf einer dunkelgrünen Balkonbrüstung.

Wenn eine Kleinstadt immer größer wird, was braucht sie dann? Mehr Infrastruktur! Ein Kongresszentrum, ein Parkhaus und und und … Als die Eilenburger ihren zweiten Südbahnhof eröffnen, merken sie, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Plan haben. Nach langer Sitzung und vielen Gutachten fasst der Stadtrat einen Beschluss. Eine Kartographin soll es richten und erst einmal ermitteln, was es in der Stadt schon alles gibt. Als auf ihrer Karte ein See erscheint, eröffnet ein Bootsbauer ein Geschäft. Die ersten Touristen kommen zu Besuch, weswegen ein Flughafen gebaut werden soll. Doch niemand in Eilenburg kann sich an eine See erinnern …

Was für ein skurril-poetischer Spaß! Dieses kleine, wunderbar illustrierte Buchjuwel ist Balsam für die Seele aller Menschen, die viel Zeit in Gemeinderatssitzungen und in Ausschüssen verbringen. Gleichzeitig macht es Wimmelbild- und Graphic-Novel-Fans glücklich. Aber auch Architektur-Nerds, Stadtplaner und Kartenliebhaber. Und Leser*innen wie mich, die sich in Städten gerne lustvoll verlaufen. Überhaupt alle, die feine Illustrationen und schön gestaltete Bücher lieben!

Entdeckt habe ich das Buch »Die Kartenmacherin« aus dem hibana Verlag übrigens auf der »Kleinen Buchmesse im Neckartal«. Rund 30 Indie-Verlage waren dort zu Gast. Neckarsteinach bei Heidelberg ist ja schon alleine einen Ausflug wert – und mit Buchmesse dann erst recht!


Infos zum Buch:

Daniel Fehr & Daniel Bosshart
Gezeichnet von Daniel Bosshart


Die Kartenmacherin.

Hibana Verlag


Ein Buch-Tipp für Menschen, die sich gerne Städte erwandern: Spaziergänge durch Chemnitz

Monarchie und Alltag – der Fehlfarben-Songcomic

Monarchie und Alltag. Fehlfarben Songcomic. Cover zeigt ein Spießer-Pärchen mit der LP in der Hand.

Als ich begann, Musik zu entdecken und nicht einfach nur zu hören, war »Monarchie und Alltag« von den Fehlfarben schon da. Allerdings dürfte es noch Jahre gedauert haben, bis ich die Platte zum ersten Mal am Stück gehört habe. Songs und Musikwissen kamen damals in Fragmenten zu mir. Deswegen war mir auch lange unklar, dass die NDW-Hymne »Ein Jahr (Es geht voran)« und das bewegende »Paul ist tot« von der gleichen Band sind. Jahrzehnte später war der Song »Kebabträume«, der bei ihnen »Militürk« heißt, für mich immer noch ein Tanzflächen-Magnet – egal, ob in der Version von DAF oder Fehlfarben.

2021 habe ich den Doku-Roman »Verschwende deine Jugend« gelesen. Die Düsseldorfer Szene um den Ratinger Hof nimmt darin viel Raum ein. Das Buch war für mich der Anlass, mich einmal quer durch die Werke deutscher Punk- und New-Wave-Bands zu hören. Erst dann entdeckte ich geniale Fehlfarben-Songs wie »All that heaven allows« für mich.

Von »Hier und Jetzt« bis zur »Apokalypse«: 11 Lieder, 11 Comics

So weit die Vorgeschichte, die ich sicherlich mit vielen teile. Sonst wäre wohl kaum eine Comic-Anthologie über die ikonische Platte erschienen, die alle 11 Songs würdigt.

Peter Hein und Thomas Schwebel erzählen darin recht lakonisch etwas zur Entstehungsgeschichte der Songs – so weit sie sich noch daran erinnern können. Die Comic-Zeichner*innen berichten kurz, was sie mit den Fehlfarben verbinden. Dann folgt ihre Interpretation eines Songs. In der Version von Nicolas Mahler entwickelt sogar das von mir ungeliebte »Ein Jahr (Es geht voran)« einen neuen Reiz! Doch die Highlights sind für mich der Bildertaumel von Ricaletto zu »Militürk«, der den Sog des Songs perfekt widerspiegelt, und die wilde, träumerische Reise, die Minou Zaribaf zu »Gottseidank nicht in England« erschuf. Ihre Bilder erzählen wie es damals war, als wir uns in unsere Zimmer einschlossen, Musik hörten und uns wirklich frei dabei fühlten.

»Das war vor Jahren« – und ist doch eine Platte für die Ewigkeit

Nur wenige der Comic-Zeichner*innen waren Fehlfarben-Fans von Anbeginn. Manche haben durch die Anfrage des Ventil-Verlags zum ersten Mal von der Band gehört. Und vielleicht ist dass das Erstaunlichste an »Monarchie und Alltag«: Diese Platte braucht nicht das richtige Jahrzehnt, sondern nur den richtigen Augenblick, dann ist alles wieder da: Frische, Wucht und Faszination, Eingängigkeit und Rätselhaftigkeit.


Infos zum Comic:

Gunther Buskies / Jonas Engelmann (Herausgeber)

Monarchie und Alltag
Ein Fehlfarben-Songcomic

Mit Comics von:

Frank Witzel: »Hier und jetzt«
18Metzger: »Grauschleier«
Anke Kuhl: »Das sind Geschichten«
Anna Sommer: »All That Heaven Allows«
Minou Zaribaf: »Gottseidank nicht in England«
Ricaletto: »Militürk«
Karolina Chyzewska: »Apokalypse«
Nicolas Mahler: »Ein Jahr (Es geht voran)«
Tine Fetz: »Angst«
Andreas Michalke: »Das war vor Jahren«
Markus Färber: »Paul ist tot«

Ventil Verlag


Verschwende deine Jugend“ – der Doku-Roman zu Punk und New Wave in Deutschland


Rude Girl – Comic von Birgit Weyhe

Rude Girl - Comic von Birgit Weyhe. Cover des Buches

Auf den ersten Blick ist »Rude Girl« eine Biografie. Ganz linear erzählt Birgit Weyhe den Lebensweg der amerikanischen Germanistik-Professorin Priscilla Layne. Doch »Rude Girl« ist keine Roman-Biografie, es ist ein Comic. Und Comics erreichen Stellen, die Romanen verschlossen bleiben. Sie können mit zeichnerischen Mitteln im wahrsten Sinne des Wortes den Blickwinkel wechseln und neue Perspektiven eröffnen. Mit Farbe können sie Bekanntes verfremden und somit Vertrautes hinterfragen. Birgit Weyhe nutzt all diese Stilmittel souverän und bleibt doch einem ganz eigenen Minimalismus treu.

Sehr konzentriert erzählt sie, wie Priscilla Layne als Tochter einer alleinerziehenden Mutter und als Kind karibischer Einwanderer aufwuchs. Wie sie nicht das typische Mädchen sein wollte und welche Freiheit sie in der Musik fand. Warum sie an der Schule wenig wohlwollend als „Oreo“ bezeichnet wurde – außen schwarz, innen weiß. Wie sie in den Indiana Jones Filmen zum ersten Mal Deutsch hörte, diese seltsame Sprache lernen wollte und schließlich mit Kafka die Literatur entdeckte.

Wenn ich das so erzähle, klingt es wie eine nette, empowernde Story über eine Frau, die ihren eigenen Weg geht. Das ist aber nur eine Ebene – da fehlt so viel. So, wie dieser Einschub hier in meinem Blog-Beitrag steht, lässt auch Birgit Weyhe immer am Ende des Kapitels ihre Figur selbst zu Wort kommen. Sie nimmt das bis dahin gezeichnete auseinander, kritisiert und gibt wichtige Hinweise, wie sich ihr Leben in dem Moment wirklich angefühlt hat.

Es ist dieses Zusammenspiel, das »Rude Girl« zu etwas ganz Besonderem macht. Nach und nach erhalten wir Einblick in ein Leben, in dem Race, Gender und Class durchgehend eine Rolle gespielt haben. Nicht mädchenhaft genug für die karibischen Verwandten, nicht schwarz genug für die Black Community, zu arm für das weiße Bildungsbürgertum – was auch immer sie tat, Priscilla saß zwischen den Stühlen. Bei den Skinheads und Punks fand sie eine Heimat, doch vor allem fand sie hier die Kraft, ihren individuellen Lebensentwurf zu entwickeln.

Und noch etwas zeichnet«Rude Girl« aus: Zum allerersten Mal schaffte es ein Comic auf die Nominierungsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Die Jury begründet ihre Entscheidung so:

„Neben der starken visuellen Kraft, die RUDE GIRL entwickelt, ist das Besondere die Montage: Auf einer zweiten Erzählebene legt Weyhe der US-Professorin Priscilla Layne immer wieder Versatzstücke ihrer gezeichneten Biographie vor. So entsteht ein produktiver und höchst offener Austausch zweier kooperierender Erzählerinnen: über kulturelle Aneignung, Race und Gender. Ein unverzichtbarer Beitrag zu den Identitätsdebatten unserer Zeit.“

Website Avant Verlag

Auch das ist eine Sichtweise – aber definitiv nicht die einzige, die »Rude Girl« ermöglicht!


Weitere Infos zum Comic:

Birgit Weyhe
Rude Girl

Avant Verlag


Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog – wie wäre es mit diesem hier? Adventure Huhn!

Passt nicht? Dann vielleicht lieber Women of Punk

Jackson Pollock: wenn Kunst politischer ist, als der Künstler ahnt

Pollock – Streng vertraulich! Eine Graphic-Novel Biographie. Comic liegt auf einem aufgeschlagenen Kunstlexikon, das typische Bilder von Pollock zeigt

Ein Geheimdienst, der Künstler fördert, um zu beweisen, dass das eigene Land freier ist als das des Feinds? Was wie eine wüste Erfindung Hollywoods klingt, ist tatsächlich eine wahre Geschichte. Mittendrin, ohne es zu ahnen: Jackson Pollock.

Der Maler war eine der wichtigen Figuren in der CIA-Operation »Lange Leine«. Ihr Ziel lautete, der amerikanischen Künstleravantgarde zu Ruhm und Ehre zu verhelfen. Einmal, damit diese aufhören, mit der Sowjetunion und dem Kommunismus zu flirten. Aber auch, um der Welt zu zeigen: Schaut her, unser Amerika ist das Land der Freiheit! Und des Erfolgs!

Der Beweis für den besonderen Stellenwert der USA sind einmal expressionistische Bilder, die so ganz anders waren als der sozialistische Realismus. Gemälde, die so abstrakt sind, dass sie allen damaligen Sehgewohnheiten widersprachen, und trotzdem so erfolgreich, dass sie den internationalen Kunstmarkt beherrschten.

Doch der Erfolg des abstrakten Expressionismus kam nicht von alleine. CIA-Agenten ließen Geld fließen und organisierten Ausstellungen in Museen und Galerien.

Davon erzählt »Jackson Pollock – Streng vertraulich«. Comic-Zeichner Onofrio Catacchio lässt in seiner Graphic Novel Pollocks Wegbegleiter und Schlüsselpersonen der New Yorker Kunstszene zu Wort kommen und zitiert aus Geheimdienstakten. Trotz spannender Agenten-Handlung findet er genug Raum, uns an der Entstehung von Pollocks Bildern teilhaben zu lassen. So wird das Besondere seiner großformatigen Gemälde erlebbar. Doch er erzählt auch vom Kampf des amerikanischen Malers gegen Depression und Alkoholismus und von seiner Beziehung zu Lee Krasner, Künstlerin, Muse, Managerin und Ehefrau Pollocks.

Was wie eine Geheimdienstgeschichte beginnt, entpuppt sich schnell als informative Comic-Biographie, die mir viel Spaß beim Lesen gemacht hat!


Angaben zur Graphic Novel:

Onofrio Catacchio

Pollock – Streng vertraulich!
Eine Graphic-Novel Biographie

Midas Collection

Leseprobe beim Verlag


Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog

Nächstes Jahr in – Comics und Episoden des jüdischen Lebens

Cover des Comics: Nächstes Jahr in
Comics und Episoden des jüdischen Lebens

Die Comic-Anthologie »Nächstes Jahr in« beleuchtet Facetten jüdischen Lebens. Doch so, wie der Satz jetzt hier auf meinem Blog steht, wird er der Vielschichtigkeit der Comicsammlung nicht gerecht. Denn Facetten jüdischen Lebens bedeutet, dass mehr als der Alltag und historische Ereignisse gezeigt werden. In jeder Geschichte schwingen Hoffnungen, Träume und Wünsche mit. Der Wunsch, eines Tages anzukommen und eine Heimat zu haben. Die Träume von einem friedlichen Zusammenleben und die Hoffnung, dass der Antisemitismus verschwindet – am besten gleich jetzt.

Doch dieser Comic ist nicht angetreten, Judenhass zu erklären. Und auch nicht das Judentum. Er ist eine Einladung, Lebenswelten zu entdecken. Die Gründungsgeschichte des Plattenlabels Blue Note Records. Das bewegte Leben des jüdischen Räuberhauptmanns Abraham Picard. Die Erlebnisse einer Mutter in der Gegenwart, die ihr Kind Aaron genannt hat. Frauen in der Résistance. Die Gedanken eines Leibarztes im Mittelalter, der den Sederabend nicht mit seiner Familie verbringen kann.

Und doch merkt man den Comics den Bildungsauftrag an. Nicht nur wegen der kurzen Info-Texte, die nach jeder Geschichte folgen. Es ist ein Häppchen-Buch für Nicht-Juden, weswegen es wohl bei Juna, der Bloggerin von irgendwie jüdisch, gemischte Gefühle auslöste.

Ich finde die Idee des Buches gut. Doch hinterlässt es etwas Unausgegorenes, Eiliges. 

Blog Irgendwie Jüdisch

Ich kann das nachvollziehen. Aber für mich las sich die Comic-Anthologie richtig. Die Herangehensweise, so unterschiedliche Persönlichkeiten mit jeweils einem Detail-Aspekt herauszugreifen, ging für mich auf.

Was für mich im Gedächtnis bleiben wird, ist nicht nur die Geschichte der jüdischen Berufsschule in Darmstadt, auf der Überlebende des Holocausts auf ein Leben in Israel vorbereitet wurden – etwas, wovon ich vorher noch nie gehört hatte. Genau wie die Bedeutung des Sederabends, dem Abend vor Pessach, für den familiären Zusammenhalt. Er beginnt mit der Frage des jüngsten Kindes an die Eltern: »Was unterscheidet diese Nacht von anderen Nächten?« und endet viel später mit der hoffnungsvollen Formel »Nächstes Jahr in Jerusalem«.

Ich bin mir sicher: Ein Zeitungsartikel oder ein vertiefendes Sachbuch hätten für mich nicht die eindringliche Wirkung der Comic-Anthologie »Nächstes Jahr in« entfaltet!


Infos zum Comic:

Nächstes Jahr in
Comics und Episoden des jüdischen Lebens

Herausgegeben von Meike Heinigk, Antje Herden und Jonas Engelmann

Mit Comics von Barbara Yelin, Simon Schwartz, Moni Port, Hannah Brinkmann, Tobi Dahmen, Tine Fetz, Elke Renate Steiner, Büke Schwarz und anderen

Ventil Verlag


Dieses Jugendbuch mag ich euch noch ans Herz legen: Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen

Ganz was anderes und doch passend: das Bilderbuch „Ein Pferd zu Chanukka“


Allmählich füllt sich die Comic-Rubrik auf meinem Blog – viel Spaß beim Stöbern!

Niemals – Graphic Novel von Bruno Duhamel

Niemals könnte ich einen Comic nicht lieben, in dessen Mittelpunkt eine Heldin wie Madeleine steht. Eine blinde, alte Dame, die ein absolut eigenständiges Leben führt und mit einem hinterfotzigen Humor gesegnet ist.

Nur der Neue im Dorf, ein schwarzer Feuerwehrhauptmann, ist ihr gewachsen. „Wenn sie jetzt nicht mit mir reden und mich aus dem Haus werfen, sage ich allen, dass das daran liegt, dass ich schwarz bin. Egal ob sie blind sind.“

Ihm erzählt sie, warum sie ihr Haus auf den Klippen der Steilküste nicht verlassen möchte – obwohl sie weiß, dass es bei einem der nächsten Stürme abstürzen wird. Denn während die Dorfbewohner sie für eine sture alte Frau halten, die die Gefahr nicht sieht, weiß Madeleine sehr wohl, was sie tut: auf den Tod warten.

Derweil erlaubt sie sich Späße mit der Begriffsstutzigkeit der Dorfbewohner und treibt den Bürgermeister, der sie ins Altersheim verfrachten will, in den Wahnsinn. Doch vor allem lässt sie es sich gut gehen und schwelgt in Erinnerungen, die für sie alle mit ihrem Haus verknüpft sind.

Ein kleines Dorf in Frankreich …

Genau wie Madeleine die Dorfbewohner täuscht auch der Zeichenstil die Leser. Er wirkt zugänglich, vertraut und typisch belgisch-französisch. Die Graphic Novel beginnt mit einem Fischmarkt, der an Asterix erinnert. Die Protagonisten könnten alle aus einem gewissen gallischen Dorf kommen – doch sie haben mehr Tiefe, genau wie die Geschichte.

Ganz großartig fand ich die Episode mit Madeleines Sommerspaziergang. Hier wird so wunderbar gezeigt, wie die blinde alte Dame ihre Umwelt erlebt – all die Geräusche, das sinnliche Erleben der Sonnenstrahlen und den Geruch des Joints der Dorfjugend.

Natürlich gibt es auch in diesem Comic eine tierische Nebenrolle. Balthasar, ein dicker Kater. Schon allein, wie Madeleines Fürsorge für den Kater mit ihren Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann verknüpft wird, ist ganz, ganz große Comic-Kunst!

Das Schlusswort überlasse ich diesmal dem Tagesspiegel:

Duhamel zeichnet sein liebevolles Psychogramm mit feinem Humor, der sich in pointierten Dialogen abbildet.

Website des Tagesspiegel

Angaben zur Graphic Novel:

Niemals

Text & Zeichnung: Bruno Duhamel

Übersetzung aus dem Französischen von Lilian Pithan

Avant Verlag


Noch ein Lieblings-Comic aus dem Avant Verlag: Adventure Huhn

Verlagswesen – wie Comics wirklich entstehen

Cover des Comics Verlagswesen von Annette Köhn.

Ich arbeite seit 1987 in der Buchbranche und bemerke erst jetzt die Doppeldeutigkeit von Verlagswesen!

Schon allein dafür hat es sich gelohnt, den Comic zu lesen, den sich Annette Köhn zum zehnjährigen Jubiläum ihres JaJa-Verlags gegönnt hat. Ihre Verlagswesen sind imaginäre Figuren, die ein wenig wie Strichmännchen-Marshmallows auf zwei Beinen aussehen. Sie begleiten uns durch den ganz normalen Verlagsalltag: Bestellungen abarbeiten, Rechnungen ablegen, Versandtaschen bestellen und Kaffeepausen machen.

Klingt wenig glamourös, oder? Kann das funktionieren – ein Comic, der über weite Strecken nur Routinearbeiten aus dem Büroalltag zeigt? In dem das Top-Ereignis das Eintreffen des Paketboten ist und in dem wir die Verlegerin auf die Toilette begleiten?

Es funktioniert wirklich!

Und das liegt eben an den Verlagswesen, die die Abläufe im Verlag ganz genau verstanden haben. Sie wissen, wie die Bürogemeinschaft, die in den Räumen des Comic-Verlags lebt und arbeitet, tickt. Zudem kennen sie ihre Chefin genau und lassen ihr das beruhigende, erdende Gefühl, das von Routinetätigkeiten ausgeht und sie direkt in Tagträumereien führt, aus denen dann wiederum neue Projekte entstehen.

Der Blick der Verlagswesen auf das Geschehen prägt den Comic, der kreative Prozesse sichtbar werden lässt und dabei spektakulär unspektakulär ist. Das macht Lust, sich tiefer mit dem Programm des JaJa-Verlags zu beschäftigen!


Infos zum Comic:

Annette Köhn

Verlagswesen

Jaja Verlag

Besprechungen im tip Berlin und bei Deutschlandfunk Kultur


Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog

Zarter Schmelz – Ralf Königs Hommage an Lucky Luke

Ralf Königs Hommage an Lucky Luke auf Französisch.

Du weißt, du bist in Frankreich, wenn eine Stadt in der Provinz mehr Comic-Läden hat als die gesamte Metropolregion Rhein-Neckar. Gerade im letzten Herbst in Arles erlebt.

Und du weißt, dass ein deutscher Comiczeichner etwas ganz, ganz Besonderes ist, wenn sein neues Werk im Stapel in der FNAC ausliegt, direkt neben Isnogud.

Und der absolute Ritterschlag ist es wohl, wenn ein deutscher Zeichner eine Folge eines Comic-Klassikers übertragen bekommt – so wie Flix mit Spirou in Berlin und Ralf König mit seiner Hommage Lucky Luke – Zarter Schmelz.

Vielleicht war das der Moment, in dem ich begriff, dass Ralf König mehr ist als der Comic-Künstler, mit dem ich wie so viele in meiner Generation lernte, Schwule zu verstehen.

Und auch mehr als „der wohl berühmteste Schwulencomiczeichner der Welt“, wie ihn die SZ titulierte. Sie wurden mit seinem Comic nicht recht warm (ja, ich zahl schon in die Schlechte-Wortwitz-Kasse ein). Ich hingegen habe einen vergnüglichen Abend mit kleinen, behaarten Cowboys und sehr, sehr vielen Anspielungen auf der Couch verbracht.

Nur eines wundert mich: Wie konnten eigentlich die meisten Rezensenten in der großen Presse zwar auf die lila Kühe und das Wortspiel Bareback Mountain eingehen, den fulminanten Auftritt von Calamity Jane jedoch übersehen? Denn gerade diese Figur zeigt, warum Ralf König so viel mehr ist als der Typ, der aus ganz eigenen Gründen so gerne behaarte Männer mit Knubbelnasen zeichnet …


Der Cowboy-Mythos lebt: Ralf Königs Hommage an Lucky Luke. Und ein Cowboy aus den 80er Jahren auf einem APA-Guide Reiseführer über die Rocky Mountains.

Angaben zum Comic:

Zarter Schmelz.
Eine Hommage an Lucky Luke von Ralf König.


Ehapa Verlag


Lust auf Comics? Hier findet ihr meine Tipps!

Was wäre, wenn die Architektur ein Geheimnis verbirgt?

Graphic Novel von Lucas Harari über die Therme von Vals von Peter Zumthor

Wenn ich jetzt schreibe, dass die Graphic Novel „Der Magnet“ von Lucas Harari ein Thriller ist, verrate ich schon fast zu viel. Andererseits hilft diese Schubladisierung dem Leser auch nicht weiter, da sie das Geheimnis der Geschichte nicht umfassend beschreibt. Also kann ich das erstens hier stehen lassen und zweitens einen neuen Ansatz suchen.

„Der Magnet“ von Lucas Harari ist eine genauso minimalistische wie atmosphärisch dichte Graphic Novel für Menschen, die bereit sind, sich ganz und gar auf einen Ort einzulassen. Die wissen, dass der Boden, auf dem ihr Haus steht, eine Geschichte hat. Die sich fragen, was Mauern schon alles erlebt haben, und die bereit sind, ihnen zuzuhören.

Also was nun? Mystery-Thriller oder spirituell-sinnliches Erlebnis? Beides. Auf jeden Fall mehr als nur eine Hommage an die beeindruckende Architektur der Therme von Vals, entworfen von Peter Zumthor. Ich wollte da mal hin. Alleine die Schweizer Preise ….

Aber jetzt weiß ich nicht mehr so genau, ob ich bereit wäre, einen Tag in der Therme zu verbringen. Es wird eine Weile dauern, bis ich diese Geschichte losgelassen habe. Was wäre, wenn sich auch bei mir die Mauern bewegen würden? Sind die 100 Jahre schon wieder um? Würde ich den Schlund des Berges spüren? Will ich es wirklich wissen?

Ich glaube, nein. Statt in das Wasser der Therme von Vals tauche ich lieber noch einmal in diese Graphic Novel ein. Und noch einmal. Und …

Und wann wird schon mal ein Comic auf einem Architektur-Blog besprochen?

Infos zum Comic:

Lucas Harari

Der Magnet
aus dem Französischen von Christoph Schuler
handgelettert von Michael Hau

Edition Moderne

Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog.

Ein Comic zum immer wieder lesen: Das verrückte Unkraut

Comic: Lewis Trondheim. Die neuen Abenteuer von Herrn Hase. Band 2 - Das verrückte Unkraut.

Warum eigentlich lese ich Romane immer nur einmal, Comics aber gerne mehrmals? Zu „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut.“ habe ich in vergangenen Winter gleich mehrmals gegriffen. Und jetzt, zu Corona-Zeiten, passt die postapokalyptische Story, in der Herr Hase immer wieder in eine von Pflanzen überwucherte Welt gerät und dort ums Überleben kämpft, sowieso perfekt.

Weil ich mich in den letzten Jahren erschreckend wenig um die Comic-Szene gekümmert habe, hatte ich gar nicht mitbekommen, dass Lewis Trondheim diese Story zuerst auf Instagram veröffentlicht hat. Jeden Tag ein Bild, keines davon mit Sprechblase oder einer anderen Form von Text. Als Comic-Buch ergibt das 368 Seiten.

Natürlich würde ich als neugierige Leserin gerne wissen, ob das alles so geplant war und inwieweit der Plot der Comicgeschichte vorher feststand. Aber andererseits ist das auch völlig schnurz, denn die Handlung bewegt sich traumsicher zwischen beklemmenden, dystopischen Momenten und skurrilen Pointen, die für ein erleichterndes Auflachen sorgen. Nur, um im nächsten Moment zwischen Action-Szenen und Alpträumen hin und her zu pendeln.

Jedes Mal, wenn ich im Comic lese, entdecke ich eine neue Nuance, einen neuen Zusammenhang. Je nach Stimmung spricht mich ein anderes Detail an. Das wäre dann wohl auch der Grund, warum ich Comics gerne mehrmals lese – aber warum ist das bei Romanen bei mir nicht so? Hat da jemand eine Idee?

Infos zum Comic:

Lewis Trondheim

Die neuen Abenteuer von Herrn Hase
Band 2: Das verrückte Unkraut

Reprodukt Verlag

Besprechungen findet ihr auch beim Antiheld und bei Die Zukunft. Comics, die mir gefallen haben, könnt ihr hier entdecken. Ganz besonders empfehle ich euch Adventure Huhn!


Genre-Wechsel: so ein verrücktes Unkraut ist natürlich auch eine Stadtwildpflanze!

Ein Ersatz für Konzerte, die ich nie sah: Bowie – als Comic

Comic von Laura Allred, Michael Allred und Steve Horton: „Bowie – Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume“

Das einzige Mal, dass ich Bowie live sah, kam er als Gentleman im Anzug daher. Die Bühnenpräsenz war beeindruckend und sein klug platziertes Lächeln strahlte bis zu mir ganz hinten, auf dem Hügel am anderen Ende des Festivalgeländes.

Trotzdem hätte ich ihn gerne einmal anders erlebt – nämlich so, wie in diesem Comic: Bowie – Sternenstaub, Strahlenkanone, Tagträume.

Laura Allred, Michael Allred und Steve Horton schwärmen von dem frühen David Bowie, dem schillernden Superhelden der Popkultur. Fast ein wenig schade, dass sie ihre Schwärmerei in ein lineares, chronologisches Erzählkonzept pressen. So wirkt diese Comic-Biografie manchmal wie ein atemloses Aufzählen von Stars und Künstler, die Bowie in der Zeit getroffen hat, in der er auch Ziggy Stardust war. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass es wirklich so war und Bowie Menschen und Inspiration geradezu inhalierte.

Genau das strahlen auch ein Teil der Bilder aus, ein schwebendes, rauschhaftes Eintauchen in alles, was Inspiration schenkt. Und all die gebündelte Inspiration mündet dann in eine Bühnenshow voller Energie und Kreativität – das tritt in den Panels, die Konzerte oder Songs zusammenfassen, wunderbar zutage. Als Comicleserin steht man dabei in der ersten Reihe und kann jedes Detail der Kostüme studieren und in Bowies berühmte Augen blicken – hach.

Doch die stärksten Seiten des Comics sind für mich die, die auf das eigentliche Ende der Geschichte von Ziggy Stardust folgen. Auf wenigen Seiten und ganz ohne Worte wird hier erzählt, wie Bowies Karriere weiter verlief. Das ist atemberaubend, traumhaft schön und verlässt den eher traditionellen Retro-Stil des Comics.

Infos zum Comic:

Laura Allred, Michael Allred und Steve Horton

Bowie – Sternenstaub, Strahlenkanone, Tagträume

Cross Cult

Rezensionen beim Deutschlandfunk und im Comic Report.

Was gut dazu passt: Iggy natürlich.