Eine Geschichte von Drachinnen und weiblicher Wut

Foto: when women were dragons. Das Buch liegt im blühenden Immergrün, was genau zum Cover passt

Frauen erleben einige Wandlungen in ihrem Leben. Erste Menstruation und Pubertät, Schwangerschaft und Mutterschaft, Wechseljahre und Menopause. Nicht immer fühlen sie sich gut darauf vorbereitet. Mal fehlt es an Infos, mal an Vorbildern oder an psychologischer Sicherheit.

Die Frauen in „When women were dragons“ kennen noch eine mögliche Verwandlung mehr. Manche von ihnen verwandeln sich in Drachen. Warum? Was passiert danach? Darüber wird genauso geschwiegen wie über Monatsblutungen, weibliche Sexualität und das Talent von Wissenschaftlerinnen. Denn wir befinden uns in den fiktiven USA der 50er Jahre. An einem Tag verwandeln sich schlagartig tausende Frauen in Drachinnen. Ihnen wachsen Schuppen, Krallen, Flügel. Sie werden zu groß für ihr gewohntes Leben und fliegen davon. Etliche von ihnen brennen noch ihre Häuser nieder und manch Ehemann gleich mit.

Doch darüber spricht man nicht. Wer es doch versucht, erlebt Repressionen. Die Mac Cathy Ära lässt grüßen. Die Versuche, das Gesellschaftssystem mit Lügen und Ausblenden von Fakten zu stabilisieren, reichen bis ins Privatleben.

Wir erleben die Geschichte aus der Sicht von Alex. Ihre Tante war beim großen Drachenwandeln dabei. Seitdem tut die Familie so, als sei deren Tochter Bea schon immer die Schwester von Alex gewesen. Während die beiden Mädchen gemeinsam aufwachsen, hört das Drachenwandeln in den USA einfach nicht auf. Doch etwas, worüber man nicht spricht, lässt sich auch nicht lösen.

Wenn Wut Flügel bekommt: Drachen als Spiegel der Gesellschaft

Kelly Barnhill zeigt mit „When women were dragons“ eindrücklich, was phantastische Literatur alles leisten kann. Gesellschaftskritik üben und Lösungen andenken. Aufzeigen, was im Patriarchat schief läuft, und zeigen, wie wir Veränderungen angehen können. Der weiblichen Wut eine Stimme geben und uns von Schwesternschaft träumen lassen.

Und doch kam mir ihr Roman nicht ganz rund vor. Fast so, als hätte ihre Idee „Was wäre, wenn Frauen sich in Drachinnen wandeln könnten?“ sich immer weiter verselbstständig. Als wäre ihr erst so nach und nach aufgefallen, was diese Grundannahme für den Weltenbau bedeutet. So scheint es erst, dass nur wütende Frauen sich wandeln. Erst später kommen pure Lebenslust, unterdrückte Sexualität und viele andere Gründe dazu. Irgendwann wird auch klar, dass nicht alle Drachinnen vorher als Frauen gelebt haben.
Es gibt zudem einige Gedankenfäden, die die Autorin nicht zu Ende spinnt, obwohl sie in manchen Kapiteln sehr präsent sind. Alte Mythen und Knotenmagie sind dafür ein Beispiel. Vielleicht ist es aber auch die doch sehr versöhnliche Schluss-Utopie, die meinen unrunden Eindruck verstärkt hat.

All das ändert nichts daran, dass„When women were dragons“ ein wichtiges Buch und ein Meilenstein der progressiven Phantastik. Zudem eines, zu dem auch Nicht-Fantasy-Leser*innen gut Zugang finden, da es nicht so magisch daher kommt, wie der Titel vermuten lässt. Die starke Idee, dass die Welt voller Drachinnen ist, begleitet mich seitdem. Damit bekam Female Rage für mich ein Gesicht – und es hat glitzernde Schuppen!


Infos zum Buch:

Kelly Barnhill

When Women Were Dragons
Unterdrückt, entfesselt, wiedergeboren

Übersetzerin: Isabelle Gore

Verlag Cross Cult

Zwei wunderbare Rezensionen bei Nerd mit Nadel und Booknapping


Fantasy und Feminismus – hier findet ihr mehr Buchempfehlungen auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin. Manche Bücher vereinen beides. So wie dieses: Silver Moon

Die Hexe und der Nerd: „Alle Vögel unter dem Himmel“ von Charlie Jane Anders

Buch: alle Vögel unter dem Himmel

Vielleicht sollte ich ein Leseprojekt starten und Near-Future-Romane lesen, die mindestens 10 Jahre alt sind. Bei „Alle Vögel unter dem Himmel“ war ich verblüfft, was sich alles vor gut 10 Jahren schon abgezeichnet hat. Es gibt einen Tech-Investor, der an Peter Thiel erinnert.* Er investiert in Firmen, die Techniken entwickeln, ausreichend Menschen auf einen anderen Planeten zu bringen. Nur so könne man das Beste, was die Erde hervorgebracht hat, retten. Manche der Nerds teilen die Vision, andere finden es einfach nur toll, coole Maschinen zu bauen und auch noch Geld dafür zu bekommen.

Vielleicht sollte ich aber auch mehr Bücher mit Hexen lesen. Die Vorstellung, dass es noch etwas anderes gibt als Tech-Begeisterung, tut mir gut. Die Idee, dass man sich nur mit den Tieren unterhalten muss, um zu universeller Weisheit zu gelangen, wird in dem Buch „Alle Vögel unter dem Himmel“ jedoch grandios auseinandergenommen. Bei diesem Roman darf man kein einfaches Gut-Böse-Schema erwarten!

Vielleicht sollte ich generell mehr Bücher lesen, die erzählen, dass ein „Ich weiß es nicht“ nicht nur die ehrlichste, sondern auch die beste Antwort sein kann. Denn dann tut sich hinter dem Nicht-Wissen eine Zukunft auf, die wirklich heilsam ist.

Ihr merkt: Ich hatte Spaß mit dem Erstling von Charlie Jane Anders. Allerdings läuft der Plott von „Alle Vögel unter dem Himmel“ nicht immer rund. Die Schulzeit der beiden Helden und ihre Mobbing-Erfahrungen nehmen für mich zum Beispiel zu viel Raum ein. Aber dass die Autorin aus ihrer Idee so viel mehr gemacht hat als „Hexe gegen Nerd, die außerdem noch ineinander verliebt sind“ rechne ich ihr hoch an!


Infos zum Buch:

Charlie Jane Anders
Übersetzt von Sophie Zeitz

Alle Vögel unter dem Himmel

Fischer Tor Verlag

Rezension auf dem Buch-Blog Phantastisch lesen – und ja, das Fazit teile ich!
Der Roman hat es auch auf die Empfehlungsliste „Genug Dystopien!“ von Golem geschafft


* Falls ihr sie noch nicht kennt: Hört euch die DLF Dokus Die Peter Thiel Story und Tech Bro Topia an!


Phantastische Literatur, die ich empfehlen kann: mehr Tipps auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin

Auch in diesem Roman werden Tech-Welten und Magie verbunden: Alif, der Unsichtbare

Der kleinste Schuber der progressiven Phantastik: die Schattenspiele-Trilogie

Passt in jede Hosentasche: die 3 Bände der Schattenspiele-Trilogie

Die Bücher der Schattenspiele-Trilogie – Mutterentität, im Schatten des Leviathans und Tee-Spione – sind gerade mal so groß wie meine Hand. Ein so unübliches Buchformat passt perfekt zur progressiven Phantastik, zum Verlag Ohne Ohren und zu den Autor*innen Christian und Judith Vogt, die Weltenbau und Protagonist*innen so konsequent neu denken.

Die Novellen – ich nenne es „Trilogiechen“ – weisen alle miteinander eine enorme Ideenverdichtung, ein hohes Erzähltempo und eine solche Menge an Plot-Twists auf, das jede Info zur Handlung ein Spoiler wäre, der den unvoreingenommenen Lesespaß schmälern würde. Deswegen lasse ich das bleiben und zitiere dafür meine Lieblingsrezensentin Eva, die im Blog-Magazin der Booknerds schreibt:

Erstaunlich ist dabei, wie viel an Atmosphäre, detailverliebter Beschreibung und Spannung Lesende in der hohen Ereignisdichte spendiert bekommen. Keiner der Charaktere bleibt blass, Schauplätze nehmen Gestalt und Farbe an. … Dazu geht die Novelle auf Themen wie Kolonialherrschaft, Ableismus, Queerness und individuelle Entscheidungsfreiheit ein und macht die Story dadurch reicher und schöner.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Es war eine gute Entscheidung, mir beim Crowdfunding zu Band 3, „Tee-Spione“, den kleinsten Schuber der Phantastik zu gönnen!


Der kleinste Schuber der progressiven Phantastik

Infos zu den Büchern:

Die Schattenspiele-Trilogie – Mutterentität, Im Schatten des Leviathans und Tee-Spione – von Christian und Judith Vogt gibt es beim Verlag ohneohren.


Lust auf progressive Phantastik bekommen? Ich empfehle Anarchie Deco:


Mit Fantasy-Büchern durch die Blog-Flaute

Manchmal verläuft lesen und bloggen asymmetrisch. Im Frühjahr hatte ich eine Blog-Flaute und habe kaum noch Beiträge veröffentlicht. Erst die Ermahnung der Leipziger Buchmesse hat mich wieder ins Tun gebracht: Leider erfüllt ihr Blog derzeit nicht unsere Kriterien für die Presse-Akkreditierung. Aber sie können das ändern!

Liebe Messe, danke für den Tritt in den Allerwertesten! Ihr habt mir damit etwas Gutes getan. Denn bloggen ist mein Stricken, ein Hobby, das mich entspannt. Wenn ich schreibe, bin ich ausgeglichener. Es hilft mir, mich und meine Gedanken zu sortieren.

Ich bin seitdem wieder »back on the blog«. Allerdings haben sich in der Zwischenzeit 31 Bücher angesammelt, über die ich noch nicht geschrieben habe. Zum Teil liegt die Lektüre mittlerweile so lange zurück, dass ich sie fast noch einmal lesen müsste, um eine ausführliche Rezension zu schreiben. Deswegen folgen jetzt Notizen zu vier Fantasy-Büchern, die ich während meiner Blog-Flaute gelesen habe!

Dreizehnfurcht von Wieland Freund

Dieses Buch hat mich in zweierlei Hinsicht fasziniert. Einmal die Art und Weise, wie Wieland Freund eine Phobie und ihre Auswirkungen beschreibt. Der Protagonist hat eine solche Angst vor der Zahl 13, dass er noch nicht mal als Paketbote arbeiten kann. Eine Lieferung an eine Hausnummer 13 wäre ihm nicht möglich. Klar, dass ausgerechnet er in einem verborgenem dreizehnten Bezirks Berlins landet. Dort ist die Zeit stehen geblieben. Denn so wie er Angst vor der Zahl 13 hat, herrscht dort Angst vor dem Fortschritt. Das Setting fand ich absolut faszinierend, die Verzahnung der Welten hingegen etwas unrund. Macht nichts, Wieland Freund gehört zu den Autoren, von denen ich einfach alles lesen möchte – hier meine Rezensionen zu seinem Jugendbuch »Krakonos« und zu den Kinderbüchern »Nemi und der Hehmann« und »Dreimal schwarzer Kater« auf meinen Buchkind-Blog, der der Blogflaute noch nicht entkommen ist.

Schildmaid. Das Lied der Skaldin – Judith und Christian Vogt

Auch von diesen beiden möchte ich einfach alles lesen. Mit Schildmaid tat ich mir jedoch etwas schwer. Das ist zum Großteil meinem unlogischen Leseverhalten geschuldet. Ich liebe Fantasy – und mag keine blutigen Schlachten und Action. Dieses Dilemma kann kein Autor*innen-Paar der Welt lösen.

Was ich hingegen sehr mag: progressive Phantastik und Figuren, die überraschen. Davon bietet die FLINTA-Mannschaft des Wikingerboots, die zu den Eisriesen segeln, um das Weltenende zu verhindern, mehr als genug. Für mich manchmal etwas zuviel: Endometriose, Neurodivergenz, Sorgearbeit – die vielen wichtigen und in der Fantasy zum Großteil noch nie erzählten Aspekte weiblichen Lebens gingen für mich zum Teil zu Lasten der Nahbarkeit der Figuren.

Mitternacht – Christoph Marzi

Es gibt London und es gibt eine Parallelwelt, eine Nebelstadt der Geister. Ein Missgeschick führt Nicholas James dorthin. Peter Chesterton, ein reisender Geist, nimmt sich seiner an. Das Findelgeistmädchen Agatha stiehlt sein Herz. Und natürlich gilt es, zwei Welten zu retten. Diesen Fantasy-Roman mit seiner Atmosphäre zwischen Dickens und Neil Gaiman, zwischen Märchen und Urban Fantasy, zwischen Gothic und All-Age-Abenteuer habe ich wirklich gerne gelesen. Wer sich über das Ende wundert, mag hier weiterlesen

Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit – Natasha Pulley

Bei diesem Buch tut es mir ganz besonders leid, dass ich es nicht ausführlicher würdige. Aber die Lektüre liegt jetzt so lange zurück, dass ich mich garantiert in den Zeitreisen und Verknüpfungen der Zeitebenen, in der Vermischung von historischen Fakten und Fantasy verheddern würde. Schon allein die Idee, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Frankreich England erobert hätte, ist ein großer, hirnakrobatischer Spaß. Einfach lesen und genießen!


Blog-Flaute, Lese-Flaute? Fantasy hilft! Meine Buchtipps

Liebe auf den dritten Blick: die Vampirkrimis von Tanya Huff. Oder warum Trends kleinen Verlagen das Genick brechen können

Die Romane Blutzoll und Blutspur von Tanya Huff, aufgenommen vor einer Keller-Bretterwand, von der die weiße FArbe abbröckelt.

Blutzoll, Blutspur – das sind Titelformulierungen, die nicht gerade meinem Beuteschema bei Büchern entsprechen. Urban Fantasy, trockener Humor, eine Privatdetektivin und Vampire hingegen schon! Trotzdem musste die Buchserie von Tanya Huff durch drei Verlage wechseln, bis ich sie endlich entdeckte. Und ich frage mich: Warum? Wie konnte ich so lange blind sein?

Was mich tröstet: Ich bin nicht alleine. Auch Eva Bergschneider vom mittlerweile leider eingestellten Buchblog Phantastisch lesen erging es so. Das schreibt sie über die Serienheldin Vicki Nelson:

Vicki brachte allerdings bereits Anfang der 90er Jahre Eigenschaften mit, die man heute mit Progressiver Phantastik assoziiert. Sie ist nicht nur eine coole und selbstbewusste Frau, sondern hat mit einer Sehbehinderung zu kämpfen und lebt offene Beziehungen. Beides wird in der Geschichte weder besonders betont, noch versteckt, sondern gehört ganz natürlich zu ihrem Leben. Viele der nachfolgenden Urban Fantasy Held:innen aus den frühen 2000er Jahren kamen weitaus konventioneller herüber.

Buchblog Phantastisch Lesen

Am besten lest ihr ihre Rezension zu Blutzoll, denn ich möchte hier eine ganz andere Geschichte erzählen: eine über das Büchermachen, über kleine Verlage und über einen Buchmarkt, der für sie so nicht funktioniert.

Von Feder & Schwert zu Lindwurm: Die Geschichte einer Fantasy-Serie in Deutschland

Eines ist fast noch schlimmer als die Tatsache, dass ich die Bücher von Tanya Huff so lange ignoriert habe: Kaum habe ich die ersten beiden Bände Blutzoll und Blutspur gelesen, wird die Neuveröffentlichung der Serie wieder eingestellt. An der Qualität liegt das sicherlich nicht. Die Luft für Bücher aus Klein(st)-Verlagen ist auf dem deutschen Buchmarkt sehr dünn geworden.

Gerade die Veröffentlichungsgeschichte der Blut-Linien-Serie ist ein gutes Symbol dafür. Es war der kleine Verlag Feder & Schwert, der auf Rollenspielbücher und Fantasy spezialisiert war, der die in den 90ern entstandene Buchserie nach Deutschland holte. Er veröffentlichte sie ab 2004 in deutscher Übersetzung. Dann verloren sie die Rechte an den Lyx-Verlag, der zu Bastei Lübbe gehört, einem Konzern. Mit dem Start der TV-Serie „Blood Ties“ brachte dieser die Bücher 2008 noch einmal heraus und erreichte deutlich mehr Leser*innen. Nun veröffentlichte der kleine Lindwurm-Verlag sie erneut unter dem Serientitel „Blut-Linien“ – und scheitert.

Die Verdrängung der Pioniere: Wie Konzernverlage Trends ausschlachten

2004 war Fantasy und insbesondere progressive Phantastik noch eine Nische. Die Buchauswahl auf dem deutschen Markt war überschaubar. Anders gesagt: sie passte zur Zahl der Fans, denn außerhalb der Szene wurde das Genre kaum beachtet. Dann begann die Zeit, in der ein Konzernverlag einen Trend nur zu riechen brauchte und ihn nachahmte. Der Buchmarkt wurde geflutet. Dadurch wurden durchaus neue Leser*innen erreicht. Phantastik wurde populärer. Doch in der Überproduktion gingen die kleinen Verlage unter.

Dieses Muster lässt sich nicht nur in der Belletristik und der Fantasy beobachten, sondern auch in anderen Warengruppen und Genres. Seien es vegane Kochbücher oder Ausmalbücher für Erwachsene: Es sind so gut wie immer die kleinen Verlage, die Bücher zu einem Trendthema haben, das gerade eben noch nicht im Mainstream angekommen ist. Wenn das Publikum eine gewisse Größe erreicht hat, profitiert der Indie-Verlag zunächst von seiner Aufbauarbeit. Doch dann springen die großen Verlage auf den Trend auf und fluten den Buchmarkt mit teuer gekauften Rechten und jeder Menge Lookalikes. Die Sichtbarkeit für die kleinen Verlage, die Trendsetter waren, nimmt ab.

Die unverzichtbare Rolle der Indie-Verlage für die Buchvielfalt – und ein Podcast-Tipp

Für Leser*innen wie mich sind Indie-Verlage von enormer Bedeutung. Sie sind der Garant für ein vielfältiges, abwechslungsreiches Buchangebot. Aber was können wir für sie tun? Strukturelle Verlagsförderung, verbesserter Marktzugang, mehr Etat für die Bibliotheken – welcher Hebel wirkt? Ich weiß es nicht. Doch allen, die mehr darüber wissen wollen, empfehle ich den Podcast „Beans and Books“. Victoria Hohmann und Andreas Vierheller unterhalten sich seit einem Jahr ganz ergebnisoffen mit Buchmenschen. Dabei ist ein Mosaik aus Stimmen und Ansichten entstanden. Ich empfinde die Gespräche als sehr bereichernd. Sie haben mein Verständnis für die Nöte und die Motivation der Buchschaffenden verbessert.

Happy End in Sicht? Nein, eher ein neuer Eisberg

Doch wie geht es nun weiter mit der Ermittlerin Vicki Nelson, dem Vampir Henry Fitzroy und mir? Ich werde versuchen, die fehlenden Bücher gebraucht zu bekommen. Das sollte kein Problem sein, denn der Markt für Second-Hand-Bücher ist gewachsen – genau wie die Anzahl der Öffentlichen Bücherschränke. Was gut für das ökologische Gewissen und ein Segen für die Stadtgesellschaft ist, verschärft die Probleme der Verlage weiter: Die Urheber*innen gehen leer aus – an diesen Büchern verdienen weder Autor*innen noch Verlage. Der Markt für neue Bücher wird zudem dadurch kleiner. Auch darüber wird meiner Meinung nach viel zu wenig diskutiert!

Öffentlicher Bücherschrank im Regen
Wir stehen im Regen, der Bücherschrank, der Buchmarkt und ich

Infos zu den Büchern von Tanya Huff:

Blutzoll – Band 1
Blutspur – Band 2

Lindwurm Verlag in der Bedey und Thoms Verlagsgruppe


Podcast Beans und Books
In Folge 10 war ich zu Gast. Wir sprachen über vieles (Einzelhandel, Buchblogs, VLB, Communities, Backlist, Neuerscheingsflut und Buch-Biotope) und hätten doch noch so viel mehr Themen gehabt!


Solidarisch Bücher kaufen – aber ich kann sie doch nicht alle retten!

Kondorkinder: Eine Reise durch Peru auf der Suche nach einem magischen Buch

Kondorkinder - Fantasy-Buch von Sabrina Železný

Zum Glück fängt die Geschichte mit dem Handlungsstrang an, der in der Vergangenheit in Peru spielt. Ein kleiner Junge, eine Frau mit einem Geheimnis. Berge, Götter, alte Mythen und das reale Leben der armen Bevölkerung. Zu Beginn kommt Kondorkinder als historischer Roman mit phantastischem Einschlag daher.

Cut, zweites Kapitel. Berlin in der Gegenwart. Eher New Adult als Phantastik. Ganz ehrlich: hätte das Buch so begonnen, wäre ich ausgestiegen. Wer wann mit wem welchen Streit hatte und wer wann warum etwas Verletztendes gesagt hat oder missverstanden wurde – ich möchte das nicht lesen. Das ist einfach nicht meine Romanwelt.

Doch zum Glück war das erste Kapitel so stark, dass ich weitergelesen habe. Und noch weiter. Und immer weiter. Denn das Buch entwickelt einen Sog. Irgendwann verschmelzen die beiden Handlungsstränge. Die Protagonisten verhalten sich deutlich erwachsener. Der historisch-phantastische Teil bekommt einen Twist – und ein sprechendes Alpaka! Ab da wollte ich Kondorkinder nicht mehr aus der Hand legen.

Belohnt wurde ich mit einem Abenteuerroman, der geschickt Deutschland und eine Schnitzeljagd durch Südamerika verzahnt. Der über das historische Peru erzählt, aber den Kolonialismus nicht ausklammert. In dem Götter und Göttinnen genauso das Leben bestimmen wie der mehr oder weniger gut funktionierender Fernverkehr. Der den Zauber eines weit entfernten Landes einfängt und trotzdem ganz ehrlich soziale Ungerechtigkeiten, Sexismus und Rassismus benennt. Und zudem ein Roman, der mit rund 550 Seiten dick genug ist, dass der Lesespaß lange anhält!


Angaben zum Buch:

Sabrina Železný
Kondorkinder

Ausgezeichnet mit Phantastikpreis der Stadt Wetzlar 2022

Art Skript Phantastik


Was es in diesem Fall noch zu sagen gibt: Der Art Skript Phantastik Verlag stellt seine Tätigkeit Ende 2024 ein. Mehr zur Situation unabhängiger Verlage in Deutschland erfahrt ihr in diesem Artikel bei TORonline: Phantastische Kleinverlage – Vom Aussterben bedroht?


Genau deswegen folgen hier noch ein paar Tipps für phantastische Bücher aus unabhängigen Kleinverlagen:

Mit der Hitze kam die Werwölfin: Silver Moon

Silver Moon
Taschenbuch
Autorin: Catherine Lundoff
Genre: Fantasy | Paranormal
Schlagwörter: Wechseljahre, Werwölfin

Was wäre, wenn die Energie der Hitzewallungen in den Wechseljahren etwas Unerwartetes mit sich bringen würde? Wenn die Hitze das Wilde, Ungezähmte hervorbrechen lässt? Wenn die hormonellen Veränderungen tatsächlich einen neuen Lebensabschnitt einleiten?

Becca Thornton, Heldin des Fantasy-Romans „Silver Moon“ von Catherine Lundoff, erlebt genau das. Weil ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hat und jetzt das Haus verkaufen will, muss sie sich neu im Leben orientieren. Doch als sie in einer Vollmondnacht das von einer Hitzewallung gerötete Gesicht mit kaltem Wasser kühlen will, sieht sie im Spiegel etwas, was sie irritiert: goldene Augen und Fell.

Was nun folgt, ist ein Fantasy-Roman der anderen Art, der mir viel Lesevergnügen geschenkt hat. Handwerklich gut geschrieben und bestens übersetzt kommt die Geschichte mit der für mich genau passende Mischung aus Trash, Action, Plot-Twists, Frechheiten und einer dezenten Liebesgeschichte daher. Von allem etwas – aber nichts zu viel.

In der Kleinstadt irgendwo draußen in der amerikanischen Provinz ist Becca nicht die einzige ihrer Art. Seit Urzeiten gibt es ein Werwölfinnen-Rudel, das das Tal bewacht. Jede von ihnen wurde erst durch die Wechseljahre verwandelt. Der Zusammenhalt der Wölfinnen ist ein Beispiel für gelebte Schwesternschaft. Dann gibt es noch Allies: junge Frauen, die hoffen, später selbst zur Werwölfin zu werden. Männer, die die Schutz-Arbeit des Rudels zu schätzen wissen und unterstützen. Natürlich gibt es auch Werwolf-Jäger, die fest daran glauben, dass die Verwandlung mit Umerziehung und Chemie heilbar ist. Kommt euch da etwas bekannt vor?

„Silver Moon“ ist ein lesbischer Fantasy-Liebesroman. Was mich direkt zu der Frage führt: Anscheinend lesen cis-Frauen häufiger Liebesgeschichten mit schwulen Protagonisten als mit lesbischen Heldinnen. Warum eigentlich – nur um endlich mal Jungs zu erleben, die Gefühle zeigen? Warum nicht lieber Geschichten von Frauen lesen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen?

Dieses Leseverhalten könnten wir ruhig mal ändern – „Silver Moon“ von Catherine Lundoff aus dem Ylva-Verlag ist für Fantasy- und Romantasy-Fans ein guter Einstieg!


Infos zum Buch:

Catherine Lundoff
Silver Moon

Übersetzt von Florian Kranz

Ylva Verlag – Sappho würde Lesbian Romance lesen
Leseprobe auf der Website des Verlags

Übrigens: Meine Rechtschreibkorrektur kennt nur Werwolf, nicht Werwölfin. Ich lass das jetzt mal unkommentiert!


Natürlich kann auch Fantasy mit schwulen Protagonisten großartig sein: Knochenblumen und Knochenasche

Die Abenteuer von Pina Parasol. Steampunk-Kurzgeschichten

Die Abenteuer von Pina Parasol. Buch mit Steampunk-Kurzgeschichten.

Kurze Geschichten für den kleinen Steampunk-Hunger zwischendurch: Genau dafür sind die Abenteuer von Pina Parasol optimal geeignet! Tino Falke hat ein pralles Universum erschaffen, das locker für einen fetten Roman langen würde – oder mehrere. Doch er macht Steampunk-Kurzgeschichten daraus. Heldin aller Folgen: Pina Parasol, professionelle Verliererin, die sich um Dinge kümmert, die nie wieder gefunden werden sollen. Sie ist schlagfertig bis vorlaut, mutig bis übermütig und hat selbst in der größten Bredouille einen Plan, der vielleicht auch nur auf Improvisationstalent fußt. Sie kommt weiter rum als Indiana Jones und Lara Croft zusammen und greift dabei nicht nur auf feinste Steampunk-Technik wie Flug-Lokomotiven, sondern auch auf Magie zurück. Doch vor allem hat sie ihr Herz am richtigen Fleck und lebt ihre Werte. Ganz nebenbei sind die Geschichten auf eine sehr lässige Art progressiv, queer und divers.

Wenn euch also der Winter zu grau ist oder euch eine Wahl-Familie lieber wäre als eure eigene, dann greift zu diesem Buch! Wenn ihr abends noch lesen wollt, aber grundsätzlich schneller einschlaft, als ihr in einen Roman finden würdet, dann greift zu diesen Kurzgeschichten! Und wenn ihr einfach locker unterhalten werden wollt, dann greift ebenfalls zu „Die Abenteuer von Pina Parasol“ von Tino Falke.


Infos zum Buch:

Tino Falke

Die Abenteuer von Pina Parasol

Verlag ohneohren


Dem Verlag ohneohren habe ich schon einmal eine Liebeserklärung gemacht: Knochenasche rottet nicht

Zoran Drvenkars „Licht und Schatten“: Ein Genre-Sprenger der Fantasy-Literatur

Was mich an den Büchern von Zoran Drvenkar fasziniert, ist klar: sein konsequentes Ignorieren aller ungeschriebenen Genre-Regeln. Genau das ist es auch, was es für mich so schwer macht, meine Leseeindrücke zu seinem Jugendroman „Licht und Schatten“ zu notieren. Wäre das Buch ein Getränk, dann ein Chai – schwer und würzig, süß und bitter zugleich und mit einem Duft, der mich aus dem Alltag holt.

Für einen Fantasy-Schmöker ist „Licht und Schatten“ zu sperrig. Immer dann, wenn dieses Gefühl von eintauchen und wohlfühlen entsteht, wehrt sich das Buch mit einer unerwarteten, rätselhaften Wendung. Für einen historischen, in Russland spielenden Roman ist zu viel frei erfunden. Für eine Coming-of-age-Story gibt es zu viel Phantastik und Schauermomente. Zu all diesen Genre-Elementen gesellen sich noch Familiendrama, Märchen und Sagen, ganz viel Abenteuerroman – und eine einzigartige poetische Sprache mit einem kraftvollen Klang.

Auch die Figuren sind einerseits magische, aus der Zeit gefallene Heldinnen und Helden. Andererseits sind sie so fein gezeichnet, dass wir Leser*innen mit unseren Alltagserfahrungen andocken können. Sie sind so übermenschlich groß und mystisch und zugleich vertraut menschlich-irrational. Sie bleiben auf Distanz und gehen uns ganz nahe.

So wie Solomon. Er zieht seine Tochter Vida, Heldin des Buches, alleine auf. Wann gibt es schon mal einen zutiefst feministischen, alleinerziehenden Vater in einem solchen Setting? Ein Vater, der seine Tochter stark machen möchte für das Leben und das Geheimnis, das sie erkunden muss? Der genau weiß, dass er sie in dem Moment, wenn sie zur Frau wird, verlieren wird – im übertragenen wie im realen Sinn. Sein Mädchen kann er noch verstehen und beschützen, als erwachsene Frau dann nicht mehr.

Jedes kleine Drama spiegelt sich in dieser Romanwelt im Großen wieder. Vom Alltag eines Kindes zum Kampf gegen Gut und Böse. Vom Abenteuer zu der Frage, was ein Menschenleben ausmacht.

Dieses Buch macht es Leser*innen nicht leicht. Deswegen liebe ich diese ehrliche Rezension dazu so sehr: „Leider habe ich das Buch die meiste Zeit über nicht verstanden“ auf dem Feder und Eselsohr-Buchblog. Diese Einschätzung ist jedoch genauso wahr: „Äußerst frisch konzipiert, und meilenweit von einem klassischen Jugendroman entfernt. Schlichtweg großartig!“ – Zwischen den Zeilen Blog.


Infos zum Buch:

Zoran Drvenkar
Licht und Schatten
Das Erwachen

Gulliver im Beltz und Gelberg Verlag


Was bestens dazu passt (und deutlich weniger Seiten hat): Krakonos

Hausaufgaben fressen Hund in Norwegen: The Stranger Times

Das Buch fotografiert mit leichtem Vintage Filter. Passend zum Cover an eine Flasche gelehnt.

C. K. McDonnell

The Stranger Times
Was, wenn die seltsamsten News die wirklich wahren wären
Roman
Band 1 der Reihe "The Stranger Times"
Übersetzt von André Mumot

Für dieses Buch habe ich zwei Anläufe gebraucht. Beim allerersten reinlesen in den schaurigen, skurrilen Fantasy-Krimi war mir das alles zu laut, zu schrill. Erst beim zweiten Mal passten meine Lesestimmung und der erste Band der „The Stranger Times“-Reihe besser zusammen.

Damit erging es mir so, wie jedem einzelnen Mitglied der Redaktion der namensgebenden Zeitschrift „The Stranger Times“, der wir so großartige Headlines wie „Hausaufgaben fressen Hund in Norwegen“ und „Hellseher-Tagung wegen vorhergesehener Umstände abgesagt“ verdanken. Vom jähzornigen Chefredakteur mit Alkoholproblem bis zur grummeligen Teenie-Praktikantin haben alle ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Job. Sie können aber auch nicht loslassen – genauso, wie ich vom Buch nicht loslassen konnte.

Die originellen, überzeichneten Charaktere, der tiefschwarze Humor und der manchmal heftig polternde Wortwitz zählen zu den Stärken des Buchs. Der Plot hingegen hat Schwächen. Kapitel für Kapitel werden die Figuren in Stellung gebracht. Bis dann auf den letzten Seiten sich wie von Zauberhand ein Kriminalfall mit ganz anderen Protagonisten ergibt, von denen vorher nie die Rede war, und sich damit ein völlig neuer Blick eröffnet auf das, was bisher geschah.

So blieb bei mir trotz einiger Lachanfälle beim Lesen ein schales Gefühl zurück. Der erste Band ist nicht das, was er verspricht, sondern mehr ein Prolog für eine Buch-Serie, bei der ich nicht sicher bin, ob ich sie weiterlesen will.


Infos zum Buch:

C. K. McDonnell

The Stranger Times
Was, wenn die seltsamsten News die wirklich wahren wären

Band 1 der Reihe „The Stranger Times“
Übersetzt von André Mumot

Eichborn im Bastei Lübbe Verlag

(Nebenbei bemerkt: Stranger Times passt zu dem Humor, den der Eichborn Verlag hatte, als er noch der Verlag mit der Fliege war)


Leser*innen, die dieses Buch mochten, gefällt vielleicht auch: Die 13. Hexe

Die Bücher, der Junge und – Leipzig!

Kai Meyer: Die Bücher, der Junge und die Nacht. Der Roman, der über weite Strecken in Leipzig spielt, wurde aufrecht stehend in einem alten Möbelstück fotografiert.

Ach Leipzig. Allein die Beschreibungen des Graphischen Viertels Leipzig sind für mich ein guter Grund, Kai Meyers „Die Bücher, der Junge und die Nacht“ zu lieben. Um 1930 gab es dort über 2000 Betriebe rund ums Buch: Druckereien, Buchbinder, Antiquariate und Buchhandlungen. Darunter Manufakturen und kleine Handwerksbetriebe, aber eben auch Produzenten von Massenware und Industriebetriebe. Menschen, die von der Liebe zum Buch angetrieben werden, genauso wie solche, für die Bücher ein Werkzeug der Propaganda sind.

Was mich zum zweiten Grund führt, das Buch von Kai Meyer ins Herz zu schließen: Es zeigt auf vielen Ebenen, was phantastische Literatur kann. Natürlich ermöglicht uns phantastische Literatur, in unbekannte Welten einzutauchen. Doch dass das nicht nur Flucht ist, sondern auch ein Weg, unsere Gegenwart besser zu verstehen, zeigt Kai Meyer eindrücklich. Er verbindet Phantastik mit Zeitgeschichte – und das gleich auf zwei Zeitebenen.

Wie konnte das passieren? Und warum hörte es nie auf?

Besonders im Gedächtnis bleiben wird mir das Leben im graphischen Viertel in Leipzig in den 30er Jahren. Hier gelingt es Kai Meyer, schon fast nebenbei zu erzählen, wie die Nationalsozialisten ihre Diktatur verwirklichen konnten. In der Hauptrolle „ganz normale Bürger“, die sich einen Vorteil erhoffen, und dafür bereit sind Herz, Hirn und Anstand in die Tonne zu treten. Dazwischen Menschen, die Herz, Hirn und Anstand nutzen, um sich der braunen Flut entgegenzustellen. Das machte mir beim Lesen die Kehle eng.

Das Gegenwicht zu diesem Erzählstrang bilden die 70er Jahre. Einerseits erleben wir hier Aufbruch und Befreiung der Frau und der Lebensentwürfe. Andererseits ist klar zu erkennen, dass die Entnazifizierung Deutschlands ein Mythos ist. Noch immer ziehen sowohl in West- als auch in Ost-Deutschland Männer und Frauen die Fäden, die schon während der Nazi-Diktatur durch strategische Schachzüge ihr Glück machen konnten.

Die Nacht hätte schwärzer sein können

Wer mehr zur Handlung und zu den Charakteren erfahren möchte, ist wie immer bei mir fehl am Platz. Ich möchte meine Lesenotizen – den nichts anderes ist mein Buchblog – noch um eine Beobachtung ergänzen: Ich frage mich, welches Ende Kai Meyer ursprünglich im Sinn hatte. Die Geschichte hätte auch anders ausgehen. Schauriger, düsterer, ritueller. Ich mag den jetzigen Schluss durchaus, aber er wirkt für mich Lektorats-getrieben „Nicht zu viele Leser*innen verschrecken“. All das hätte auch viel schwärzer enden können!


Infos zum Buch:

Kai Meyer
Die Bücher, der Junge und die Nacht

Droemer Knaur


Leipzig ist meine Lieblingsstadt:

Schauergeschichten selbst entwerfen leicht gemacht

Knochenblumen und eine Liebeserklärung an kleine Verlage

Die Dilogie von Eleanor Bardilac Knochenblumen welken nicht und Knochenasche rottet nicht. Die Bücher liegen auf schwarzen Schottersteinen

Stell dir vor, du bist ein Teenie mit einem einzigartigen Talent. Nein, nicht die Sorte Talent, von der wir alle mit 16 überzeugt haben, dass wir (und nur wir) diese Begabung haben. Sondern etwas wirklich gewaltig Großes: Magie. Die aber in der Gesellschaft, in der du lebst, nicht anerkannt ist. Weswegen dich deine Eltern mit Medikamenten herunter dämpfen, so dass du nie die Chance hattest, die zu sein, die du bist.

Wem jetzt der Begriff neurodivergent im Kopfkino erscheint, liegt nicht ganz falsch. Aber: Das ist bei weitem nicht das einzige Thema, das Eleanor Bardilac in ihrer Dilogie „Knochenblumen welken nicht“ und „Knochenasche rottet nicht“ behandelt. Ihr Debüt ist ein Urban-Fantasy-Gothic-Coming-of-age-Krimi-Bastard. Eine Straßenkötermischung, die ich trotz aller Verhaltensseltsamkeiten ins Herz schließen musste.

Im ersten Band erleben wir ein Gewächshaus voller magischer Pflanzen, einen kleinen Affen, der aus moosbewachsen Knochen besteht und doch sehr lebendig ist. Eine zarte, unerfüllte Liebe zwischen einem über 400 Jahre alten Nekromanten und einem knochentrockenen Beamten, der sich mehr vom Leben erhofft hatte. Ehrgeizige Frauen und non-binäre Personen voll ungezügelter Magie. Und eben einen Teenie auf kaltem Entzug. All das in einer Stadt, die ihre besten Zeiten so sehr hinter sich hat, dass jede*r sich fragt: Gibt es für mich hier überhaupt einen passenden Platz?

Im zweiten Teil wechseln wir in ein ganz anderes Land. Hinein in eine Gesellschaft, die so viel weiter entwickelt scheint, und doch ihre Begrenzungen hat: Die Grenze läuft zwischen Menschen, die wie unser Teenie Magie anwenden können, und den anderen, die sich hier als Underdogs fühlen.

Wie viel Weltenbau passt auf gut 300 Seiten? Und die Autorin so: Ich verstehe die Frage nicht? Das ist so prall ausgedacht – sprechende Straßenschilder, magische Häuser, fliegende Teppiche und eine High-Fantasy-Herrscherdynastie – und findet trotzdem Raum für junge und alte Lieben, für traditionelle Beziehungen und ganz andere. Sogar für den Zauber, der von Korsetts ausgeht, und für Betrachtungen zu Mode und Selbstwert ist noch Platz.

Mir scheint, dass sich Eleanor Bardilac dachte: Wenn mich jemand Bücher in einem Verlag veröffentlichen lässt, dann nutze ich meine Chance und fabuliere über alles, was ich schon immer mal in einem Buch lesen wollte. Was bei mir als Leserin nur eine Reaktion auslöste: Ich will mehr davon!

Aber die Buchbranche hat ihre eigenen Regeln. Diese Buchveröffentlichung entwickelte sich sehr eigenwillig. Genau wie bei Laylayland von J. C Voigt wurde der erste Band bei Knaur Fantasy veröffentlicht. Doch auch in diesem Fall erschien die Fortsetzung in einem neuen Zuhause: ohneohren Verlag.

Weswegen ich noch einmal klar und deutlich darauf hinweisen möchte: Wer Bücher liebt, braucht kleine Verlage – ohne sie wäre alles doof!


Bibliographische Angaben:

Eleanor Bardilac

Knochenblumen welken nicht – Band 1
Knochenasche rottet nicht – Band 2


Dazu passt natürlich bestens die Dilogie, die ein ähnliches Buchveröffentlichungs-Schicksal erlebte:
Wasteland & Laylayland von J.C. Vogt