Jenseits der Lehrmeinung: der Heiler und die Bienen

Edgar Zimmermann: Der Heiler und die Bienen. Eine wahre Geschichte.

Es ist ein bisschen so, als würde man mit dem Heiler und Imker Edgar Zimmermann am Küchentisch sitzen und ihm zuhören. Er erzählt, lamentiert, grummelt, schmunzelt und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Am Ende hat er alles gesagt, was er sagen wollte, doch der Weg dahin ist eigen.

Zu erzählen hat er viel. Wie es sich anfühlt, als Kind seine Gabe zu entdecken, und sich dann autodidaktisch zum Heiler auszubilden. Was für ihn Heilen bedeutet und warum der Klient immer mitarbeiten muss. Wie er das Rutengehen und das Pendeln für sich entdeckte. Über den Charakter von Landschaften und sein Interesse an der Geomantie.

Doch am meisten fasziniert hat mich in „Der Heiler und die Bienen“ das lange Kapitel über die Imkerei. Jetzt verstehe ich mehr davon, wie ein Bienenschwarm lebt und agiert, und wie sehr ein Imker in ihr Leben eingreift. Im optimalen Fall profitieren beide Seiten davon. In anderen Fällen ähnelt Imkerei der konventionellen Milchvieh-Haltung, bei der die Kälber von der Mutter getrennt aufwachsen.

Am spannendsten fand ich seine Beobachtungen zur Varroamilbe, die sich zum Großteil in den Waben der Bienen befindet und sich dort vermehrt. Wenn ein Bienenvolk schwärmt, wird der Vermehrungszyklus der Milbe unterbrochen. Doch durch Zucht sind Bienenvölker entstanden, die seltener schwärmen. Und auch sonst lassen sich Imker allerlei einfallen, um das Schwärmen zu unterbinden. Möglicherweise schaffen sie damit optimale Brutbedingungen für den Bienenschädling.

Ich bezweifel, dass das eine allgemein gültige Lehrmeinung ist. Das würde mich bei einem Querdenker* wie Edgar Zimmermann überraschen. Doch gerade durch seine Querdenkerei* entwickelt das Buch einen eigenen, spröden Charme.

Wer ein gut durchkomponiertes Sachbuch erwartet, sollte die Finger von „Der Heiler und die Bienen“ lassen. Wer aber Spaß an Own-Voice-Erzählungen hat, wird die Lektüre nicht bereuen!

Infos zum Buch:

Edgar Zimmermann
Co-Autorin Andrea Michaelis

Der Heiler und die Bienen
Eine wahre Geschichte


Freya Verlag
Leseprobe & Blick ins Buch

Im Freya Verlag ist übrigens auch das einzige Buch zu Waldbaden erschienen, das mich überzeugt hat.

*so ändern sich die Zeiten. Als der Blog-Beitrag online ging, war Querdenker noch ein ganz normaler Begriff. Nur ein paar Monate später würde ich eher den Begriff „Original“ verwenden.

Einmal quer durch die Stadt: Leipzig zum Lesen

Leipzig zum Verweilen. Mit Geschichten die Stadt entdecken. Reclam Verlag.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Reise-Anthologien. Aber Leipzig ist nun mal meine Lieblingsstadt und das machte den Reclam-Band „Leipzig zum Verweilen“ für mich zur Pflichtlektüre.

Ich habe es nicht bereut!

Der literarische Streifzug durch Leipzig bietet einen äußerst facettenreichen Blick auf die Stadt, die so viel mehr zu bieten hat als nur Auerbachs Keller, Thomas-Kirche und Völkerschlachtdenkmal. Herausgeberin Marianne Eppelt bewundert mit uns den Leipziger Hauptbahnhof, führt uns durch das Graphische Viertel, lädt zum Bummeln am Karl-Heine-Kanal ein, radelt an den Cospudener See und trinkt mit uns Gose am Schillerhaus. Sie zeigt uns das Leipzig von Felix Mendelssohn Bartholdy und lässt uns mit einem Text von Kathrin Wildenberger an einer Montagsdemo teilnehmen. Mit Egon Erwin Kisch blicken wir in die Kammer der verbotenen Schriften in der Deutschen Nationalbibliothek, mit Erich Loest in die Runde Ecke und das Innere der Stasi und mit Bettina Wilpert in die Polizeidirektion, wie sie heute ist. Jedem Text hat Marianne Eppelt ein kluges Vorwort spendiert, das mit historischen und literarischen Fakten und atmosphärischen Beschreibungen Reiselust weckt.

Das gelingt ihr so gut, dass ich schon wieder Reisepläne schmiede – dabei war ich ja trotz ausgefallener Leipziger Buchmesse im März bereits in meiner Lieblingsstadt!

Infos zum Buch:

Marianne Eppelt – Herausgeberin
Katinka Reinke – Gestaltung

Leipzig zum Verweilen

Reclam Verlag


Noch mehr über Leipzig auf meinem Buch-Blog:

Anarchistische Entdeckungen oder auch: gute Gründe, die Buchmesse Leipzig zu lieben!

Kurz, kürzer, SF: Micro Science Fiction

Micro Science Fiction. ie Micro Sci-Fi-Geschichten von O. Westin bestehen nur aus wenigen Sätzen und kurzen Dialogen. Er veröffentlicht sie seit 2013 auf Twitter. Birthe Mühlhoff hat aus über 1.000 Geschichten mehr als 350 ausgewählt und ins Deutsche übersetzt.

In ganz seltenen Fällen wäre ich gern mal einen Tag lang Gast im Gehirn eines Autors. Einfach nur um herauszufinden, wie jemand denkt, der sich so etwas wie 200 Zeichen lange Kürzest-Science-Fiction, die alle noch einen Plot-Twist enthalten, ausdenkt. Also so jemand wie O. Westin.

Zum Vergleich: Diese Einleitung für meinen Blog-Beitrag hat bereits 281 Zeichen. Sie ist damit deutlich länger als jede Geschichte aus dem Buch „Micro Science Fiction“. Und, da bin ich realistisch, sie enthält auch deutlich weniger Aliens, KIs, Zeitreisen und Spannung.

„Haben Sie einen Dextrodim Franger vom Typ R1 für meine Zeitmaschine?“ „Führen wir hier nicht. Das sage ich Ihnen jeden Tag, seit einem Monat“. „Nein, das haben Sie mir noch nie gesagt“.

Micro Science Fiction vom 17/07/2013
Seite 13

Ihr seht mich staunend und voller Ehrfurcht. Einmal, vor der Kreativität des Autors. Dann vor der Leistung der Übersetzerin Birte Mühlhoff, die es geschafft hat, die Kürze des englischen Originals beizubehalten. Und außerdem vor der Verlegerin Nikola Richter, die nicht nur erkannt hat, dass die Micro Sci-Fi-Geschichten verdammt cool sind, sondern auch beschlossen hat, dass sie das Twitter-Universum verlassen können und müssen.

Das funktioniert als Buch so gut, dass es mich aus einer Leseflaute geholt hat. An Abenden, an denen ich so müde und unkonzentriert war, dass an längeres Lesen nicht zu denken war, habe ich zu diesem Büchlein gegriffen und mich bestens amüsiert!

Infos zum Buch:

O. Westin
Micro Science Fiction

Übersetzt von Birte Mühlhoff

mikrotext

Micro Science Fiction auf Twitter:

Ebenfalls bei mikrotext erschienen und äußerst empfehlenswert: Als Weltbürger zu Hause in Sachsen – hier meine Rezension.

Leben in der Optimalwohlökonomie: Science Fiction von Theresa Hannig

Warum eigentlich habe ich schon so lange keinen Science-Fiction mehr gelesen?

Theresa Hannigs Zweiteiler „Die Optimierer“ und „Die Unvollkommenen“ waren für mich auf jeden Fall der perfekte Einstieg, um mich dem Genre wieder zu nähern.

Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2052 in der Bundesrepublik Europa, einer Insel im Weltgeschehen. Hier geht es den Bürgern gut, denn es ist genug für alle da – aber nur, wenn jeder sich an die Regeln hält. Optimalwohlökonomie nennt sich das Konzept, das auf nachhaltiger Wirtschaft und totaler Überwachung basiert.

Es ist eine unglaublich gut durchdachte Welt, die Theresa Hannig gebaut hat. Eine Welt, die auf erschreckende Art auf unserer basiert. Von Fleischverbot bis Abschaffung des Individualverkehrs kommt uns vieles bekannt vor. Nur, dass es ganz leicht ins alptraumhafte verdreht wird.

Wer mehr zur Handlung erfahren möchte, dem empfehle ich die Buchbesprechung im Standard, der ich weitestgehend zustimme. Während sich der erste Band rasant in einem Rutsch durchlesen ließ, hat mir der zweite Teil Geduld abverlangt. Doch nur ungern würde ich auf ihn verzichten, denn die Auflösungen, die sich die Autorin ausgedacht hat, haben es in sich. Feiner Plot, gut ausgeklügeltes Gesellschaftssystem und eine unglaublich detailliert ausgearbeitete Welt, dazu mehr als einen Anschubser, unser aktuelles Weltgeschehen zu hinterfragen – ein intelligentes Lesevergnügen!


Infos zu den Büchern:

Theresa Hannig

Die Optimierer
Die Unvollkommenen

Bastei Lübbe

Auf die Autorin bin ich übrigens bei der Aktion „Wir lesen Frauen“ aufmerksam geworden und habe dann prompt beide Bücher im Neujahrskalender gewonnen. Herzlichen Dank – das war ein gelungener Start in das Jahr! Hier findet ihr Theresa Hannigs Gedanken zu Feminismus und Ananassaft.


Mittlerweile zählt Theresa Hannig zu den wenigen Autorinnen, von denen ich einfach alles lesen will. Zu diesen beiden Büchern von ihr gibt es Rezensionen hier auf meinem Buch-Blog Geschichten-Agentin:


Was gut dazu passt: Kurzgeschichten von Pippa Goldschmidt – Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen.

Träume deuten – intuitiv und doch systematisch

Ratgeber Träume deuten lernen."Durch visuelle Traumdeutung sich selbst besser verstehen:.

Ich träume intensiv, kann mich gut an meine Träume erinnern und habe ein für mich funktionierendes System entwickelt, meinen Träumen eine Bedeutung zu entlocken. Trotzdem greife ich alle paar Jahre zu einem Traumdeutungsbuch und schaue, ob es neue Ideen enthält, die ich in meinen Umgang mit Träumen integrieren kann. In „Träume deuten und sich selbst verstehen“ bin ich fündig geworden.

Was mir an dem Buch richtig gut gefällt, ist die systematische Herangehensweise. Noch bevor man sich den Bildern des Traums und ihrer Bedeutung zuwendet, schafft man sich mit Hilfe weniger Fragen einen Deutungsrahmen.

  • Wo bin ich im Traum und wer kommt alles darin vor?
  • Wie fühle ich mich – psychisch und körperlich?
  • Was hatte ich in den Tagen vor dem Traum erlebt – gibt es da einen Anknüpfungspunkt?

Insbesondere die sich daran anschließende letzte Frage „Können sie den Traum weiterträumen?“ finde ich hilfreich. Ich führe gerne Träume nach dem Aufwachen noch im Halbschlaf zu einem guten Ende. Gerade bei beunruhigenden Träumen ist das sehr heilsam.

Erst danach wendet sich die Autorin den Traummotiven und –bildern zu. Fliegen, fallen, ertrinken. Häuser, Bäume, Brücken. Reptilien, Pferde, Haustiere. Eine reichhaltige Auswahl an Traumszenarien mit Anregungen, wie sie möglicherweise zu deuten können. Das ist angenehm weit entfernt von Deutungen älterer Traumsymbol-Lexika, in denen eindeutig vorgegeben wird, was ein ausfallender Zahn zu bedeuten hat (und wehe, der Träumer hält sich nicht daran!).

Doch mit diesem Kapitel ergeht es mir wie mit fast allen Traumdeutungsbüchern: Ich träume anders. Häuser brennen bei mir nicht, sondern erleiden einen Wasserrohrbruch – gerne auch auf dem Dachboden. Trotzdem gibt mir die Vielfalt an Traumbildern Inspiration, meine eigenen Träume zu deuten.

Was mir jedoch gar nicht an dem Buch gefällt, ist das Einleitungskapitel. Einmal, weil es sprachlich doch sehr holpert. „Griechen und Römer standen vor allem auf Vorzeichen und Omen.“ – so eine Formulierung passt nicht zum sonstigen Sprachstil. Und dann empfinde ich vieles als methodisch unsauber. Forschungsergebnisse werden zitiert ohne Quellenangaben. Die psychologische Traumdeutung eines Sigmund Freunds steht gleichwertig neben der visionären Traumdeutung des schlafenden Propheten Edgar Cayce. Da verschenkt das Buch in meinen Augen Kompetenz.

Was mir wiederum sehr gut gefällt, ist die Gestaltung des Buches – bildreich und frei von Stockfotos! Die Zeichnungen geben die Stimmungen der Träume ganz wunderbar wieder.

Angaben zum Buch:

Rosie March-Smith
Träume deuten und sich selbst verstehen
Dorling Kindersley

Buchvorstellung bei Deutschlandfunk Kultur

Mich erinnert das direkt an diese traumhafte Ausstellung: Auf der anderen Seite.

Adventure Huhn – Comic-Tipp

Adventure Huhn und die Raupe Susan. Comic von Franziska Ruflair

Man muss die beiden einfach lieben: das hyperaktive und naive Adventure Huhn und seine unfreiwillige Weggefährtin, die depressiv-nörgelige Raupe Susan.

Gemeinsam erleben sie ein Abenteuer, das uns einmal quer durch Fantasy-Welt führt. Schlachten und Prinzessinnen, Rätsel und Intrigen. An jeder Wegbiegung stellt sich die Frage, welcher Plot-Twist diesmal auf uns wartet. Rollenspieler kennen das und fühlen sich gleich zuhause. Gelegenheits-Fantasy-Leserinnen wie ich lieben die Geschichte, weil sie so herrlich mit Genre-Klischees spielt. Alle Zyniker werden Susan und ihre trockenen Kommentare ins Herz schließen. Kurz: Es gibt keinen Grund, diesen Comic nicht zu lesen!

Infos zum Comic:

Franziska Ruflair
Adventure Huhn

Avant Verlag

Mehr zu Geschichte und Probeseiten bei der Comic-Bloggerin meines Vertrauens: Booknapping

Freut euch auf Trolle, Prinzessinnen, Zwerge, Drachen, Kunstausstellungen und eine echt gute Message in Sachen Freundschaft, Body Positivity und – ja, auch Diversität. Yeah.

Booknapping über Adventure Huhn

Und wer jetzt Lust auf Comics bekommen hat – wie wäre es mit einem Re-read von Clever & Smart?

Relativ real: was sehen wir wirklich?

Sachbuch. Relativ real
Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat.

Alles Maya sagten schon die alten Inder: Die Welt ist eine Täuschung. Donald D. Hoffman ist kein alter Inder, sondern Kognitionspsychologe. Er forscht darüber, wie sich unsere Wahrnehmung entwickelt hat. Dafür nutzt er mathematische Modelle und neuropsychologische Experimente, über die er gerne und ausführlich schreibt.

Genau das machte das Buch für mich schwierig: Ich bin nicht so sehr an seitenlangen Versuchsbeschreibungen interessiert. Mir würde es genügen, kurz und knackig zu erfahren, was er wissen wollte, und wie er es herausfinden wollte.

Auch der Briefwechsel mit Francis Crick, den er als junger Forscher führte, mag zwar für ihn ein Meilenstein seines Wissenschaftlerlebens gewesen sein – der Erkenntnisgewinn für mich als Leserin steht in keinem Verhältnis zur Seitenzahl, auf der er diese Episode ausbreitet.

Zum Buch gegriffen habe ich, weil mich fasziniert, wie Tiere die Welt sehen. Zum Beispiel Fliegen: anderes Farbspektrum, andere Blickwinkel, andere Details. Aber welche Welt ist nun wirklich die Welt da draußen – die, die Fliege sieht, oder die, die ich sehe?

Donald D. Hoffman nähert sich dieser Frage in „Relativ real“ auf anderen Wegen und kommt zu dem Schluss: Das, was wir sehen, ist nicht die Welt. Wenn ich in meinem Wohnzimmer eine gemütliche Couch mit Kuscheldecke erblicke, sehe ich vor allem ein Icon für „sicherer Platz, um zu entspannen“. Es gibt aus seiner Sicht keine Garantie, dass da tatsächlich eine Couch steht.

Wir sehen dass, was uns in der Evolution einen Fitness-Vorteil versprochen hat. Wenn wir eine rote Erdbeere sehen, dann ist sie eben nicht wirklich rot und erdbeerförmig, sondern ein Signal „Hier, Fructose, lecker, gesund. Iss dass und erzeuge gesunde Nachkommen.“

Da ich ungefähr ab der Mitte des Buches nur noch quer gelesen habe, mögen mir Erkenntnisse entgangen sein. Dann freue ich mich über Kommentare – denn eigentlich finde ich das Thema „Was können wir wirklich über die Welt und die Wahrheit wiesen?“ hochspannend!

Infos zum Sachbuch:

Donald D. Hoffman
Relativ real
Warum wir die Wirklichkeit nicht erfassen können und wie die Evolution unsere Wahrnehmung geformt hat

DTV


Nach dieser Lektüre empfehle ich zum Ausgleich „Das Prinzip der Mühelosigkeit“.

Handbuch des Räucherns: Kräuter, Wurzeln, Rinden und Harze

 Handbuch des Räucherns - 
Räucherwissen von A–Z

Von A wie Ahorn bis Z wie Zimt: Räuchern lässt sich fast alles.

Das „Handbuch des Räucherns“ ist eine Einladung zum Experimentieren mit frischen und getrockneten Kräuter, Rinden, Harze und Wurzeln. Alles, was wir brauchen, ist eine wirklich minimale Ausrüstung. Eine Schale mit Vogelsand und Räucherkohle. Oder ein Teelicht-Glas mit einem Sieb darüber. Dazu Neugier, Muse und einen offenen Geist.

Genau das war die Überraschung an dem Buch von Daniela Dettling: wie viel Raum der Mensch einnimmt. Ihr Buch ist mehr als ein Nachschlagewerk der heimischen Räucherpflanzen. Es ist eine Einladung, die Welt auf mehreren Ebenen zu entdecken. Die handfeste Welt der Aromen und der ätherischen Öle und die feinstoffliche Welt der Wirkungen von Düften, die Wissenschaftler nicht beschreiben können. Unser Alltag, in dem wir versuchen „Me-Time“ und „Selfcare“ einzubauen, und die immer gültigen Abläufen der Natur, die Menschen schon seit Jahrtausenden mit Jahreszeitenfesten begehen. Das, was wir in Worte fassen können, mit dem, von dem wir ahnen, dass es außerdem noch existiert.

Damit ist das „Handbuch des Räucherns“ eine Brücke zwischen dem, was ganz begreiflich ist, und dem, was wir sonst noch entdecken könnten, wenn wir denn genug Neugier und einen offenen Geist mitbringen. Ein praxisnaher Ratgeber, der Ausgangspunkt für weitere Erkundungen sein kann, aber nicht muss. Gefällt mir gut!

Angaben zum Buch:

Daniela Dettling
Handbuch des Räucherns
Kräuter – Wurzeln – Rinde – Harze

Freya Verlag

Mehr Bücher zum Thema Räuchern mit Kräutern und Harzen findet ihr hier auf meinem Blog.

Aromatherapie – pflegen & heilen mit ätherischen Ölen

Alles drin. So könnte ich meinen Eindruck von dem Buch „Aromatherapie für Frauen“ zusammenfassen.

Das Standardwerk beginnt mit einer kompetenten, fachlichen Einführung in das Universum der Düfte, Aromen und ätherischen Öle. Dabei geht es immer ganz konkret um die Frage, wie und warum ätherische Öle wirken. Dafür werden durchaus mal Begriffe wie 1-p-Menthen-8-Thiol verwendet, denn das ist der Stoff, der im Grapefruit-Öl die stimmungsaufhellende Wirkung verstärkt. Doch trotzdem ist das Buch kein schwieriges Fachbuch: Trotz aller Ausflüge in die Chemie und Medizin ist es stets gut lesbar.

Der eigentliche Schatz sind jedoch die über 250 Rezepte für Heil- und Pflegeprodukte. Wer Naturkosmetik selbst herstellen möchte, findet in diesem Ratgeber erprobte Anleitungen für Cremes, Deos, Shampoo und Zahnpasta. Sogar an ein Mittel zur Glättung von Narben haben die Autorinnen gedacht.

Doch ätherische Öle können mehr als nur pflegen – sie sind Begleiter in allen Lebenslagen von Pubertät bis Wechseljahre und Alter. Zudem können sie uns im Kampf gegen Viren und Bakterien unterstützen und die Heilung bei vielen Alltagsbeschwerden wie Kopfschmerzen und Magen-Darm-Problemen fördern.

Ätherische Öle gehören also nicht nur auf den Frisiertisch, sondern auch in die Hausapotheke – am besten zusammen mit diesem Buch!

Angaben zum Buch:

Sabrina Herber & Eliane Zimmermann
Aromatherapie für Frauen
Das Selbsthilfe-Buch für bewusst lebende Frauen

Zyklus, PMS, Körperpflege, Sexualität, Psyche und Wechseljahre ganzheitlich begleiten

Joy Verlag

Passt gut dazu: Die Kräuter in meinem Garten. 500 Heilpflanzen und 2000 Anwendungen.

Südafrika, Indien, Dresden: ein Weltbürger als Chronist

Als Weltbürger zuhause in Sachsen. Hussein Jinah kam als Gaststudent in die DDR. Er war Streetworker in Dresden und erster Anti-Pegida-Demonstrant und zieht klare Linien der Ausländerfeindlichkeit von den 1980er Jahren bis heute. Biografie.

Hussein Jinah ist ein unfreiwilliger Chronist. Er wurde dazu einfach nur, weil er lernen, arbeiten und andere Länder kennenlernen wollte. Diese Haltung führte ihn und seine Familie schon nach Tansania, Südafrika und Indien. Wo auch immer sie hinkamen, der Rassismus war schon dort, bereit, seine hässliche Fratze zu zeigen.

So war es auch, als Hussein Jinah mit einem Stipendium in die DDR nach Dresden kam. Er blieb. Auch nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Auch, als Pegida- Anhänger begannen, zu demonstrieren. Jetzt, wo der Rechtsextremismus in ganz Deutschland erstarkt ist, ist er immer noch da. Er beobachtet, analysiert und zeigt Haltung. Das macht er so klar und konzentriert, dass seine Chronik auf gerade einmal 82 kleine Seiten passt. Auf diesen wenigen Seiten steht mehr Bedenkenswertes als auf tausenden von Nachrichtenseiten.

Ankommen in der DDR: der Rassismus war schon vor Ort

Zur Völkerfreundschaft à la DDR gehörte es, Studenten aufzunehmen. Doch die Erwartungshaltung an die Fremden war klar: Wir bringen dir Technik und sozialistisches Denken bei, danach gehst du zurück, wo du hergekommen bist, und verbreitest den Sozialismus. Ein Deal, mehr nicht. Integration war nicht vorgesehen. Kontakte zwischen Deutschen und Studenten aus dem Ausland haben sich beide Seite regelrecht ertrotzt – und dafür Nachteile in Kauf genommen.

Dann zerbrach die DDR. Die Studenten und Fremdarbeiter hatten auf einmal einen unklaren Status: Würden sie eine Aufenthaltserlaubnis bekommen? Wo könnte ihr Platz in einem wiedervereinigten Deutschland sein? Hussein Jinah, der mehr Sprachen spricht als seine Nachbarn, wurde Sozialarbeiter und konnte so alle Veränderungen beobachten. Ich mag seinen Analysen über Verunsicherungen, Verluste, Angst und wie all das in Hass umschlagen konnte nicht vorgreifen – lest dieses schmale Buch.

Was macht ein Weltbürger in Dresden? Mit allen reden und dabei Haltung zeigen

Redet nicht über die Menschen, sondern mit ihnen. Hussein Jinah hat genau das schon immer getan. Zum Glück hat er es zusammen mit Sebastian Christ aufgeschrieben.

Infos zum Buch:

Hussein Jinah
mit Sebastian Christ

Als Weltbürger zu Hause in Sachsen

Mikrotext

Dieses schmale Büchlein ist, weil so viele unterschiedliche Blickwinkel berücksichtigt werden, perfekt als Schullektüre geeignet. Genau wie dieses hier: Mein Kampf gegen rechts.

Das Leben danach: Der große schwarze Vogel

Jugendbuch von Stefanie Höfler: Der große schwarze Vogel. Der Tag, an dem Bens Mutter völlig unerwartet stirbt, ist ein strahlender Oktobertag. Ben erzählt von der ersten Zeit danach und wie er, sein Bruder Krümel und Pa damit klarkommen – oder eben nicht. Er erinnert sich an seine Ma mit den grünen Augen und den langen roten Haaren, die gern auf die höchsten Kastanienbäume kletterte. Auch wenn mit einem Mal nichts mehr so ist, wie es war, das Leben geht nicht nur irgendwie weiter, sondern es passieren neue, verwirrende und ganz wunderbare Dinge ...

Was habe ich gezögert, dieses Buch anzufangen! Eine Geschichte, in der gleich zu Beginn die Mutter stirbt, muss doch tieftraurig sein. Ein Jugendbuch, das davon erzählt, wie ein Witwer und seine beiden Söhne mit dem Verlust umgehen, kann man doch nicht einfach so, abends auf der Couch zur Entspannung lesen. Oder?

Doch! Das geht, weil Stefanie Höfler so schreibt, wie nur sie es kann: Sie nimmt ihre Figuren ernst und hilft ihnen mit genau dem richtigen Quentchen Leichtigkeit durch schwierige Phasen. All das, was mich schon an ihrem Jugendbuch „Tanz der Tiefseequalle“ so begeistert hat

Hier sitzt jede Geste, jedes mimische Detail, jeder Satzfetzen. Zudem umschifft Stefanie Höfler zielsicher alle Klischees.

Meine Rezension zu „Tanz der Tiefseequalle“ von Stefanie Höfler

hat „Der große schwarze Vogel“ auch – nur noch intensiver. So ist ein Jugendroman entstanden, der voller Trost und Empathie davon erzählt, wie das Leben weiter geht, immer weiter geht. Selbst dann, wenn auf einmal nichts mehr ist, wie es war.

Und was vielleicht noch viel wichtiger ist: Die Geschichte zeigt, was für eine bedeutende Rolle Freunde und Verwandte in Phasen der Trauer spielen. Was können wir tun im Angesicht eines unfassbaren Verlusts? Da sein. Einfach nur präsent sein. Das scheint so wenig und ist doch die Verbindung zur Welt und zum Leben nach dem Verlust.



Infos zum Jugendbuch:

Stefanie Höfler

Der große schwarze Vogel

Jugendliteratur, empfohlen ab 12 Jahren

Beltz Verlag


Mehr Jugendbuch-Tipps auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Auch die Kinderbücher von Stefanie Höfler sind sehr zu empfehlen. Meine Rezension zu „Ein Sommer mit Mucks“ findet ihr auf meinem Kinderbuch-Blog:

Von der Notwendigkeit, das Leben zu verstehen

Pippa Goldschmidt. Kurzgeschichten: Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

Langsam lesen. Ganz wichtig. Jede einzelne Kurzgeschichte aus „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“ nachwirken lassen. Der genauso exakte wie poetische Stil von Pippa Goldschmidt hat das verdient und nur dann bekommt man diesen einen Punkt mit, an dem die Geschichte vom Realen ins Surreale wechselt.

Wobei man sich als Leser dabei nie ganz sicher ist. Vielleicht ist dass, was dann folgt, auch nur der Teil der Realität, den man selbst bisher ausgeblendet hat? Vielleicht sind Menschen wirklich so?

Pippa Goldschmidt erzählt von Forschern und Wissenschaftlerinnen, die die komplexesten Formeln verstehen, aber mit ihren Mitmenschen an ihre Grenzen kommen. Auch wenn in diesen Kurzgeschichte Turing, Einstein und Oppenheimer auftreten, sind es doch die Frauenfiguren, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Denn während die Männer „nur“ mit ihren unwissenschaftlichen Gefühlen kämpfen und Auswege erfinden, erleben die Frauen zusätzlich, dass sie einem viel größeren Schlachtfeld erst gar nicht entfliehen können – genauso wenig wie dem Platz, den „die Wissenschaft“ ihnen zuteilt. Und der ist nicht in der ersten Reihe.

Das mag jetzt nach einem harten Buch klingen, aber das ist es nicht. Es ist bezaubernd, schwebend. In meiner Lieblingsgeschichte ist die Heldin, eine Programmiererin, nicht glücklich damit, wie sich ihre Liebesgeschichte zu einem Kollegen entwickelt. Man geht aus, landet im Bett, aber echte Nähe sieht anders aus. Also schummelt sie Zellen von sich in sein Laborexperiment und stellt sich vor, wie er ab jetzt immer, wenn er durch das Mikroskop gibt, sie wirklich erblickt.

Ist das nicht großartig? Es ist.


Infos zum Buch:

Pippa Goldschmidt
Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen

Kurzgeschichten

Übersetzt von Zoe Beck

Culture Books


Die mit Abstand schönste Rezension habe ich bei Hauke Harder auf seinem Blog Leseschatz gefunden.


Romane – Rezensionen, Leseeindrücke und Buch-Empfehlungen hier auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Die souveräne Leserin – ein Roman, der mich beeindruckt hat. Hier meine Rezension dazu: