Ein Ersatz für Konzerte, die ich nie sah: Bowie – als Comic

Das einzige Mal, dass ich Bowie live sah, kam er als Gentleman im Anzug daher. Die Bühnenpräsenz war beeindruckend und sein klug platziertes Lächeln strahlte bis zu mir ganz hinten, auf dem Hügel am anderen Ende des Festivalgeländes. Trotzdem hätte ich ihn gerne einmal anders erlebt – nämlich so, wie in diesem Comic: Bowie – Sternenstaub, Strahlenkanone, Tagträume. Laura Allred, Michael Allred und Steve Horton schwärmen von dem frühen David Bowie, dem schillernden Superhelden der Popkultur. Fast ein wenig schade, dass sie ihre Schwärmerei in ein lineares, chronologisches Erzählkonzept pressen. So wirkt diese Comic-Biografie manchmal wie ein atemloses Aufzählen von Stars und Künstler, die Bowie in der Zeit getroffen hat, in der er auch Ziggy Stardust war. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass es wirklich so war und Bowie Menschen und Inspiration geradezu inhalierte. Genau das strahlen auch ein Teil der Bilder aus, ein schwebendes, rauschhaftes Eintauchen in alles, was Inspiration schenkt. Und all die…

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Dichterinnen & Denkerinnen

Auf dem Gymnasium habe ich genau eine Autorin gelesen: Christa Wolf. Mir fiel nicht auf, dass das nicht so hätte sein müssen. Aber mir fiel sehr wohl auf, dass insbesondere die Jungs in meiner Klasse mit der dreifachen Exotik aus Frau – DDR – Frauenfigur aus der griechischen Mythologie überfordert waren. Doch Fragen zu solchen Phänomenen muss man sich nicht stellen, um Spaß an Katharina Herrmanns großartigem Buch „Dichterinnen & Denkerinnen. Frauen, die trotzdem geschrieben haben“ zu finden. Dieses Buch funktioniert auf so vielen Ebenen, dass Leser*innen mit ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen Gefallen daran finden werden. Auf knapp 240 Seiten stellt Katharina Herrmann 20 inspirierende Frauen vor. Darunter befinden sich so unterschiedliche Charaktere wie Luise Gottsched und Louise Aston, Vicki Baum und Karoline von Günderrode. Auf nur wenigen Seiten bekommen wir eine Vorstellung von der Persönlichkeit dieser Schriftstellerin, von ihren Lebensumständen, von ihrem Werk und ihrer Bedeutung für die Literaturgeschichte. Wenn man bedenkt, dass Katharina Herrmann…

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Wie Pflanzen kommunizieren: eine kurze Geschichte der Pflanzenevolution

Erst seit relativ kurzer Zeit können Wissenschaftler nachweisen, dass Pflanzen Sinnesempfindungen haben und miteinander kommunizieren. Für diesen Nachweis war zweierlei nötig: verfeinerte Messmethoden und eine Loslösung vom anthropozentrischen Weltbild. Wer davon ausgeht, dass nur Menschen miteinander kommunizieren können, kommt erst gar nicht auf die Idee, Pflanzen dahingehend zu erforschen. Dafür, dass uns die Erkenntnis so spät ereilte, ist sie mit dem „Wood Wide Web“ dann doch recht schnell im Mainstream angekommen. Peter Wohlleben sei Dank dafür (auch, wenn ich sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ nicht mochte. Dieses hier dafür um so mehr: „Menschenspuren im Wald“). Den Bäumen trauen wir mittlerweile zu, dass sie über ihre Wurzeln kommunizieren. Aber gilt das auch für alle anderen Pflanzen? Beginnen wir am Anfang: wie sind Pflanzen entstanden? Felicia Molenkamp dreht mit ihrem Buch „Pflanzengeflüster“ die Beweisführung um und geht ganz an den Anfang der Evolution zurück. Sie erklärt, was bereits LUCA, die Urzelle des Lebens, „können“ musste,…

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Alltagstauglich & gesund: indische Küche

Gesundes Indien – als ich den Titel des Kochbuchs las, kam mir diese Formulierung wie ein weißer Schimmel vor. Kann denn eine so gemüse-lastige Küche wie die indische ungesund sein? Okay, die Süßspeisen haben es in sich, Laddoos sind pures Hüftgold und zu viel Nan dürfte die gleiche Wirkung haben wie unser Weißbrot. Aber was bitte könnte an einem Curry aus frischem Gemüse nicht gesund sein? Der Untertitel bringt die Lösung: Es geht um einfache indische Gerichte für jeden Tag. Chetna Makan ist Hobbyköchin und Bloggerin. Ihre Mission ist es, die klassische indische Küche mit all ihren frischen, gesunden Zutaten in den westlichen Alltag zu transferieren. Dafür ist es notwendig, den Arbeitsaufwand zu minimieren, denn die traditionellen Rezepte sind zeitintensiv: Sie erfordern eine Hausfrau, die mehrere Stunden für das Kochen aufwenden kann und jeden Tag frische Lebensmittel einkauft. Chetna Makan zeigt, dass das nicht nötig ist. Außerdem versucht sie, weniger Zucker und Ghee zu verwenden…

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Wohltuende Lektüre: Ikigai – japanische Lebenskunst

Lebenskunst ist ein Begriff, bei dem ich sofort aufhorche. Für mich enthält er ein Versprechen: Es ist möglich, ein gutes Leben zu führen – egal, wie die Ausgangsbedingungen sind. Nimm, was Du vorfindest, und mach das Beste daraus. Das Buch „Ikigai – Die japanische Lebenskunst“ hat mich nicht enttäuscht. Ikigai ist ein Konzept, dass sich durch die gesamte Kultur Japans zieht. Ken Mogi erklärt nicht nur diese grundlegende Philosophie, er zeigt auch kenntnisreich auf, wo wir überall die Auswirkungen dieser Lebensweise finden können. Die fünf Säulen des Ikigai lauten: Das ist ebenso schlicht wie komplex und entfaltet beim Lesen einen stillen Zauber, der Staunen lehrt. Ikigai steckt in allem. In der Imbissbude an der Ecke, die das perfekte Nudelgericht zubereitet genauso wie im Verhalten der Sumo-Ringer. Der Gärtner, der genau weiß, wie er der alten Rose vor seiner Tür die schönsten Blüten entlockt, hat die Regeln genauso verinnerlicht wie der Meister einer Teezeremonie. Nicht nur…

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Mannheims verlorene Pracht: die Spuren der Belle Époque

Was wäre aus Mannheim geworden, wenn es keine Weltkriege gegeben hätte? Um 1900 war Mannheim eine Stadt im Aufbruch. Hafen und Bahnhof entstanden. Wasserturm, Rosengarten und die Jugendstilanlage wurden gebaut. Die BASF zog zwar nach Ludwigshafen, doch Mannheim glänzte mit Luftschiffen, dem Benz-Werk und Traktoren von Heinrich Lanz. Die Entwicklung wurde durch den Ersten Weltkrieg ausgebremst. Der Zweite Weltkrieg zerstörte viel von dem, was in der Gründerzeit entstand. Doch wer weiß, wo er hinschauen muss, findet auch heute noch Spuren der Belle Époque. Das Buch von Andreas Krock hilft bei der Spurensuche. Es ist keine reine Stadtgeschichte, eher ein Kaleidoskop, durch das der Leser verschiedene Facetten jener Epoche erblickt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf denen, die mit ihrem Geld und ihren Investitionen das Bild der Stadt prägten: Familien wie Hirsch, Engelhorn, Bassermann, Schütte, Lanz und Reiß. Ihr Prunk und ihr Wille, die Stadt zu gestalten beeindruckt immer noch, und ihre Häuser, Firmen und Stiftungen haben…

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Nur echt mit Dubbeglas: Gebrauchsanweisung Pfalz

In der Pfalz ist es derzeit ruhig. Beim Wandern trifft man nur wenige Menschen und selbst die Pälzer Krischer scheinen leiser zu sein als sonst. Unglaublich – aber Corona macht es möglich. Also ab in den Pfälzer Wald, Seele lüften! Aber wandern, ohne in einer Pfälzer Hütte einkehren zu können, ist auch nicht das Wahre. Da fehlt einfach ein elementarer Bestandteil, etwas von dem, was die Pfalz so einzigartig macht. Was hingegen wunderbar funktioniert und alles enthält, was die Pfalz so einzigartig macht, ist dieser Pfalzbesuch per Buch – die „Gebrauchsanweisung für die Pfalz“ von Christian Habekost macht es möglich. Gewohnt locker erklärt er, wie und warum die Pfalz annerscht ist. Dialekt, Essen und Trinken spielen dabei natürlich eine große Rolle und um Helmut Kohl kommt man immer noch nicht herum. Aber auch die Philosophie kommt nicht zu kurz: These: Wein. – Antithese: Wasser. – Synthese: Schorle.These: Provinz. – Antithese: Provence. – Synthese: Pfalz Christian…

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Jenseits der Lehrmeinung: der Heiler und die Bienen

Es ist ein bisschen so, als würde man mit dem Heiler und Imker Edgar Zimmermann am Küchentisch sitzen und ihm zuhören. Er erzählt, lamentiert, grummelt, schmunzelt und kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen. Am Ende hat er alles gesagt, was er sagen wollte, doch der Weg dahin ist eigen. Zu erzählen hat er viel. Wie es sich anfühlt, als Kind seine Gabe zu entdecken, und sich dann autodidaktisch zum Heiler auszubilden. Was für ihn Heilen bedeutet und warum der Klient immer mitarbeiten muss. Wie er das Rutengehen und das Pendeln für sich entdeckte. Über den Charakter von Landschaften und sein Interesse an der Geomantie. Doch am meisten fasziniert hat mich in „Der Heiler und die Bienen“ das lange Kapitel über die Imkerei. Jetzt verstehe ich mehr davon, wie ein Bienenschwarm lebt und agiert, und wie sehr ein Imker in ihr Leben eingreift. Im optimalen Fall profitieren beide Seiten davon. In anderen Fällen ähnelt Imkerei der konventionellen…

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Einmal quer durch die Stadt: Leipzig zum Lesen

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Reise-Anthologien. Aber Leipzig ist nun mal meine Lieblingsstadt und das machte den Reclam-Band „Leipzig zum Verweilen“ für mich zur Pflichtlektüre. Ich habe es nicht bereut! Der literarische Streifzug durch Leipzig bietet einen äußerst facettenreichen Blick auf die Stadt, die so viel mehr zu bieten hat als nur Auerbachs Keller, Thomas-Kirche und Völkerschlachtdenkmal. Herausgeberin Marianne Eppelt bewundert mit uns den Leipziger Hauptbahnhof, führt uns durch das Graphische Viertel, lädt zum Bummeln am Karl-Heine-Kanal ein, radelt an den Cospudener See und trinkt mit uns Gose am Schillerhaus. Sie zeigt uns das Leipzig von Felix Mendelssohn Bartholdy und lässt uns mit einem Text von Kathrin Wildenberger an einer Montagsdemo teilnehmen. Mit Egon Erwin Kisch blicken wir in die Kammer der verbotenen Schriften in der Deutschen Nationalbibliothek, mit Erich Loest in die Runde Ecke und das Innere der Stasi und mit Bettina Wilpert in die Polizeidirektion, wie sie heute ist. Jedem Text…

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Kurz, kürzer, SF: Micro Science Fiction

In ganz seltenen Fällen wäre ich gern mal einen Tag lang Gast im Gehirn eines Autors. Einfach nur um herauszufinden, wie jemand denkt, der sich so etwas wie 200 Zeichen lange Kürzest-Science-Fiction, die alle noch einen Plot-Twist enthalten, ausdenkt. Also so jemand wie O. Westin. Zum Vergleich: Diese Einleitung für meinen Blog-Beitrag hat bereits 281 Zeichen. Sie ist damit deutlich länger als jede Geschichte aus dem Buch „Micro Science Fiction“. Und, da bin ich realistisch, sie enthält auch deutlich weniger Aliens, KIs, Zeitreisen und Spannung. „Haben Sie einen Dextrodim Franger vom Typ R1 für meine Zeitmaschine?“ „Führen wir hier nicht. Das sage ich Ihnen jeden Tag, seit einem Monat“. „Nein, das haben Sie mir noch nie gesagt“. Micro Science Fiction vom 17/07/2013Seite 13 Ihr seht mich staunend und voller Ehrfurcht. Einmal, vor der Kreativität des Autors. Dann vor der Leistung der Übersetzerin Birte Mühlhoff, die es geschafft hat, die Kürze des englischen Originals beizubehalten. Und…

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Leben in der Optimalwohlökonomie: Science Fiction von Theresa Hannig

Warum eigentlich habe ich schon so lange keinen Science-Fiction mehr gelesen? Theresa Hannigs Zweiteiler „Die Optimierer“ und „Die Unvollkommenen“ waren für mich auf jeden Fall der perfekte Einstieg, um mich dem Genre wieder zu nähern. Ihre Geschichte beginnt im Jahr 2052 in der Bundesrepublik Europa, einer Insel im Weltgeschehen. Hier geht es den Bürgern gut, denn es ist genug für alle da – aber nur, wenn jeder sich an die Regeln hält. Optimalwohlökonomie nennt sich das Konzept, das auf nachhaltiger Wirtschaft und totaler Überwachung basiert. Es ist eine unglaublich gut durchdachte Welt, die Theresa Hannig gebaut hat. Eine Welt, die auf erschreckende Art auf unserer basiert. Von Fleischverbot bis Abschaffung des Individualverkehrs kommt uns vieles bekannt vor. Nur, dass es ganz leicht ins alptraumhafte verdreht wird. Wer mehr zur Handlung erfahren möchte, dem empfehle ich die Buchbesprechung im Standard, der ich weitestgehend zustimme. Während sich der erste Band rasant in einem Rutsch durchlesen ließ, hat…

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Träume deuten – intuitiv und doch systematisch

Ich träume intensiv, kann mich gut an meine Träume erinnern und habe ein für mich funktionierendes System entwickelt, meinen Träumen eine Bedeutung zu entlocken. Trotzdem greife ich alle paar Jahre zu einem Traumdeutungsbuch und schaue, ob es neue Ideen enthält, die ich in meinen Umgang mit Träumen integrieren kann. In „Träume deuten und sich selbst verstehen“ bin ich fündig geworden. Was mir an dem Buch richtig gut gefällt, ist die systematische Herangehensweise. Noch bevor man sich den Bildern des Traums und ihrer Bedeutung zuwendet, schafft man sich mit Hilfe weniger Fragen einen Deutungsrahmen. Wo bin ich im Traum und wer kommt alles darin vor? Wie fühle ich mich – psychisch und körperlich? Was hatte ich in den Tagen vor dem Traum erlebt – gibt es da einen Anknüpfungspunkt? Insbesondere die sich daran anschließende letzte Frage „Können sie den Traum weiterträumen?“ finde ich hilfreich. Ich führe gerne Träume nach dem Aufwachen noch im Halbschlaf zu einem…

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