Frankreich verstehen mit Baguette, Merguez und French Tacos: Nadia Pantel – Das Camembert-Diagramm

Buch von Nadia Pantel: Das Camembert-Diagramm. Ein etwas anderes Frankreich-Porträt

Wenn ich an Frankreich denke, denke ich an Essen und Trinken. Nadia Pantel würde das verstehen. In ihrem Buch „Das Camembert-Diagramm“ nähert sie sich den aktuellen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Entwicklungen unseres Nachbarlandes auf ihre ganz eigene Art: über Austern, Baguette, Couscous, French Tacos und Merguez.

Das mag wie ein Umweg klingen. Doch bei einem Land wie Frankreich ergeben sich so schnell Erklärungen, die sehr gut funktionieren. Das beginnt mit dem traditionellen Baguette, das schon immer ein hochpolitisches Produkt ist. Seine Entstehung hängt mit der Französischen Revolution zusammen. Per Dekret vom 15. November 1793 mussten alle Bäcker nur noch eine einzige Brotsorte backen, das sogenannte „Pain Égalité“ (Gleichheitsbrot), das eine vorgegebene Menge hochwertiges Mehl enthielt. Kein feines Weißbrot mehr für die Reichen und Kleiebrot für die Armen: Reichtum und Armut sollten aus der Ernährung verschwinden. Laut Nadia Pantel wurde das Baguette später UNESCO Weltkulturerbe, „weil es das französische Talent symbolisiert, mithilfe eines Nahrungsmittels die ganz großen Fragen in den Blick zu nehmen“ (S. 26). Wenn man es so betrachtet, stecken diese Fragen auch hinter den Austern als Volksluxus für alle, hinter Couscous, mit dem sie das Thema „Frankreich und Algerien“ behandelt, und hinter den French Tacos.

French Tacos und die Banlieues

Im Nachhinein bin ich froh, dass ich damals in Metz, als ich abends einen kleinen Snack suchte, mich nicht für French Taco entschieden habe. Der French Taco ist ein Streetfood-Gericht, das rein gar nichts mit mexikanischen Tacos zu tun hat.
Es handelt sich um eine große, dicke Weizen-Tortilla (ähnlich einem Wrap), die mit Fleisch (meist Hähnchen oder Merguez-Wurst), Pommes frites, Käsesauce und oft einer würzigen weißen Sauce gefüllt und dann auf einer Plancha gegrillt wird, bis sie außen leicht knusprig ist. Das Ganze ist ziemlich mächtig. Wahrscheinlich wäre ich für den Rest meines Urlaubs satt gewesen – und das wäre schade gewesen!

Der French Taco stammt aus den Vororten von Lyon, den Banlieues. Er hat sich seit den 2000er-Jahren zum Kultgericht entwickelt, besonders in der Jugend- und Vorstadtkultur mit nordafrikanischen und maghrebinischen Einflüssen. Nadia Pantel arbeitet das in ihrem Buch im Kapitel „French Tacos und die Banlieus“ ganz großartig heraus und erklärt dabei sehr schlüssig, warum die Stimmung in den Hochhaus-Siedlungen der Großstädte so explosiv ist. Etwas später verknüpft sie das mit dem Kapitel „Wurst und Widerstand“, das sich auf den ersten Blick mit der französischen Streik- und Demo-Kultur befasst und sehr gut den Bogen zum Alltagsrassismus schlägt.
Grillt man bei Protesten am Straßenrand Merguez, die scharfe Lammbratwurst, ist das eine Demonstration, über die eher positiv in den Nachrichten berichtet wird. Die Proteste in den Banlieues verlaufen anders und gelten als Krawalle. Dabei kommt die Merguez genau wie viele Banlieue-Bewohner aus Nordafrika. Die Wurst gilt längst als typisch französisch. Bei den Menschen sind sich viele Franzosen da noch nicht so sicher.

Für ihre Erklärungen braucht Nadia Pantel kein einziges Camembert-Diagramm. So bezeichnet man in Frankreich das, was bei uns ein Tortendiagramm ist. Denn das Anschneiden eines Camemberts ist ebenfalls ein politischer Akt. Nur, wenn man den Käse in Tortenstücke schneidet, bekommen alle gleich viel vom unbeliebteren Rand und von der begehrten cremigen Mitte. Ich wünsche bon appétit und eine angenehme Lektüre!


Bibliographische Angaben:

Nadia Pantel

Das Camembert-Diagramm
Ein etwas anderes Frankreich-Proträt

Rowohlt Berlin

Infos zur Autorin:

Nadia Pantel war von 2018 bis 2022 für die «Süddeutsche Zeitung» Korrespondentin in Frankreich, lebte in Paris und bereiste das ganze Land. In dieser Zeit schrieb sie ihre erfolgreiche Kolumne «La Boum» über ihren Pariser Alltag. Seit 2022 ist sie Reporterin für den «Spiegel», schreibt weiterhin über Frankreich, zusätzlich aber auch über Mittel- und Osteuropa. (Quelle: Rowohlt Verlag)


Charme, Erotik, Provokation: ein ganz persönlicher Blick auf Bücher aus Frankreich, die ich empfehlen kann. Dazu ein Lesebuch, das bei Provence-Weh und Frankreich-Vermissung hilft. Und eine Reise durch die französische Popmusik. Fehlt nur noch gutes französisches Essen aus diesem Kochbuch!

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