Bauhaus-Frauen. So viel Talent, so viele Hindernisse.

Was könnte ich im Bauhaus-Jubiläumsjahr noch über ein Buch wie Bauhaus-Frauen von Ulrike Müller schreiben, was ihr nicht längst schon irgendwo gelesen habt? Ich konzentriere mich daher erst einmal auf das Wesentliche: Das Buch ist gut und ersetzt einen ganzen Stapel an Lektüre. Biographien, Kunstgeschichte, Feminismus – alles drin auf moderaten 160 Seiten. Das Bauhaus war für mich lange eher ein Kuriosum. Was soll an weißen Würfelhäusern besonderes sein? Meine Einschätzung änderte sich, als ich zum ersten Mal in einem der Meisterhäuser in Dessau stand. Dieses Licht! Der Blick nach draußen! Die nächste Annäherung an das Phänomen Bauhaus erfolgte über die Kinderbücher aus dem Seemann Henschel Verlag – die Bauhaus Stadt aus der Reihe habe ich auf meinem Kinderbuchblog vorgestellt. Die Kinderbücher machten es mir einfach, das Bauhaus zu verstehen, weil sie sehr klar das Wesentliche und die innovative Leistung herausarbeiten. Den dritten Zugang fand ich über die Biografien. Über das Leben der Ise Frank…

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Die Aliens sind unschuldig. Das Chaos steckt in uns.

LAGUNE von Nnedi Okorafor. Science Fiction.

Horizonterweiterung. Meine Sachbücher suche ich schon lange danach aus, was sie Neues in mein Leben bringen können. Meine Romane hingegen schon länger nicht mehr. Sie sind eher Fluchtlektüre. Ein Science Fiction mit einem wunderschönen Cover, einer starken Heldin und afrikanischem Hintergrund klang wie eine perfekte Fluchtlektüre. Es kam anders. Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Diese Protagonisten verhalten sich nicht so, wie ich es gewohnt bin. Wir befinden uns in Lagos, Nigeria. Das Leben hier funktioniert anders als alles, was ich kenne. Die Tatsache, dass Aliens im Meer vor der Stadt gelandet sind und bleiben möchten, macht es nicht einfacher. Seite für Seite bekomme ich ein Gefühl dafür, wie sich Eurozentrismus für Nicht-Europäer anfühlen muss: diese Erzählung gehorcht Regeln, mit denen ich nicht aufgewachsen bin. Der Rhythmus der Story ist ein anderer. Ungewohnt. Den Begriff exotisch verbiete ich mir bei einem Roman, in dem die Aliens normaler wirken als wir Menschen. Um Chaos und Gewalt…

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Art Nouveau, Secession und Stile Modernista: Schnellkurs Jugendstil

Dumont Schnellkurs Jugendstil - Buch Cover.

Jugendstil fasziniert mich. Aber würde ich so wohnen und leben wollen? Nachdem ich mir in Brüssel, Nancy und Hagen Museen angeschaut habe, die komplette Jugendstil-Inneneinrichtungen ausstellen, lautet die Antwort Nein. Zu sehr hätte ich Angst, die filigranen Vasen und Lampen herunterzuwerfen und zu sehr würde mich die Wohnung als Gesamtkunstwerk in meiner eigenen Kreativität einschränken. Was bewegt Menschen, ihr ganzes Leben einem ästhetischen Prinzip unterzuordnen? Das würde ich gerne verstehen. Deswegen habe ich begonnen, mich einzulesen. Der Schnellkurs Jugendstil aus dem Dumont Verlag ist dafür ein wirklich guter Einstieg. Von der Arts-and-Crafts-Bewegung zum Jugendstil Auf rund 190 Seiten wird aufgezeigt, wie sich der Jugendstil ausgehend von der Arts and Crafts Bewegung in England über ganz Europa verbreitet hat. Es werden die wichtigsten Künstler, Architekten und Designer mit ihren bekanntesten Werken vorgestellt und erklärt, welche besonderen, lokalen Ausprägungen der Jugendstil in den einzelnen Ländern entwickelte. Was ich mir als Nächstes anschauen werde, ist nach dieser Lektüre…

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Drachen, Daoismus und die Sache mit dem Feminismus: Erdsee

Vorkenntnisse können den Einstieg in ein Buch erschweren. Über Erdsee von Ursula Le Guin hatte ich im Vorfeld viel gelesen. Philosophisch und feministisch sollte der Fantasy-Zyklus sein. Ich war gespannt. Die Philosophie fand ich sofort. Den Daoismus habe ich erst später darin erkannt. Den Feminismus hingegen sah ich erst mal nicht. Wie auch, wenn im ersten Band »Der Magier der Erdsee« quasi keine Frauen vorkommen? Eine Fantasy-Geschichte, die sich in Ruhe entwickeln darf Gestört hat mich das nicht, denn der Erdsee-Zyklus ist Fantasy nach meinem Geschmack. Eine Geschichte, die sich entwickeln darf. Helden, die eine Wandlung durchmachen. Eine klug ausgedachte Welt. Kämpfe nur dann, wenn sie für die Handlung nötig sind. Drachen. Spannung, Überraschungen und interessante Charaktere. Aber die Geschichte beginnt in einer reinen Männerwelt. Erst im zweiten Band erscheinen Frauen. Doch ihre Welt ist eher noch restriktiver als die Gesellschaft der Magier. Erst das Aufeinanderprallen von Ged, dem Magier, und Tenar, der Priesterin, bringt…

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Vertage nicht dein Glück – Lebenskunst nach Eva Wlodarek

Es gibt Autorinnen, bei denen ich das Gefühl habe, dass mich ihre Ratgeber schon immer begleiten. Barbara Rias-Bucher ist eine von ihnen – darüber habe ich auf meinem Blog schon mal geschrieben. Mit Eva Wlodarek verhält es sich ähnlich. Ihren Stil mochte ich von Anfang an: kompetent, einfühlsam, motivierend, lebensklug und im positiven Sinne unaufgeregt. Damit war sie für mich schon immer ein angenehmes Gegenwicht zu den Chakka-du-schaffst-es-Büchern amerikanischer Prägung, die mir meist zu laut, zu grell und sehr häufig zu banal waren. Aber wie das so ist mit Ratgebern: irgendwann meint man, sich jetzt genug Werkzeug zur Lebensbewältigung angelesen zu haben. So haben sich Eva Wlodarek und ich aus den Augen verloren – wovon sie natürlich nichts weiß. Als ich jetzt auf ihr neues Buch Vertage nicht dein Glück, ändere dein Leben stieß, war mein erster Gedanke: ach, die schreibt noch? Die Aussage, dass der neue Ratgeber „Die Essenz aus dreißig Jahren Praxis als Psychotherapeutin“ sei, machte mich neugierig.…

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100 Tage hier & 100 Tage dort

Zu den Büchern, die mich in 2018 besonders berührt haben, gehört zweifellos 100 Tage hier & 100 Tage dort von Stephanie Hanel. Das liegt zum einen an dem Weg, auf dem mich das Buch erreicht hat: Als Geschenk in einer Lebensphase, deren Stimmung die Schenkerin von außen viel deutlicher erkannt hat als ich, die mittendrin war. Dafür möchte ich mich hier auf diesem Wege noch mal bedanken! Zum anderen ist es die Geschichte und ihre Ehrlichkeit, die mich berührt. Worum geht es? Eine Familie samt schulpflichtiger Tochter und großem Hund zieht nach New York und wir nehmen daran teil. Die Autorin lässt uns Mäuschen spielen, in dem sie in Tagebucheinträgen von den letzten 100 Tagen in Deutschland und den ersten 100 Tagen in Brooklyn erzählt. Ganz ehrlich und transparent schreibt sie über alles, was eine solche Lebensveränderung mit sich bringt: von der Vorfreude, der bangen Neugier, der Begeisterung, den Zweifeln, den Abschieden und den Neuentdeckungen.…

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Wolfsmedizin – eine Reise mit Wolf Dieter Storl in die Mongolei

Wolfsmedizin: Wolf Dieter Storl bereist die Mongolei und Sibirien und besucht Schamanen, Heiler und Wölfe.

Natürlich habe ich das neue Buch von Wolf Dieter Storl gelesen. Lieblingsautor in einem Lieblingsverlag. Was soll da schon schief gehen? Nichts. Es ist ein Storl, es ist ein wunderschön und wohl überlegt gestaltetes Buch. Und doch ist diesmal einiges anders. Der Ton hat sich geändert. Vielleicht sogar der Blick des Autors auf die Welt. Oder liegt es nur daran, dass er diesmal mit einer Reisegruppe unterwegs war? Auf jeden Fall gibt es Zwischentöne, die ich früher nicht herauslesen konnte. Er, der meinungsstarke Autor, schenkt anderen Ansichten Raum. Gleichzeitig reflektiert er sich selbst mehr und gibt auch schon mal zu, dass er nicht der pflegeleichteste Reisegefährte ist. Gewohnt begeistert erzählt er, wie toll es ist, barfuss durch die Steppe zu laufen, nur um ein Kapitel weiter zu erwähnen, dass er sich dabei verletzt hat. Mehrere Absätze widmet er unterschiedlichen Löwenzahnarten und erklärt kurz darauf, dass die mongolischen Heiler diese Unterscheidungen wahrscheinlich gar nicht treffen. Doch…

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Das kunstseidene Mädchen.

Das kunstseidene Mädchen Irmgard Keun Doris ist Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt. Sie will nicht mehr tagaus, tagein lange Briefe tippen, sondern ein Star werden. Sie will hinaus in die große Welt, ins Berlin der Roaring Twenties.

Nach einer wirklich sehr langen Sachbuch-Phase ist in diesem Jahr die Lust auf Romane zurückgekehrt. Doch während ich bei Sachbüchern eine Vorliebe für neue Themen habe, greife ich bei Romanen derzeit lieber zu Büchern, die sich schon längst bewährt haben. So wie Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen, das ich gerade mit viel Vergnügen zu Ende gelesen habe. Es ist die Sprache, die den Roman auch heute noch zu einem Genuss macht. … ein Nasenflügelbeben wie ein belgisches Riesenkaninchen beim Kohlfressen Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen Leicht schnodderig, nicht immer grammatikalisch korrekt, doch dafür sehr nah an der gesprochenen Sprache und dem persönlichen Erleben. So wirkt das Buch von 1932 auch heute noch vor allem eines: frisch. Was lese ich als nächstes? Und warum? Für mich ist es interessant zu beobachten, wie ich meine Lektüre auswähle. Während ich mich auf meinem Kinderbuch-Blog treiben lasse und zu Büchern begreife, die mir begegnen, – darüber habe ich…

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Weihnachten und ich. Es ist kompliziert.

Ich habe ein Weihnachtsbuch gefunden, das mir gefällt und trotzdem weihnachtlich ist: Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink WEIHNACHTEN

Ich habe ein Weihnachtsbuch gefunden, das mir gefällt. Da dieser Satz sehr harmlos wirkt und der Tragweite nicht gerecht wird, erhöhe ich auf: Ich habe ein Weihnachtsbuch gefunden, das mir gefällt, und das trotzdem weihnachtlich ist. Weihnachten und ich, wir haben ein angespanntes Verhältnis. Dazu haben 25 Weihnachtsgeschäfte im Einzelhandel und deutlich mehr Familienfeiern beigetragen. Dabei habe ich alles versucht, um die Beziehung zu retten! Plätzchenbackorgien. Lebkuchenquerverkostung. Düll in Nürnberg hat gewonnen – vor allem, weil mir diese Lebkuchen auch im Sommer schmecken. Ich bin einmal quer durch Deutschland gereist – eine Route wie ein Spinnennetz auf LSD – um Weihnachtsmärkte zu besuchen. Die beste Bratwurst gab es in Coburg. Der schönste Weihnachtsmarkt bleibt aber der Belzenickel Markt in Bobenheim am Berg in der Pfalz. Vor allem bei milden 14 Grad wie in diesem Jahr. Auch bei der Weihnachtsdeko habe ich mich schon verausgabt. Allein: Weihnachtsstimmung wollte nicht aufkommen. Also habe ich versucht, das Konzept…

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So liebten die Götter. Sagt Stephen Fry. Und hat Spaß dabei.

Das Buch Cover glitzert golden und hat ein fliegendes Schwein: > Stephen Fry Mythos Was uns die Götter heute sagen

Die spinnen, die griechischen Götter – das wäre aus meiner Sicht eine durchaus adäquate Zusammenfassung von Mythos – Was uns die Götter heute sagen. Wahlweise auch: Allmacht macht das Leben auch nicht leichter. Oder auch: Ach, so war das! Stephen Fry erzählt also griechische Göttersagen nach. Und weil er ist, wie er ist, konzentriert er sich auf die wirklich wichtigen Themen: Die Liebe! Das Leben! Krieg und Kampfgetümmel wird nur erwähnt, wenn es für den Fortgang der Handlung wichtig ist. Oder wenn es edle Recken mit nacktem, muskulösen Oberkörper zu bewundern gibt – also dieser Moment vor der Schlacht, wenn die Sonne aufgeht und die Muskeln der Helden in Szene setzt … ich schweife ab. Pardon. Aber genau das tut Stephen Fry auch – lustvoll abschweifen und sich in unmoralischen Details verlieren. Nur – im Gegensatz zu mir – hält er seine Fäden zusammen und lässt sich nicht vom Glanz der Götter, der Größe des…

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Frau Bauhaus – das Leben der Ise Frank

Jana Revedin JEDER HIER NENNT MICH FRAU BAUHAUS Das Leben der Ise Frank. Ein biografischer Roman

Was braucht eine Idee, um richtig groß zu werden? Einen Visionär. Jemanden, der an seine Vision glaubt, und Menschen, die die Arbeit machen. Das war Walter Gropius sicherlich bewusst, als er Ise Frank mit den Worten „Ise, ich brauche Sie!“ einen Heiratsantrag machte. Ehen, die auf gebraucht werden basieren, sind selten glücklich. So enthält dieser Anfang eigentlich schon die ganze Geschichte. Oder auch nicht. Denn auch wenn das Buch Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus mit dem Kennenlernen von Walter Gropius und Ise Frank beginnt, so versucht Jana Revedin doch, uns den ganzen Menschen Ise Frank nahe zu bringen. Dabei verweilt die Autorin jedoch in einer schwebenden Distanz zu ihrer Hauptfigur. Identifizieren fällt schwer. Verstehen gelingt, wenn auch die inneren Beweggründe für Ises Entscheidungen nicht immer klar nachvollzogen werden können. Doch genau das habe ich auch als Ehrlichkeit empfunden: Wer weiß denn schon wirklich, welchem Plan er in seinem Leben gefolgt ist? Leben in und mit…

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Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Ein Essay von Anatol Stefanotitsch. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit!

Diese Lektüre tat gut, richtig gut. Ich hatte erwartet, dass „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.“ eine anstrengende Lektüre sein wird. Aber es kam ganz anders. Diese glasklare Argumentation liest sich nicht nur sehr flüssig – es ist auch wohltuend, endlich mal wieder einen so klugen, gut konstruierten und sehr verständlichen kurzen Text zu lesen. Sprache macht einen Unterschied. Bereits durch die Wahl des Vokabulars gestalten wir die Gesellschaft, in der wir leben, mit. Respektvoll, sich ihrer Werte bewusst, demokratisch, interessiert an Menschen, offen für unbekannte Themen – das sind einige Eckpunkte meiner Wunsch-Gesellschaft. Herabwürdigende Sprache ist das exakte Gegenteil davon. Damit bin ich doppelt in der Pflicht. Einmal gilt es, meinen eigenen Sprachgebrauch immer wieder zu überprüfen, und Menschen zuzuhören, die Kritik an Begriffen äußern, die ich verwende. Anatol Stefanowitsch gibt mir dafür Werkzeug an die Hand; klare Regeln, an denen ich herabwürdigende Sprache auch jenseits von Schimpfwörtern und Beleidigungen erkennen…

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