In 80 Jahren eine neue Welt: ein Weg zur digital-ökologischen Wende

Eine „Was wäre wenn Geschichte“, die, gerade weil sie mit dem unfertigen Charme einer Fingerübung daher kommt, aufzeigt, wie sich das Leben einer Beispielfamilie in den nächsten 80 Jahre verändern könnte, wenn wir Klimarettung ernst nehmen. Kein wissenschaftliches Sachbuch zum Klimawandel, sondern romanhaftes Erzählen rund um einen wissenschaftlichen Kern. So würde ich das Buch „In 80 Jahren eine neue Welt“ umschreiben. Die Handlung beginnt mit einer fünfköpfigen Familie, die in einem Haus mit der Energieeffizienz FFF (Baujahr 1970) lebt. Die Kinder und Enkel zerstreut es in die Welt, aber sie bleiben als Familie verbunden. Es geht nicht darum, was diese Menschen denken und fühlen. Es geht allein darum, wie sich ihr Leben klimafreundlich entwickeln könnte. Welche Berufe, welche Erfindungen, welche Lebensentwürfe braucht es für eine gute Zukunft? Wie entwickelt sich die Gesellschaft, wo gibt es Stolperfallen für die Demokratie? E-Mobilität, aus Zellen gezüchtetes Fleisch, Begrünung der Städte – welche Techniken gibt es schon, woran wird gerade geforscht? „In 80 Jahren eine neue Welt“ ist kein Familienroman – dafür wäre der Text auch viel zu kurz…

weiterlesen

Mehr, als ich jemals über Ernährung wissen wollte: How not to diet

„How not to diet“ ist ein Mammutwerk mit 751 Seiten über gesunde Ernährung, die dazu beiträgt, nicht übergewichtig zu werden. Gefühlt kommen in dem Buch auf jede Aussage drei wissenschaftliche Studien, wovon eine gleich widerlegt, eine kritisch hinterfragt und die dritte anerkennend zitiert wird. Die Fülle an Fakten und ihre Einordnung hilft, Lobby-Arbeit von echter Forschung zu unterscheiden. Doch das ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Buches. Auf der einen Seite gibt es allen Lesern das Rüstzeug an die Hand, sich zukünftig alleine im Dschungel der Ernährungsempfehlungen zu orientieren. Das ist großartig. Aber ob es dafür wirklich ein Bootcamp von fast 800 Seiten gebraucht hätte? So lässt mich der Ratgeber etwas ratlos zurück. Weniger Fleisch, mehr Gemüse und nach Möglichkeit keine industriell verarbeiteten Lebensmittel – das war mir auch schon vorher bekannt. Jetzt weiß ich bis uns kleinste Detail, warum diese Empfehlungen richtig sind. Auch schön. Ich hätte das Buch recht bald wieder zur Seite gelegt, wenn der Autor nicht immer wieder wunderbare Wissensperlen eingestreut hätte. Zum Beispiel weiß ich jetzt, dass es…

weiterlesen

Die Zwanziger Jahre – wild und weltweit

Die Zwanziger Jahre! Berlin! Ja, schon, aber auch Paris, Wien und Moskau. Und Chicago, Tokio und Shanghai. In kleinen, locker zu lesenden Kapitel-Häppchen zeigt dieser Bildband, das jede Ecke der Welt ihre eigenen Zwanziger Jahre erlebte. Das weiße Amerika begann den Jazz zu entdecken; das schwarze Amerika ein neues Selbstbewusstsein unter dem Motto „New negro“. In Berlin flanierten die Flapper und in Japan die „Modan Garu“, kurz Mogas genannt. In Moskau entstanden die Arbeiterklubs und in Italien wurde das dritte Rom gebaut. Ja, aber ist das nicht arg verkürzt? Ja, ist es. Aber dafür prall und lebendig. Dieses Buch funktioniert wie eine Revue-Show und richtet das Scheinwerferlicht mal auf dieses, mal auf jenes Phänomen. Manche erfreulich, manche erstaunlich und andere führten zu Katastrophen. Das unüblich wirkende Buchkonzept hat mich überzeugt. Mit den vielen kurzen und kurzweiligen Kapiteln holen die Autoren den Mythos „Goldene Zwanziger Jahre“ aus der Berlin-Ecke heraus. Denn setzt man all diese lokalen Facetten wieder zusammen, erhält man ein umfassendes Bild einer Welt im Umbruch, die bestenfalls ahnte, dass das freiere Leben bald…

weiterlesen

Wasteland – Hoffnung in einer postapokalyptischen Welt

Aus gutem Grund lese ich kaum Dystopien. „Wasteland“ hat mich jedoch mit seiner geschlechtergerechten Sprache neugierig gemacht. Was muss ich mir unter Gender-sensibler Phantastik vorstellen? Sternchen überall? Lässt sich so was lesen? Und wenn ja – wie gut? Eines vorneweg: Es liest sich bestens und kommt ohne Sternchen aus. Ich habe die Tatsache, dass hier möglichst geschlechtergerecht formuliert wird, fast überall überlesen. Aufgefallen ist es mir nur dann, wenn es um nonbinäre Personen ging. Über Pronomen wie „ser“ oder „xier“ stolpere ich derzeit noch – aber ich freue mich darauf, mich daran zu gewöhnen! Gerade solche Romane tragen zu einer Gewöhnung bei, denn hier stehen Gender-Themen nicht im Vordergrund, sondern sind Teil der Handlung. Etwas anderes fiel mir beim Lesen viel mehr auf: die Vielfalt der Lebensentwürfe und die Diversität der Figuren. Wenn die Welt untergeht – wie wollen wir dann leben? Das beginnt bei der Heldin Layla, die immer mal wieder türkische und arabische Begriffe und Redewendungen verwendet. Und es hört bei der faschistoid-religiösen Sekten mit ihrem rückwärts gewandten Menschenbild noch lange nicht auf.…

weiterlesen

Alte Wege. Einfach losgehen? Von wegen.

Wir kamen nicht zusammen, dieses Buch und ich. Dabei ist es in einer schönen klaren, exakten und zugleich poetischen Sprache geschrieben. Zudem handelt es vom Draußen sein, vom Wandern und Gehen. Auch davon, dass alles zusammenhängt – das Gestern mit dem Heute, jeder Mensch mit jedem anderen, die Sprache mit der Welt und einfach alles mit der Natur. Es hätte exakt mein Buch sein können. Doch ich wollte den Erzähler mehr als einmal schütteln. Hätte er nicht wenigstens ein einziges Mal einfach loslaufen können, ohne vorher fast vergessene Dichter und Denker zu zitieren? Einfach nur losgehen, ohne zuerst Wochen in Bibliotheken zu verbringen? Einmal den ersten Schritt machen, ohne vorher noch gälische Verse zu zitieren? Er konnte nicht. Schade, zumal mir dieses Buch von ihm hervorragend gefallen hat: Robert Macfarlane – Karte der Wildnis. Klicken zur Rezension auf meinem Blog. Angaben zum Buch: Robert MacfarlaneAlte Wege Übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers Reihe Naturkunden – Band 25herausgegeben von Judith Schalansky Matthes & Seitz Verlag Mehr über den Autor im SZ Magazin

weiterlesen

Der Deutsche Sprachverein und sein Kampf gegen Fremdwörter

Das Buch beginnt grandios mit der Lebensgeschichte des Generalpostmeisters Heinrich Stephan (1831 bis 1897). Seine Mission war es, eine einheitliche und verständliche Terminologie für das frisch vereinte deutsche Postwesen zu schaffen. Einschreiben statt rekommandiert oder Umschlag statt Couvert sind nur zwei Beispiele dafür. Auch bei der Bahn gab es viel zu tun: Aus dem französischen Billet wurde damals eine deutsche Fahrkarte. Womit auch die Hauptschlagrichtung der Sprachpfleger klar wird: Es galt, französische Begriffe zu vermeiden. Was mehr mit der Haltung gegenüber dem „Erzfeind Frankreich“ als mit der tatsächlichen Verständlichkeit zu tun hatte. Denn „Dame“ war auch damals kein unübliches Wort, wurde aber trotzdem vom „Allgemeinen Deutschen Sprachverein“ bekämpft. Sendungsbewusstsein und Nationalismus: der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ Der Sprachverein war ein Männerbündnis, getragen von Beamten, Lehrern, Dozenten. Bildungsbürger, deren Horizont von Goethe und den alten Griechen bestimmt wurde. Männer, die an das „genuin deutsche Denken und Fühlen“ glaubten. Undiplomatischer ausgedrückt: Patriarchen, Chauvinisten, Nationalisten und Rassisten. Ein ähnlicher Verein existiert auch heute. Aus gut gemeinter Sprachpflege wurde schnell Überheblichkeit und Hetze. Karl-Heinz Göttert zeichnet den Weg des Vereins…

weiterlesen

Giora Feidman- der Klezmer-Musiker erzählt aus seinem Leben

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ein älterer Herr Geschichten von früher so erzählt, dass ihr euch denkt: Den hätte ich gerne als Opa? So erging es mir bei der Lektüre von Giora Feidmans „Klang der Hoffnung“. Der Musiker kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen – und meist auch wieder zurück. In seinen Erzählfluss eingebettet sind Betrachtungen über die Musik und darüber, warum er nicht werktreu spielen kann. Denn Feidman spielt eigentlich nie Mozart oder alte jüdische Lieder – er spielt immer Feidman, weil er seine Seele in seine Musik fließen lässt. Genau so sind auch seine autobiographischen Erinnerungen, in die er seine Lebenserfahrung einfließen lässt. Geschrieben in der Haltung eines Großvaters, der seine Erfahrungen an seine Enkel und Urenkel weitergeben möchte. Alle, die schon mal seine Musik gehört haben, sind sozusagen Enkel ehrenhalber. Dabei ist der Aufruf zum Frieden zwischen den Religionen gar nicht mal die wichtigste Botschaft, die er der nächsten Generation mit auf den Weg geben will. Noch wichtiger ist ihm der Glaube, dass Gott jedem Menschen ein Talent gegeben hat und es unsere…

weiterlesen

Rettet die Berge (vor Menschen wie mir)

Es sind einfach zu viele Menschen, die in die Berge wollen. Wer einmal beim Wandern die Route erwischt hat, die im Zickzack unter dem Skilift auf den Berg führt, weiß, wovon Reinhold Messner in seinem Buch „Rettet die Berge!“ spricht. Im Sommer sind die Abfahrtshänge eine öde Mondlandschaft, im Winter überfüllt. Bergsehnsüchte stillen diese Brachen nicht. Wer Ruhe und Einsamkeit in den Bergen sucht, muss suchen. Wandern in Gruppen, Gipfelbesteigung im Gänsemarsch und Downhill-Fahrten in einem Tempo, dass der Mountainbiker die Landschaft nicht mehr wahrnehmen kann – das ist alpine Normalität. Es gibt also viel zu beklagen, was Messner eloquent und wohlklingend tut. Aber wie sieht es mit den Lösungen aus? Wer braucht Lösungen, wenn er Geschichten haben kann? Der Mensch möge sich bescheiden, der Massentourismus eingedämmt werden und ein Ehrenkodex für Bergsteiger soll es richten. Konkreter wird Messner nicht. Aber das Buch hat ja auch nur 140 Seiten. Die sind schnell gelesen und halten interessante Beobachtungen bereit. Zum Beispiel, dass wir so viele gut trainierte Hobby-Sportler wie noch nie haben, die dann natürlich ihre…

weiterlesen

Die Rolle, der Kobold und meine Faszien

Es gibt etwas, was die Faszienrolle von anderen Fitness-Moden unterscheidet: Sie hat sich in meinem Alltag bewährt. Während das Theraband zusammengeknüllt in der Ecke liegt, die Hantelbank vor sich hin staubt, kommt die Faszienrolle immer mal wieder zum Einsatz. Kurz. Zum Auflockern zwischendurch. Insbesondere dann, wenn der obere Rücken Alarm schreit, weil ich zu lange starr am Schreibtisch saß. Aufstehen, rumrollen, dehnen. Das verbessert die Durchblutung, lockert die Muskulatur und macht den Kopf frei. Schön, oder? Wenn da nur nicht dieser Nörgel-Kobold in mir wäre: Die Rolle kann noch viel mehr. Du trainierst nicht richtig. Der Nörgel-Kobold hat nämlich einen Fitness-Ratgeber gelesen. Ok, ich habe das Buch gelesen und er hat dabei gut aufgepasst. „Faszien verstehen“ von Gerd Gradwohl ist das Fachbuch für alle, die nicht nur hin und her rollen wollen. Hier wird gründlich erklärt, warum und wie das Training mit der Faszienrolle wirkt. Immerhin rolle ich seitdem viel öfter. Nicht nur mit der großen Faszienrolle für den Rücken, sondern auch mit kleinen Bällen für mehr Schulterbeweglichkeit und gegen den Mausarm. Ich finde es…

weiterlesen

August Macke – Paradies? Paradies!

Das, was nur außerhalb der vier Wände meiner Wohnung und außerhalb meines Hirn stattfinden kann, fehlt. Die Anregungen, die Beobachtungen, die Begegnungen und alles, was nur im Zusammenspiel entsteht – ich vermisse es. So sehr, dass ich jetzt doch bereit war, mich auf ein Zoom-Kultur-Event einzulassen. Mein Fazit vorneweg: Es war inspirierend und ich werde lange davon zehren können. Aber es hat mir genauso schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr mir das draußen fehlt. Ich will wieder in Bilder hineinfallen können. Vor ihnen ruhig verweilen. Oder auch auf und ab tigern, um zu beobachten, wie andere Blickwinkel das Bild verändern. Ich will die Struktur des Pinselstrichs sehen können und mir einbilden, die Farbe zu riechen. Ja, ich möchte sogar wieder fremde Museumsbesucher beobachten können, ihre Wortfetzen hören und an ihrem Gesicht ablesen können, ob das Kunstwerk sie berührt. Die beste Kuratorenführung und das aufmerksamste Zoom-Publikum sind dafür kein Ersatz. Das weiß ich jetzt. Für das Museum Wiesbaden war es eine Premiere. Eine Video-Führung im Livestream durch das verschlossene Paradies der Ausstellungsräume. Zu sehen: „Paradies! Paradies?“. Bilder…

weiterlesen

Ein Ritt durch die DDR-Kultur. Mittendrin: wir Leser.

Wie viel Gegenkultur steckte in der Kultur der DDR? Das ist eine Fragestellung, die sich mein westlich geformtes Gehirn nicht gestellt hätte, wenn nicht dreierlei gewesen wäre: Die Begegnung mit Kinderbüchern wie „Ede und Unku“, die in den Paketen meiner Ost-Verwandtschaft steckten, mit denen sie sich für unsere West-Päckchen bedankten. Die ausführliche Reportage im Deutschlandfunk über Punks in der DDR, anlässlich des Erscheinens des Samplers „Too Much Future – Punkrock GDR 1980-1989“. Und das bemerkenswerte Buch von Marko Martin „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens.“ Staatskunst, Gegenkultur oder einfach nur Lesevergnügen? Marko Martin versucht erst gar nicht, eine Literatur- und Kulturgeschichte der DDR zu schreiben. Er, der in der DDR aufgewachsen ist und sie im Mai 1989 verlassen konnte, geht stets von seinem eigenen Leseerlebnis aus. Er erinnert sich, wie er selbst ein Buch, ein Film, ein Bild wahrgenommen hat. Von dort aus öffnet er den Blick: Wie sieht er das Buch heute? Warum durfte es damals erscheinen, was war seine Funktion aus Sicht des Politbüros? Was war das Staatstragende…

weiterlesen

700 Seiten in 14 Tagen: Der Wüstenplanet.

Natürlich hat die Pandemie mein Lesen verändert. Ich lese eher noch mehr, aber anders. Bücher zum Eintauchen sind angesagt. Geschichten zum Abschalten und Wegträumen, Fluchtlektüre. Jetzt war Dune, der Wüstenplanet das passende Buch für mich. Ja, den hatte ich tatsächlich noch nicht gelesen (Wüstenstaub auf mein Haupt). Und auch den Film nicht gesehen. Das wiederum verwundert nicht, da Film einfach nicht mein Medium ist. Die 700 Seiten hatte ich in 14 Tagen weggeschwartet. Ein sicheres Indiz, dass der SF-Klassiker für mich eine gute Fluchtlektüre war. Nur die Kampfszene in der Arena habe ich quer gelesen, ansonsten hat mich alles gepackt. Das ist ein erstaunliches Ergebnis für eine Leserin wie mich, die alle Schlachten bei Tolkien nur überflogen hat. Jetzt beschäftigen mich zwei Fragen: Will ich den Rest der ersten Trilogie auch noch lesen? Und was soll ich vom Frauenbild in Dune halten? Auf der einen Seite war ich angenehm überrascht, eine solche Vielzahl an starken Frauen in einem Buch zu finden, das 1965 veröffentlicht wurde. Doch wie es auf diesem Blog so schön heißt: Nebenbei…

weiterlesen