Neophyten – unternehmungslustige Pflanzen erobern die Welt

Neophyten Sachbuch

“Wandernde Pflanzen – Neophyten, die stillen Eroberer” von Wolf-Dieter Storl hat mich gleich auf den ersten Seiten fasziniert. Neophyten, das sind, vereinfacht gesagt, Pflanzen, die eigentlich nicht hier her gehören. So wie der Riesenbärenklau, die kanadsiche Goldrute und das indische Springkraut. Als agressiv und gemeingefährlich gelten sie. Mindestens unter Beobachtung stellen muss man diese Pflanzen, noch besser bekämpfen und ausrotten. Oder? Wolf Dieter Storl, Weltreisender und Ethnobotaniker, lässt sein Buch in Südafrika beginnen. Mit zwei sehr sympathischen Biologen erkundet er die Umgebung der Hauptstadt. Dort findet er lauter alte Bekannte aus allen Teilen der Welt, auch aus Europa: den Portulak, die Akazie, das Wandelröschen, die Seekiefer … Mit Erstaunen hört er die Biologen voller Enthusiasmus und mit Herzblut davon reden, dass all das ausgerottet werden müsse. Weil es nicht nach Südafrika gehöre. Weil es agressiv sei. Weil es die einheimischen Pflanzen verdrängen würde. Zugegeben: ein Buch so beginnen zu lassen hat etwas von einem erzählerischen…

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Weihnachten und der Fliegenpilz. Vielleicht eine wahre Geschichte.

Weihnachten Schamane Fliegenpilz Sachbuch

Eigentlich ist der Weihnachtsmann ein Fliegenpilz. Rote Jacke und die Schneeflocken als weiße Punkte – eindeutig ein Fliegenpilz. Oder? Fliegenpilze wiederum sind eng mit den Schamanen verbunden. Also ist Weihnachten ein altes heidnisches Fest. Eindeutig. „Abgründige Weihnachten – Die wahre Geschichte eines ganz und gar unheiligen Festes“ von Christian Rätsch wirkt ein wenig, als hätte das Buch eigentlich viel länger sein sollen. Manche der logischen Herführungen muten arg verkürzt an und es wäre ein leichtes, sich in dieser Rezension über diese Lücken auszulassen. Mache ich aber nicht, denn ich schätze das kreuz und quer denken von Christian Rätsch sehr. Wahrscheinlich sind die logischen Verkürzungen hauptsächlich der Art und Weise geschuldet, wie heute Bücher entstehen. Der Weihnachtsbaum als Ygdrasil, die Weltenesche, ist ein durch und durch schamanischer Baum. Die Kerzen beschwören die Rückkehr der Sonne. Der Duft aus dem Räuchermännchen segnet und weiht den Baum. Äpfel, Nüsse und Lebkuchen sind Opfergaben und Fruchtbarkeitssymbole. Hinter der Maske des Weihnachtsmann schaut…

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Somatische Intelligenz: Mein Körper weiß, warum ich keine Tomaten mag

Somatische Intelligenz - Sachbuch Rezension

Ich mag keine Tomaten. Schon immer*. Wobei die pauschale Aussage, dass ich keine Tomaten mag, so nicht richtig ist. Tomatensuppe und Tomatensauce, die lange gekocht wurde, mag ich. Doch je roher die Tomate desto größer meine Abneigung. Thomas Frankenbach rät mir mit seinem Buch „Somatische Intelligenz“ dazu, das zu akzeptieren. Tomaten enthalten fantastische Nährstoffe und sind gesund – aber eben nicht für jeden. Wie alle Pflanzen enthalten Tomaten auch Stoffe, mit denen sie sich vor Fraßfeinden und Pilzkrankheiten schützen. Diese Inhaltsstoffe werden von Menschen vor allen Dingen roh unterschiedlich gut vertragen. Mir wird von Tomate schlecht. Abscheu vor Tomaten – bei mir ein Warnsignal Abscheu ist also nichts, was man überwinden soll. Viel klüger ist es, auf dieses Körpersignal zu hören und seiner somatischen Intelligenz zu vertrauen. Doch häufig geht das zarte Stimmchen der somatischen Intelligenz im Alltagstrubel unter oder kann sich gegen lautstark geäußerte Ernährungsweisheiten nicht durchsetzen. Rohkost, Vollkorn, selbst das berühmte „mindestens ein…

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Zum Glück kein Heimatroman: Die letze Nacht des Matze Blitz

Matze Blitz

Eigentlich befinde ich mich seit ein paar Jahren in einer Roman-lese-Flaute, die mich allerdings nicht sonderlich stört. Meine Neugier treibt mich zu Sachbüchern und wenn ich mal Lust auf eine gute Geschichte habe, greife ich zum Kinderbuch. „Die letzte Nacht des Matze Blitz“ hat sich ganz hinterhältig auf der Regional-Schiene angeschlichen und bevor meine innere Bücherhüter-Stimme „nur Sachbücher“ aussprechen konnte, hatte ich schon ja zu diesem Buch gesagt. Zum Glück – mir wäre sonst viel Spaß entgangen! Matze wächst in den 90er Jahren in Schwetzingen auf. Schwetzingen schätze ich aus zwei Gründen sehr: für den Schlossgarten und für seine schönen Biergärten, die sich für mich in nicht-sportlicher Fahrradnähe befinden. Aber ich bin mit Matze völlig einer Meinung: aufwachsen möchte ich dort nicht. Schwetzingen ist für Jugendliche nicht das passende Biotop. Zu viel Barock, zu viel Idylle und die nächsten echten Städte – Mannheim und Heidelberg – gerade eben ein Stück zu weit weg. Der Zug…

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Laienkritiker und die Nonne mit dem Judo-Buch. Oder warum es Zeit ist, die Diskussion Literaturkritik vs. Buch-Blogs zu beenden

Laienkritiker - was ist das?

Laienkritiker. Schon wieder ein Begriff, mit denen Buch-Blogger in eine Schublade gesteckt werden. Eine Schublade, die sich sehr weit unten im Gebäude der Literatur befindet. Laienkritiker ist ein Wort, das bei mir mindestens Pickel auslöst. Selbst dann, wenn er nicht abwertend gemeint sein sollte. Doch so, wie Caterina vom Blog Schöne Seiten im Börsenblatt den Begriff Laienkritik verwendet, passt er auf einmal. Sie erklärt, warum der Versuch, Buch-Blogger*innen und Literaturkritiker*innen aneinander zu messen oder gar gegeneinander auszuspielen, nichts bringt. Damit beendet sie die unnötige Branchendiskussion Literaturkritik vs. Buchblogs. Die Chancen der sogenannten Laienkritik liegen genau in dieser Vielfalt. Sie will die professionelle Literaturkritik nicht verdrängen, sie erweitert sie, indem sie neue Wirkungsfelder eröffnet. Genau. Buch-Blogs demokratisieren das Sprechen und Schreiben über Bücher. Durch Blogs wird sichtbar, wer welche Bücher liest, warum er sie liest und wie genau dieser Leser dieses Buch findet. Eigentlich eine wunderbare Sache, oder? Warum also hat es so lange gedauert, bis…

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Fan war ich eigentlich nicht: Kim Gordon und Sonic Youth

Kim Gordon Girl in a band Autobiographie Sonic Youth

Rock’n’Roll war das nicht: Sonic Youth waren mir damals zu künstlerisch wertvoll. Zu wenig Unterleib. Anerkannt gute Songs, aber insgesamt zu kopflastig. Aber da stand Kim Gordon. Sie blieb mir im Gedächtnis. Ohne, das ich allzu viel über sie wusste, war sie für mich ein Role Model – eine Frau, wie ich mir Frauen vorstellte. Dafür brauchte es keinen feministischen Diskurs, dafür brauchte es eine Frau, die tat, was sie tat, inmitten von Männern und dabei sehr zufrieden aussah. Sie war für mich ein Vorbild – einfach dadurch, dass sie so auf der Bühne stand, wie sie da stand und einfach dadurch, dass sie ihre Version von Musik machte. Cool war sie für mich – aber wie ich jetzt nach der Lektüre von „Girl in a band“ weiß, sah sie das anders. Coolness war für sie ein weiteres künstlerisches Konzept. Den feministischen Diskurs würde ich heute nach der Lektüre liebend gerne mit ihr führen. Wahlweise…

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Meine Mikroben und ich – ein Holobiont

Die Herrscher der Welt: Mikroben - Sachbuch

Holobiont. Wichtiges Wort. Vor der Lektüre von Bernhard Kegels neuem Buch „Die Herrscher der Welt. Wie Mikroben unser Leben bestimmen.“ kannte ich das Wort Holobiont (Definition folgt am Ende der Buch-Rezension) noch nicht. Jetzt werde ich es sicherlich nicht mehr vergessen. Holobiont – ich bin viele und nur miteinander können wir überleben. Was wäre ich ohne meine Darm-Mikroben? Unterernährt ist eine durchaus zutreffende Antwort, denn die Mikroben spalten für sich und für mich Nahrungsmittel auf. Ich könnte diese speziellen Nährstoffe sonst nur schlecht verwerten. Und was wären meine Darm-Mikroben ohne mich? Auf jeden Fall heimatlos und hektisch darum bemüht, irgendwo anders für sich diese Nährstoffe zu finden, die es in meinen Eingeweiden im Überfluss gibt. Wir profitieren voneinander – zumindest so lange, wie sich alles im Gleichgewicht befindet. So viel sei schon mal verraten: weder einseitige Ernährung noch Antibiotika fördern das Gleichgewicht. Er fragte sie (die Forscher), was sie selbst in ihrem Leben verändert hätten, seitdem…

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Yoga XL – wenn ich das kann, kannst Du das auch

Yoga XL

Yoga XL – Yoga für Menschen mit Kleidergröße XL und mehr. Nein, eigenes Übergewicht ist nicht der Grund für mich gewesen, das Buch von Birgit Feliz Carrasco zu lesen. Ich war auf einen ganz bestimmten Aspekt neugierig. Das Wort Yoga löst Bilder aus. Yoga – das ist doch nur etwas für flexible, dünne Menschen, die aus dem Stand mit den Händen auf den Boden kommen und die sich mit dem großen Zeh hinter dem Ohr kratzen können. Oder etwas in der Art, meistens gefolgt von einem: das kann ich nicht und daher ist Yoga nichts für mich. Ich weiß nicht, wie häufig mir diese Haltung schon in Gesprächen begegnet ist, insbesondere – aber nicht nur – bei Menschen, die eine gewisse Bewegungssparsamkeit kultivieren. Wie will nun Birgit Feliz Carrasco genau solche Menschen motivieren, die zudem meist mit den Themen Sport und Bewegung schlechte Erfahrungen gemacht haben? Ihr wichtigstes Argument ist sie selbst. Sie lebt Yoga XL. Schaut her, wenn…

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Küchenwissenschaft, lecker und lesbar: On food and cooking

Kochbuch On food and cooking

Die Banderole „Der Klassiker endlich auf Deutsch!“ in Kombination mit dem englischen Titel ist für mich bei diesem Wälzer genauso wenig relevant wie der Hinweis, dass dieses Standardwerk der Küchenwissenschaft den Weg zur Molekularküche ebnete. Wenn dem wirklich so war, freut mich das für das Kochbuch. Für mich ist das jedoch kein Grund, zum Buch zu greifen. Denn die Molekularküche ist mir in meinem persönlichen Küchen-Bermuda-Dreieck zwischen Omas Anrichte, stets zu kleinem Kühlschrank und Gasherd, der mit einer Gasflasche betrieben wird, noch nicht begegnet. Allerdings habe auch ich mir schon in der Hoffnung auf ein perfektes Risotto fast eine Sehnenscheidenentzündung gerührt. Jetzt, nach der Lektüre des sehr langen, sehr informativen und durchaus vergnüglich zu lesenden Kapitels über Reis und Risotto, verstehe ich auch, warum Risotto klebrig wird. Oder auch nicht. Oder auch zu klebrig. Erstens kommt es darauf an und zweitens gibt es eine chemische Formel dafür, die neben Stärke auch Physik enthält. Küchenwissenschaft eben.…

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Jüdisches Museum in Worms – Museumstipp

Synagoge Worms im Frühling

Synagoge, Mikwe und jüdisches Museum – all das kann man in Worms ganz entspannt an einem Vormittag besichtigen. Und es lohnt sich! Die Synagoge wurde 1174, zeitgleich mit dem romanischen Dom in Worms, erbaut; das Ritualbad, die Mikwe, wurde 1185 erbaut. 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt und in den Folgejahren komplett verwüstet. 1961 entschlossen sich Stadt und Bürger, die Synagoge unter Verwendung der wenigen noch existierenden Original-Bauteile wieder aufzubauen. Eine jüdische Gemeinde existiert in Worms allerdings bis heute noch nicht wieder. Neben der besonderen Geschichte der Synagoge hat mich bei meinem Museumsbesuch das Ritualbad und seine Atmosphäre beeindruckt. Das Jüdische Museum besteht aus drei kleinen Räumen mit einer wohl durchdachten Sammlung. Im ersten Raum wird etwas zur Geschichte der Juden in Worms und zu den SchUM-Städten erzählt, die seit 2012 UNESCO-Weltkulturerbe sind. SchUM setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen, hebräischen Namen der drei Städte zusammen und ist der Begriff, den die Juden selbst für ihre…

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Ein Tag mit der Liebe: Welttag des Buches

Blogger schenken Lesefreude

Ein Tag mit der Liebe … auch das könnte ein Motto für den Welttag des Buches und Blogger schenken Lesefreude sein. Buchliebe. Leseliebe. Genau darum geht es für mich am Welttag des Buches: um den Zauber und die Kraft der Bücher, um Geschichten, die Transformationen ermöglichen. Um jene besonderen Momente, die zeigen, dass Lesen mehr als eine Freizeitbeschäftigung, mehr als eine Flucht aus dem Alltag ist. Doch der Moment muss stimmen. Nur wenn Buch und Leser im richtigen Moment aufeinander treffen entsteht dieses gewisse Etwas, das neue Geschichten in Gang setzt. “Ein Tag mit der Liebe” ist eines dieser Bücher, das man von richtigen guten Freunden im richtigen Moment geschenkt bekommt und wofür man diesen Freunden immer dankbar sein wird – selbst dann, wenn man ihnen das Buch und die Lebensweisheiten im ersten Moment am liebsten um die Ohren hauen möchte. -> Meine Rezension vom 2. November 2014 „Ein Tag mit der Liebe“ von Mohsen Charifi…

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Kürzere Sätze ergeben noch kein Jugendbuch: die letzte Drachentöterin

Jasper Fforde - Die letzte DRachentöterin Band 1

Die Magie ist schwach geworden in den Ununited Kingdoms und Bürokratie macht den Zauberern das Leben schwer. Auf fliegenden Teppichen dürfen keine Personen mehr transportiert werden und der Präkogniker sagt in der Gärtnerei die Farben der Blüten voraus. KAZAM, die Vermittlungsagentur für Zauberer läuft schlecht und die Pleite naht. Organisiert wird der Broterwerb von Jennifer Strange, die noch nicht ahnt, dass sie die letzte Drachentöterin ist und bald in einem gepanzerten, stacheligen Rolls Royce in ein wildes, seit 400 Jahren unberührtes Land fahren wird. Auf Jasper Fforde und seine wild sprudelnden verrückten Ideen ist auch diesmal wieder Verlass. Ich habe mich köstlich amüsiert – so lange ich ignoriert habe, dass es ein Jugendbuch sein soll. Eine jugendliche Drachentöterin macht noch kein Jugendbuch Jennifer Strange ist von Anfang an recht selbstbewusst. Woher sie als Findelkind dieses Selbstbewusstsein zieht, bleibt nebulös. Eine innere Wandlung macht sie nicht durch. Das ist einer der Gründe warum „Die letzte Drachentöterin“…

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