Ein Buch, das gegen Provence-Weh und Frankreich-Vermissung hilft

In einem Jahr, in dem das Nachbarland Frankreich unerreichbar schien, habe ich mich mit dieser Anthologie getröstet: Provence fürs Handgepäck. Es hat gewirkt! Nicht nur, dass dieses Buch mein Fernweh gemildert hat – ich bin dadurch auch mal wieder durch Genre und Epochen gestreunt, die sonst nicht den Weg auf meinen Lesestapel finden. Klassiker wie Stendhal und Daudet, Plauder-VIPs wie Günter Sachs und natürlich Peter Mayle, dessen Bücher ich immer nur erfolgreich in der Buchhandlung verkauft, aber nie gelesen habe. Nur den Handke, den hätte es für mich nicht gebraucht. Diese mutwillige Unrhythmik, dieses reingrätschen in Satzstrukturen. Nur, weil er es kann und die Leserin seinem Genie zu folgen hat. Brauche ich nicht. Gestört hat es mich aber nicht, denn es war genug Schönes da. Lavendeliges und Honigsüßes genau wie Herbes und vom Mistral Vorangetriebenes. Landleben und mondäne Strandpromenaden, Berge und Meer. Jede Facette kann für sich alleine stehen und alle zusammen haben sich für…

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Rettet die Berge (vor Menschen wie mir)

Es sind einfach zu viele Menschen, die in die Berge wollen. Wer einmal beim Wandern die Route erwischt hat, die im Zickzack unter dem Skilift auf den Berg führt, weiß, wovon Reinhold Messner in seinem Buch „Rettet die Berge!“ spricht. Im Sommer sind die Abfahrtshänge eine öde Mondlandschaft, im Winter überfüllt. Bergsehnsüchte stillen diese Brachen nicht. Wer Ruhe und Einsamkeit in den Bergen sucht, muss suchen. Wandern in Gruppen, Gipfelbesteigung im Gänsemarsch und Downhill-Fahrten in einem Tempo, dass der Mountainbiker die Landschaft nicht mehr wahrnehmen kann – das ist alpine Normalität. Es gibt also viel zu beklagen, was Messner eloquent und wohlklingend tut. Aber wie sieht es mit den Lösungen aus? Wer braucht Lösungen, wenn er Geschichten haben kann? Der Mensch möge sich bescheiden, der Massentourismus eingedämmt werden und ein Ehrenkodex für Bergsteiger soll es richten. Konkreter wird Messner nicht. Aber das Buch hat ja auch nur 140 Seiten. Die sind schnell gelesen und halten…

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Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs. Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays. Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland: Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau und Textilindustrie als Motor der…

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Kelten, Kulte, Anderswelten – ein Reiseführer

Der Menhir von Betenbrunn, eingemauert in einer Kirche. Der Magdalenenberg bei Villingen, der größte keltische Grabhügel Europas. Aber auch Schalensteine, alte Linden oder einfach nur Plätze, um die sich Mythen ranken: für mich sind sie ein guter Grund, eine Autofahrt zu unterbrechen und anzuhalten. Dabei sind mir die kleinen Sehenswürdigkeiten und die stillen Orte meist lieber als die großen Sensationen wie der Odilienberg. Allein – wie von ihnen erfahren? Den meisten Reiseführern sind sie bestenfalls eine Randnotiz wert. Das ist der Grund, warum ich immer neugierig auf Bücher wie „Kelten, Kulte, Anderswelten“ bin. In ihnen finde ich die kleinen Fluchten, die ungewöhnlichen Ziele, die besonderen Orte. Außerdem auch noch Informationen zu Geschichte, lokalen Sagen und Brauchtum. Allerdings habe ich mich vom Untertitel „Kraftplätze in Baden-Württemberg und Elsass“ etwas täuschen lassen. Von den vielen darin empfohlenen Stätten, die mit den Kelten verbunden sind oder verbunden sein könnten, liegt nichts vor meiner Haustür. Der Klappentext benennt die…

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Wirte und Stammtischler, Brauer und Köche: in fränkischen Wirtshäusern

Wer das Buch „In fränkischen Wirtshäusern“ liest, muss sich auf lange Dialekt-Passagen einstellen und damit etwas mitbringen, was den Wirten allesamt wichtig zu sein scheint: Zeit. Man mag Gäste, aber nicht jeden Gast. Reingehen, essen, ein Bier trinken und weiter – das geht gegen die Ehre eines fränkischen Wirts. Dafür macht er den Job nicht. Wahrscheinlich würde er seine Tätigkeit auch nicht als Job bezeichnen. Wirt, Wirtin – das IST man. Sonst funktioniert es nicht. Natürlich gab es auch in Franken ein Wirtshaus-Sterben. Für mich als Urlauberin fühlte es sich nicht so an, denn es ist immer noch eine beeindruckende Vielfalt an Brauereien und Gaststätten übrig. Tommie Goerz nahm die harte Recherche-Arbeit auf sich und hat eine Auswahl an typisch fränkischen Wirtshäusern zusammengestellt. Es klingt, als hatte er Spaß dabei. Sein Buch ist jedoch kein Reiseführer für Franken-Urlauber. Er stellt die Lebensgeschichte der Wirte und Wirtinnen in den Mittelpunkt. Wenn sie es denn zulassen. Nicht…

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Was wäre, wenn die Architektur ein Geheimnis verbirgt?

Wenn ich jetzt schreibe, dass die Graphic Novel „Der Magnet“ von Lucas Harari ein Thriller ist, verrate ich schon fast zu viel. Andererseits hilft diese Schubladisierung dem Leser auch nicht weiter, da sie das Geheimnis der Geschichte nicht umfassend beschreibt. Also kann ich das erstens hier stehen lassen und zweitens einen neuen Ansatz suchen. „Der Magnet“ von Lucas Harari ist eine genauso minimalistische wie atmosphärisch dichte Graphic Novel für Menschen, die bereit sind, sich ganz und gar auf einen Ort einzulassen. Die wissen, dass der Boden, auf dem ihr Haus steht, eine Geschichte hat. Die sich fragen, was Mauern schon alles erlebt haben, und die bereit sind, ihnen zuzuhören. Also was nun? Mystery-Thriller oder spirituell-sinnliches Erlebnis? Beides. Auf jeden Fall mehr als nur eine Hommage an die beeindruckende Architektur der Therme von Vals, entworfen von Peter Zumthor. Ich wollte da mal hin. Alleine die Schweizer Preise …. Aber jetzt weiß ich nicht mehr so genau,…

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Heimaturlaub: 101 deutsche Orte

101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss – ein solcher Titel löst wohl automatisch reflexartiges Zählen aus. An wie vielen Orten war ich schon? Wohin haben mich meine Eltern geschleppt, offensichtlich gegen meinen Willen, wie Familienfotos beweisen? Was davon steht immer noch auf meiner Reise-Wunschliste? Aber halt, Reflexen muss man nicht gleich folgen. Vor dem Zählen sollte man prüfen, ob die Auswahl überhaupt für einen passt. Ist das überhaupt mein Buch über Deutschland? Es ist. Für mich ist die Auswahl an Sehenswürdigkeiten, Städten und Naturdenkmälern sehr stimmig, denn es geht in diesem Buch um Orte, die eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind. Oder um solche, die typisch deutsch sind. Um Orte, zu denen man die Austauschstudentin mitnehmen würde. Oder um Sehenswürdigkeiten, an denen Deutschland … zu spüren ist. Jeder Ort bekommt eine Doppelseite. Das ist nicht viel. Und doch gelingt es Bernd Imgrund mit gerade einer Seite Text und zwei, drei Fotos das…

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Über alte Wege

Dieses Buch und ich, wir kamen dann doch nicht zusammen. Dabei beginnt „Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas.“ von Mathijs Deen grandios. Er erinnert sich an Reisen seiner Kindheit, Fahrten, die ihn über die alte Europastraße, die damals noch keine Autobahn war, führten. Ausgehend von diesen Kindheitserinnerungen an Landstraßen, die wirklich noch über Land führten, erkundet er zunächst die Geschichte der Europastraßen, die angelegt wurden, um Völker im Frieden zu verbinden, die zuvor miteinander Krieg geführt hatten. Doch auch diese Straßen verlaufen entlang älterer Routen. Mathijs Deen steigt tiefer in die Geschichte Europas ein und arbeitet sich dann von der Steinzeit beginnend wieder zur Neuzeit durch. Menschen waren schon immer unterwegs. Manchmal suchten sie bessere Jagdgebiete, manchmal lukrative Handelsplätze. Zu anderen Gelegenheiten brachten sie Krieg, viel häufiger jedoch wurden sie heimisch. Mathijs Deen folgt ihren Routen und versucht, ihre Beweggründe zu erspüren. Sein Handlungsfaden beginnt jedoch schon bald zu mäandern. Das mag…

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Goodbye New York – der Abschluss der Brooklyn-Trilogie

Jetzt sind sie also wieder hier in Deutschland. Zu sagen, sie wären zurück, käme mir unpassend vor. Denn das, was wie die Heimkehr einer Familie nach 2 Jahren in New York aussieht, ist genauso ein Neuanfang wie ein Anknüpfen. Wieder lässt uns Stephanie Hanel in tagebuchartigen Einträgen an ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen teilhaben. Als klar wird, dass die Tage der Familie in Brooklyn gezählt sind, taucht sie noch einmal richtig in das Leben New York ein und nimmt uns mit. Hier ein Museumsbesuch, dort ein Flohmarkt, danach einen Ausflug – bloß nichts verpassen, wer weiß, ob es noch einmal eine Chance dafür gibt. Gleichzeitig gibt sie offen zu, wie sehr die Hektik und der Lärm der Großstadt überfordern kann. Da wird schon eine Parkbank unter einem Baum zur Flucht in die Natur. So bewegt sich ihre Geschichte diesmal in einem Spannungsfeld zwischen Trubel und Sehnsucht nach Stille, Aktion(ismus) und Innehalten, zwischen Abschied zelebrieren und…

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Mit Ilija Trojanow auf Reisen – egal wohin

Was bringt mir das Reisen in Gedanken und auf den Buchseiten? Mir jede Menge. Ich war ein wenig skeptisch, ob mir Aufenthalte in fremden Ländern via Buch zu Pandemie-Zeiten gut tun. Der Frühjahrsurlaub fiel für mich aus, die nahe Grenze zu Frankreich ist noch immer geschlossen. Erinnern mich Berichte von fremden Ländern dann nicht zu sehr an das, was fehlt? An das Nicht-reisen-können, an das zuhause-bleiben-sollen? Macht ein Buch, das von der Lust am Reisen handelt, nicht depressiv in diesen seltsamen Tagen? Mitnichten. Im Gegenteil. Es tut mir gut. Zum Glück ist mein Gemüt in der Lage, auch in diesen Tagen Bücher als ganz eigene Welt zu betrachten. Losgelöst von allem, was an Alltag erinnert. Oder an Realität. Bücher sind Fluchtlektüre. Schon immer gewesen. Und wenn alles gut läuft – so wie bei diesen Reisereportagen und Miniaturen, kehre ich bereichert und gestärkt zurück. Mit Ilija Trojanow durch die Welt zu bummeln macht mir immer Spaß.…

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Nur echt mit Dubbeglas: Gebrauchsanweisung Pfalz

In der Pfalz ist es derzeit ruhig. Beim Wandern trifft man nur wenige Menschen und selbst die Pälzer Krischer scheinen leiser zu sein als sonst. Unglaublich – aber Corona macht es möglich. Also ab in den Pfälzer Wald, Seele lüften! Aber wandern, ohne in einer Pfälzer Hütte einkehren zu können, ist auch nicht das Wahre. Da fehlt einfach ein elementarer Bestandteil, etwas von dem, was die Pfalz so einzigartig macht. Was hingegen wunderbar funktioniert und alles enthält, was die Pfalz so einzigartig macht, ist dieser Pfalzbesuch per Buch – die „Gebrauchsanweisung für die Pfalz“ von Christian Habekost macht es möglich. Gewohnt locker erklärt er, wie und warum die Pfalz annerscht ist. Dialekt, Essen und Trinken spielen dabei natürlich eine große Rolle und um Helmut Kohl kommt man immer noch nicht herum. Aber auch die Philosophie kommt nicht zu kurz: These: Wein. – Antithese: Wasser. – Synthese: Schorle.These: Provinz. – Antithese: Provence. – Synthese: Pfalz Christian…

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Einmal quer durch die Stadt: Leipzig zum Lesen

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Reise-Anthologien. Aber Leipzig ist nun mal meine Lieblingsstadt und das machte den Reclam-Band „Leipzig zum Verweilen“ für mich zur Pflichtlektüre. Ich habe es nicht bereut! Der literarische Streifzug durch Leipzig bietet einen äußerst facettenreichen Blick auf die Stadt, die so viel mehr zu bieten hat als nur Auerbachs Keller, Thomas-Kirche und Völkerschlachtdenkmal. Herausgeberin Marianne Eppelt bewundert mit uns den Leipziger Hauptbahnhof, führt uns durch das Graphische Viertel, lädt zum Bummeln am Karl-Heine-Kanal ein, radelt an den Cospudener See und trinkt mit uns Gose am Schillerhaus. Sie zeigt uns das Leipzig von Felix Mendelssohn Bartholdy und lässt uns mit einem Text von Kathrin Wildenberger an einer Montagsdemo teilnehmen. Mit Egon Erwin Kisch blicken wir in die Kammer der verbotenen Schriften in der Deutschen Nationalbibliothek, mit Erich Loest in die Runde Ecke und das Innere der Stasi und mit Bettina Wilpert in die Polizeidirektion, wie sie heute ist. Jedem Text…

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