Ein Buch, das gegen Provence-Weh und Frankreich-Vermissung hilft

Taschenbuch "Provence fürs Handgepäck". Buch liegt unter einem Lavendelbusch

In einem Jahr, in dem das Nachbarland Frankreich unerreichbar schien, habe ich mich mit dieser Anthologie getröstet: Provence fürs Handgepäck. Es hat gewirkt!

Nicht nur, dass dieses Buch mein Fernweh gemildert hat – ich bin dadurch auch mal wieder durch Genre und Epochen gestreunt, die sonst nicht den Weg auf meinen Lesestapel finden. Klassiker wie Stendhal und Daudet, Plauder-VIPs wie Günter Sachs und natürlich Peter Mayle, dessen Bücher ich immer nur erfolgreich in der Buchhandlung verkauft, aber nie gelesen habe. Nur den Handke, den hätte es für mich nicht gebraucht. Diese mutwillige Unrhythmik, dieses reingrätschen in Satzstrukturen. Nur, weil er es kann und die Leserin seinem Genie zu folgen hat. Brauche ich nicht.

Gestört hat es mich aber nicht, denn es war genug Schönes da. Lavendeliges und Honigsüßes genau wie Herbes und vom Mistral Vorangetriebenes. Landleben und mondäne Strandpromenaden, Berge und Meer. Jede Facette kann für sich alleine stehen und alle zusammen haben sich für mich wirklich so angefühlt, wie ich die Provence erlebt habe.

Es wird Zeit, den nächsten Aufenthalt zu planen! Oder die nächste Lektüre aus der Reihe „ … fürs Handgepäck“?


Provence fürs Handgepäck. Das Taschenbuch steht in einem Buchregal voller Bücher über die Provence, daneben ein Pastis Glas

Bibliographische Angaben:

Provence fürs Handgepäck
Geschichten und Berichte – Ein Kulturkompass


Herausgegeben von Ulrike Frank

Union Verlag


Ein Buch, das bestens dazu passt: Ein Jahr an der Côte d’Azur

Rettet die Berge (vor Menschen wie mir)

Buchcover Rettet die Berge! Ein Appell von Reinhold Messner.

Es sind einfach zu viele Menschen, die in die Berge wollen. Wer einmal beim Wandern die Route erwischt hat, die im Zickzack unter dem Skilift auf den Berg führt, weiß, wovon Reinhold Messner in seinem Buch „Rettet die Berge!“ spricht. Im Sommer sind die Abfahrtshänge eine öde Mondlandschaft, im Winter überfüllt. Bergsehnsüchte stillen diese Brachen nicht.

Wer Ruhe und Einsamkeit in den Bergen sucht, muss suchen. Wandern in Gruppen, Gipfelbesteigung im Gänsemarsch und Downhill-Fahrten in einem Tempo, dass der Mountainbiker die Landschaft nicht mehr wahrnehmen kann – das ist alpine Normalität.

Es gibt also viel zu beklagen, was Messner eloquent und wohlklingend tut. Aber wie sieht es mit den Lösungen aus?

Wer braucht Lösungen, wenn er Geschichten haben kann?

Der Mensch möge sich bescheiden, der Massentourismus eingedämmt werden und ein Ehrenkodex für Bergsteiger soll es richten.

Konkreter wird Messner nicht. Aber das Buch hat ja auch nur 140 Seiten. Die sind schnell gelesen und halten interessante Beobachtungen bereit. Zum Beispiel, dass wir so viele gut trainierte Hobby-Sportler wie noch nie haben, die dann natürlich ihre Kräfte erproben wollen. Oder auch die Frage, ob es wirklich nötig ist, auf einem heiligen Berg bis zum Gipfel zu gelangen. Wäre es da nicht besser, die Besteigung kurz unter dem Gipfel enden zu lassen?

Es sind die Abschweifungen, die das Buch zum Lesevergnügen machen. Messner ist ein guter Geschichtenerzähler. Was mir jedoch fehlte, ist jegliche Spur von Selbstkritik. Er, Messner, sei nur für sein eigenes Tun verantwortlich. Da er ja „by fair means“ klettere, habe er seine Schuldigkeit getan. Wenn die Menschen ihm dann nacheifern, sei das deren Problem, nicht seines.

Dass seine Museen ein Magnet für den von ihm angeprangerten Massentourismus sind, blendet er völlig aus. Menschen wie ich können zum Beispiel sein Dolomiten-Museum sicherlich nicht „by fair means“, sondern nur mit Hilfsmitteln wie Straßen und Lifte erreichen. Will ich dorthin, schade ich dem Ökosystem Alpen und trage zum Klimawandel bei. Will ich nicht dort hin, ist das ein Verlust für das Unternehmen Messner.

Ob er dafür in seinem nächsten Buch Lösungen anbieten wird? Ich wage es zu bezweifeln, lese aber gerne wieder rein.

Infos zum Buch:

Reinhold Messner
Rettet die Berge!

Benevento Verlag

Bücher und Beiträge, die gut dazu passen:

Wildnis – was ist das eigentlich?

Wildnis in Deutschland – Hainich Nationalpark

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung mit Eintrittskarten.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs.

Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays.

Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland:

  • Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen
  • Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau und Textilindustrie als Motor der Industrialisierung in Sachsen.
  • Karl Marx & Karl May: Hochindustrialisierung & soziale Konflikte. Sozialgeschichte.
  • Schockensöhne und Sachsenstolz: Unternehmerpersönlichkeiten und die Entstehung des Massenkonsums
  • Trabi & Treuhand: DDR-Industrie und Wendezeit

Das ist nicht das Ruhrgebiet: Industriekultur in Sachsen

Dem Wessi in mir klingelten manchmal die Ohren. Wie, es gab nennenswerte Industrie außerhalb des Ruhrgebiets? Ja, die gab es – und sie war sehr erfolgreich und vielseitig. So viele Jahre nach der Wiedervereinigung ist auch bei mir immer noch ein Umdenken nötig. Solche Museumsbesuche bieten eine gute Gelegenheit dafür.

Aber mein Highlight war nicht die große Zentralausstellung in Zwickau, sondern eine kleine Museumsperle: die Tuchfabrik Gebrüder Pfau in Crimmitschau. Eine kleines Museum mit engagierten Mitarbeiter:innen. Hier können die Besucher die komplette Geschichte der sächsischen Textilindustrie in einem Fabrikgebäude erleben. 1859 gründete Friedrich Pfau eine Handweberei. 1972 wurde aus der Fabrik VEB Modetuche. 1990 wurde die Produktion eingestellt. Da das komplette Ensemble gleich unter Denkmalschutz gestellt wurde, lassen sich tatsächlich alle Phasen noch nacherleben. Hier ein paar Eindrücke – und da wir in Sachsen sind, gab es natürlich auch etwas leckeres zu essen!

In ihrer Größe und in ihrer Vollständigkeit des historischen Gebäude- und Maschinenbestands ist die Pfausche Fabrik in Mitteleuropa einzigartig, da die Herstellung von Tuchen Schritt für Schritt, von der Anlieferung der Rohstoffe (Wolle, Zellwolle und Dederon), deren Mischung, bis hin zum fertig verpackten Stoffballen dokumentiert wird.

Wikipedia – Tuchfabrik Gebr. Pfau


Angaben zum Buch:

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.
Katalog zur Landesausstellung 2020.

Herausgegeben von Thomas Spring für das Deutsche Hygiene-Museum Dresden.

Sandstein Verlag

Lust auf mehr Industriekultur? Dann bitte hier entlang:

Oder hier – Karl Marx als Held in einem Abenteuerroman für Kinder:

Kelten, Kulte, Anderswelten – ein Reiseführer

Kelten, Kulte, Anderswelten - ein Reiseführer

Der Menhir von Betenbrunn, eingemauert in einer Kirche. Der Magdalenenberg bei Villingen, der größte keltische Grabhügel Europas. Aber auch Schalensteine, alte Linden oder einfach nur Plätze, um die sich Mythen ranken: für mich sind sie ein guter Grund, eine Autofahrt zu unterbrechen und anzuhalten.

Dabei sind mir die kleinen Sehenswürdigkeiten und die stillen Orte meist lieber als die großen Sensationen wie der Odilienberg. Allein – wie von ihnen erfahren? Den meisten Reiseführern sind sie bestenfalls eine Randnotiz wert.

Das ist der Grund, warum ich immer neugierig auf Bücher wie „Kelten, Kulte, Anderswelten“ bin. In ihnen finde ich die kleinen Fluchten, die ungewöhnlichen Ziele, die besonderen Orte. Außerdem auch noch Informationen zu Geschichte, lokalen Sagen und Brauchtum.

Allerdings habe ich mich vom Untertitel „Kraftplätze in Baden-Württemberg und Elsass“ etwas täuschen lassen. Von den vielen darin empfohlenen Stätten, die mit den Kelten verbunden sind oder verbunden sein könnten, liegt nichts vor meiner Haustür. Der Klappentext benennt die Fundorte genauer: Schwarzwald, Schwäbische Alb, Oberschwaben und Elsass. Ich hatte natürlich auch auf Odenwald und Kraichgau gehofft. Aber egal, Urlaub im Elsass wollte ich schon lange Mal wieder machen! Dann werde ich dieses Buch auf jeden Fall dabei haben – gelesen und für gut befunden habe ich es schon.

Infos zum Buch:

Doris Benz und Ben Schreger
Kelten, Kulte, Anderswelten

Freya Verlag

Mehr über das Elsass auf meinem Blog:

Wirte und Stammtischler, Brauer und Köche: in fränkischen Wirtshäusern

In fränkischen Wirtshäusern
19 ausgewählte Wirtshäuser in Ober-, Mittel- und Unterfranken. Buch mit Lebensgeschichten von Wirten und Wirtinnen

Wer das Buch „In fränkischen Wirtshäusern“ liest, muss sich auf lange Dialekt-Passagen einstellen und damit etwas mitbringen, was den Wirten allesamt wichtig zu sein scheint: Zeit. Man mag Gäste, aber nicht jeden Gast.

Reingehen, essen, ein Bier trinken und weiter – das geht gegen die Ehre eines fränkischen Wirts. Dafür macht er den Job nicht. Wahrscheinlich würde er seine Tätigkeit auch nicht als Job bezeichnen. Wirt, Wirtin – das IST man. Sonst funktioniert es nicht.

Natürlich gab es auch in Franken ein Wirtshaus-Sterben. Für mich als Urlauberin fühlte es sich nicht so an, denn es ist immer noch eine beeindruckende Vielfalt an Brauereien und Gaststätten übrig.

Tommie Goerz nahm die harte Recherche-Arbeit auf sich und hat eine Auswahl an typisch fränkischen Wirtshäusern zusammengestellt. Es klingt, als hatte er Spaß dabei. Sein Buch ist jedoch kein Reiseführer für Franken-Urlauber. Er stellt die Lebensgeschichte der Wirte und Wirtinnen in den Mittelpunkt. Wenn sie es denn zulassen. Nicht jeder von ihnen ist es gewohnt, über sich selbst zu reden. Aber Tommie Goerz hat Geduld, Spaß an großen Essens-Portionen und ist bereit, im Rahmen seiner Recherche mehr als ein Bier zu trinken – kurz: Er kennt den Weg in das Herz der Wirtsleute.

Die Geschichte hinter den Wirtshausgeschichten

Dass es in Franken einst in jedem Dorf mindestens eine Wirtschaft gab, ist einer Zeit geschuldet, in der Familien mehr als ein wirtschaftliches Standbein brauchten, um durchzukommen. Das klingt in den Erzählungen, die mal mehr oder weniger launisch daher kommen, immer durch. Ein anderes wiederkehrendes Muster ist „Ich bin ja schon in der Wirtschaft groß geworden, also bin ich Wirt geworden.“

In einigen Wirtshäusern steht schon längst nicht mehr die Mutter am Herd, sondern der Sohn, der bei Sterneköchen gelernt. Nachdem er die weite Welt kannte, hat er sich bewusst entschieden, wieder zuhause im Wirtshaus zu arbeiten. Als Gast können wir uns also sehr sicher sein: Egal wo wir in Franken einkehren, Wirt und Wirtin haben immer eine interessante Lebensgeschichte, die es zu erzählen wert wäre. Wenn sie denn mal über sich reden würden, denn:

„Wemmir in soam Buch senn, ner kumme bloß die Leud.“

Aus dem Vorwort – Tommie Goerz, In fränkischen Wirtshäusern

Infos zum Buch:

Tommie Goerz

In fränkischen Wirtshäusern
19 ausgewählte Wirtshäuser in Ober-, Mittel- und Unterfranken


Mit Fotografien von Walther Appelt

Ars Vivendi Verlag

Passt bestens dazu: In 33 Bieren durch Franken


Was wäre, wenn die Architektur ein Geheimnis verbirgt?

Graphic Novel von Lucas Harari über die Therme von Vals von Peter Zumthor

Wenn ich jetzt schreibe, dass die Graphic Novel „Der Magnet“ von Lucas Harari ein Thriller ist, verrate ich schon fast zu viel. Andererseits hilft diese Schubladisierung dem Leser auch nicht weiter, da sie das Geheimnis der Geschichte nicht umfassend beschreibt. Also kann ich das erstens hier stehen lassen und zweitens einen neuen Ansatz suchen.

„Der Magnet“ von Lucas Harari ist eine genauso minimalistische wie atmosphärisch dichte Graphic Novel für Menschen, die bereit sind, sich ganz und gar auf einen Ort einzulassen. Die wissen, dass der Boden, auf dem ihr Haus steht, eine Geschichte hat. Die sich fragen, was Mauern schon alles erlebt haben, und die bereit sind, ihnen zuzuhören.

Also was nun? Mystery-Thriller oder spirituell-sinnliches Erlebnis? Beides. Auf jeden Fall mehr als nur eine Hommage an die beeindruckende Architektur der Therme von Vals, entworfen von Peter Zumthor. Ich wollte da mal hin. Alleine die Schweizer Preise ….

Aber jetzt weiß ich nicht mehr so genau, ob ich bereit wäre, einen Tag in der Therme zu verbringen. Es wird eine Weile dauern, bis ich diese Geschichte losgelassen habe. Was wäre, wenn sich auch bei mir die Mauern bewegen würden? Sind die 100 Jahre schon wieder um? Würde ich den Schlund des Berges spüren? Will ich es wirklich wissen?

Ich glaube, nein. Statt in das Wasser der Therme von Vals tauche ich lieber noch einmal in diese Graphic Novel ein. Und noch einmal. Und …

Und wann wird schon mal ein Comic auf einem Architektur-Blog besprochen?

Infos zum Comic:

Lucas Harari

Der Magnet
aus dem Französischen von Christoph Schuler
handgelettert von Michael Hau

Edition Moderne

Mehr Comic-Tipps auf meinem Blog.

Heimaturlaub: 101 deutsche Orte

101 deutsche Orte die man gesehen haben muss. Sachbuch und Reiseführer.

101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss – ein solcher Titel löst wohl automatisch reflexartiges Zählen aus.

An wie vielen Orten war ich schon? Wohin haben mich meine Eltern geschleppt, offensichtlich gegen meinen Willen, wie Familienfotos beweisen? Was davon steht immer noch auf meiner Reise-Wunschliste?

Aber halt, Reflexen muss man nicht gleich folgen. Vor dem Zählen sollte man prüfen, ob die Auswahl überhaupt für einen passt. Ist das überhaupt mein Buch über Deutschland?

Es ist. Für mich ist die Auswahl an Sehenswürdigkeiten, Städten und Naturdenkmälern sehr stimmig, denn es geht in diesem Buch um Orte, die eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind. Oder um solche, die typisch deutsch sind. Um Orte, zu denen man die Austauschstudentin mitnehmen würde. Oder um Sehenswürdigkeiten, an denen Deutschland … zu spüren ist.

Jeder Ort bekommt eine Doppelseite. Das ist nicht viel. Und doch gelingt es Bernd Imgrund mit gerade einer Seite Text und zwei, drei Fotos das Typische eines Ortes herauszuarbeiten, die Atmosphäre einzufangen und die kulturhistorische Bedeutung zu vermitteln.

Und wie viele von den 101 deutschen Orten, die man seiner Meinung nach gesehen haben muss, habe ich nun wirklich gesehen? 66.

Die erstaunlich hohe Quote habe ich einerseits meinem Vater zu verdanken, dem Auslandsreisen eher suspekt waren. Wozu in die Ferne schweifen, wenn man noch nicht alles in Deutschland gesehen hat? Diesen Forschergeist habe ich mir bewahrt. Meine Reiserouten durch Deutschland ähneln dem Netz einer Spinne auf LSD, die versucht, deutsche Orte zu verknüpfen. Derzeit suche ich eine Route nach Kiel, die Städte und Sehenswürdigkeiten enthält, die ich noch nicht kenne. Hat jemand Vorschläge?

Infos zum Buch:

Bernd Imgrund
101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss

WBG
– Wissenschaftliche Buchgesellschaft


Die Reiserouten einer Spinne auf LSD habe ich hier schon einmal beschrieben:
1000 Places to see before you die – Deutschland, Österreich, Schweiz

Aber warum fahren Menschen überhaupt in Urlaub? Das erklärt dieses Buch:

Über alte Wege

Sachbuch. Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas. Mathijs Deen.

Dieses Buch und ich, wir kamen dann doch nicht zusammen. Dabei beginnt „Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas.“ von Mathijs Deen grandios. Er erinnert sich an Reisen seiner Kindheit, Fahrten, die ihn über die alte Europastraße, die damals noch keine Autobahn war, führten. Ausgehend von diesen Kindheitserinnerungen an Landstraßen, die wirklich noch über Land führten, erkundet er zunächst die Geschichte der Europastraßen, die angelegt wurden, um Völker im Frieden zu verbinden, die zuvor miteinander Krieg geführt hatten. Doch auch diese Straßen verlaufen entlang älterer Routen. Mathijs Deen steigt tiefer in die Geschichte Europas ein und arbeitet sich dann von der Steinzeit beginnend wieder zur Neuzeit durch.

Menschen waren schon immer unterwegs. Manchmal suchten sie bessere Jagdgebiete, manchmal lukrative Handelsplätze. Zu anderen Gelegenheiten brachten sie Krieg, viel häufiger jedoch wurden sie heimisch. Mathijs Deen folgt ihren Routen und versucht, ihre Beweggründe zu erspüren. Sein Handlungsfaden beginnt jedoch schon bald zu mäandern. Das mag ich. Doch der Autor wird mit jeder neuen Kurve, die seine Protagonisten nehmen, weitschweifiger. Diese Art zu reisen fand ich ermüdend.

Dazu kommt, dass ich seinen Blick auf Frauen für – lasst es mich wohlwollend ausdrücken – für konservativ halte. Frauen sind Wegbegleiter, mehr nicht. Selbst dann, wenn sie wie im Falle der Pilgerin, eigenständig Reisen unternehmen, werden sie durch die Männer definiert.

Ich begann querzulesen. Zum Glück, denn das letzte Kapitel, in dem der Wahrheitsgehalt der Kindheitserinnerungen überprüft wird, ist noch einmal großartig. Aber so ist das wohl mit den Reisen. Zumindest dann, wenn es keine Autobahnen gibt. Man macht sich auf den Weg, schweift ab, mäandert durch die Welt und kann sich am Ende noch nicht mal mehr auf seine eigenen Erinnerungen verlassen.

Weitere Angaben zum Buch:

Mathijs Deen
Über alte Wege
Eine Reise durch die Geschichte Europas

Dumont Verlag

Begeisterte Rezension beim Kaffeehaussitzer. Das graue Sofa hingegen betrachtet „Über alte Wege“ ähnlich wie ich.

Reiselust geweckt? Hier findet ihr mehr Buchtipps und mehr über meine liebsten Reiseziele!

Goodbye New York – der Abschluss der Brooklyn-Trilogie

Stephanie Hanel - Brooklyn-Trilogie:
100 Tage hier & 100 Tage dort - Band 1
50 Tage - 50 days in Brooklyn - Band 2
Good bye New York - Abschied von der neuen Heimat - Band 3100 Tage hier & 100 Tage dort - Band 1
50 Tage - 50 days in Brooklyn - Band 2
Good bye New York - Abschied von der neuen Heimat - Band 3

Jetzt sind sie also wieder hier in Deutschland. Zu sagen, sie wären zurück, käme mir unpassend vor. Denn das, was wie die Heimkehr einer Familie nach 2 Jahren in New York aussieht, ist genauso ein Neuanfang wie ein Anknüpfen.

Wieder lässt uns Stephanie Hanel in tagebuchartigen Einträgen an ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen teilhaben. Als klar wird, dass die Tage der Familie in Brooklyn gezählt sind, taucht sie noch einmal richtig in das Leben New York ein und nimmt uns mit. Hier ein Museumsbesuch, dort ein Flohmarkt, danach einen Ausflug – bloß nichts verpassen, wer weiß, ob es noch einmal eine Chance dafür gibt. Gleichzeitig gibt sie offen zu, wie sehr die Hektik und der Lärm der Großstadt überfordern kann. Da wird schon eine Parkbank unter einem Baum zur Flucht in die Natur. So bewegt sich ihre Geschichte diesmal in einem Spannungsfeld zwischen Trubel und Sehnsucht nach Stille, Aktion(ismus) und Innehalten, zwischen Abschied zelebrieren und Rückkehr vorbereiten.

Je berührender das Buch, desto schwerer die Rezension. Aber warum?

Ich dachte mir beim Lesen: Auch das Buch ist ihr wieder gelungen. Jetzt liest Du schnell deine Rezensionen zu den letzten beiden Büchern noch einmal und dann schreibst du deinen Blog-Beitrag. Der wird sich ja quasi von selbst schreiben, Stoff und Begeisterung für das Buch sind genug vorhanden.

Es kam anders. In meinen Rezensionen zu den anderen beiden Bänden der Brooklyn-Trilogie 100 Tage hier & 100 Tage dort und 50 Tage – 50 days in Brooklyn – Band 2 entdeckte ich ein Staunen und Berührt-sein, dass mich selbst im Nachhinein verblüffte. Prompt fühlte ich mich nicht in der Lage, daran adäquat anzuknüpfen. Eine Sackgasse, aus der mir selbst meine große Schreibroutine nicht heraus half.

Offensichtlich war diesmal in der intimen Beziehung, die grundsätzlich zwischen Leserin und Buch entsteht, etwas anders als sonst. Aber was?

Beim Lesen von Büchern interessieren mich die Autor*innen nicht sonderlich. Mich interessiert lediglich die Geschichte und wie sie sich zu meiner Welt verhält, basta. Genau diese Haltung hat Stephanie Hanel mit ihrer Brooklyn-Triologie durchbrochen. Ihre Geschichte ist persönlich, so persönlich, dass mir auf einmal die Distanz fehlte, aus der heraus ich sonst lese und blogge. Eine spannende Lese-Erfahrung, die mich noch eine Weile beschäftigen wird!

Weitere Infos zur Brooklyn-Trilogie:

Stephanie Hanel

100 Tage hier & 100 Tage dort – Band 1
50 Tage – 50 days in Brooklyn – Band 2
Goodbye New York – Abschied von der neuen Heimat – Band 3

Edition Bilderbusch

Im Buchhandel erhältlich – zum Beispiel in der Buchhandlung Bücherglück in der Heidelberger Bahnstadt.

Jetzt auch als Gesamtausgabe mit Bonus-Material erhältlich:

Nachdem ich am Montag den Kindermund-Wochenkalender vorstellen durfte, gibt es heute schon das nächste fertige Projekt…

Gepostet von Christine Kern am Donnerstag, 3. September 2020

Mit Ilija Trojanow auf Reisen – egal wohin

Ilija Trojanow - Gebrauchsanweisung fürs Reisen. Aber der hässliche Spiegel-Bestseller Aufkleber muss erst mal runter vom Buch.

Was bringt mir das Reisen in Gedanken und auf den Buchseiten? Mir jede Menge. Ich war ein wenig skeptisch, ob mir Aufenthalte in fremden Ländern via Buch zu Pandemie-Zeiten gut tun.

Der Frühjahrsurlaub fiel für mich aus, die nahe Grenze zu Frankreich ist noch immer geschlossen.

Erinnern mich Berichte von fremden Ländern dann nicht zu sehr an das, was fehlt? An das Nicht-reisen-können, an das zuhause-bleiben-sollen? Macht ein Buch, das von der Lust am Reisen handelt, nicht depressiv in diesen seltsamen Tagen?

Mitnichten. Im Gegenteil. Es tut mir gut. Zum Glück ist mein Gemüt in der Lage, auch in diesen Tagen Bücher als ganz eigene Welt zu betrachten. Losgelöst von allem, was an Alltag erinnert. Oder an Realität. Bücher sind Fluchtlektüre. Schon immer gewesen. Und wenn alles gut läuft – so wie bei diesen Reisereportagen und Miniaturen, kehre ich bereichert und gestärkt zurück.

Mit Ilija Trojanow durch die Welt zu bummeln macht mir immer Spaß. Egal, ob es um die Reiselust an sich geht wie in seiner liebenswerten „Gebrauchsanweisung für das Reisen“. Oder ob er ein Land gründlich erkundet, wie in „An den inneren Ufern Indiens“. Oder auch, wenn das Reisen nur nebenbei erwähnt wird wie in „Meine Olympiade“. Sogar wenn Reisereportagen aus verschiedenen Zeiten zusammengefasst werden wie in „Der entfesselte Globus“ bleibt mein Fazit: Ich bin einfach gerne mit ihm unterwegs. So gerne, dass ich als nächstes einen Roman von ihm lesen werde. „Der Weltensammler“ liegt schon auf meinem Nachttisch bereit.

Infos zum Buch:

Ilija Trojanow

Gebrauchsanweisung füs Reisen

Piper Verlag

(aber dieser hässliche Spiegel-Bestseller-Autor-Aufkleber hätte auf dem Buch wirklich nicht sein müssen. Der musste erst mal abgeknippelt werden. Das geht alles von meiner Lesezeit ab, menno!)

Nur echt mit Dubbeglas: Gebrauchsanweisung Pfalz

Buch Gebrauchsanweisung Pfalz von Chako Habekost mit Rieslingschorle im Dubbeglas

In der Pfalz ist es derzeit ruhig. Beim Wandern trifft man nur wenige Menschen und selbst die Pälzer Krischer scheinen leiser zu sein als sonst. Unglaublich – aber Corona macht es möglich.

Also ab in den Pfälzer Wald, Seele lüften!

Aber wandern, ohne in einer Pfälzer Hütte einkehren zu können, ist auch nicht das Wahre. Da fehlt einfach ein elementarer Bestandteil, etwas von dem, was die Pfalz so einzigartig macht.

Was hingegen wunderbar funktioniert und alles enthält, was die Pfalz so einzigartig macht, ist dieser Pfalzbesuch per Buch – die „Gebrauchsanweisung für die Pfalz“ von Christian Habekost macht es möglich.

Gewohnt locker erklärt er, wie und warum die Pfalz annerscht ist. Dialekt, Essen und Trinken spielen dabei natürlich eine große Rolle und um Helmut Kohl kommt man immer noch nicht herum. Aber auch die Philosophie kommt nicht zu kurz:

These: Wein. – Antithese: Wasser. – Synthese: Schorle.
These: Provinz. – Antithese: Provence. – Synthese: Pfalz

Christian Habekost – Gebrauchsanweisung für die Pfalz. Seite 11

Doch einige Punkte wiederholen sich im Laufe des Buches so häufig, dass ich fast den Eindruck bekam, der Autor hätte nicht damit gerechnet, dass sein Buch wirklich ganz und möglicherweise sogar am Stück gelesen wird. Doch, wird es! Es macht nämlich Spaß.

Angaben zum Buch:

Christian Habekost
Gebrauchsanweisung für die Pfalz

Piper Verlag

Und für alle, die Chako Habekost noch nicht kennen, hier ein Klassiker:

Was gut zum Buch passt: Riesling vom Weingut Margarethenhof. Am besten serviert mit Pfälzer Tapas aus diesem Kochbuch. Und das passende Dubbeglas gibt es hier.

Einmal quer durch die Stadt: Leipzig zum Lesen

Leipzig zum Verweilen. Mit Geschichten die Stadt entdecken. Reclam Verlag.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Reise-Anthologien. Aber Leipzig ist nun mal meine Lieblingsstadt und das machte den Reclam-Band „Leipzig zum Verweilen“ für mich zur Pflichtlektüre.

Ich habe es nicht bereut!

Der literarische Streifzug durch Leipzig bietet einen äußerst facettenreichen Blick auf die Stadt, die so viel mehr zu bieten hat als nur Auerbachs Keller, Thomas-Kirche und Völkerschlachtdenkmal. Herausgeberin Marianne Eppelt bewundert mit uns den Leipziger Hauptbahnhof, führt uns durch das Graphische Viertel, lädt zum Bummeln am Karl-Heine-Kanal ein, radelt an den Cospudener See und trinkt mit uns Gose am Schillerhaus. Sie zeigt uns das Leipzig von Felix Mendelssohn Bartholdy und lässt uns mit einem Text von Kathrin Wildenberger an einer Montagsdemo teilnehmen. Mit Egon Erwin Kisch blicken wir in die Kammer der verbotenen Schriften in der Deutschen Nationalbibliothek, mit Erich Loest in die Runde Ecke und das Innere der Stasi und mit Bettina Wilpert in die Polizeidirektion, wie sie heute ist. Jedem Text hat Marianne Eppelt ein kluges Vorwort spendiert, das mit historischen und literarischen Fakten und atmosphärischen Beschreibungen Reiselust weckt.

Das gelingt ihr so gut, dass ich schon wieder Reisepläne schmiede – dabei war ich ja trotz ausgefallener Leipziger Buchmesse im März bereits in meiner Lieblingsstadt!

Infos zum Buch:

Marianne Eppelt – Herausgeberin
Katinka Reinke – Gestaltung

Leipzig zum Verweilen

Reclam Verlag


Noch mehr über Leipzig auf meinem Buch-Blog:

Anarchistische Entdeckungen oder auch: gute Gründe, die Buchmesse Leipzig zu lieben!