Sänger müssen zweimal sterben

Ob ganz Indien mit seinen Menschenmassen, Rikschas Motorrädern, Tempeln, Affen und was noch alles zur Geräuschkulisse beiträgt, wirklich Musik ist, wie der Klappentext behauptet? Ich wage es zu bezweifeln. Aber dass Indien einen eigenen intensiven Klang hat, bekommt sogar eine Touristin wie ich mit. Peter Pannke hat das Land deutlich intensiver erlebt, als mir das damals in drei Wochen Urlaub gelingen konnte. Er hat lange mit der Sängerfamilie Mallik gelebt, die über 200 Jahre dem Maharadscha von Darbhanga als Hofmusiker gedient hatte. An diese Zeit und an alles, was daraus entstand, erinnert er sich, als er anlässlich einer Beerdigung versucht, in das von schweren Regenfällen überflutete Nordindien zu gelangen. „Sänger müssen zweimal sterben“ ist ein wunderbar intensives Buch. Eines, das gar nicht erst versucht, Indien zu erklären. Stattdessen lässt uns Peter Pannke teilhaben an seinen Erfahrungen und erlaubt uns damit ein sehr direktes, sinnliches Erleben. Entdeckt habe ich das Buch, das nicht mehr aufgelegt wird, in einem Lehrbuch zur Musikethnologie, dass ich hier besprochen habe. Gehofft hatte ich auf Erklärungen zu Ragas und zu der…

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Kunst sehen – eine Schule des Wahrnehmens

20 Sekunden. Es gibt Zahlen, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Seit ich gelesen habe, dass Museumsbesucher im Schnitt nur 20 Sekunden vor einem Kunstwerk verweilen, beobachte ich mich beim Betrachten von Kunst. Wie schaue ich mir Bilder eigentlich an? Was nehme ich wahr, woran bleibt mein Blick hängen? Und wie oft lese ich zuerst das Erklärungsschild? Denke mir dann „Ah, ein typischer Cézanne!“ und gehe weiter zum nächsten Bild? Wobei ich bei Cézanne nie einfach weitergehe. Deswegen war das der erste Band aus der Serie „Kunst sehen“ den ich mir angeschafft habe. Ich sage es gleich: weitere werden folgen, denn diese Kunstbuch-Reihe ist bemerkenswert. Was sind die ersten Gedanken, wenn ich ein Bild betrachte? Häufig kreisen sie um Fragen wie „Wer hat es gemalt?“, „Was stellt es dar?“ und „Welcher Stil ist das?“. Ich aktiviere meine Erfahrung mit Kunst und gelange sehr schnell zur finalen Frage: Was will mir das Kunstwerk sagen? Michael Bockemühl schlägt einen anderen Weg vor. Er ermutigt uns, urteilsfrei Bilder zu betrachten. Im Falle von Cezanne heißt das: Farben,…

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Bäume in der Kunst

Der nüchterne Titel „Bäume in der Kunst“ täuscht. Der kleinformatige Bildband mag minimalistisch daher kommen, doch in Wahrheit ist er ein Buchjuwel. In exzellenter Druckqualität zeigt er uns über 100 Baumbilder – Gemälde, Grafiken und Fotos von bekannten Künstlerinnen und Künstlern wie Georgia O’Keeffe und Van Gogh und (mir) weniger bekannten wie Claire Cansick und Paul Nash. Durch die kluge Zusammenstellung, die zurückhaltenden, informativen und stimmigen Texte und die gelegentlich eingestreuten Zitaten entsteht eine Atmosphäre, die sich wirklich mit der eines Waldspaziergangs vergleichen lässt. Dann fühlt sich das Buch so an, wie Tschechow den Wald beschreibt: Im Wald spürt man die Gegenwart Gottes. Anton Tschechow – zitiert in „Bäume in der Kunst“ Prächtige Baumsolitäre, dunkle Wälder, lichte Feldränder. Bäume am Meer, im Gebirge und Hausbäume. Kastanien in voller Blüte und verbrannte Bäume auf Schlachtfeldern. Ab und an mal ein Tier oder in der Ferne ein Haus. Menschen? Brauchen die Bäume nicht. Aber wir brauchen sie. Wer das so sieht, wird den Bildband immer wieder in die Hand nehmen – so wie ich! Infos zum Bildband:…

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Die Surrealistin: Roman über Leonora Carrington. Und über Max Ernst.

Mich auf Leonora Carringtons Bilder einzulassen erfordert immer Mut. Es ist, als würde ich in der Dämmerung auf einem Sprungbrett stehen. Unter mir schimmerndes Wasser. Darin Schemen von Menschen, Wesen und Tieren, die nicht so aussehen, wie die Tiere, die mir vertraut sind. Nichts davon erscheint auf den ersten Blick gefährlich. Doch kann ich dem Frieden trauen? Bin ich bereit, einzutauchen und mich den dort wirkenden Kräften zu überlassen? Meine Rationalität sucht in dieser Situation einen Ausweg und beginnt, Fragen zu stellen: Was ist das für ein Mensch, der so malen kann? Wie hat sie es gemalt, woher kam die Inspiration? Und muss man ein wenig verrückt sein, um solche Bilder zu erschaffen? Fragen, um die auch der biographische Roman „Die Surrealistin“ von Michaela Carter kreist. Auf fast alle findet er eine Antwort. Nicht alle davon überzeugen mich, denn zu viele davon sind mit Max Ernst verknüpft. Zumindest war das der Eindruck, der bei mir entstand, weil Max Ernst viel Raum einnimmt. Doch das ist ein Kunstgriff, auf den ich beim Lesen hereingefallen bin. Max…

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Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr. Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat. Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre…

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Punk und New Wave in Deutschland. Wie alles begann.

War ich die Letzte meiner Generation, die das Buch noch nicht gelesen hatte? Und dass, obwohl Punk und New Wave mein Erwachsenwerden geprägt haben? Und ich heute hauptsächlich Musik höre, die ohne die Pionierarbeit von deutschen Musikern und Musikerinnen wie FM Einheit und Peter Hein, Gudrun Gut und Annette Humpe ganz anders klingen würde? Und ohne Aufklärungsarbeit von Journalisten wie Diedrich Diederichsen anders gedacht werden würde? Andererseits schadet es überhaupt nichts, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ 20 Jahre nach Erscheinen und gut 30 Jahre nach dem eigenen Erwachsenenwerden zu lesen. Letzteres ist natürlich nur ein Schätzwert. Ich hatte schon immer ein Talent für spontane, aufrichtige Begeisterung, war aber nie ein Fan-Girl, das Band-Besetzungen hätte herunterbeten können. Heute bin ich schon froh, wenn mir der Name der Band einfällt. Da haben wir es schon wieder: es ist kaum möglich, über dieses Buch zu bloggen, ohne zu überlegen, wie sich das eigene Erleben von Musik im Laufe der Jahrzehnte geändert hat. Trotzdem ist der Doku-Roman eines ganz sicher nicht: sentimental. Dafür sorgt ein handwerklicher Kniff. Jürgen Teipel…

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Lazy Confessions. Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

Autonom, emanzipatorisch, analytisch: Für mich sind Martin Büssers Texte Suchscheinwerfer, die vom Tellerrand in alle Richtungen leuchten. Ein Autor, von dem ich alle paar Monate etwas lesen MUSS. Dabei packt mich jedes Mal der blanke Neid: Ich will so schreiben, so kritisieren können! Weil ich auf meinem Blog schon häufiger von meiner Faszination für Büssers Kritiken und Texte berichte habe – nämlich hier, hier und hier – gibt es zum gerade ausgelesenen Buch „Lazy Confessions. Artikel, Interviews und Bekenntnisse aus zwei Jahrzehnten.“ nur Zitate: Gegenüber Jim Morrison und Johnny Rotten klingen die Sprachen von Blumfeld und den Goldenen Zitronen plötzlich wie das, was früher als Lyrik bei Suhrkamp erschien, während Suhrkamp mit Rainald Goetz eine Prosa veröffentlicht, die auf ihre Weise gerne wieder so authentisch wie Jim Morrison wäre. Die Sprechweisen der Popkultur. Zum Problem der Vermittelbarkeit. Erschienen in kritische Ausgabe 5/2000. Aus Lazy Confessions – Sammelband mit Texten von Martin Büsser. Ich finde, das ist genauso ätzend wie exakt! Genau hier könnte ein neues Kapitel beginnen, eines, das danach fragt, ob es sich bei…

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Giora Feidman- der Klezmer-Musiker erzählt aus seinem Leben

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ein älterer Herr Geschichten von früher so erzählt, dass ihr euch denkt: Den hätte ich gerne als Opa? So erging es mir bei der Lektüre von Giora Feidmans „Klang der Hoffnung“. Der Musiker kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen – und meist auch wieder zurück. In seinen Erzählfluss eingebettet sind Betrachtungen über die Musik und darüber, warum er nicht werktreu spielen kann. Denn Feidman spielt eigentlich nie Mozart oder alte jüdische Lieder – er spielt immer Feidman, weil er seine Seele in seine Musik fließen lässt. Genau so sind auch seine autobiographischen Erinnerungen, in die er seine Lebenserfahrung einfließen lässt. Geschrieben in der Haltung eines Großvaters, der seine Erfahrungen an seine Enkel und Urenkel weitergeben möchte. Alle, die schon mal seine Musik gehört haben, sind sozusagen Enkel ehrenhalber. Dabei ist der Aufruf zum Frieden zwischen den Religionen gar nicht mal die wichtigste Botschaft, die er der nächsten Generation mit auf den Weg geben will. Noch wichtiger ist ihm der Glaube, dass Gott jedem Menschen ein Talent gegeben hat und es unsere…

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August Macke – Paradies? Paradies!

Das, was nur außerhalb der vier Wände meiner Wohnung und außerhalb meines Hirn stattfinden kann, fehlt. Die Anregungen, die Beobachtungen, die Begegnungen und alles, was nur im Zusammenspiel entsteht – ich vermisse es. So sehr, dass ich jetzt doch bereit war, mich auf ein Zoom-Kultur-Event einzulassen. Mein Fazit vorneweg: Es war inspirierend und ich werde lange davon zehren können. Aber es hat mir genauso schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr mir das draußen fehlt. Ich will wieder in Bilder hineinfallen können. Vor ihnen ruhig verweilen. Oder auch auf und ab tigern, um zu beobachten, wie andere Blickwinkel das Bild verändern. Ich will die Struktur des Pinselstrichs sehen können und mir einbilden, die Farbe zu riechen. Ja, ich möchte sogar wieder fremde Museumsbesucher beobachten können, ihre Wortfetzen hören und an ihrem Gesicht ablesen können, ob das Kunstwerk sie berührt. Die beste Kuratorenführung und das aufmerksamste Zoom-Publikum sind dafür kein Ersatz. Das weiß ich jetzt. Für das Museum Wiesbaden war es eine Premiere. Eine Video-Führung im Livestream durch das verschlossene Paradies der Ausstellungsräume. Zu sehen: „Paradies! Paradies?“. Bilder…

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Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs. Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays. Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland: Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau und Textilindustrie als Motor der Industrialisierung in Sachsen. Karl Marx & Karl May: Hochindustrialisierung & soziale Konflikte. Sozialgeschichte. Schockensöhne und Sachsenstolz: Unternehmerpersönlichkeiten und die Entstehung…

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Banksy. Street-Art ist vergänglich. Dieses Buch nicht.

Bei Banksy war ich mir nie sicher, ob ich jetzt fasziniert oder genervt bin. Fasziniert, weil die unterschiedlichsten Menschen ihn großartig finden – darunter Menschen, die eigentlich mit Streetart oder moderner Kunst nichts am Hut haben. Genervt wegen seiner Überpräsenz in den Medien und weil viele das kleine Mädchen mit dem Ballon einfach niedlich finden, ohne auch nur einen Gedanken an eine mögliche, gesellschaftskritische Botschaft zu verschwenden. Ein wenig erinnert mich das an Keith Haring in den 80er Jahren. Seine Bilder waren damals überall – auf Postern, Kaffee-Tassen, T-Shirts. Einfach nur weil sie so schön bunt waren und so fröhlich wirkten. Was sie aber gar nicht waren. Es nervte. Dass etliche der Käufer*innen der Kaffeetassen so jemanden wie Haring wohl nie in ihrem Freundeskreis geduldet hätten, machte die Sache nicht besser. Die Welle an Banksy-Merch blieb uns bisher erspart. Wohl nur, weil der Künstler es vorzieht, ein Mysterium zu bleiben. Oder die Künstlerin. Denn warum wird Banksy eigentlich als Mann gedacht? Solange wir nicht wissen, wer die Kunstwerke erschafft, sollten wir uns hier Gedankenfreiheit gönnen.…

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Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“. „Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée. NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICHDas erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. Website der Kunsthalle Mannheim Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche Bilder malen zu können? Dieser Frage geht der Roman „Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée.“ Von Karen Grol…

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