Sänger müssen zweimal sterben

Peter Pannke - Sänger müssen zweimal sterben. Reisereportage und Erfahrungsbericht. Hintergrundwissen zur traditionellen Musik Indiens.
Das Buch liegt auf einem indischen Tablet.

Ob ganz Indien mit seinen Menschenmassen, Rikschas Motorrädern, Tempeln, Affen und was noch alles zur Geräuschkulisse beiträgt, wirklich Musik ist, wie der Klappentext behauptet? Ich wage es zu bezweifeln. Aber dass Indien einen eigenen intensiven Klang hat, bekommt sogar eine Touristin wie ich mit.

Peter Pannke hat das Land deutlich intensiver erlebt, als mir das damals in drei Wochen Urlaub gelingen konnte. Er hat lange mit der Sängerfamilie Mallik gelebt, die über 200 Jahre dem Maharadscha von Darbhanga als Hofmusiker gedient hatte. An diese Zeit und an alles, was daraus entstand, erinnert er sich, als er anlässlich einer Beerdigung versucht, in das von schweren Regenfällen überflutete Nordindien zu gelangen.

„Sänger müssen zweimal sterben“ ist ein wunderbar intensives Buch. Eines, das gar nicht erst versucht, Indien zu erklären. Stattdessen lässt uns Peter Pannke teilhaben an seinen Erfahrungen und erlaubt uns damit ein sehr direktes, sinnliches Erleben.

Entdeckt habe ich das Buch, das nicht mehr aufgelegt wird, in einem Lehrbuch zur Musikethnologie, dass ich hier besprochen habe. Gehofft hatte ich auf Erklärungen zu Ragas und zu der traditionellen indischen Musik, die ich sehr schätze, aber nicht verstehe. Bekommen habe ich sehr viel mehr: eine Indienreise, die von der Musik getragen wird und tiefe Einblicke in den Alltag der Menschen erlaubt.

Zuallererst ist Indien ein Geruch. Blitzartig findet er seinen Weg ins Stammhirn. Als nächstes ertönen Geräusche, dann flackern Bilder auf. Sehen kommt später, Denken zuletzt.

Peter Pannke – Einleitung zu seinem Buch „Sänger müssen zweimal sterben“

Weitere Angaben:

Peter Pannke
(Infos zum Autor )

Sänger müssen zweimal sterben
Eine Reise ins unerhörte Indien

Piper Malik


Ein Buch, das gut dazu passt: Ilja Trojanow – An den inneren Ufern Indiens

Kunst sehen – eine Schule des Wahrnehmens

Kunst sehen - Cezanne. Eine Hand hält das Din A4 große broschierte Buch vor ein Poster mit einer Landschaft von Cezanne

20 Sekunden. Es gibt Zahlen, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Seit ich gelesen habe, dass Museumsbesucher im Schnitt nur 20 Sekunden vor einem Kunstwerk verweilen, beobachte ich mich beim Betrachten von Kunst. Wie schaue ich mir Bilder eigentlich an? Was nehme ich wahr, woran bleibt mein Blick hängen? Und wie oft lese ich zuerst das Erklärungsschild? Denke mir dann „Ah, ein typischer Cézanne!“ und gehe weiter zum nächsten Bild?

Wobei ich bei Cézanne nie einfach weitergehe. Deswegen war das der erste Band aus der Serie „Kunst sehen“ den ich mir angeschafft habe. Ich sage es gleich: weitere werden folgen, denn diese Kunstbuch-Reihe ist bemerkenswert.

Was sind die ersten Gedanken, wenn ich ein Bild betrachte? Häufig kreisen sie um Fragen wie „Wer hat es gemalt?“, „Was stellt es dar?“ und „Welcher Stil ist das?“. Ich aktiviere meine Erfahrung mit Kunst und gelange sehr schnell zur finalen Frage: Was will mir das Kunstwerk sagen? Michael Bockemühl schlägt einen anderen Weg vor. Er ermutigt uns, urteilsfrei Bilder zu betrachten.

Im Falle von Cezanne heißt das: Farben, Linien und Flächen anschauen. Wo ist Licht, wo Schatten? Gibt es einen Raum, eine Perspektive? Ist der Pinselstrich überall gleich? Wie wirkt das Bild, wenn ich ein Detail fixiere und wie, wenn ich es als Ganzes betrachte? Dabei das Motiv zu ignorieren fällt zunächst nicht leicht! Immer wieder rutsche ich in Interpretationen ab und kehre dann bewusst zu dem zurück, wofür Kunst gemacht wird. Michael Bockemühls Credo lautet:

„Der Künstler ermöglicht, was der Anschauende verwirklicht“

Michael Böckemühl – Kunst sehen

Die Buchreihe „Kunst sehen“ geht zurück auf eine öffentliche Vorlesungsreihe für Kunststudierende und Laien, die der Professor und Wahrnehmungsforscher Anfang der 1990er Jahre hielt. Sein Bildbetrachtungskonzept funktioniert für jeden, unabhängig von Vorkenntnissen, und ermöglicht damit echte Teilhabe.

Aber er belässt es nicht dabei, den Blick zu befreien und zugleich schulen. Seine Anleitungen zur Bildbetrachtung sind eng verwoben mit biographischen Details zu den Künstlern. Mit einer Fülle von Zitaten zeigt er, wie die Maler sich ihre Herangehensweise erarbeitet haben. Das ist geradezu ein Blick in das Atelier, der mich sehr fasziniert hat.

Kunst betrachten ist lebenslanges Lernen. Auf das Leben folgt das Üben – noch mehr Zeit, die ich in Museen verbringen werde!


Angaben zur Kunstbuch-Reihe direkt beim Verlag:

Bisher erschienen:
Malerei des 19. Jahrhunderts, Monet, Gauguin, van Gogh, Cézanne, Picasso, Kandinsky, Nolde, Mondrian, Klee, Dali, Rothko, Beuys
Weiter Bände in Planung – ich freue mich besonders auf Hans Arp und Henry Moore!


Mehr Infos zu den 20 Sekunden, die wir uns im Schnitt einem Kunstwerk zuwenden.


Weil (historisch bedingt) die Künstlerinnen in dieser Kunstbuch-Reihe zu kurz kommen, empfehle ich Euch noch diese drei Bücher:

Und dieses Buch schenkt euch ganz viele wertvolle Fragen, die helfen, Kunst im eigenen Tempo zu erkunden: Kunst selbst sehen. Ein Fragenbuch

Bäume in der Kunst

Bildband: Bäume in der Kunst. Das Buch liegt auf gelben Herbstlaub. Das Cover zeigt ein Gemälde einer weiß blühenden Kastanie.

Der nüchterne Titel „Bäume in der Kunst“ täuscht. Der kleinformatige Bildband mag minimalistisch daher kommen, doch in Wahrheit ist er ein Buchjuwel. In exzellenter Druckqualität zeigt er uns über 100 Baumbilder – Gemälde, Grafiken und Fotos von bekannten Künstlerinnen und Künstlern wie Georgia O’Keeffe und Van Gogh und (mir) weniger bekannten wie Claire Cansick und Paul Nash.

Durch die kluge Zusammenstellung, die zurückhaltenden, informativen und stimmigen Texte und die gelegentlich eingestreuten Zitaten entsteht eine Atmosphäre, die sich wirklich mit der eines Waldspaziergangs vergleichen lässt. Dann fühlt sich das Buch so an, wie Tschechow den Wald beschreibt:

Im Wald spürt man die Gegenwart Gottes.

Anton Tschechow – zitiert in „Bäume in der Kunst“

Prächtige Baumsolitäre, dunkle Wälder, lichte Feldränder. Bäume am Meer, im Gebirge und Hausbäume. Kastanien in voller Blüte und verbrannte Bäume auf Schlachtfeldern. Ab und an mal ein Tier oder in der Ferne ein Haus.

Menschen? Brauchen die Bäume nicht. Aber wir brauchen sie. Wer das so sieht, wird den Bildband immer wieder in die Hand nehmen – so wie ich!


Infos zum Bildband:

Angus Hyland und Kendra Wilson

Bäume in der Kunst

Übersetzt von Birgit Lamerz-Beckschäfer

160 Seiten mit 110 farbigen Abbildungen

Dumont Verlag


Bücher über Bäume und den Wald sind ein häufiges Thema für Blogbeiträge. Hier eine Auswahl an Lieblingsbüchern:

Und natürlich dieses Buch über die Evolution der Pflanzen:

Die Surrealistin: Roman über Leonora Carrington. Und über Max Ernst.

Die Surrealistin. Biographischer Roman über die surrealistische Malerin Leonora Carrington.

Mich auf Leonora Carringtons Bilder einzulassen erfordert immer Mut. Es ist, als würde ich in der Dämmerung auf einem Sprungbrett stehen. Unter mir schimmerndes Wasser. Darin Schemen von Menschen, Wesen und Tieren, die nicht so aussehen, wie die Tiere, die mir vertraut sind. Nichts davon erscheint auf den ersten Blick gefährlich. Doch kann ich dem Frieden trauen? Bin ich bereit, einzutauchen und mich den dort wirkenden Kräften zu überlassen?

Meine Rationalität sucht in dieser Situation einen Ausweg und beginnt, Fragen zu stellen: Was ist das für ein Mensch, der so malen kann? Wie hat sie es gemalt, woher kam die Inspiration? Und muss man ein wenig verrückt sein, um solche Bilder zu erschaffen?

Fragen, um die auch der biographische Roman „Die Surrealistin“ von Michaela Carter kreist. Auf fast alle findet er eine Antwort. Nicht alle davon überzeugen mich, denn zu viele davon sind mit Max Ernst verknüpft. Zumindest war das der Eindruck, der bei mir entstand, weil Max Ernst viel Raum einnimmt. Doch das ist ein Kunstgriff, auf den ich beim Lesen hereingefallen bin. Max Ernst dominiert die Handlung zweimal. Einmal liefert er die Anschub-Energie, die Leonora Carrington braucht, um sich aus der Herrschaft ihres Vaters zu befreien. Die größte Präsenz hat er jedoch in der Phase, als Leonora auf der Flucht ist und sich selbst dabei verliert. So wird er zum Spiegel ihrer Abwesenheit.

Wie kann man nur solche Bilder malen?

Denn „Die Surrealistin“ ist kein voyeuristisches Buch. Es wahrt den Respekt und lässt Leonora Carrington ihre Geheimnisse, ohne die ihre Bilder nicht entstehen könnte. Offensichtlich hat die Malerin einen sehr direkten Zugang zu der Traumwelt, der Anderswelt, dem Land hinter den Spiegeln. Doch um sicher dorthin und wieder zurück zu gelangen braucht sie das richtige Maß an Sicherheit und Freiraum, an Zerbrechlichkeit und Kraft, an Wildheit und Ruhe. Nichts davon ist selbstverständlich, wenn sich die Welt im Krieg befindet.

Ein klein wenig Voyeurismus erlaubt sich die Autorin Michaela Carter doch. Ihr Blick auf Nebenfiguren ist pointiert. Mit den Auftritten von Peggy Guggenheim, Dali und Gala, Andre Breton, Dorothea Tanning, Leonor Fini und vielen anderen wird der gesamte Kreis der Surrealisten zum Leben erweckt.

Fazit: gelungen. Aber …

Alles in allem ist „Die Surrealistin“ ein sehr gelungener biographischer Roman. Ein wenig lässt er uns am Leben der Pariser Künstlerszene um Salvador Dali und Pablo Picasso teilhaben. Auch ein Anti-Kriegsroman steckt in dem Buch. Zugleich ist er die Geschichte einer Emanzipation und legt dar, was es braucht, um Kunst zu schaffen. Nur die Liebesgeschichte, die hätte es für mich nicht in dem Umfang gebraucht.

Doch jetzt weiß ich, dass ich es wagen könnte, mich vom Sprungbrett in das schimmernde Wasser fallen zu lassen. Die Tiere und Wesen auf den Bildern der Leonora Carrington sind nicht gefährlicher als das Leben selbst. Nur ob ich den Weg zurück finden würde – darüber bin ich mir immer noch nicht sicher.


Infos zum Buch:

Michaela Carter
Die Surrealistin

Übersetzt von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann

Kindler im Rowohlt Verlag


Mehr über den Surrealismus auf dem Blog Elementares Lesen – ihr habe ich den Buchtipp zu verdanken! Ausführliche Rezension des Hörbuchs bei Petras Bücherapotheke. Sie geht sehr schön auf die Sprache des Romans ein.


Zwei Bücher, die gut dazu passen:

Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Cover des E-Books "Lob des Imperfekts" von Käthe Kruse. Darin erzählt unter anderem über die Bewegung der Genialen Dilletanten

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr.

Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat.

Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre Versuche, neu Formen von Zusammenleben und Arbeiten, Bauen und Wohnen zu entwickeln, war mir bisher nicht begegnet.

Vielleicht kann ich mir jetzt ein bisschen besser vorstellen, wie sich das Leben damals in Berlin angefühlt hat. Die Musik und die Performances der Band „Die Tödliche Doris“ hingegen bleibt für mich das, was sie schon vor der Lektüre war: ein Faszinosum, dass ich nie so ganz verstehen werde, einfach weil ich sie nicht live gesehen habe.


Infos zum Buch:

Käthe Kruse
Lob des Imperfekts
Kunst, Musik und Wohnen im West-Berlin der 1980er

mikrotext

Rezension im von mir sehr geschätzten Missy Magazin.


Noch ein Hinweis zur Legendenbildung: Offensichtlich war Blixa Bargeld der erste, der die Bezeichnung „Geniale Dilletanten“ verwendete. Wahrscheinlich auf einem Badge, einem Anstecker, dem Meme-Generator der Punk-Ära. Ob die Schreibweise Dilletanten statt Dilettanten nun eine geniale Idee oder ein genialer Fehler war – das wird sich wohl nie klären.


Weniger Kunst, mehr Punk: Die Riot Grrrls

Punk und New Wave in Deutschland. Wie alles begann.

Das Buch "Verschwende deine Jugend - Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave" liegt auf einem unordentlichen Buchstapel mit weiteren Büchern über Punk

War ich die Letzte meiner Generation, die das Buch noch nicht gelesen hatte? Und dass, obwohl Punk und New Wave mein Erwachsenwerden geprägt haben? Und ich heute hauptsächlich Musik höre, die ohne die Pionierarbeit von deutschen Musikern und Musikerinnen wie FM Einheit und Peter Hein, Gudrun Gut und Annette Humpe ganz anders klingen würde? Und ohne Aufklärungsarbeit von Journalisten wie Diedrich Diederichsen anders gedacht werden würde?

Andererseits schadet es überhaupt nichts, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ 20 Jahre nach Erscheinen und gut 30 Jahre nach dem eigenen Erwachsenenwerden zu lesen. Letzteres ist natürlich nur ein Schätzwert.

Ich hatte schon immer ein Talent für spontane, aufrichtige Begeisterung, war aber nie ein Fan-Girl, das Band-Besetzungen hätte herunterbeten können. Heute bin ich schon froh, wenn mir der Name der Band einfällt. Da haben wir es schon wieder: es ist kaum möglich, über dieses Buch zu bloggen, ohne zu überlegen, wie sich das eigene Erleben von Musik im Laufe der Jahrzehnte geändert hat.

Trotzdem ist der Doku-Roman eines ganz sicher nicht: sentimental. Dafür sorgt ein handwerklicher Kniff. Jürgen Teipel hat über 1000 Stunden Original-Interviews in kleine Schnipsel zerstückelt und dann wieder neu zusammengesetzt. O-Ton an O-Ton, ohne Erläuterungen dazwischen. Eine Collage aus Anekdoten, Hintergrundinfos, Nachdenken über Punk und Reflexion der eigenen Rolle. Klingt nach einer Heidenarbeit!

Aber das Ergebnis wirkt unglaublich frisch, lebendig und ergibt tatsächlich so etwas wie eine durchgehende Handlung. Genau deswegen lässt es sich locker lesen und macht Spaß!

Was für mich nach der Lektüre hängenbleiben wird, ist zweierlei. Einmal, wie wenig Menschen es braucht, um solche Veränderungen in Musik, Kunst und Leben auszulösen. Ein Funken zur richtigen Zeit, gezündet mit Leidenschaft, genügt.

Punk? New Wave? Hauptsache cool!

Die andere Erkenntnis war eher ernüchternd. Was war denn die Motivation dafür, Musik zu machen, rauf auf die Bühne zu gehen und die Welt in Brand zu setzen? In unglaublich vielen Fällen lautet die Antwort: Ich wollte cool sein.

Ach, ihr auch? So, wie wir auf dem Schulhof, in den Kneipen und auf der Tanzfläche?

Inga Humpe: Aber ich habe wirklich darunter gelitten, dass ich nicht so cool war wie die (Malaria)

Jürgen Teipel, Verschwende deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. S. 279

Gudrun Gut: Und kühl zu sein, das fiel mir einfach leichter als zu sagen „Ich bin unsicher“

S. 316

Ich habe bewusst zwei Zitate von Frauen herausgesucht – schon alleine, weil ich mich darüber gefreut habe, wie viel Raum Jürgen Teipel den Frauen einräumt, obwohl die Szene sehr männlich geprägt war. Vielleicht auch, weil das, was die Jungs zum Thema „cool sein“ sagen, meist sehr pubertär daher kommt. Oder auch, weil ich mich immer noch darüber ärgere, dass ich eine Frauenband wie Malaria! erst viel später entdeckt habe.

Sagte ich schon, dass es kaum möglich ist, diesen Doku-Raum zu lesen, ohne darüber nachzudenken, was man selbst wann, wie und warum gehört hat? Deswegen gehe ich jetzt Platten abstauben und beginne bei A wie abwärts …


Infos zum Buch:

Jürgen Teipel
Verschwende deine Jugend – Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave

Suhrkamp Verlag

Eine ausführliche Rezension findet ihr bei diesem Online-Magazin: Satt.org


Und wie geht es dem Punk heute? Buchtipp: Our piece of punk

Und noch ein sehr punk-lastiges Musikbuch: Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland

Lazy Confessions. Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

4 Bücher von Martin Büsser: Lazy Confessions, Für immer in Pop, Anti-Folk und On the wild side - die wahre Geschichte der Popmusik

Autonom, emanzipatorisch, analytisch: Für mich sind Martin Büssers Texte Suchscheinwerfer, die vom Tellerrand in alle Richtungen leuchten. Ein Autor, von dem ich alle paar Monate etwas lesen MUSS.

Dabei packt mich jedes Mal der blanke Neid: Ich will so schreiben, so kritisieren können!

Weil ich auf meinem Blog schon häufiger von meiner Faszination für Büssers Kritiken und Texte berichte habe – nämlich hier, hier und hier – gibt es zum gerade ausgelesenen Buch „Lazy Confessions. Artikel, Interviews und Bekenntnisse aus zwei Jahrzehnten.“ nur Zitate:

Gegenüber Jim Morrison und Johnny Rotten klingen die Sprachen von Blumfeld und den Goldenen Zitronen plötzlich wie das, was früher als Lyrik bei Suhrkamp erschien, während Suhrkamp mit Rainald Goetz eine Prosa veröffentlicht, die auf ihre Weise gerne wieder so authentisch wie Jim Morrison wäre.

Die Sprechweisen der Popkultur. Zum Problem der Vermittelbarkeit. Erschienen in kritische Ausgabe 5/2000. Aus Lazy Confessions – Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

Ich finde, das ist genauso ätzend wie exakt!

Genau hier könnte ein neues Kapitel beginnen, eines, das danach fragt, ob es sich bei all dem, was hier verhandelt wurde, nicht um einen Luxus handelt, dessen Bedingungen bereits historisch sind.

Wissen um der Lust Willen. Deleuze und die Pop-Intellektuellen. Erschienen in: Marvin Chlada. Das Universum des Gilles Deleuze. Eine Einführung. Aus Lazy Confessions – Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

Noch nie wurde die Frage an die Leser:innen, ob es sich nicht eh um Hirnwichserei handelt, feiner formuliert!


Infos zum Buch:

Martin Büsser
Lazy Confessions
Artikel, Interviews und Bekenntnisse aus zwei Jahrzehnten

Ventil Verlag

Ausführliche Rezension beim Kaput Mag


Wie wohl eine Diskussion zwischen Martin Büsser und Jens Balzer verlaufen wäre?

Giora Feidman- der Klezmer-Musiker erzählt aus seinem Leben

Buch des Klezmer-Musikers Giora Feidman

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ein älterer Herr Geschichten von früher so erzählt, dass ihr euch denkt: Den hätte ich gerne als Opa?

So erging es mir bei der Lektüre von Giora Feidmans „Klang der Hoffnung“. Der Musiker kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen – und meist auch wieder zurück. In seinen Erzählfluss eingebettet sind Betrachtungen über die Musik und darüber, warum er nicht werktreu spielen kann. Denn Feidman spielt eigentlich nie Mozart oder alte jüdische Lieder – er spielt immer Feidman, weil er seine Seele in seine Musik fließen lässt.

Genau so sind auch seine autobiographischen Erinnerungen, in die er seine Lebenserfahrung einfließen lässt. Geschrieben in der Haltung eines Großvaters, der seine Erfahrungen an seine Enkel und Urenkel weitergeben möchte. Alle, die schon mal seine Musik gehört haben, sind sozusagen Enkel ehrenhalber.

Dabei ist der Aufruf zum Frieden zwischen den Religionen gar nicht mal die wichtigste Botschaft, die er der nächsten Generation mit auf den Weg geben will. Noch wichtiger ist ihm der Glaube, dass Gott jedem Menschen ein Talent gegeben hat und es unsere Lebensaufgabe ist, dieses besondere Talent zu finden und zum Wohle der Menschheit weiterzuentwickeln.

„Vielleicht bin ich meschugge, aber ich glaube daran, dass die Liebe gewinnt.“ sagt Feidman. Bei solchen Zitaten nehme ich die Ehren-Enkelschaft doch gerne an!

Infos zum Buch:

Giora Feidman
mit Christoph Fasel


Klang der Hoffnung
Wie unsere Seele Frieden findet


Bonifatius Verlag

Hier findet ihr noch mehr Biografien auf meinem Blog

August Macke – Paradies? Paradies!

August MAcke. Paradies! Paradies? Flyer zur Ausstellung im Museum Wiesbaden vor meinem Computer-Bildschirm, auf dem ein Bild von August Macke als Bildschirmhintergrund zu sehen ist.

Das, was nur außerhalb der vier Wände meiner Wohnung und außerhalb meines Hirn stattfinden kann, fehlt. Die Anregungen, die Beobachtungen, die Begegnungen und alles, was nur im Zusammenspiel entsteht – ich vermisse es.

So sehr, dass ich jetzt doch bereit war, mich auf ein Zoom-Kultur-Event einzulassen. Mein Fazit vorneweg: Es war inspirierend und ich werde lange davon zehren können. Aber es hat mir genauso schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr mir das draußen fehlt.

Ich will wieder in Bilder hineinfallen können. Vor ihnen ruhig verweilen. Oder auch auf und ab tigern, um zu beobachten, wie andere Blickwinkel das Bild verändern. Ich will die Struktur des Pinselstrichs sehen können und mir einbilden, die Farbe zu riechen. Ja, ich möchte sogar wieder fremde Museumsbesucher beobachten können, ihre Wortfetzen hören und an ihrem Gesicht ablesen können, ob das Kunstwerk sie berührt.

Die beste Kuratorenführung und das aufmerksamste Zoom-Publikum sind dafür kein Ersatz. Das weiß ich jetzt.

Für das Museum Wiesbaden war es eine Premiere. Eine Video-Führung im Livestream durch das verschlossene Paradies der Ausstellungsräume. Zu sehen: „Paradies! Paradies?“. Bilder von August Macke aus allen Schaffensperioden, ein umfassender Überblick über sein viel zu schmales Werk. Eine Dokumentation der rasanten Entwicklung, die sein Malstil nahm. Ein fast schon intimer Blick auf sein Familienparadies und die Liebe zu seiner Frau Elisabeth. Und natürlich: Farben, Wärme, Licht und das pralle Leben in all seiner Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Es folgte eine Gesprächsrunde mit dem Kurator Dr. Roman Zieglgänsberger, die mir ermöglichte, wieder die Avantgarde in den vertraut wirkenden, mir heute fast brav erscheinenden Bildern August Mackes zu sehen. Doch gerade beim Zuhören merkte ich, wie sehr mir das wirkliche Betrachten der Kunstwerke gefehlt hat. Während Kulturbürger-Erinnerungen an die liebsten Macke-Gemälde ausgetauscht wurden, konnte ich nicht über die Ausstellung reden, weil ich noch nicht wusste, was ich empfand.

Aus diesem Mangel an Empfindungen rettete mich das, was natürlich keine Bastelstunde war. Das Team des Museums Wiesbadens hatte eine prall gefüllte Materialbox an alle Teilnehmer geschickt, mit der wir unsere Vorstellung vom Paradies ausdrücken konnten. Das wurde ganz wunderbar einfühlsam von Daniel Altzweig moderiert, der es uns leicht machte „ins Material zu gehen“.

Mein Paradies sieht demnach so aus: Ein Weg, der von der Erde und aus dem Chaos heraus in einen stillen Raum führt und von dort aus in den nächsten … immer weiter. Mein Paradies ist ein Weg, auf dem ich mit einem stillen, in sich ruhenden Lächeln unterwegs bin.

Ergebnis der Kreativ-Session zur Ausstellung im Museum Wiesbaden: August Macke - Paradies! Paradies?

Noch etwas für mich Bemerkenswertes passierte an dem Abend. Mikel Bower, der lieber in die Worte als ins Material ging, inspirierte mich mit seinem Gedicht zu eigenen Wort-Basteleien. Und bevor ich es mir wieder anders überlege, stelle ich sie hier online.

Paradies! Ein in sich
ruhendes Lächeln
Blumen erblickend.

Paradies? Ein stiller
Moment am Wegesrand
vorbei gegangen.

Doch eine Frage beschäftigt mich seit diesem Abend: Wie wäre die Veranstaltung verlaufen, wenn nicht mindestens zwei Drittel der Teilnehmer:innen in der Kunst- und Kulturbranche arbeiten würden? Ich mag es gerne herausfinden. Aber noch lieber möchte ich wieder ins Museum gehen.


Infos zur Ausstellung hier beim Museum Wiesbaden. Mehr Eindrücke auf Instagram unter #Commuwity.

Dank an das engagierte, gastfreundliche Team des Museums und an Anke von Heyl alias Kulturtussi, die äußerst lässig durch den Abend führte.

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung mit Eintrittskarten.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs.

Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays.

Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland:

  • Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen
  • Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau und Textilindustrie als Motor der Industrialisierung in Sachsen.
  • Karl Marx & Karl May: Hochindustrialisierung & soziale Konflikte. Sozialgeschichte.
  • Schockensöhne und Sachsenstolz: Unternehmerpersönlichkeiten und die Entstehung des Massenkonsums
  • Trabi & Treuhand: DDR-Industrie und Wendezeit

Das ist nicht das Ruhrgebiet: Industriekultur in Sachsen

Dem Wessi in mir klingelten manchmal die Ohren. Wie, es gab nennenswerte Industrie außerhalb des Ruhrgebiets? Ja, die gab es – und sie war sehr erfolgreich und vielseitig. So viele Jahre nach der Wiedervereinigung ist auch bei mir immer noch ein Umdenken nötig. Solche Museumsbesuche bieten eine gute Gelegenheit dafür.

Aber mein Highlight war nicht die große Zentralausstellung in Zwickau, sondern eine kleine Museumsperle: die Tuchfabrik Gebrüder Pfau in Crimmitschau. Eine kleines Museum mit engagierten Mitarbeiter:innen. Hier können die Besucher die komplette Geschichte der sächsischen Textilindustrie in einem Fabrikgebäude erleben. 1859 gründete Friedrich Pfau eine Handweberei. 1972 wurde aus der Fabrik VEB Modetuche. 1990 wurde die Produktion eingestellt. Da das komplette Ensemble gleich unter Denkmalschutz gestellt wurde, lassen sich tatsächlich alle Phasen noch nacherleben. Hier ein paar Eindrücke – und da wir in Sachsen sind, gab es natürlich auch etwas leckeres zu essen!

In ihrer Größe und in ihrer Vollständigkeit des historischen Gebäude- und Maschinenbestands ist die Pfausche Fabrik in Mitteleuropa einzigartig, da die Herstellung von Tuchen Schritt für Schritt, von der Anlieferung der Rohstoffe (Wolle, Zellwolle und Dederon), deren Mischung, bis hin zum fertig verpackten Stoffballen dokumentiert wird.

Wikipedia – Tuchfabrik Gebr. Pfau


Angaben zum Buch:

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.
Katalog zur Landesausstellung 2020.

Herausgegeben von Thomas Spring für das Deutsche Hygiene-Museum Dresden.

Sandstein Verlag

Lust auf mehr Industriekultur? Dann bitte hier entlang:

Oder hier – Karl Marx als Held in einem Abenteuerroman für Kinder:

Banksy. Street-Art ist vergänglich. Dieses Buch nicht.

Xavier Tapies
Banksy – PROVOKATION!

Bei Banksy war ich mir nie sicher, ob ich jetzt fasziniert oder genervt bin.

Fasziniert, weil die unterschiedlichsten Menschen ihn großartig finden – darunter Menschen, die eigentlich mit Streetart oder moderner Kunst nichts am Hut haben.

Genervt wegen seiner Überpräsenz in den Medien und weil viele das kleine Mädchen mit dem Ballon einfach niedlich finden, ohne auch nur einen Gedanken an eine mögliche, gesellschaftskritische Botschaft zu verschwenden.

Ein wenig erinnert mich das an Keith Haring in den 80er Jahren. Seine Bilder waren damals überall – auf Postern, Kaffee-Tassen, T-Shirts. Einfach nur weil sie so schön bunt waren und so fröhlich wirkten. Was sie aber gar nicht waren. Es nervte. Dass etliche der Käufer*innen der Kaffeetassen so jemanden wie Haring wohl nie in ihrem Freundeskreis geduldet hätten, machte die Sache nicht besser.

Die Welle an Banksy-Merch blieb uns bisher erspart. Wohl nur, weil der Künstler es vorzieht, ein Mysterium zu bleiben. Oder die Künstlerin. Denn warum wird Banksy eigentlich als Mann gedacht? Solange wir nicht wissen, wer die Kunstwerke erschafft, sollten wir uns hier Gedankenfreiheit gönnen. Mann, Frau, Transgender oder Kollektiv – alles ist möglich. Noch so ein Detail, das meine Gereiztheit nährt.

Fasziniert oder genervt – wenn ich mich so sehr an einem Thema reibe, brauche ich ein Buch.

BANKSY PROVOKATION – Street-Art als politisches Statement


Ich habe noch nie einen echten Banksy gesehen. Viele der Werke könnte ich mir auch gar nicht mehr anschauen, weil sie schon längst übermalt oder entfernt wurden. Street-Art ist vergänglich. Ein Bildband über Banksy oder gar eines der Bilder als Ausstellungsobjekt im Museum – das ist eigentlich ein Widerspruch in sich und zeugt vor allem von Unsicherheit im Umgang mit dieser Kunstrichtung. Wenn es Kunst ist, muss es doch für die Ewigkeit sein, oder? So hatten wir es zumindest früher mal gelernt. Millionen Kaffeetassen mit Monet, Van Gogh oder anderen Stars können nicht irren. Banksy stellt unsere Routinen der Kunstbetrachtung auf den Kopf. Wenn ich mir seine Aktion in Venedig anschaue, würde ich ergänzen: Und genießt es.

Ob London, Paris oder Jerusalem, ob Ratte oder küssende Polizisten: Im Bildband werden alle seine Werke in chronologischer Reihenfolge mit großformatigen Fotos vorgestellt und gründlich analysiert. Wann wurden sie entdeckt, wie wurde damit umgegangen und was ist das Besondere daran? Welche Botschaft vermittelt Banksy damit?

Beim Blättern wird mir klar, dass Banksys Oeuvre viel größer ist, als ich dachte. Und dass seine Urban Art viel politischer ist, als es in den Medien ankommt. Am Ende des Buches hat meine Faszination über meine Genervtheit gesiegt. Akzeptiert: Banksy ist Kult!

Infos zum Bildband:

Xavier Tapies
BANKSY – PROVOKATION!

Midas Verlag

Ein anderer Blick aufs Buch bei Elementares Lesen.


Mehr Street-Art auf meinem Blog:

Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Anita Rée. Biographischer Roman von Karen Grol.

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“.

„Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée.

NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICH
Das erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss.

Website der Kunsthalle Mannheim

Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche Bilder malen zu können? Dieser Frage geht der Roman „Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée.“ Von Karen Grol nach.

Anita Rée – ein Leben ohne Happy End

Vorneweg: Ich habe gezögert, das Buch zu beginnen. Anita Rée brachte sich 1933 um. Ich wusste also von Anfang an, dass diese Geschichte kein Happy End nehmen wird, und war mir nicht sicher, ob ich mich dem stellen möchte. Dann entschloss ich mich, der Autorin zu vertrauen – und habe es nicht bereut!

Am Ende des Buches war mir klarer, was eine Künstlerin können muss, um solch eindringliche Porträts zu erschaffen. Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich dieses Talent nicht habe!

In der Kunst wie im Leben: der Kampf um den eigenen Raum

Wenn Anita Rée einen Menschen gemalt hat, dann hat sie sich ganz auf ihn eingelassen. Dafür musste sie in ihren persönlichen Raum der Stille gelangen. Nur dort war sie so hochkonzentriert, dass das Kunstwerk gelingen konnte. Doch dieser Raum der Stille war für sie nicht leicht zu erreichen – so gut wie jedes Bild hat sie sich hart erkämpft.

Schweigen war das Fehlen von Kommunikation, Ruhe die Anwesenheit von Stille.

S. 39 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Auch ihr Leben als Künstlerin musste sie sich erkämpfen. Als wäre das nicht genug für ein Leben, malte sie noch in einem Stil, der angefeindet wurde. Ihre Freundin Marie Laurencin fasst das so zusammen:

„Je weniger die Menschen die neue Kunst verstehen, desto mehr schlagen sie sich auf die Seite der Alten Meister, kämpfen für deren Legitimation, als wollten wir ihnen die wunderbaren Werke der Renaissance wegnehmen, als wäre nicht genug Platz für jede Art von Kunst.“

S. 82 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Karen Grol brachte mich als Leserin sehr nah an Anita Rée – so nah, dass ich begann, mit der Figur zu hadern. Manchmal wollte ich sie einfach nur schütteln, so lange, bis die Negativität von ihr abfallen würde. Zu sehr konzentrierte sie sich auf den Platz, den sie nicht einnehmen konnte, und übersah, was ihr alles gelungen war.

Aber dieses Verzweifeln an Protagonistinnen ist eine Lese-Marotte von mir und der Hauptgrund, warum ich so selten Romane mit Realitätsbezug lese. Zum Glück konnte ich das für diesen wunderbaren biographischen Roman ablegen!

Angaben zum Buch:

Karen Grol

Himmel auf Zeit.
Die vergessene Künstlerin Anita Rée

Verlag Ebersbach & Simon

Wie immer erzähle ich mehr über meine persönlichen Lese-Erlebnisse als über das Buch selbst. Wer eine „richtige“ Roman-Rezension lesen möchte, der kann auf dem Blog des Buchhändlers Hauke Harder vorbeischauen: Himmel auf Zeit

Anita Rée in der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. Beiträge zur Ausstellung im Kunstblog Mannheim und bei musermeku.

Was ich mir sonst noch angeschaut habe: Beiträge über Kunst und Museumsbesuche auf meinem Blog.