Vom Reiz einer richtig guten Bausünde

„Die klassische deutsche Bausünde ist besser als ihr Ruf!“ Das ist noch einer der harmloseren Sätze aus dem großartigen Bildband von Turit Fröbe, der mich nicht nur wegen der exquisiten Auswahl an unglaublich seltsamen Gebäuden, sondern auch wegen seiner scharfzüngigen Architektur-Analysen begeistert. Turit Fröbe hat offensichtlich ein großes Herz für Häuser, die unseren Blick stören. Für Anbauten, die sich nicht einfügen. Für Fassaden, bei denen sich manch ein Betrachter nach alten Fachwerk-Zeiten zurücksehnt. Sie nicht, denn „Eine gut gemachte, originelle Bausünde zeichnet sich durch Mut, Einfallsreichtum und eine beherzte Entschlossenheit aus. Sie verfügt über eine herausragende Bildqualität und hebt sich souverän aus dem Meer der gesichtslosen, allgegenwärtigen Banalitäten ab, da sie einen guten Wiedererkennungswert garantiert und bei genauerer Betrachtung sogar eine gewisse Schönheit und einen ureigenen Charme besitzt.“ Turit Fröbe – die Kunst der BausündeAus der Einleitung, S. 8 Ich mag ihren Blick auf unsere Städte sehr. Ja, bei vielen…

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Heimaturlaub: 101 deutsche Orte

101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss – ein solcher Titel löst wohl automatisch reflexartiges Zählen aus. An wie vielen Orten war ich schon? Wohin haben mich meine Eltern geschleppt, offensichtlich gegen meinen Willen, wie Familienfotos beweisen? Was davon steht immer noch auf meiner Reise-Wunschliste? Aber halt, Reflexen muss man nicht gleich folgen. Vor dem Zählen sollte man prüfen, ob die Auswahl überhaupt für einen passt. Ist das überhaupt mein Buch über Deutschland? Es ist. Für mich ist die Auswahl an Sehenswürdigkeiten, Städten und Naturdenkmälern sehr stimmig, denn es geht in diesem Buch um Orte, die eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind. Oder um solche, die typisch deutsch sind. Um Orte, zu denen man die Austauschstudentin mitnehmen würde. Oder um Sehenswürdigkeiten, an denen Deutschland … zu spüren ist. Jeder Ort bekommt eine Doppelseite. Das ist nicht viel. Und doch gelingt es Bernd Imgrund mit gerade einer Seite Text…

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So klappt’s mit dem Welt retten: enkeltauglich leben

Ratgeber enkeltauglich leben

Enkeltauglich leben – das war die Formulierung in der Klima-Debatte, bei der ich Hoffnung schöpfte. Mit diesem emotionalen und nach vorne gewandten Begriff muss doch jeder verstehen, worum es geht! Ganz so kam es dann doch nicht. Aber „enkeltauglich Leben“ ist immer noch ein Begriff, der Menschen in ihren Bemühungen vereint. Gleichzeitig ist „Enkeltauglich Leben“ eine Initiative, die im Graswurzel-Stil versucht, die Welt zu retten. Jede kleine Aktion hilft – und dieses Handbuch zur Initiative ist voll von kleinen Aktionen, die sich leicht umsetzen lassen! Das ist die Stärke des Büchlein „So klappt’s mit dem Welt-Retten“ von Antje Haider-Waller und ihrer Tochter Mona Haider: Es ist eine kompakte Zusammenfassung von Lebensstil-Veränderungen, die dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dabei geht es eben nicht nur um die Natur und das Klima, sondern eben auch um den Menschen und seine Enkel, die ein Teil von allem sind. Das…

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Gutmensch, Frühsexualisierung, Tag X: Rechte Wörter.

Ich hatte lange gehofft, dass ich mich nicht intensiver mit rechter Ideologie und rechter Sprache auseinandersetzen muss. Dass die Lektüre von Zeitungsartikeln und Blog-Beiträgen genügt, um zu verstehen, was in unserem Land passiert. Dass ich auch so jederzeit fundiert argumentieren kann, warum ich nicht nur bestimmte Wörter aus meinem Sprachschatz habe verschwinden lassen, sondern mich auch aktiv um einen Sprachwandel bemühe. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass mein eigenes Sprachempfinden keine ausreichende Basis ist, um in Diskussionen zu überzeugen. Augenöffner war einmal, dass ich Menschen begegnet bin, bei denen ich nicht erwartet hätte, dass sie einem Sprachwandel nichts abgewinnen können. Und natürlich Bücher wie „Eine Frage der Moral“ und „Richtig gendern“. Jetzt also „Rechte Wörter – von Abendland bis Zigeunerschnitzel“ , der nächste Schritt, mich tiefer in die Thematik einzuarbeiten. Mir tat die Lektüre weh. Es schmerzt, zu erkennen, wie weit rechte Wörter in den alltäglichen Sprachgebrauch gesickert sind. Wie manche…

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Es ist so still auf einmal. Torsten ist tot.

Dass sich 2020 zu einem so stillem Jahr entwickelte, erschien mir nur angemessen. So konnte Torsten Walker, alias RRRSoundz, der von einer Krebserkrankung ausgebremst wurde, keine Konzerte verpassen. Jetzt ist das Jahr noch stiller geworden. Torsten ist tot. Der DJ meines Vertrauens legt nicht mehr auf und ich habe einen guten Freund verloren. Es war für mich kaum vorstellbar, dass es irgendetwas gibt, das er nicht mit seinem großen Herz, seinem Kampfgeist und seiner Ausdauer bewältigen konnte. Eine gute Woche bedeutete für ihn drei Konzerte, zwei neue Bands entdecken und dabei auf x neue Gedanken kommen. Lecker essen gehen und sich bestens mit Freunden unterhalten. Auf so vielen Wegen positive Impulse schenken. Ideen mit Menschen mit Musik vernetzen. Anderen den Rücken stärken und so dafür sorgen, dass Dinge ins Rollen kommen. Mindestens das, wenn nicht noch mehr. Doch selbst in der größten Begeisterung (oder gerade dann) wirkte er zentriert. Ich…

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Über alte Wege

Dieses Buch und ich, wir kamen dann doch nicht zusammen. Dabei beginnt „Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas.“ von Mathijs Deen grandios. Er erinnert sich an Reisen seiner Kindheit, Fahrten, die ihn über die alte Europastraße, die damals noch keine Autobahn war, führten. Ausgehend von diesen Kindheitserinnerungen an Landstraßen, die wirklich noch über Land führten, erkundet er zunächst die Geschichte der Europastraßen, die angelegt wurden, um Völker im Frieden zu verbinden, die zuvor miteinander Krieg geführt hatten. Doch auch diese Straßen verlaufen entlang älterer Routen. Mathijs Deen steigt tiefer in die Geschichte Europas ein und arbeitet sich dann von der Steinzeit beginnend wieder zur Neuzeit durch. Menschen waren schon immer unterwegs. Manchmal suchten sie bessere Jagdgebiete, manchmal lukrative Handelsplätze. Zu anderen Gelegenheiten brachten sie Krieg, viel häufiger jedoch wurden sie heimisch. Mathijs Deen folgt ihren Routen und versucht, ihre Beweggründe zu erspüren. Sein Handlungsfaden beginnt jedoch schon…

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Einatmen, ausatmen? Da geht noch mehr: Atemtechniken

Einatmen, ausatmen. Klappt doch. Warum sollte ich dafür ein Buch benötigen? Das entsprach in etwa meinem Denken und meinem Wissensstand, bevor ich mit Yoga anfing und bevor ich Markus Schirners Buch „Atemtechniken“ für mich entdeckte. Von Atempausen oder der Tatsache, dass man auch in die Schulterblätter atmen kann, hatte ich damals noch nichts gehört. Noch schlimmer: Ich hatte es auch noch nie erfahren. Das, was so trocken im Yoga-Unterricht als „vollständige Yoga-Atmung“ beschrieben wurde, war der erste Augenöffner. So viel Raum im Körper! So viel Beweglichkeit, die dem Atem folgt! Meine Neugier war geweckt und ich griff zum Buch. 130 Seiten später dachte ich: Ich muss nie wieder ein Buch über Atemtechniken lesen – in diesem kleinen Taschenbuch ist alles enthalten. Atemtechniken – das Kartenset. Ein spielerischer Weg für mehr Praxis. Das war 2006. Jetzt sind Karten zum Buch erschienen. Die musste ich natürlich haben. Die erste Karte, die ich…

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Goodbye New York – der Abschluss der Brooklyn-Trilogie

Jetzt sind sie also wieder hier in Deutschland. Zu sagen, sie wären zurück, käme mir unpassend vor. Denn das, was wie die Heimkehr einer Familie nach 2 Jahren in New York aussieht, ist genauso ein Neuanfang wie ein Anknüpfen. Wieder lässt uns Stephanie Hanel in tagebuchartigen Einträgen an ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen teilhaben. Als klar wird, dass die Tage der Familie in Brooklyn gezählt sind, taucht sie noch einmal richtig in das Leben New York ein und nimmt uns mit. Hier ein Museumsbesuch, dort ein Flohmarkt, danach einen Ausflug – bloß nichts verpassen, wer weiß, ob es noch einmal eine Chance dafür gibt. Gleichzeitig gibt sie offen zu, wie sehr die Hektik und der Lärm der Großstadt überfordern kann. Da wird schon eine Parkbank unter einem Baum zur Flucht in die Natur. So bewegt sich ihre Geschichte diesmal in einem Spannungsfeld zwischen Trubel und Sehnsucht nach Stille, Aktion(ismus) und…

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Ziele setzen. Das Werkzeug ist da, aber …

Vielleicht wäre manches in meinem Leben anders gelaufen, wenn mein jüngeres Ich schon ein solches Buch und die zugrunde liegende Methodik gekannt hätte. Ziele setzen, das ist nichts, was mir in die Wiege gelegt wurde. Ich bin die, die immer vom Schwebebalken gefallen ist, sich geschüttelt hat und weitergemacht hat – ohne sich das Ziel zu setzen, besser zu werden. Mich hat das Runterfallen einfach nicht gestört. In der Schule war mein Ziel, gute Noten zu schreiben – ohne jemals zu definieren, ab wann eine Note gut ist. Später im Beruf bin ich wenigstens mal darüber gestolpert, dass Ziele SMART sein sollen. Messbar war dabei immer der Dreh- und Angelpunkt – also Umsatzsteigerungen und Lagerdrehzahl festlegen. Aber was ist privat ein gutes, messbares Ziel? Lieber smart als SMART? Vielleicht wäre deswegen auch nichts anders verlaufen, wenn ich dieses Buch eher gelesen hätte. Auch wenn sich bei der Methodik viel getan…

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Ein Buch zum immer wieder lesen: Krabat

Es gibt nur sehr wenige Bücher, die ich mehr als einmal lese. „Alice im Wunderland“ gehört dazu; die Romane von William Gibson und Terry Pratchett ebenfalls. Und eben auch Krabat von Otfried Preußler*, den ich jetzt zum dritten Mal gelesen habe. Doch eines hat bisher nur Preußler mit seinem Jugendbuch-Klassiker geschafft: Ich habe auch im dritten Durchgang wieder zum Ende geblättert und geschaut, wie die Geschichte ausgeht! Das muss ein Autor erst mal schaffen – ich ziehe den Hut! Mein Exemplar von Krabat stammt aus dem gut sortiertem Bücherschrank in Plankstadt. Ach ja, Radtouren zu Bücherschränken – da könnte ich auch mal was dazu bloggen. *Sollte jemand ein Muster in diesen Bücher erkennen, so würde ich mich über einen sachdienlichen Hinweis freuen. Danke.

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Eine Einführung in die Musikethnologie

Musikethnologie war diesmal die Wissens-Insel, zu der mich meine Neugier trieb. Das kam so: Yoga machen, Mantras hören. Neugierig werden. Bücher über Mantras lesen. Auf das Thema Raga stoßen. Konzerte in der OMM, der Orientalischen Musikakademie Mannheim, besuchen. Noch neugieriger werden. Versuchen, das System der Ragas zu verstehen. Genussvoll daran scheitern. Neugierig bleiben und sich für Weltmusik zu interessieren beginnen. Für mein Leseverhalten typisch: Neue Themen und Bücher treten immer zusammen auf. Dabei greife ich auch gerne zu Büchern, die eigentlich nicht für mich geschrieben wurden, und nehme dabei in Kauf, dass ich nicht alles verstehen werde. Macht nichts, denn diese Art des Lesens bringt mir sowieso mehr Erkenntnisgewinn, als ich mir langfristig merken kann. So war es auch in diesem Fall: Musikethnologie von Lars-Christian Koch, erschienen in der Reihe Musik kompakt beim Verlag WBG Academic. Um es aus der Perspektive der nicht-studierten Leserin zu sagen: ein Buch von Uni-Menschen…

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Ein Comic zum immer wieder lesen: Das verrückte Unkraut

Warum eigentlich lese ich Romane immer nur einmal, Comics aber gerne mehrmals? Zu „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase: Das verrückte Unkraut.“ habe ich in vergangenen Winter gleich mehrmals gegriffen. Und jetzt, zu Corona-Zeiten, passt die postapokalyptische Story, in der Herr Hase immer wieder in eine von Pflanzen überwucherte Welt gerät und dort ums Überleben kämpft, sowieso perfekt. Weil ich mich in den letzten Jahren erschreckend wenig um die Comic-Szene gekümmert habe, hatte ich gar nicht mitbekommen, dass Lewis Trondheim diese Story zuerst auf Instagram veröffentlicht hat. Jeden Tag ein Bild, keines davon mit Sprechblase oder einer anderen Form von Text. Als Comic-Buch ergibt das 368 Seiten. Natürlich würde ich als neugierige Leserin gerne wissen, ob das alles so geplant war und inwieweit der Plot der Comicgeschichte vorher feststand. Aber andererseits ist das auch völlig schnurz, denn die Handlung bewegt sich traumsicher zwischen beklemmenden, dystopischen Momenten und skurrilen Pointen, die…

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