Giora Feidman- der Klezmer-Musiker erzählt aus seinem Leben

Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ein älterer Herr Geschichten von früher so erzählt, dass ihr euch denkt: Den hätte ich gerne als Opa? So erging es mir bei der Lektüre von Giora Feidmans „Klang der Hoffnung“. Der Musiker kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen – und meist auch wieder zurück. In seinen Erzählfluss eingebettet sind Betrachtungen über die Musik und darüber, warum er nicht werktreu spielen kann. Denn Feidman spielt eigentlich nie Mozart oder alte jüdische Lieder – er spielt immer Feidman, weil er seine Seele in seine Musik fließen lässt. Genau so sind auch seine autobiographischen Erinnerungen, in die er seine Lebenserfahrung einfließen lässt. Geschrieben in der Haltung eines Großvaters, der seine Erfahrungen an seine Enkel und Urenkel weitergeben möchte. Alle, die schon mal seine Musik gehört haben, sind sozusagen Enkel ehrenhalber. Dabei ist der Aufruf zum Frieden zwischen den Religionen gar nicht mal die wichtigste Botschaft, die er der…

weiterlesen

Rettet die Berge (vor Menschen wie mir)

Es sind einfach zu viele Menschen, die in die Berge wollen. Wer einmal beim Wandern die Route erwischt hat, die im Zickzack unter dem Skilift auf den Berg führt, weiß, wovon Reinhold Messner in seinem Buch „Rettet die Berge!“ spricht. Im Sommer sind die Abfahrtshänge eine öde Mondlandschaft, im Winter überfüllt. Bergsehnsüchte stillen diese Brachen nicht. Wer Ruhe und Einsamkeit in den Bergen sucht, muss suchen. Wandern in Gruppen, Gipfelbesteigung im Gänsemarsch und Downhill-Fahrten in einem Tempo, dass der Mountainbiker die Landschaft nicht mehr wahrnehmen kann – das ist alpine Normalität. Es gibt also viel zu beklagen, was Messner eloquent und wohlklingend tut. Aber wie sieht es mit den Lösungen aus? Wer braucht Lösungen, wenn er Geschichten haben kann? Der Mensch möge sich bescheiden, der Massentourismus eingedämmt werden und ein Ehrenkodex für Bergsteiger soll es richten. Konkreter wird Messner nicht. Aber das Buch hat ja auch nur 140 Seiten. Die…

weiterlesen

Die Rolle, der Kobold und meine Faszien

Es gibt etwas, was die Faszienrolle von anderen Fitness-Moden unterscheidet: Sie hat sich in meinem Alltag bewährt. Während das Theraband zusammengeknüllt in der Ecke liegt, die Hantelbank vor sich hin staubt, kommt die Faszienrolle immer mal wieder zum Einsatz. Kurz. Zum Auflockern zwischendurch. Insbesondere dann, wenn der obere Rücken Alarm schreit, weil ich zu lange starr am Schreibtisch saß. Aufstehen, rumrollen, dehnen. Das verbessert die Durchblutung, lockert die Muskulatur und macht den Kopf frei. Schön, oder? Wenn da nur nicht dieser Nörgel-Kobold in mir wäre: Die Rolle kann noch viel mehr. Du trainierst nicht richtig. Der Nörgel-Kobold hat nämlich einen Fitness-Ratgeber gelesen. Ok, ich habe das Buch gelesen und er hat dabei gut aufgepasst. „Faszien verstehen“ von Gerd Gradwohl ist das Fachbuch für alle, die nicht nur hin und her rollen wollen. Hier wird gründlich erklärt, warum und wie das Training mit der Faszienrolle wirkt. Immerhin rolle ich seitdem viel…

weiterlesen

August Macke – Paradies? Paradies!

Das, was nur außerhalb der vier Wände meiner Wohnung und außerhalb meines Hirn stattfinden kann, fehlt. Die Anregungen, die Beobachtungen, die Begegnungen und alles, was nur im Zusammenspiel entsteht – ich vermisse es. So sehr, dass ich jetzt doch bereit war, mich auf ein Zoom-Kultur-Event einzulassen. Mein Fazit vorneweg: Es war inspirierend und ich werde lange davon zehren können. Aber es hat mir genauso schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr mir das draußen fehlt. Ich will wieder in Bilder hineinfallen können. Vor ihnen ruhig verweilen. Oder auch auf und ab tigern, um zu beobachten, wie andere Blickwinkel das Bild verändern. Ich will die Struktur des Pinselstrichs sehen können und mir einbilden, die Farbe zu riechen. Ja, ich möchte sogar wieder fremde Museumsbesucher beobachten können, ihre Wortfetzen hören und an ihrem Gesicht ablesen können, ob das Kunstwerk sie berührt. Die beste Kuratorenführung und das aufmerksamste Zoom-Publikum sind dafür kein Ersatz. Das weiß…

weiterlesen

Ein Ritt durch die DDR-Kultur. Mittendrin: wir Leser.

Wie viel Gegenkultur steckte in der Kultur der DDR? Das ist eine Fragestellung, die sich mein westlich geformtes Gehirn nicht gestellt hätte, wenn nicht dreierlei gewesen wäre: Die Begegnung mit Kinderbüchern wie „Ede und Unku“, die in den Paketen meiner Ost-Verwandtschaft steckten, mit denen sie sich für unsere West-Päckchen bedankten. Die ausführliche Reportage im Deutschlandfunk über Punks in der DDR, anlässlich des Erscheinens des Samplers „Too Much Future – Punkrock GDR 1980-1989“. Und das bemerkenswerte Buch von Marko Martin „Die verdrängte Zeit. Vom Verschwinden und Entdecken der Kultur des Ostens.“ Staatskunst, Gegenkultur oder einfach nur Lesevergnügen? Marko Martin versucht erst gar nicht, eine Literatur- und Kulturgeschichte der DDR zu schreiben. Er, der in der DDR aufgewachsen ist und sie im Mai 1989 verlassen konnte, geht stets von seinem eigenen Leseerlebnis aus. Er erinnert sich, wie er selbst ein Buch, ein Film, ein Bild wahrgenommen hat. Von dort aus öffnet er…

weiterlesen

700 Seiten in 14 Tagen: Der Wüstenplanet.

Natürlich hat die Pandemie mein Lesen verändert. Ich lese eher noch mehr, aber anders. Bücher zum Eintauchen sind angesagt. Geschichten zum Abschalten und Wegträumen, Fluchtlektüre. Jetzt war Dune, der Wüstenplanet das passende Buch für mich. Ja, den hatte ich tatsächlich noch nicht gelesen (Wüstenstaub auf mein Haupt). Und auch den Film nicht gesehen. Das wiederum verwundert nicht, da Film einfach nicht mein Medium ist. Die 700 Seiten hatte ich in 14 Tagen weggeschwartet. Ein sicheres Indiz, dass der SF-Klassiker für mich eine gute Fluchtlektüre war. Nur die Kampfszene in der Arena habe ich quer gelesen, ansonsten hat mich alles gepackt. Das ist ein erstaunliches Ergebnis für eine Leserin wie mich, die alle Schlachten bei Tolkien nur überflogen hat. Jetzt beschäftigen mich zwei Fragen: Will ich den Rest der ersten Trilogie auch noch lesen? Und was soll ich vom Frauenbild in Dune halten? Auf der einen Seite war ich angenehm überrascht,…

weiterlesen

William Gibson – Cyberspace. Kurzgeschichten.

Ausgelesen – und das gleich in zweierlei Hinsicht. Einmal „Cyberspace“ (Original: Burning chrome), die Sammlung mit Kurzgeschichten aus dem Jahr 1986, die nur noch antiquarisch erhältlich ist. Und einmal alles, was von William Gibson ins Deutsche übersetzt wurde. Den deutschen Titel des Buches finde ich genau so unsäglich wie die halbnackte Frau auf dem Vorsatz-Blatt. Nun, those were the days. Der Tropen Verlag, wo Gibson heute erscheint, ist da stilsicherer. In der ersten Hälfte des Buches dachte ich noch, dass es sich nur für Hardcore-Fans lohnt. Fast alle Handlungselemente und Protagonist:Innen kamen mir vertraut vor. Doch genau das war für mich der Reiz: Es war schön zu beobachten, wie William Gibson immer wieder an seinen Ideen gefeilt hat, bis sie dann wirklich für einen Roman verwendet wurden. Fingerübungen. Zudem ein Blick in die Werkstatt des Schriftstellers. Doch dann kam die eine Geschichte, bei der ich dachte: Warum nur hat er…

weiterlesen

Besser als gute Vorsätze: Haikus schreiben.

Mehr schreiben gehört sicherlich nicht zu meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr. Ich schreibe so viel wie noch nie in meinem Leben, vor allem über Bücher – nur eben beruflich. Auch „mehr bloggen“ wird es nicht auf die Liste der guten Vorsätze schaffen, denn es gibt Corporate Blogs, die von mir gefüllt werden wollen. Ich werde also sowieso mehr bloggen – nur nicht unbedingt auf meinen eigenen Blogs. Trotzdem drehen sich viele meiner Überlegungen, was ich nächstes Jahr verändern möchte, um das Schreiben. Nicht mehr, sondern anders schreiben. Dabei bin ich sehr zufrieden damit, wie sich meine Rezensionen, die ja keine sind, entwickelt haben. Im Mittelpunkt aller Buchbesprechungen steht bei mir die Frage „Was hat dieses Buch mit mir gemacht?“. Ich möchte mich nicht hinter Stil-Analysen und einer Einordnung des Werkes in den Buchmarkt, wenn nicht sogar in die Literaturgeschichte, verstecken. Mich interessiert das Zusammenspiel von Buch und Leserin.…

weiterlesen

Keine halben Sachen

Was für ein Buch! Antje Herden hat mit „Keine halben Sachen“ ein Jugendbuch über Drogen, über das erwachsen werden und über die Momente im Leben, in denen man falsch abbiegt, geschrieben. Die Geschichte wird ehrlich und authentisch erzählt und entwickelt schnell einen eigenen Sog. Die Sprache ist hart und präzise und lässt doch genug Raum für Empfindungen und Mitleid. Das Buch ist klug, aber niemals belehrend. Es nimmt die Jugendlichen ernst und bindet trotzdem die Perspektive der Erwachsenen mit ein. Robin ist ein ungewöhnlicher Protagonist für ein Jugendbuch. Er ist mehr Mitläufer als Außenseiter, fühlt sich aber doch nirgendwo so richtig dazugehörig. Wie auch: Er kreist so sehr um sich selbst, dass er seine Weggefährten kaum wahrnimmt. Er kennt Jungs, mit denen er abhängen kann, doch eine Beziehung zu ihnen baut er nicht auf. Weil sich nur mit sich selbst beschäftigt, langweilt er sich schnell. Da kommen Leo und die…

weiterlesen

Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Katalog zur Ausstellung.

In diesem Jahr leide ich definitiv an Vitamin-M-Mangel. Museen und Reisen kamen zu kurz. Aber immerhin habe ich das geschafft, was wir Wessis meiner Meinung nach immer noch viel zu selten tun: Ich war im Osten unterwegs. Diesmal führte mich die Route von Leipzig aus über Land nach Zwickau. Gelockt hat mich die große Landesausstellung „Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen.“ Wer die Ausstellung verpasst hat: Der Katalog ist ein guter Ersatz! Er fasst das Wichtigste aus den einzelnen Ausstellungen in Zwickau, Chemnitz, Freiberg, Crimmitschau und Oelsnitz zusammen und bietet zusätzlich vertiefende Essays. Wie immer bei Ausstellungskatalogen liest sich das mal besser, mal schlechter. Aber die gelegentliche Mühe lohnt sich, bietet das Buch doch eine Fülle von Herangehensweisen an das Thema Industrialisierung, Industrie- und Sozialgeschichte in Deutschland: Barock & Berggeschrey: die ersten Silberfunde und die Geschichte des Bergbaus in Sachsen Garn & Globalisierung: von der Handweberei zur Plauener Spitze. Maschinenbau…

weiterlesen

Die Memoiren der Jella Lepman, Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek

Jella Lepman - Biografie

Die Nazis nahmen ihr die Heimat und das Verhalten der deutschen Bürger machte sie fassungslos. Doch als das amerikanische Militär bei Jella Lepman 1945 anfragte, ob sie bereit wäre, sich in Deutschland für die „Re-Education“ der Frauen und Kinder zu engagieren, sagte sie ja. Dabei folgte sie der Logik des Herzens: Was auch immer während der Nazi-Diktatur geschehen war, die Kinder waren nicht schuld. Ihre Hoffnung war groß: Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg weisen. Das Werkzeug dafür: Bücher. Kinderbücher aus aller Welt, die mit ihren Geschichten zeigen, dass alle Menschen gleich sind und es verdient haben, in Frieden zu leben. Das war die Geburtsstunde der IJB, der Internationalen Jugendbibliothek München, die sich heute in der Blutenburg in Obermenzing befindet. In „Die Kinderbuchbrücke“ erzählt Jella Lepman von der Rückkehr in das zerbombte Deutschland, von hungernden Kindern, von engagierten Mitstreitern und von Erwachsenen, die versuchten, die Zeit der Nazi-Diktatur und…

weiterlesen

Mama Superstar: Heimat ist, was Mütter daraus machen

Töchter erzählen über das Leben ihrer „Migrant Mamas“, Mütter, die nicht in Deutschland geboren wurden. Um genau zu sein: Sie feiern ihre Mütter, denn jetzt, wo sie selbst junge Erwachsene sind, können sie all das würdigen, was ihnen als Jugendliche noch peinlich war. Oder auch das, was ihnen als Kind ein Gefühl von anders sein gab – sei es, weil im Treppenhaus nur vor ihrer Haustür die Schuhe standen, oder weil es aus ihrer Küche so ganz anders roch als in den Küchen ihrer Freunde. Entstanden ist ein Buch mit Lebensgeschichten, dass mich mit seiner Herzenswärme überrumpelt hat. Ich, die Familiengeschichten meidet, wollte es nicht mehr aus der Hand legen. Unglaublich, mit wie viel Mut diese Frauen ihr neues Leben in Deutschland angegangen sind und was ihnen zu Beginn alles fremd war. Da gibt es die Geschichte der Südamerikanerin, die sich auf ihren ersten Karneval in Deutschland freut, um dann…

weiterlesen