Wirte und Stammtischler, Brauer und Köche: in fränkischen Wirtshäusern

Wer das Buch „In fränkischen Wirtshäusern“ liest, muss sich auf lange Dialekt-Passagen einstellen und damit etwas mitbringen, was den Wirten allesamt wichtig zu sein scheint: Zeit. Man mag Gäste, aber nicht jeden Gast. Reingehen, essen, ein Bier trinken und weiter – das geht gegen die Ehre eines fränkischen Wirts. Dafür macht er den Job nicht. Wahrscheinlich würde er seine Tätigkeit auch nicht als Job bezeichnen. Wirt, Wirtin – das IST man. Sonst funktioniert es nicht. Natürlich gab es auch in Franken ein Wirtshaus-Sterben. Für mich als Urlauberin fühlte es sich nicht so an, denn es ist immer noch eine beeindruckende Vielfalt an Brauereien und Gaststätten übrig. Tommie Goerz nahm die harte Recherche-Arbeit auf sich und hat eine Auswahl an typisch fränkischen Wirtshäusern zusammengestellt. Es klingt, als hatte er Spaß dabei. Sein Buch ist jedoch kein Reiseführer für Franken-Urlauber. Er stellt die Lebensgeschichte der Wirte und Wirtinnen in den Mittelpunkt. Wenn…

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Was wäre, wenn die Architektur ein Geheimnis verbirgt?

Wenn ich jetzt schreibe, dass die Graphic Novel „Der Magnet“ von Lucas Harari ein Thriller ist, verrate ich schon fast zu viel. Andererseits hilft diese Schubladisierung dem Leser auch nicht weiter, da sie das Geheimnis der Geschichte nicht umfassend beschreibt. Also kann ich das erstens hier stehen lassen und zweitens einen neuen Ansatz suchen. „Der Magnet“ von Lucas Harari ist eine genauso minimalistische wie atmosphärisch dichte Graphic Novel für Menschen, die bereit sind, sich ganz und gar auf einen Ort einzulassen. Die wissen, dass der Boden, auf dem ihr Haus steht, eine Geschichte hat. Die sich fragen, was Mauern schon alles erlebt haben, und die bereit sind, ihnen zuzuhören. Also was nun? Mystery-Thriller oder spirituell-sinnliches Erlebnis? Beides. Auf jeden Fall mehr als nur eine Hommage an die beeindruckende Architektur der Therme von Vals, entworfen von Peter Zumthor. Ich wollte da mal hin. Alleine die Schweizer Preise …. Aber jetzt weiß…

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Ein gut getarntes Lehrbuch der Hauswirtschaft – lässig und nützlich

Dieses Buch teilt das Schicksal vieler Ratgeber: Es wird häufiger gelesen als darüber gesprochen und geschrieben wird. Ob Fußpilz, Haushaltsführung oder versterbende Zimmerpflanzen: Einen Ratgeber liest man, weil man ein Defizit verspürt. Wenn es sich dabei um ein schickes Thema wie Female Empowerment oder Anti-Rassismus handelt, zeigt man noch gerne: Ich empfinde einen Mangel und ich möchte ihn beheben. Doch wer mag schon Nachholbedarf bei grundlegenden Hauswirtschafts-Themen wie Putzen oder Wäsche waschen zugeben? Ich bin jetzt über 50 und gestehe, dass es immer noch genug Arbeiten im Haushalt gibt, die ich schneller, besser oder einfach nur geschickter erledigen könnte. Dazu kam, dass ich während der Corona-Krise mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbrachte und mir Stellen auffielen, die ich sonst übersehen habe. Spinnweben im Treppenhaus, ehemals weiße Fugen in der Dusche und Konserven, die ich einem Museum spenden könnte – in der Phase habe ich sie alle gefunden. „Und…

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Was wäre, wenn eine Welt drei Sonnen hätte?

Nein, ich werde erst gar nicht versuchen, eine Rezension zu Cixin Lius „Die drei Sonnen“ zu schreiben – ich würde mich eh nur verheben. Um dieses Werk einzuordnen, kenne ich mich einfach zu wenig mit Science Fiction aus. Der Vergleich mit Arthur C. Clarke erscheint mir schlüssig und ich kann mir gut vorstellen, dass es sich um einen Meilenstein der Science-Fiction-Geschichte handelt. Mich hat das Buch auf jeden Fall beeindruckt! Was mich aber fast noch mehr fasziniert ist ein Leseerlebnis, das ich offensichtlich mit vielen anderen teile. Nach 100 Seiten sollte man doch eigentlich wissen, ob einem ein Buch gefällt, oder? Ich wusste es nicht. Und war damit offensichtlich nicht allein – andere Buchbloggerinnen berichteten ähnliches. Aber eines wusste ich nach 100 Seiten auf jeden Fall: Ich will weiterlesen! Jeden Abend dachte ich mir: Und mit welcher Wendung überrascht er mich dieses Mal? Grundsätzlich kam es anders, als ich dachte.…

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Vom Reiz einer richtig guten Bausünde

„Die klassische deutsche Bausünde ist besser als ihr Ruf!“ Das ist noch einer der harmloseren Sätze aus dem großartigen Bildband von Turit Fröbe, der mich nicht nur wegen der exquisiten Auswahl an unglaublich seltsamen Gebäuden, sondern auch wegen seiner scharfzüngigen Architektur-Analysen begeistert. Turit Fröbe hat offensichtlich ein großes Herz für Häuser, die unseren Blick stören. Für Anbauten, die sich nicht einfügen. Für Fassaden, bei denen sich manch ein Betrachter nach alten Fachwerk-Zeiten zurücksehnt. Sie nicht, denn „Eine gut gemachte, originelle Bausünde zeichnet sich durch Mut, Einfallsreichtum und eine beherzte Entschlossenheit aus. Sie verfügt über eine herausragende Bildqualität und hebt sich souverän aus dem Meer der gesichtslosen, allgegenwärtigen Banalitäten ab, da sie einen guten Wiedererkennungswert garantiert und bei genauerer Betrachtung sogar eine gewisse Schönheit und einen ureigenen Charme besitzt.“ Turit Fröbe – die Kunst der BausündeAus der Einleitung, S. 8 Ich mag ihren Blick auf unsere Städte sehr. Ja, bei vielen…

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Heimaturlaub: 101 deutsche Orte

101 deutsche Orte, die man gesehen haben muss – ein solcher Titel löst wohl automatisch reflexartiges Zählen aus. An wie vielen Orten war ich schon? Wohin haben mich meine Eltern geschleppt, offensichtlich gegen meinen Willen, wie Familienfotos beweisen? Was davon steht immer noch auf meiner Reise-Wunschliste? Aber halt, Reflexen muss man nicht gleich folgen. Vor dem Zählen sollte man prüfen, ob die Auswahl überhaupt für einen passt. Ist das überhaupt mein Buch über Deutschland? Es ist. Für mich ist die Auswahl an Sehenswürdigkeiten, Städten und Naturdenkmälern sehr stimmig, denn es geht in diesem Buch um Orte, die eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind. Oder um solche, die typisch deutsch sind. Um Orte, zu denen man die Austauschstudentin mitnehmen würde. Oder um Sehenswürdigkeiten, an denen Deutschland … zu spüren ist. Jeder Ort bekommt eine Doppelseite. Das ist nicht viel. Und doch gelingt es Bernd Imgrund mit gerade einer Seite Text…

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So klappt’s mit dem Welt retten: enkeltauglich leben

Ratgeber enkeltauglich leben

Enkeltauglich leben – das war die Formulierung in der Klima-Debatte, bei der ich Hoffnung schöpfte. Mit diesem emotionalen und nach vorne gewandten Begriff muss doch jeder verstehen, worum es geht! Ganz so kam es dann doch nicht. Aber „enkeltauglich Leben“ ist immer noch ein Begriff, der Menschen in ihren Bemühungen vereint. Gleichzeitig ist „Enkeltauglich Leben“ eine Initiative, die im Graswurzel-Stil versucht, die Welt zu retten. Jede kleine Aktion hilft – und dieses Handbuch zur Initiative ist voll von kleinen Aktionen, die sich leicht umsetzen lassen! Das ist die Stärke des Büchlein „So klappt’s mit dem Welt-Retten“ von Antje Haider-Waller und ihrer Tochter Mona Haider: Es ist eine kompakte Zusammenfassung von Lebensstil-Veränderungen, die dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dabei geht es eben nicht nur um die Natur und das Klima, sondern eben auch um den Menschen und seine Enkel, die ein Teil von allem sind. Das…

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Gutmensch, Frühsexualisierung, Tag X: Rechte Wörter.

Ich hatte lange gehofft, dass ich mich nicht intensiver mit rechter Ideologie und rechter Sprache auseinandersetzen muss. Dass die Lektüre von Zeitungsartikeln und Blog-Beiträgen genügt, um zu verstehen, was in unserem Land passiert. Dass ich auch so jederzeit fundiert argumentieren kann, warum ich nicht nur bestimmte Wörter aus meinem Sprachschatz habe verschwinden lassen, sondern mich auch aktiv um einen Sprachwandel bemühe. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass mein eigenes Sprachempfinden keine ausreichende Basis ist, um in Diskussionen zu überzeugen. Augenöffner war einmal, dass ich Menschen begegnet bin, bei denen ich nicht erwartet hätte, dass sie einem Sprachwandel nichts abgewinnen können. Und natürlich Bücher wie „Eine Frage der Moral“ und „Richtig gendern“. Jetzt also „Rechte Wörter – von Abendland bis Zigeunerschnitzel“ , der nächste Schritt, mich tiefer in die Thematik einzuarbeiten. Mir tat die Lektüre weh. Es schmerzt, zu erkennen, wie weit rechte Wörter in den alltäglichen Sprachgebrauch gesickert sind. Wie manche…

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Es ist so still auf einmal. Torsten ist tot.

Dass sich 2020 zu einem so stillem Jahr entwickelte, erschien mir nur angemessen. So konnte Torsten Walker, alias RRRSoundz, der von einer Krebserkrankung ausgebremst wurde, keine Konzerte verpassen. Jetzt ist das Jahr noch stiller geworden. Torsten ist tot. Der DJ meines Vertrauens legt nicht mehr auf und ich habe einen guten Freund verloren. Es war für mich kaum vorstellbar, dass es irgendetwas gibt, das er nicht mit seinem großen Herz, seinem Kampfgeist und seiner Ausdauer bewältigen konnte. Eine gute Woche bedeutete für ihn drei Konzerte, zwei neue Bands entdecken und dabei auf x neue Gedanken kommen. Lecker essen gehen und sich bestens mit Freunden unterhalten. Auf so vielen Wegen positive Impulse schenken. Ideen mit Menschen mit Musik vernetzen. Anderen den Rücken stärken und so dafür sorgen, dass Dinge ins Rollen kommen. Mindestens das, wenn nicht noch mehr. Doch selbst in der größten Begeisterung (oder gerade dann) wirkte er zentriert. Ich…

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Über alte Wege

Dieses Buch und ich, wir kamen dann doch nicht zusammen. Dabei beginnt „Über alte Wege. Eine Reise durch die Geschichte Europas.“ von Mathijs Deen grandios. Er erinnert sich an Reisen seiner Kindheit, Fahrten, die ihn über die alte Europastraße, die damals noch keine Autobahn war, führten. Ausgehend von diesen Kindheitserinnerungen an Landstraßen, die wirklich noch über Land führten, erkundet er zunächst die Geschichte der Europastraßen, die angelegt wurden, um Völker im Frieden zu verbinden, die zuvor miteinander Krieg geführt hatten. Doch auch diese Straßen verlaufen entlang älterer Routen. Mathijs Deen steigt tiefer in die Geschichte Europas ein und arbeitet sich dann von der Steinzeit beginnend wieder zur Neuzeit durch. Menschen waren schon immer unterwegs. Manchmal suchten sie bessere Jagdgebiete, manchmal lukrative Handelsplätze. Zu anderen Gelegenheiten brachten sie Krieg, viel häufiger jedoch wurden sie heimisch. Mathijs Deen folgt ihren Routen und versucht, ihre Beweggründe zu erspüren. Sein Handlungsfaden beginnt jedoch schon…

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Einatmen, ausatmen? Da geht noch mehr: Atemtechniken

Einatmen, ausatmen. Klappt doch. Warum sollte ich dafür ein Buch benötigen? Das entsprach in etwa meinem Denken und meinem Wissensstand, bevor ich mit Yoga anfing und bevor ich Markus Schirners Buch „Atemtechniken“ für mich entdeckte. Von Atempausen oder der Tatsache, dass man auch in die Schulterblätter atmen kann, hatte ich damals noch nichts gehört. Noch schlimmer: Ich hatte es auch noch nie erfahren. Das, was so trocken im Yoga-Unterricht als „vollständige Yoga-Atmung“ beschrieben wurde, war der erste Augenöffner. So viel Raum im Körper! So viel Beweglichkeit, die dem Atem folgt! Meine Neugier war geweckt und ich griff zum Buch. 130 Seiten später dachte ich: Ich muss nie wieder ein Buch über Atemtechniken lesen – in diesem kleinen Taschenbuch ist alles enthalten. Atemtechniken – das Kartenset. Ein spielerischer Weg für mehr Praxis. Das war 2006. Jetzt sind Karten zum Buch erschienen. Die musste ich natürlich haben. Die erste Karte, die ich…

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Goodbye New York – der Abschluss der Brooklyn-Trilogie

Jetzt sind sie also wieder hier in Deutschland. Zu sagen, sie wären zurück, käme mir unpassend vor. Denn das, was wie die Heimkehr einer Familie nach 2 Jahren in New York aussieht, ist genauso ein Neuanfang wie ein Anknüpfen. Wieder lässt uns Stephanie Hanel in tagebuchartigen Einträgen an ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen teilhaben. Als klar wird, dass die Tage der Familie in Brooklyn gezählt sind, taucht sie noch einmal richtig in das Leben New York ein und nimmt uns mit. Hier ein Museumsbesuch, dort ein Flohmarkt, danach einen Ausflug – bloß nichts verpassen, wer weiß, ob es noch einmal eine Chance dafür gibt. Gleichzeitig gibt sie offen zu, wie sehr die Hektik und der Lärm der Großstadt überfordern kann. Da wird schon eine Parkbank unter einem Baum zur Flucht in die Natur. So bewegt sich ihre Geschichte diesmal in einem Spannungsfeld zwischen Trubel und Sehnsucht nach Stille, Aktion(ismus) und…

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