Der Tanz der Tiefseequalle

Schon lange mehr kein Jugendbuch gelesen und zum Wiedereinsteig gleich einen Volltreffer gelandet! So darf es gerne weitergehen. Aber das nächste Buch muss sich jetzt sehr anstrengend, um Tanz der Tiefseequalle von Stefanie Höfler zu toppen. Schon kleine Details genügen der Autorin, um ihre Protagonisten minimalistisch exakt zu charakterisieren und um ihnen eine authentische Stimme zu verleihen. Hier sitzt jede Geste, jedes mimische Detail, jeder Satzfetzen. Obwohl die Geschichte abwechselnd aus Seras und Nikos Perspektive erzählt wird, fügt sich alles passgenau ineinander. Zudem umschifft Stefanie Höfler zielsicher alle Klischees. Das Thema des Buches ist nicht Mobbing, es ist keine Außenseiter-Geschichte und auch kein Buch gegen Body-Shaming. All das ist Teil des Lebens der Kinder und deswegen Teil der Geschichte. Doch im Mittelpunkt des Romans stehen Menschen, echte Menschen. Die schöne Sera ist keine Außenseiterin, aber auch nicht der Mittelpunkt der Clique. Sie schwimmt mit und verdrängt zuerst erfolgreich, dass sie…

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Dagmar sucht das Glück und findet nur ein personalisiertes Buch

Kinderbuch personalisiert: Dagmar sucht das Glück. Hier könnte auch dein Name stehen.

In den 90er Jahren boten wir in der Buchhandlung bereits personalisierte Kinderbücher an. Der Name des Kindes erschien auf dem Cover und auf einigen Seiten im Buch – das war es. Wenn ich mich recht erinnere, lag dem Ganzen ein Franchise-Modell zugrunde. Wir bekamen die Maschinen für Druck und Bindung und die Rohlinge geliefert, für den Vertrieb mussten wir selbst sorgen. Unser Einsatz für den Verkauf der Bücher hielt sich jedoch in Grenzen. Wir waren alle miteinander Buchhändler geworden, weil wir gute Geschichten liebten. Die Geschichten, die in den personalisierten Kinderbüchern erzählt wurden, entfachten unsere Leidenschaft nicht. Zudem sahen wir mit unserem erwachsenen Blick genau, wo der Name des Kindes in das bereits bestehende Buch hineingedruckt wurde. Für mich hatten diese Bücher keinen Zauber. Das war damals – wie wird heute personalisiert? Heute würde ich den Büchern ihren Herstellungsprozess nicht mehr ansehen – dank Digitaldruck. Wir „dengelten“ die Kinderbüchern mit…

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Schule des Sehens: gebt dem Zufall eine Chance

Sachbuch: Die Schule des Sehens von Peter Jenny

Wie lernt man schreiben? Ein berühmter SF-Schriftsteller* antwortete mal auf die Frage eines Fans: „Schreibe eine Million Wörter und dann komme wieder zu mir.“ Wie lernt man demnach fotografieren? Mit jedem Blogbeitrag lerne ich ein wenig mehr über das Schreiben. Mit jedem Smartphone-Foto ein wenig mehr über das Fotografieren. Veröffentlichen ist dabei Teil des Lernprozesses. Ich mache mein Üben damit sichtbar – und nehme es selbst dadurch ernster. Die Suche nach neuen Themen und Motiven ist ein zweiter wichtiger Ansporn. Nicht ausruhen auf dem, was man schon kann. Weitergehen, Neues wagen. Neue Fotomotive suchen, neue Blog-Themen. Über Bücher schreiben kann ich. Außer, es ist ein Buch aus dem Herrmann Schmidt Verlag. Dann wird es knifflig, denn diese Bücher sind anders als die, die ich 25 Jahre lang in der Buchhandlung angepriesen habe. Die Schule des Sehens – zweite Runde Der 8. Band aus der Reihe Schule des Sehens von Peter…

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Naturbeobachtung, Wissenschaft und Poesie: Das verborgene Leben des Waldes

Naturbeobachtung: Das verborgene Leben des Waldes von David G. Haskell

In dem Stapel der Bücher, die ich gerade lese, befindet sich immer eines, an dem ich besonders lange lese. Manchmal, weil es anstrengend ist. Oder auch, weil jedes Kapitel erst mal verdaut werden muss. Vielleicht auch deswegen, weil es ein Thema behandelt, das nicht immer passt. Auf Das verborgene Leben des Waldes von David G. Haskell trifft all das nicht zu und doch lese ich schon seit dem letzten Frühsommer darin. Jetzt, im Januar, habe ich immer noch 40 Seiten vor mir. Ich werde sie mir einteilen. Ich habe keine Eile mit dem Buch – ganz im Gegenteil. Es ist mein momentanes Genussbuch. Ich lese es langsam, ein Kapitel am Abend, höchstens zwei. Dann lege ich es wieder weg, genieße, was ich gerade gelesen habe und freue mich auf das nächste Kapitel, dass ich vielleicht in ein paar Tagen lese werde. David G. Haskell hatte auch keine Eile. Ein Jahr…

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Lee Hollis: schreiben statt schreien

Lee Hollis, Sänger der Hardcore Bands Spermbands und Steakknife, hat im Ventil Verlag Kurzgeschichten veröffentlicht

Am 1. Oktober 1995 trat Lee Hollis zum ersten Mal als Spoken-Word-Künstler auf – und das gleich im Vorprogramm von Lydia Lunch. Kein schlechter Start, den er so beschreibt: It was the first time I ever spoke to an audience, instead of screaming at one. Daraus könnte man eine Geschichte machen. Macht Lee Hollis aber nicht. Er verwendet dieses Schnipsel einfach nur für den Abspann des Buches. Das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums hat er perfektioniert. Manche seiner Kurzgeschichten sind von vornherein in einem Land weit jenseits der Normalität angesiedelt: brennende Hochhäuser, Horror-Ausflüge mit dem Segelboot, Wahnsinn. Doch am besten gefallen mir die Geschichten, die harmlos und realistisch beginnen und dann urplötzlich kippen, surreal werden. Einige Stories sind autobiographisch verankert, wobei sich der Leser auch hier nie so ganz sicher ist, ob die Geschichte nicht doch an irgendeiner Stelle die Realität verlassen hat. Hat sich das wirklich so zugetragen…

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Leere Räume, Kunst erwartend: die neue Kunsthalle Mannheim

Blick aus der neuen Kunsthalle Mannheim auf die Jugendstil-Anlage am Wasserturm

Wie ist sie nun geworden, die neue Kunsthalle Mannheim? Die Räume, das Licht und die Blicke nach draußen sind großartig. Ich habe mich gleich dort wohlgefühlt. Der Lichthof ist eine wahre Pracht und die Kunstwerke, die dort schon hängen, sind klug gewählt. Die Instagram-Gemeinde hatte jetzt schon Spaß damit! Nur von außen ist die neue Kunsthalle Mannheim keine Schönheit und nein, sie fügt sich weder harmonisch in das Jugendstil-Ensemble am Wasserturm ein, noch setzt sie einen mutigen Kontrapunkt. Sie ist einfach nur da. Allein das Lichtspiel der Fassade könnte interessant werden. An diesem trüben Tag im Dezember wirkte die Außenhülle leicht verschwommen. Fast wie im Nebel, ein Avalon der Kunst. Das erschien mir vielversprechend – vielleicht hat die Fassade ja eine eigene Stimme und möchte uns etwas erzählen? Zum Tag der offenen Tür, dem preopening vor der eigentlichen Eröffnung im Sommer 2018, war wohl ganz Mannheim gekommen. Die Räume haben…

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Schnelleinstieg Storytelling

Ausschnitt aus dem Buch-Cover: "Storytelling. Geschichten für das Marketing und die PR-Arbeit entwickeln" von Edgar von Cossart

Da ist es auf einmal, das Buch, das ich mir vor zwei Jahren gewünscht hätte. Damals suchte ich einen Einstieg in das Thema Storytelling und fand kein Buch, das mir so richtig meine Fragen beantwortete. Seltsam, oder? Das ich damals nichts fand, lag an meinem etwas undefinierbaren Standort als Leserin. Wie immer befand ich mich zwischen allen Stühlen und war mit meiner Position im Zielgruppen-Denken der Verlage so nicht vorgesehen. Ich interessiere mich für Storytelling, In den meisten Büchern, die ich damals fand, ging es um Storytelling in der Markenkommunikation oder in der Werbung. Beides passt für mich nicht – genauso wenig wie die kommunikationswissenschaftlichen Bücher, die als Lehrbücher für die Uni gedacht sind. Edgar von Cossart hat jetzt mit seiner kurzen, knappen Einführung in die Grundlagen und Regeln des Storytellings das für mich passende Buch geschrieben. Dabei schreibt er eigentlich über ein für mich völlig unpassendes Thema: Storytelling im…

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Leichte Sprache, einfache Sprache, Online-Sprache

Buchcover: Ratgeber Leichte Sprache aus dem Duden Verlag

„Du verbindest hier mit einem ‚und‘ – schau doch mal, ob Du zwei Sätze daraus machen kannst.“ Dieser Schreibtipp war für mich der Auslöser, mich mit Leichter Sprache zu beschäftigen.* Doch solche Vereinfachungen, die die Lesbarkeit von Online-Texten deutlich erhöhen, sind eigentlich gar nicht das Thema bei Leichter Sprache. Hier geht es um Inklusion von Menschen mit Sprachverständnis-Schwierigkeiten und um Barriere-Freiheit. Was bringt es mir also für meine Arbeit als Online-Texterin und für mein Hobby Bloggen, mich mit Leichter Sprache zu befassen? Eine Menge. Beginnen wir am Anfang, mit der Definition. Was ist Leichte Sprache? Ein schönes Beispiel findet Ihr auf der Webseite Hurraki, dem Wörterbuch für Leichte Sprache: Hurraki ist ein Wörterbuch für Leichte Sprache Viele Menschen reden umständlich. Nicht jeder versteht das. Die Wörter bei Hurraki soll jeder verstehen können. Niemand soll ausgegrenzt werden. Quelle: https://hurraki.de/wiki/Hauptseite Genau so funktioniert Leichte Sprache: kurze Sätze, eine Information pro Satz, allgemein bekannte Wörter.…

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NTM goes Pop. Wie weit gehe ich da mit?

Disco-Kugel über der Bühne im Nationaltheater Mannheim.

Erst Superflu, jetzt Andreas Henneberg und The Glitz: da hat sich das Orchester des Mannheimer Nationaltheaters ja was ins Haus geholt. Techno, House, elektronische Musik. Bei beiden Konzerten hatten meine Gedanken vorher ungefähr diese Struktur: „Orchestermusik und Techno. Klasse, ich verstehe von beidem nix. Also muss ich da hin.“ Womit der Musikvermittlungsauftrag eindeutig erfüllt wurde. Zumindest bei mir. Nachhaltig. Super Flu höre ich mir seit dem häufiger an. Zweimal elektronische Musik, zweimal Techno und House. Den Unterschied könnte ich wohl immer noch nicht erklären, aber sehr wohl sagen, was mir gefällt. Andreas Henneberg und The Glitz waren orchestraler, mehr Wall of Sound mit schönen Spannungsbögen. Hier wurde das Orchester gefordert, Klänge und Effekte zu erzeugen, die es sonst so nicht im Repertoire hat. Sieger der Herzen sind bei mir aber Super Flu, die mich mit ihrem Witz und ihrer Spielfreude mitgerissen haben, obwohl hier das Orchester für meine Ohren viel…

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Rauhnächte. Träumen, sich besinnen, räuchern.

Rauhnächte. Buch Cover

Ja ist denn schon wieder Weihnachten? Nein, natürlich nicht. Bis zur Wintersonnenwende und den Rauhnächten gehen noch ein paar Wochen ins Land. Es ist gerade mal Herbst. Doch mit den Herbst kommt die Stille. Mein Blick auf die Welt ändert sich. Ich werde ruhiger und nachdenklicher. Fragen, die zum Jahreswechsel passen, kommen jetzt schon auf und ich habe tatsächlich jetzt schon das kleine Buch Rauhnächte von Gerhard Merz gelesen. Eigentlich wollte ich ja nur kurz reinlesen. Prüfen, ob es für mich passt, ob das mein Begleiter für dieses Jahr sein könnte. Es passt. Und wie – ich habe die 127 Seiten dann mal gleich ganz gelesen. Jetzt schon, im Oktober – und ich freue mich darauf, das Buch zur Wintersonnenwende wieder zu lesen. Es war die Art, wie Gerhard Merz über Odins wilde Jagd und die alten Mythen erzählt. Das hat mich gepackt, daran bin ich hängengeblieben. Er hat die…

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Disruptive thinking. Machen Menschen den Unterschied?

disruptive thinking. was nun? Doppelseite aus dem Buch.

Manchmal denke ich mir, dass gerade wir Buchhändlerinnen perfekt auf das digitale Zeitalter vorbereitet sind. Schließlich konnten wir schon in Stichwörtern und Schlagwörtern denken, bevor es Begriffe wie Keywords und SEO gab. Wenn ich dann in dem Buch Disruptive Thinking lese, dass Nichtwissen aushalten eine Schlüsselqualifikation für das Disruptive Zeitalter sei, denke ich mir schon wieder, dass ich als Buchhändlerin darauf perfekt vorbereitet bin. Wir lernen schon im allerersten Lehrjahr, dass wir nicht auf alle Kundenfragen sofort eine Antwort haben. Mit etwas Ausdauer und Talent haben wir dann schon nur wenige Jahre später Strategien entwickelt, wie wir mit unserem Nichtwissen umgehen und es in Verkaufserfolge umwandeln können. Doch ich schweife ab und das schon bevor wir zum Buch „Disruptive Thinking. Das Denken, das der Zukunft gewachsen ist“ kommen. Das kann ja heiter werden. Disruption. Schon erlebt. Ich hatte schon seit einiger Zeit kein Wirtschaftssachbuch mehr gelesen. Die letzten Hypes und…

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Jede Buchmesse ist anders schön. Wie war diese?

Jede Buchmesse ist anders schön, jede hat eine andere Grundstimmung, jede fühlt sich anders an. In mir diskutiert gerade die Leserin mit der Bloggerin mit der Buchhändlerin mit der Online Marketing Managerin, was denn nun diese Buchmesse auszeichnet. Ich versuche, das mal zu sortieren. Die Leserin sagt, dass die ganz großen Themen, die anscheinend jeder Verlag machen MUSS, diesmal fehlten, und fand das sehr wohltuend. Wie schön wäre eine Buchwelt, in der weniger Bücher erscheinen, aber dafür mehr Bücher, die unbedingt hinaus in die Welt wollen. Bücher, die eine Herzensangelegenheit sind. Für die Buchbloggerin war die Welt erst einmal in Ordnung. Bücher, Blogger*innen und Wertschätzung für Blogs überall. Sie freute sich an Sätzen von Verlagsmitarbeitern wie „Ja, wir schauen uns die Blogs erst mal an.“ und „Klar verfolgen wir, ob wir auch die Beleglinks erhalten!“. Noch mehr freute sie sich über Anekdoten, dass Blogger von Verlagsmitarbeitern erkannt wurden, obwohl sie…

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