Wie wird aus einem Ein-Raum-Museum ein lebendiger Ort? Das Literaturmuseum Augusta Bender in Schefflenz macht es vor

Damit ein Museum ein lebendiger Ort ist, braucht es Ideen. Das gilt für alle Museen der Welt. Aber für eines, das sich in Schefflenz, einem kleinen Dorf mit knapp 4000 Einwohnern im Odenwald, befindet, um so mehr. Wenn das Hauptthema des Museums dann noch Augusta Bender ist, eine Schriftstellerin, von der kaum jemand etwas gehört hat, erst recht.

Das Literaturmuseum Augusta Bender ist so ein lebendiger Ort. Wie konnte das gelingen? Es erzählt das Leben der Augusta Bender packend nach und bietet dabei viele Anknüpfungspunkte. Menschen, die an Heimatgeschichte interessiert sind, Literaturinteressierte, Feministinnen, Odenwald-Touristen, Kinder und Jugendliche, die wissen wollen, wie man früher lebte oder einfach nur Menschen, die ungewöhnliche Biografien lieben – für sie ist das Museum bestens geeignet.

Denn es bietet sehr viele unterschiedliche Einflugschneisen, Möglichkeiten, mit seinem eigenen Leben an damals und an die Lebensgeschichte von Augusta Bender anzuknüpfen. Obwohl das Museum nur einen großen Raum belegt ist es so vieles gleichzeitig:

  • Natürlich zuallererst eine Gedenkstätte für Augusta Bender.
  • Ein Literaturmuseum, das zeigt, wie und unter welchen Bedingungen Literatur überhaupt entsteht.
  • Ein Raum für Kultur mit Veranstaltungen, Lesungen und einem Treffpunkt für einen Lesekreis.
  • Es ist auch ein Volkskundemuseum, das das Dorfleben Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts erfahrbar macht.
  • Ein wenig Sozial- und Arbeitsmuseum ist es ebenfalls – zum Beispiel dann, wenn es um den Frauenberuf der Telegrafistin geht
  • Es ist ein Frauenmuseum, denn es erklärt, warum der Kampf um Frauenrechte nötig war – und ist!

Zugleich steckt auch sehr viel Weltgeschichte im Leben der Augusta Bender, das ohne Kriege anders verlaufen wäre. Und so, wie dort über sie erzählt wird, ist es auch eine Coming of Age Geschichte, an die Jugendliche anknüpfen können.

Augusta Bender war schon zu Schulzeiten Außenseiterin. Ihr Onkel schrieb ihr einen üblen Brief, dass ihre Gedichte „ein Pfuschwerk“ seien und sie sich besser auf das konzentrieren solle, was für ein Frauenleben wichtig sei – „Feldarbeit, Kochen und dergleichen“. Doch Augusta Bender glaubte an sich und ging ihren Weg. Nach Rückschlägen – und davon gab es viele – machte sie weiter. Warum gelang ihr das? Jugendliche, die selbst gerade ihren Weg suchen, können an dieser Frage gut anknüpfen – egal ob ihr Traum eine Profi-Karriere im Sport, eine eigene Firma oder ein Leben als Künstler*in ist.

Viel oder wenig – ihr entscheidet!

Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich in der Präsentation der Ausstellung und in der Art, wie das Museum das Leben der Augusta Bender erzählt, wider. Sie bietet individuelle Einflugschneisen an. Wer wenig Zeit im Museum verbringen will, liest einfach die großen Tafeln und weiß danach schon viel über Augusta Bender und ihre Zeit.

Meine Lieblingsanekdote klingt so:

1863 – Mannheim. Augusta Bender beherrscht jetzt Hochdeutsch.

Auslöser für diesen Meilenstein war eine Schauspielausbildung, die sie nach drei Monaten aus familiären Gründen abbrach. Doch ohne Hochdeutsch wäre ihr weiterer Lebensweg anders verlaufen!

Was hinter den Stationen ihres Lebens steckt, erfährt man eine Etage tiefer auf den schrägen Tafeln. Wer das vertiefen möchte, zieht eine der Schubladen auf und findet dort mehr Dokumente. Und die großen Themen – Heimat, Bildung, Reisen, Frauen, Tierschutz, Schreiben, Lieder – können mit noch mehr Material in den Rollcontainern erarbeitet werden. Wer mag, sollte also Zeit mitbringen. Und wer das nicht mag, geht nach einer halben Stunde mit dem Gedanken „Was für ein Leben!“ aus dem Museum – versprochen. Augusta Bender hat sich ihren Weg erkämpft – das Literaturmuseum in Schefflenz erzählt davon auf eine Weise, die man so schnell nicht vergisst. Schaut vorbei!



Infos zum Museumsbesuch:

Literatur-Museum Augusta Bender e.V.
Kirchweg 1
74850 Schefflenz

Georg Fischer im Literaturmuseum Augusta Bender Schefflenz

Das Museum ist barrierefrei

Öffnungszeiten:

Vom 1. März bis 30. November jeden Sonntagnachmittag von 14 bis 17 Uhr. Ansonsten auf Anfrage – nutzt das, es lohnt sich! Vielleicht sieht eure Führung dann so aus wie bei mir: Georg Fischer erklärte mir das Museum und die Arbeit, die darin steckt.


Wer war Augusta Bender?

Schriftstellerin Augusta Bender aus Schefflenz mit Katze

Augusta Bender (geboren 1846 in Oberschefflenz – gestorben 1924 in Mosbach im Odenwald) war eine deutsche Schriftstellerin, Heimatdichterin, Lehrerin und Frauenrechtlerin. Sie schrieb Lyrik, Kalendergeschichten, Erzählungen, Novellen, Kulturbilder und Romane und sammelte historische Texte und Volkslieder.

Ihr bekanntestes Werk ist die Liedersammlung „Oberschefflenzer Volkslieder“, ihr wichtigstes wohl der Tierschutzroman „Die Macht des Mitleids“. Darüber hinaus schrieb sie Novellen und Erzählungen über das Landleben.

Sie war Bauerntochter, verfasste schon als Schülerin Gedichte und erkämpfte sich einen höheren Schulabschluss. Als sie durch den deutsch-französischen Krieg 1870 ihre Privatschülerinnen verlor, zog sie in die USA, um als Frau selbständig ihr Brot zu verdienen. Insgesamt reiste sie neunmal nach Amerika. Sie war Tierschützerin und engagierte sich in der ersten Frauenbewegung. Ihr Leben war für eine Frau ihrer Zeit wirklich außergewöhnlich!

In Schefflenz gibt es seit 2020 ein Museum für sie. Es ist eines der ganz wenigen Literaturmuseen in Baden-Württemberg, das einer Frau gewidmet ist. In Mosbach wurde eine Schule nach ihr benannt.


Feminismus, Literatur und ein Dorf im Odenwald – wer dieses Museumsprojekt genauso spannend findet wie ich: Es gibt einen Museumsförderverein, in dem ihr für einen moderaten Jahresbeitrag Mitglied werden könnt. Damit werdet Teil von etwas, was es ohne Engagement des Vereins nicht gegeben hätte: ein lebendiges Literaturmuseum im Odenwald, das einer fast vergessenen Frau ihren Platz zurückgibt!


Große Museen, kleine Museen – egal, ich mag sie alle. Hier findet ihr meine Museumstipps auf dem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Noch ein Ausflugstipp? Auch im Odenwald, nicht sehr weit weg von Schefflenz und ebenfalls sehr lebendig: Das Dorfmuseum Wagenschwend am Katzenbuckel.

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik

Rebel Queens. Das Buch der Grether Schwestern liegt auf der legendären Picture Disc der Nina Hagen Band

Was passiert, wenn Fender auf Gender trifft? Eine geniale Frage. Kersty und Sandra Grether sind die richtigen, um sie zu beantworten. Weniger, weil sie als die berühmtesten Pop-Feministinnen Deutschlands gelten (sagt Birgit Fuß, Rolling Stone Germany). Sondern weil sie leidenschaftliche Musik-Fans, Musik-Journalistinnen, Musikerinnen, Label-Betreiberinnen und noch viel mehr sind. Sie leben Musik und Popkultur und Feminismus. Doch anders als so viele männliche Musik-Nerds steht bei ihnen die Vermittlung von Wissen und die Ermutigung, selbst mitzumischen, im Vordergrund. Wer jetzt an die Riot Grrrls denkt, liegt richtig.

Dementsprechend ist ihr Buch „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ ausgefallen. Es ist nerdig, empowernd, überraschend. Es ist lexikalisch und essayistisch, analytisch und subjektiv. Doch eines ist es immer: fair. Das haben die Autorinnen so vielen männlichen Kollegen voraus: Sie sind genauso meinungsstark, haben aber eine andere Art, über Musik zu schreiben – wertschätzend, analytisch, fest im eigenen Erleben verwurzelt und dabei immer mit diesem Funken Begeisterung, der ansteckt.

Eigentlich hatte ich mich schon bei diesem Satz aus dem Vorwort in das Buch verliebt:

Jeder der Frauen oder nonbinären Personen in diesem Buch hätten wir gerne als beste Freund:innen. Wir können aber auch gut damit leben, sie nur in unseren Bücher- und Schallplattenregalen zu begrüßen.

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik, Seite 18

Ein Vision Board aus Musik und Feminismus

Mir erschien „Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik“ wie ein großes Vision Board. Eine bunte Collage aus Rückblicken, Fakten, eigenen Erlebnissen und Träumereien. Analyse und Vision in einem. Sehr schön zeigt sich das an dem Kapitel, in dem sie Karen Carpenter und Yoko Ono gegenüberstellen. Im Kaput Magazin könnt ihr es lesen.

Natürlich gehört zum Buch eine umfangreiche Playlist, die schon an sich ein Eingang zu einem rabbit hole ist. Noch mehr Zeit haben mich die Infokästen im Buch gekostet Queens of Disco, die zehn coolsten Paarbands, Bands mit starken Frauen aus der Hamburger Schule usw …

Kersty und Sandra Grether haben nicht einfach ein weiteres Musikbuch geschrieben, sondern einen Sehnsuchtsort erschaffen, an dem sich Feminismus, Leidenschaft und Empowerment treffen. Während viele männliche Musik-Nerds ihr Wissen horten und vor sich hertragen, öffnen die Grether-Schwestern Türen. Sie laden ein, sich zu verlieren in den Geschichten von Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Suzi Quatro, Poly Styrene, Tracey Thorn, Doro Pesch, Bikini Kill, Lady Gaga, Peaches, Courtney Barnett, Wet Leg und all den anderen Rebel Queens. Und sie ermutigen, selbst loszulegen!


Infos zum Buch:

Kersty Grether, Sandra Grether

Rebel Queens. Frauen in der Rockmusik
Das große Standardwerk über Rockmusikerinnen

Reclam Verlag


Diesen Text der beiden möchte ich euch noch ans Herz legen: Fremd m eigenen Haus. Kerstin und Sandra Grether über 38 Jahre SPEX und die Frauen*


Bücher, die dazu passen, gibt es auf meinem Buch-Blog etliche. Hier eine kleine Auswahl:

Und als Joker noch etwas ganz anderes, denn auch beim Thema Motorradfahren gibt es zuviele männliche Gatekeeper: „Das Mädchen auf dem Motorrad. Die Geschichte der Anne-France Dautheville“

Nerd Girl Magic. Noch genauer: Nrrd Grrrls

Buchcover Nerd Girl Magic

Die ersten Nerds, die mir begegnet sind, waren die Perry Rhodan Fans in meiner Klasse. Alles Jungs. Später folgten die Musik-Nerds. Mädchen wie ich versuchten, mitzuhalten. Das führte zu meiner ersten Begegnung mit den Gatekeepern. Jungs, die bestimmen wollten, was niedliche Schwärmerei und was echtes Fandom ist. Mädchen = Schwärmen = muss Mann nicht ernst nehmen.

Wirklich darüber nachgedacht habe ich nicht, sondern lieber weiter Musik entdeckt. Bewusst wurde mir der Mechanismus Jahre später beim anerkennenden Nicken eines WOM-Mitarbeiters, der durch seinen Job und seine Arbeit als Musikjournalist der personifizierte Gatekeeper war: „Hätte nicht gedacht, dass du so etwas (Geniales) hörst.“ Meine Reaktion lag wahrscheinlich irgendwo zwischen Schulterzucken, hochgezogener Augenbraue und Lachen. Lachen hilft ja immer. Was ich daran lustig fand, hätte er eh nicht verstanden: Es ging um die Band Monster Magnet, die ich musikalisch gut und erfrischend, aber ihre überzogene Männlichkeit einfach nur amüsant fand. Und ihn durch seine Reaktion auch.

Ich glaube, Simoné Goldschmidt-Lechner kennt diese Momente der Nicht-Kommunikation nur zu gut. Sie erzählt auch von solchen Erlebnissen. Aber ihr Leben lässt sich mit meinem kaum vergleichen. Sie hat mir mit ihrem Buch „Nerd Girl Magic“ neue Räume eröffnet, denn sie schreibt aus einer queeren, nicht weißen, nicht männlichen Perspektive.

Für ihr Buchcover wählte sie ein Sailor-Moon-Motiv, aber eben nicht-weiß. Sie zeigt die Manga-Heldin, wie sie sie empfunden hat. Sailor Moon und der Beginn der Manga-Euphorie war für mich damals tatsächlich der Moment, in dem ich begriff, was für eine Kraft, was für eine Magie ein Fandom entwickeln kann. Nerd Culture kann ein Rückzugsort sein, von dem man gestärkt in die Realität zurückkehrt. Allerdings stand ich dabei eher außerhalb: Ich habe die Mangas verkauft.

Auch die anderen Nerd-Themen – Games, Buffy, Star Trek, Pen & Paper, Harry Potter, Dark Academia und noch manch anderes – habe ich bestenfalls gestreift. Und doch hat mir ihr Buch so viel gegeben! Denn sie lädt uns ein, immer mehr als eine Seite zu sehen. Das Empowerment genauso wie den Konsumrausch; die befreiende Kraft von Vorbildern genauso wie das Gefühl, nicht gemeint zu sein.

Ihren letzten Zeilen kann ich mich nur anschließen:

Wir sind Nrrd Grrrls. Und wir werden die Welt verändern.


Infos zum Buch:

Simoné Goldschmidt-Lechner

Nerd Girl Magic

Verbrecher Verlag


Nerd Attack gibt es auch hier auf meinem Blog. Aber zu diesen Nerd Girls passt das hier viel besser:

Alles ist seltsam in der Welt – eine Annäherung an die Schriftstellerin Gertrud Kolmar

Zwei Bücher liegen in einem kleinen Koffer voller Postkarten:
Gertrud Kolmar, Gedichte
und Ingeborg Gleichauf, Alles ist seltsam in der Welt. Gertrud-Kolmar - ein Porträt.

Eine Biografie zu lesen, bei der ich genau weiß, dass das Leben tragisch endete, kostet mich immer etwas Überwindung. Gertrud Kolmar starb viel zu früh und hatte viel zu wenig Gelegenheit, zu schreiben. Sie wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Als ich als junge Frau ihre Lyrik für mich entdeckte, wusste ich das zunächst nicht. Ich nahm sie zuerst als sehr freie, sinnliche und manchmal auch wilde Stimme wahr. Ein Gedicht, das ich so häufig las, dass der Gedichtband sich heute von alleine an dieser Stelle aufschlägt, beginnt so:

Ich will die Nacht um mich ziehn als ein warmes Tuch

führt uns Zeilen später weiter zu

Mann, ich träumte dein Blut, ich beiße dich wund,
Kralle mich in dein Haar und sauge an deinem Mund.

und endet nach vielen weiteren beeindruckenden Bildern mit

Und bin eine kleine Speise in einem Becher von Nacht.

Gertrud Kolmar, Verwandlungen

Was war das nur für eine Frau, die so sprachmächtig und sinnlich schreiben konnte? Ich stellte sie mir als einen Menschen mit einem großen Talent zum Tagträumen vor. Als eine, die sich manchmal fremd gefühlt hat, unverstanden. Ich hatte den Eindruck, dass sie wütend war, weil sie als Frau sich ihren Teil der Welt nicht nehmen konnte.

Mit diesen Erinnerungen an Leseeindrücken von vor fast 40 Jahren und mit mehr Wissen über den gewaltsamen Tod stieg ich in das Buch »Alles ist seltsam in der Welt. Gertrud Kolmar – ein Porträt« ein.

Die Sprache war ihr Wildheit und Freiheit, Leben und Welt

Ich finde die biografische Annäherung, die Ingeborg Gleichauf geschrieben und im feministischen Aviva Verlag veröffentlicht hat, sehr gelungen. Sie zeichnet das Leben von Gertrud Kolmar vor allem anhand ihrer Briefe nach. Dabei bewahrt sie einen respektvollen Abstand und über-analysiert Gertrud Kolmars Verhalten und Lebensentscheidungen nicht. Sie lässt ihr ihr Geheimnis.

Viel Raum nimmt dafür das literarische Werk ein. Sehr fein wird herausgearbeitet, was das Besondere an Kolmars Schreiben ist. Das habe ich mit großem Vergnügen gelesen und noch besser verstanden, was mich als junge Frau an den Gedichten fasziniert hat.

Lag ich mit meinem Bild, dass ich mir von der Schriftstellerin gemacht hatte, richtig? Natürlich nicht. Tatsächlich war Gertrud Kolmar eine sehr fürsorgliche, häusliche Frau, die sich bewusst dagegen entschieden hat, Deutschland zu verlassen. Sie blieb bis zum Schluss bei ihrem Vater, der genau wie sie von den Nazis ermordet wurde. Mit dem Talent zum Tagträumen und der Fähigkeit, sich ganze Welten auszudenken und auszudrücken, lag ich sicherlich richtig.

Doch Wut, female Rage? Nein, das passt wohl nicht zu ihr. Das kam von mir. Es war die Kraft ihrer Sprache, die diese Seite in mir angesprochen hat. Genau wie ihr Mut, eigene, sehr weibliche Sprachbilder zu finden. Ihr Talent, so sinnlich zu schreiben, dass ich alle Natureindrücke und Sehnsüchte beim Lesen gespürt habe.

Ihre Gedichte verbanden mich mit meiner Kraft. Dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Und jetzt weiß ich, dass sie mir noch eines mitgegeben hat: Wertschätzung für die Abenteuer, die sich nur in unserem Innenleben befinden. Nicht alles muss gelebt werden, aber immer alles erträumt werden.


Bibliographische Angaben:

Ingeborg Gleichauf

Alles ist seltsam in der Welt.
Gertrud Kolmar. Ein Porträt

Aviva Verlag


Das ist eine gute Gelegenheit auf diesen biografischen Roman über die jüdische Künstlerin Anita Rée hinzuweisen:

Kunst ist weiblich! Die Kunstgeschichte von der ersten Bildhauerin über Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono und darüber hinaus

Kunst ist weiblich! (KUnstbuch - Kartonierte Ausgabe)
Eine andere Kunstgeschichte von Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono

Ein chronologischer Streifzug durch die Kunstgeschichte von der Renaissance bis heute – dieses Buch hätte sehr trocken sein können. Ist es aber nicht! Denn die Kunsthistorikerin Dr. Carla Heussler kann fesselnd erzählen. Obwohl sie die Lebensläufe und das Werk von Künstlerinnen quer durch alle Epochen nach einem immer gleich bleibenden Schema präsentiert, kommt keine Langeweile auf. War es der Künstlerin möglich, eine Ausbildung zu erhalten – und wenn ja: Wie gut war diese? Wie waren ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen? Gelang es ihr, auszustellen, Werke zu verkaufen und vielleicht sogar von ihrer Kunst zu leben? Hat sie geheiratet, eine Familie gegründet? Konnte sie danach weiterhin als Künstlerin tätig sein? Oder brach sie soziale Tabus und wählte einen ganz anderen Lebensweg?

Ergänzt werden die Kurzbiografien von Künstlerinnen durch prägnante Beschreibungen der Epochen. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die Kunstgeschichte ein, sondern auch auf die gesellschaftliche Stellung der Frau in der jeweiligen Zeit.

Natürlich kam mir beim Lesen manchmal die Galle hoch. Väter, die ihre Töchter lieber verheirateten als ausbildeten. Maler, die von ihren Ehefrauen verlangten, nach der Hochzeit das Malen aufzugeben. Karrieren, die endeten, bevor sie richtig begannen. Paris-Aufenthalte – die einzige Chance, aktuelle Kunst zu entdecken – die nur in Begleitung von Anstandsdamen möglich waren. Malerinnen, die sich verliebten, nur um sich auf einmal in der Rolle der Muse und Managerin wiederzufinden.

Doch das Buch machte mir auch Mut. Die Entschlossenheit und die Findigkeit, mit der es den Frauen eben doch gelang, den Weg der Künstlerin zu beschreiten, ist beeindruckend. Die Welt wäre ein schönerer Ort, wenn all diese Kreativität ohne Einschränkungen hätte gelebt werden können!

Allein der Titel »Kunst ist weiblich!« lässt mich trotz Erklärung im Buch etwas ratlos zurück. Mein Fazit nach der Lektüre lautet: Kunst ist – und sie sucht sich ihren Weg!


Bibliographische Angaben:

Carla Heussler

Kunst ist weiblich!
Eine andere Kunstgeschichte von Artemisia Gentileschi bis Yoko Ono

wbg Theiss im Herder Verlag


Kunst von Frauen – mehr Buchtipps auf meinem Blog

Die Musik dazu – meine jährliche Playlist „Sommer, Frauen und das Leben“

Was wäre, wenn das Patriarchat in Therapie gehen würde?

Wenn das Patriarchat in Therapie geht. Das Buch liegt auf einer Couch. Auf dem Buch liegt eine Lesebrille

Da liegt ein Buch auf meiner Couch und es ist gut: »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« von Katharina Linnepe ist buchgewordene Schwesternschaft. Mit Humor, klugen Analysen und vielen Fakten stärkt sie allen Frauen und FLINTA-Personen den Rücken. »Es liegt nicht an dir, my dear – es ist das System«.

Genau dieses System, das Patriarchat, hat Therapiestunden gebucht. Es macht sich Sorgen um sein Image, das durch all diese – in seinen Augen lächerlichen – Kampagnen zur Gleichberechtigung und zur Förderung der Diversität Schaden gelitten hat. Ob die Therapeut*in da nicht was machen könne?

Es folgen höchst amüsante Therapiesitzungen, an die sich immer eine faktenreiche Analyse der gesellschaftlichen Situation anschließt. Meine liebste Passage dreht sich um den Versuch einer Familienaufstellung. Der Patriarch weigert sich, diese mit den Stoffpuppen aus der Praxis durchzuführen. In der nächsten Sitzung bringt er He-Man und andere Actionfiguren mit. Natürlich in Originalverpackung, denn dann sind sie wertvoller. Sie sollen ihn und seine Söhne symbolisieren. Dass er keine einzige Puppe eingepackt hat, die für seine Töchter oder überhaupt für Frauen in seinem Leben stehen könnte, fällt ihm gar nicht auf.

So verlaufen die »Sitzungen mit unserem kranken Gesellschaftssystem«, wie der Untertitel des Buches »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« lautet. Die Therapeut*in gibt wirklich alles, bewahrt Distanz trotz aller Übergriffe und versucht verschiedene Therapieansätze. Aber ist dieser Patient überhaupt therapierbar? Hier mag ich nicht spoilern, sondern verrate nur so viel: Ich mag den Schluss, den die Soziologin und Comedienne Katharina Linnepe für ihr Buch gewählt hat, sehr.

Genauso wie die Tatsache, dass sie in ihren Analysen ausgiebig und ganz geschickt Klassiker der feministischen Sachliteratur zitiert. Auch das ist Schwesternschaft: anderen Frauen Raum schenken und ihre Leistung würdigen. Meine Leseliste ist gewachsen!


Infos zum Buch:

Katharina Linnepe

Wenn das Patriarchat in Therapie geht
Sitzungen mit unserem kranken Gesellschaftssystem

Beltz Verlag


Warum sich die Rubrik Feminismus in meinem Buchblog füllt, wäre einen eigenen Beitrag wert. Bis der geschrieben ist, gibt es noch einen feministischen Buchtipp: Das Mädchen auf dem Motorrad

Wie haben Sie das gemacht? 50 Fotografinnen, die Geschichte schrieben, und ihre Techniken

Eine feministische Geschichte der Fotografie: der Bildband "Frauen, die die Fotografie verändert haben"

Was haben Anna Atkins, Anja Niedringhaus und Cindy Sherman gemeinsam? Sie gehören zu den „Frauen, die die Fotografie verändert haben“. So lautet der Titel des Bildbands von Gemma Padley, in dem sie 50 Fotografinnen auf je vier Seiten vorstellt. Sie zeigt immer ein Porträtfoto, dem sie einen Text gegenüberstellt, in dem sie auf den Werdegang der Fotografin und das Besondere ihres künstlerischen Schaffens eingeht. Die Informationsdichte ist hoch. Biografie, gesellschaftspolitische Aspekte, Entwicklung als Künstlerin, Bedeutung und Rezeption des Werks – das sind viele Fakten für eine Seite Text. Doch auf der nächsten Doppelseite geht es dann sehr luftig zu. Gemma Padley zeigt ein typisches Bild der Fotografin und erläutert die Technik dahinter. Bildaufbau, Licht, Blende, Setting werden erklärt und die Leser*innen ermuntert, das selbst auszuprobieren.

Das von jeder Künstlerin nur zwei Bilder gezeigt werden, ist verständlich, aber schade. Mir war das zu wenig, weswegen ich ständig das Handy in der Hand hatte und nach weiteren Fotos gegoogelt habe. Was wiederum dazu führte, dass ich nur sehr langsam mit dem Lesen vorankam. Ausgebremst hat mich auch die extrem kleine, eng gesetzte Schrift.

Die Bandbreite hingegen ist groß. Klassische Porträtbilder aus den Anfängen der Fotografie werden genauso gezeigt wie aktuelle politische Dokumentarfotos. Streetfotografie, Collagen, verfremdete Fotos, surrealistische Bilder, Landschaftsfotografie – es gibt kaum eine Kunstrichtung, die nicht vertreten ist. Vorgestellt werden nicht nur berühmte Fotografinnen, sondern auch Fotokünstlerinnen, von denen ich hier zum ersten Mal las.

„Frauen, die die Fotografie verändert haben … und ihre Techniken“ ist ein Bildband zum Stöbern, Künstlerinnen entdecken und zum immer wieder in die Hand nehmen. Allerdings hätte ich dem großartigen Fotobuch ein anderes Cover gegönnt – oder hättet ihr bei dem Motiv ein Buch über Fotografie vermutet? Ich nicht!


Bibliographische Angaben:

Gemma Padley
Übersetzt von Thomas Hauffe

Frauen, die die Fotografie verändert haben
… und ihre Techniken

Laurence King Verlag


Ein Buch, das gut dazu passt (und aus dem gleichen Verlag kommt): Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Weise, wild und weiblich: Female Empowerment von Hestia bis Kali

Weise, wild und weiblich: das Buch von Tala Mohajeri lehnt an einer Ranke von wildem Wein.

Göttinnen, Hexen, Kraftorte – das sind Themen, zu denen seit Jahrzehnten in Wellen immer wieder neue Bücher veröffentlicht werden. Interessant finde ich, dass jedes Mal eine leicht andere Herangehensweise gewählt wird, die stets zum Zeitgeist passt. 80er-Jahre-Feminismus, kulturhistorisch, literarisch, pseudo-wissenschaftlich – insbesondere über Göttinnen habe ich schon alles Mögliche gelesen. Das meiste davon mit Vergnügen und Gewinn: Weibliche Vorbilder und Heldinnen kann es für mich und mein feministisches Herz nie genug geben!

„Weise, wild und weiblich. Erwecke die Göttin in dir“ von Tala Mohajeri passt bestens in diese Reihe hinein. Dieses Mal werden die Göttinnen im Mantel von female Empowerment präsentiert: Archetypen, an denen wir uns orientieren können, und die uns helfen, in unsere Mitte und Kraft zu kommen. Tala Mohajeri erzählt nicht nur niederschwellig, sondern auch lebhaft und plastisch. Das kam meinem Kopfkino sehr entgegen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung in die Mythologie, gefolgt von einem eher poetisch-atmosphärischen Text. Damit näher wir uns der Göttin schon mal aus zwei Richtungen: kulturhistorisch und emotional. Darauf folgen Ideen, warum sie für uns heute von Bedeutung ist und in welcher Lebensphase sie uns Orientierung schenken kann. Daran schließen sich Anregungen für Rituale, Altäre und Meditationen an. Das geht wie immer an mir vorbei: Auch bei diesem Buch werde ich die praktischen Übungen ignorieren. Doch ganz besonders charmant finde ich den kurzen Abschnitt namens Momentum: Wann ist ein guter Zeitpunkt im Leben oder im Jahreskreislauf, um sich mit dieser Göttin zu befassen? Auch wenn ich persönlich Kali nicht im November/Winter verorten würde, sondern im flirrenden Sommer und extremen Wetter, Boten mir diese Kapitel interessante Impulse.

„Weise, wild und weiblich. Erwecke die Göttin in dir“ hat mich insgesamt positiv überrascht. Schon allein deshalb, weil mir Tala Mohajeri einen Zugang zu Hestia ermöglicht hat, die unter anderem als Göttin des Herdfeuers bekannt ist und mir bisher als Hausmütterchen vorkam. Nun, das kann frau auch anders sehen!


Infos zum Buch:

Tala Mohajeri

Weise, wild und weiblich
Erwecke die Göttin in dir
Eintauchen in die Magie des Weiblichen: Wie Göttinnen-Mythen uns heute stärken und inspirieren können

Knaur Balance
Droemer Knaur


Noch mehr Götter und Göttinnen auf meinem Blog: So liebten die Götter. Sagt Stephen Fry.

Mit der Hitze kam die Werwölfin: Silver Moon

Silver Moon
Taschenbuch
Autorin: Catherine Lundoff
Genre: Fantasy | Paranormal
Schlagwörter: Wechseljahre, Werwölfin

Was wäre, wenn die Energie der Hitzewallungen in den Wechseljahren etwas Unerwartetes mit sich bringen würde? Wenn die Hitze das Wilde, Ungezähmte hervorbrechen lässt? Wenn die hormonellen Veränderungen tatsächlich einen neuen Lebensabschnitt einleiten?

Becca Thornton, Heldin des Fantasy-Romans „Silver Moon“ von Catherine Lundoff, erlebt genau das. Weil ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hat und jetzt das Haus verkaufen will, muss sie sich neu im Leben orientieren. Doch als sie in einer Vollmondnacht das von einer Hitzewallung gerötete Gesicht mit kaltem Wasser kühlen will, sieht sie im Spiegel etwas, was sie irritiert: goldene Augen und Fell.

Was nun folgt, ist ein Fantasy-Roman der anderen Art, der mir viel Lesevergnügen geschenkt hat. Handwerklich gut geschrieben und bestens übersetzt kommt die Geschichte mit der für mich genau passende Mischung aus Trash, Action, Plot-Twists, Frechheiten und einer dezenten Liebesgeschichte daher. Von allem etwas – aber nichts zu viel.

In der Kleinstadt irgendwo draußen in der amerikanischen Provinz ist Becca nicht die einzige ihrer Art. Seit Urzeiten gibt es ein Werwölfinnen-Rudel, das das Tal bewacht. Jede von ihnen wurde erst durch die Wechseljahre verwandelt. Der Zusammenhalt der Wölfinnen ist ein Beispiel für gelebte Schwesternschaft. Dann gibt es noch Allies: junge Frauen, die hoffen, später selbst zur Werwölfin zu werden. Männer, die die Schutz-Arbeit des Rudels zu schätzen wissen und unterstützen. Natürlich gibt es auch Werwolf-Jäger, die fest daran glauben, dass die Verwandlung mit Umerziehung und Chemie heilbar ist. Kommt euch da etwas bekannt vor?

„Silver Moon“ ist ein lesbischer Fantasy-Liebesroman. Was mich direkt zu der Frage führt: Anscheinend lesen cis-Frauen häufiger Liebesgeschichten mit schwulen Protagonisten als mit lesbischen Heldinnen. Warum eigentlich – nur um endlich mal Jungs zu erleben, die Gefühle zeigen? Warum nicht lieber Geschichten von Frauen lesen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen?

Dieses Leseverhalten könnten wir ruhig mal ändern – „Silver Moon“ von Catherine Lundoff aus dem Ylva-Verlag ist für Fantasy- und Romantasy-Fans ein guter Einstieg!


Infos zum Buch:

Catherine Lundoff
Silver Moon

Übersetzt von Florian Kranz

Ylva Verlag – Sappho würde Lesbian Romance lesen
Leseprobe auf der Website des Verlags

Übrigens: Meine Rechtschreibkorrektur kennt nur Werwolf, nicht Werwölfin. Ich lass das jetzt mal unkommentiert!


Natürlich kann auch Fantasy mit schwulen Protagonisten großartig sein: Knochenblumen und Knochenasche

Künstlerinnen in New York

Eine Autorin begleiten, wie sie Kunst von Frauen in New York entdeckt. Skulpturen, Ausstellungen, Bilder die eines gemeinsam haben: Ich kann sie nicht dort erleben, wo Stephanie Hanel sie erlebt hat. Was sie sah, werde ich so nie zu sehen bekommen. Warum fand ich dann die Lektüre so faszinierend, wohltuend und bereichernd?

Wer mir auf Instagram folgt weiß, dass Museen mein zweites Wohnzimmer sind. Das begann in meinen Teenie-Jahren und zieht sich bis heute durch. Warum das so ist, habe ich immer noch nicht wirklich ergründet. Sicher ist, dass Begegnungen mit Kunst für mich ein Safe Space sind. Ein Ort, an dem ich zur Ruhe komme, zu mir finde, wachsen und heilen kann. Im Real Life habe ich eine Kunstkomplizin, eine Freundin, mit der ich durch Ausstellungen streune, staune, albere.

„Künstlerinnen in New York“ ist eine Freundin, eine Kunstkomplizin in Buchform. Mit diesem Buch kann ich all das auch erleben – okay, vielleicht ohne das Rumalbern in Museen. Doch Kunst entdecken, mich berühren lassen und dabei lernen – das geht, obwohl das Buch kein Kunstbildband ist!

Jede der Miniaturen von Stephanie Hanel erklärt das „Was habe ich gesehen“ und das „Was zeichnet die Künstlerin aus“ und biegt dann ab zum „Was habe ich dabei erlebt, was hat mich daran berührt“. Ganz kurz lässt sie in jedem Kapitel aufblitzen, was Kunst mit ihr als Betrachterin macht, gibt aber nie eine Deutung vor. Es ist diese Verbindung von Sachwissen mit eigenem Erleben, die dieses Buch auszeichnet.

Meine Wunschliste an Künstlerinnen, deren Werke ich auch einmal sehen möchte, ist seit dem gewachsen!


Während ich hier endlich meine Gedanken zur Lektüre sortiere, ist die Autorin schon wieder ein Buch weiter. Ein neues New-York-Buch ist erschienen „Mira und das rote Eckhaus. Eine Eichhörnchen-Geschichte“. Wer wissen will, wie es zu all den New-York-Büchern kam, kann hier stöbern: Goodbye New York

Mittlerweile lebt Stephanie Hanel in der Pfalz. In einem Ort, der bei mir schon seit Jahren Kopfkino auslöst: Weyher. Wer wie ich als Kind das Musical „Brigadoon“ geliebt hat, sollte dort mal vorbeischauen. Ich kenne nur wenige Orte, die auf eine so sympathische Art aus der Zeit gefallen wirken, wie dieser. Geht das nur mir so? Bitte berichtet!

Aber keine Sorge, der Kaffee aus dem Dorfleben Weyher sorgt verlässlich dafür, dass ihr nicht in einer Traumzeit hängen bleiben werdet. Was dieser Kaffee wiederum mit Stephanie Hanel und ihrer Zeit in New York zu tun hat? Ich hoffe, dass sie auch darüber eines Tages Geschichten erzählen wird!

Bis dahin ein paar Impressionen von mir aus Weyer in der Pfalz!


Infos zum Buch:

Stephanie Hanel

Künstlerinnen in New York.
Von Bronzegöttinnen, fabelhaften Wesen und einer etwas anderen Dinner Party

Aviva Verlag

Eine ganz feine Rezension zum Buch findet ihr hier bei Gute Literatur – Meine Empfehlungen


Gute Gelegenheit, mal wieder dieses Buch zu empfehlen: Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Geteilte Nächte: Erotiken des Surrealismus

Es hat immer seinen ganz eigenen Reiz, Männer zu beobachten, die um ihre Schwanzspitze kreisen. Damit könnte ich meinen Blog-Beitrag zu „Geteilte Nächte – Erotiken des Surrealismus“, diesem eigenwilligen Lesevergnügen, bereits beenden. Auch wenn Quickies reizvoll sein können wäre das selbst für mich zu kurz.

Da geht es also schon los. Obwohl Frauen in den erotischen Fantasien der surrealistischen Männer erstaunlich wenig präsent sind – häufig nur als einzelne Körperteile, Erfüllungsgehilfinnen oder ferne Sehnsucht – wecken die Miniaturen auch bei einer Leserin Assoziationen. Manche davon werden privat bleiben. So, wie auch manches aus diesem Büchlein besser privat geblieben wäre. Aber die Träume und literarischen Versuche wurden nun mal ausgebreitet. In seltenen Momenten entstand dabei Poesie oder Texte, die nachhallen. Doch das war ja auch nie die Absicht.

Das Beste, was man meiner Meinung machen kann, ist, das Büchlein als Einladung zu betrachten, selbst wild und frei zu assoziieren und zu fabulieren. Wer sich die pubertäre Freude an schmutzigen Wörtern bewahrt hat, hat es leichter. Hihi, er hat Schwanz gesagt! Oder war es Rute? Alle anderen, die diese Phase hinter sich gelassen haben, werden um Worte ringen. Frauen mehr als Männer, denn sie lernen bis heute erst das erotische Vokabular der Männer und machen sich dann auf den Weg, ihre Sprache für ihr eigenes Begehren zu finden. Genau deswegen sind es die wenigen Texte von Frauen, die mich besonders berühren. Sie haben eine eigene Stimmung, ein eigenes Anliegen.

Die Fantasien der Surrealisten-Männer sind den Frauen keine Hilfe. Aber sie zeigen sehr deutlich, was wir gewinnen können, wenn wir uns auf den Weg machen, eine erotische Sprache zu entwickeln, die mehr als das männliche Begehren abbildet! In sofern ist es schön, dass ihre Versuche dokumentiert wurden. Und wie ich eingangs sagte: Es hat seinen Reiz, sie beim Kreisen um die eigene Schwanzspitze zu beobachten.


Infos zum Buch:

Geteilte Nächte. Erotiken des Surrealismus.
Herausgegeben von Heribert Becker

Kleine Bücherei – Edition Nautilus


Lust auf mehr Surrealismus und auf den Blickwinkel von Frauen?
Bitte schön: Die Surrealistin. Roman über Leonora Carrington.

Sommer, Frauen und das Leben: die Geschichte zur Playlist

Spotify Playlist: Sommer, Frauen und das Leben

Damals, als Schülerin, habe ich jeden Sommer ein Mixtape zusammengestellt. Dabei ging es mir nie um die besten Songs des Jahres, sondern um die, die meine Stimmung in diesem speziellen Sommer perfekt ausdrückten. Weswegen das Mixtape auch „Dr. Sommer“ hieß. Die Herausforderung war dabei immer, die musikalische Bandbreite in eine halbwegs vernünftige Reihenfolge zu bringen: Violent Femmes mit Les Negresses Vertes, The Cure mit Siouxsie, Metallica mit Spermbirds und zwischendrin Dance und Pop – aber das bitte alles auf einer 90er-Musikkassette.

Mangels Kassettendeck und auf Grund des sicheren Wissens, dass diese Kassetten heute leiern würden, habe ich sie vor einigen Jahren in die Tonne getreten. Vorher habe ich die Songs auf Spotify gesucht und war selbst verblüfft, dass ich so gut wie alles gefunden habe. Ein paar lokale Bands wie Schwefel fehlten, aber deren Musik hatte ich auch auf Vinyl. Loslassen fiel also leicht – und neu anfangen!

Mein neues Mixtape-Projekt heißt „Sommer, Frauen und das Leben“. Wie gehabt geht es um Songs, die zu meiner Stimmung in dem Jahr passen. Oder Lieder, mit denen ich etwas erlebt habe. Neu dabei ist, dass ich mich auf weibliche Stimmen und Musik von Frauen fokussiere.

Auch neu: Ich kann mir mehr Gedanken um die Zusammensetzung machen. Bei „Dr. Sommer“ habe ich die Musik noch teilweise aus dem Radio mitgeschnitten. Dr. Zufall bestimmte also die Reihenfolge der Lieder mit. Was zum Teil zu abenteuerlichen Kombinationen führte. Heute kann ich feilen, was wiederum zu abenteuerlichen Hirnverknotungen führt. Ob es den Aufwand wert ist? Hört rein und entscheidet selbst!


Sommer, Frauen und das Leben