Die Surrealistin: Roman über Leonora Carrington. Und über Max Ernst.

Mich auf Leonora Carringtons Bilder einzulassen erfordert immer Mut. Es ist, als würde ich in der Dämmerung auf einem Sprungbrett stehen. Unter mir schimmerndes Wasser. Darin Schemen von Menschen, Wesen und Tieren, die nicht so aussehen, wie die Tiere, die mir vertraut sind. Nichts davon erscheint auf den ersten Blick gefährlich. Doch kann ich dem Frieden trauen? Bin ich bereit, einzutauchen und mich den dort wirkenden Kräften zu überlassen? Meine Rationalität sucht in dieser Situation einen Ausweg und beginnt, Fragen zu stellen: Was ist das für ein Mensch, der so malen kann? Wie hat sie es gemalt, woher kam die Inspiration? Und muss man ein wenig verrückt sein, um solche Bilder zu erschaffen? Fragen, um die auch der biographische Roman „Die Surrealistin“ von Michaela Carter kreist. Auf fast alle findet er eine Antwort. Nicht alle davon überzeugen mich, denn zu viele davon sind mit Max Ernst verknüpft. Zumindest war das der Eindruck, der bei mir…

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August Macke – Paradies? Paradies!

Das, was nur außerhalb der vier Wände meiner Wohnung und außerhalb meines Hirn stattfinden kann, fehlt. Die Anregungen, die Beobachtungen, die Begegnungen und alles, was nur im Zusammenspiel entsteht – ich vermisse es. So sehr, dass ich jetzt doch bereit war, mich auf ein Zoom-Kultur-Event einzulassen. Mein Fazit vorneweg: Es war inspirierend und ich werde lange davon zehren können. Aber es hat mir genauso schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr mir das draußen fehlt. Ich will wieder in Bilder hineinfallen können. Vor ihnen ruhig verweilen. Oder auch auf und ab tigern, um zu beobachten, wie andere Blickwinkel das Bild verändern. Ich will die Struktur des Pinselstrichs sehen können und mir einbilden, die Farbe zu riechen. Ja, ich möchte sogar wieder fremde Museumsbesucher beobachten können, ihre Wortfetzen hören und an ihrem Gesicht ablesen können, ob das Kunstwerk sie berührt. Die beste Kuratorenführung und das aufmerksamste Zoom-Publikum sind dafür kein Ersatz. Das weiß ich jetzt. Für das Museum…

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Banksy. Street-Art ist vergänglich. Dieses Buch nicht.

Bei Banksy war ich mir nie sicher, ob ich jetzt fasziniert oder genervt bin. Fasziniert, weil die unterschiedlichsten Menschen ihn großartig finden – darunter Menschen, die eigentlich mit Streetart oder moderner Kunst nichts am Hut haben. Genervt wegen seiner Überpräsenz in den Medien und weil viele das kleine Mädchen mit dem Ballon einfach niedlich finden, ohne auch nur einen Gedanken an eine mögliche, gesellschaftskritische Botschaft zu verschwenden. Ein wenig erinnert mich das an Keith Haring in den 80er Jahren. Seine Bilder waren damals überall – auf Postern, Kaffee-Tassen, T-Shirts. Einfach nur weil sie so schön bunt waren und so fröhlich wirkten. Was sie aber gar nicht waren. Es nervte. Dass etliche der Käufer*innen der Kaffeetassen so jemanden wie Haring wohl nie in ihrem Freundeskreis geduldet hätten, machte die Sache nicht besser. Die Welle an Banksy-Merch blieb uns bisher erspart. Wohl nur, weil der Künstler es vorzieht, ein Mysterium zu bleiben. Oder die Künstlerin. Denn warum…

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Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“. „Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée. NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICHDas erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss. Website der Kunsthalle Mannheim Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche…

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Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Dieses Buch hätte ich gerne schon früher gekannt, denn es ist keine Aufzählung à la „50 Künstlerinnen, die Du kennen solltest“. Susie Hodge möchte mit ihrem Buch viel mehr erreichen. Ihr genügt es nicht, unseren Blick auf Künstlerinnen zu lenken – sie will Zusammenhänge sichtbar machen. Welche Ausbildung stand den Frauen offen? Waren Sie Teil einer Avantgardebewegung oder einer Künstlergruppe? Wie wurden sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen und was haben sie tatsächlich zur Kunstgeschichte beigetragen? Welche Stile, Motive und Themen haben sie aufgegriffen und war es das, was sie wirklich malen wollten? Ob Renaissance, Expressionismus oder Performance-Kunst: Diese Fragen waren für Künstlerinnen viele Jahrhunderte von Bedeutung. Zum Teil sind sie es immer noch. Aber Susie Hodge entwickelt kein Fragenkorsett, in das sie alle Künstlerinnen und ihre Werke presst. Ihre Fragen sind ein Angebot, eine Methodik, sich den Kunstwerken zu nähern und das Besondere daran zu erfassen. Kunstgeschichte statt Einzelbiografien von Künstlerinnen Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo,…

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Vom Reiz einer richtig guten Bausünde

„Die klassische deutsche Bausünde ist besser als ihr Ruf!“ Das ist noch einer der harmloseren Sätze aus dem großartigen Bildband von Turit Fröbe, der mich nicht nur wegen der exquisiten Auswahl an unglaublich seltsamen Gebäuden, sondern auch wegen seiner scharfzüngigen Architektur-Analysen begeistert. Turit Fröbe hat offensichtlich ein großes Herz für Häuser, die unseren Blick stören. Für Anbauten, die sich nicht einfügen. Für Fassaden, bei denen sich manch ein Betrachter nach alten Fachwerk-Zeiten zurücksehnt. Sie nicht, denn „Eine gut gemachte, originelle Bausünde zeichnet sich durch Mut, Einfallsreichtum und eine beherzte Entschlossenheit aus. Sie verfügt über eine herausragende Bildqualität und hebt sich souverän aus dem Meer der gesichtslosen, allgegenwärtigen Banalitäten ab, da sie einen guten Wiedererkennungswert garantiert und bei genauerer Betrachtung sogar eine gewisse Schönheit und einen ureigenen Charme besitzt.“ Turit Fröbe – die Kunst der BausündeAus der Einleitung, S. 8 Ich mag ihren Blick auf unsere Städte sehr. Ja, bei vielen der in dem Buch versammelten…

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Stadt Wand Kunst: Murals in Mannheim

Murals in Mannheim

Zu den erstaunlichsten Veränderungen in Mannheim zählen für mich die Wandgemälde von Stadt Wand Kunst, großformatige Fassadenkunst an Wohnblocks und Brandwänden. Street Art deluxe mit einer nicht zu unterschätzenden Wirkung. Die Bilder verschönern Ecken, die der Mannheimer meist als nicht schön empfindet, bringen Farbe und positive Botschaften in den Alltag und bringen Menschen wie mich dazu, sich Mannheim neu anzuschauen. Schon seit 2013 kommen Streetart-Künstler nach Mannheim um im Rahmen von Stadt.Wand.Kunst großformatige Graffitis zu gestalten. So entsteht nach und nach eine Open Urban Art Galery – Kunst, die jedem zugänglich ist, und die zudem auch öffentlich entsteht – jeder kann mitverfolgen, wie die Graffiti-Künstler arbeiten. Das erste der Mannheimer Murals befindet sich recht zentral in der Innenstadt, schräg hinter dem Rathaus. Doch seit dem sind die meisten Fassadenkunstwerke an Orten entstanden, die Mannheim-Besucher nur selten aufsuchen – diese Galerie will erlaufen werden! Hier ein paar Bilder von meiner Stadtwanderung durch die Neckarstadt West: Einen…

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Zum Abreissen schön: 366 Bausünden als Kalender

DER ABRISSKALENDER 2020 366 Bausünden zum Abreißen

Seit Jahren pflege ich eine geheime Abriss-Fantasie, das Nachbarhaus betreffend. Was wäre das für ein schöner Platz für eine Orangerie! Oder einen Schwimmteich! Egal was, nur bitte keinen fast-postmodernen Wohnblock mit beige und … ach lassen wir das. Offensichtlich bin ich mit solchen Fantasie nicht alleine. Turit Fröbe hat einen ganzen Kalender damit gefüllt und schreitet dadurch zur Tat: dank ihr kann ich jeden Tag eine Bausünde abreissen. Was für eine Wohltat! Manche der Gebäude könnten in fast jedem Vorort stehen (Schottergärten! Vordächer!), manche kommen einem unangenehm vertraut vor, ohne dass man sie zuordnen könnte (Gewerbegebiete!), andere habe ich tatsächlich gleich wieder erkannt: Mannheim und Karlsruhe sind im Kalender vertreten. Doch auf jedes Zusammenzucken meiner Geschmacksnerven wird in diesem Fall die befreiende Wirkung der Tat folgen: abreissen – genussvoll, langsam. Und in ganz besonders schlimmen Fällen: zusammenknüllen! 2020 wird so schön werden – trotz des Nachbarhauses … Angaben zum Kalender: Turit Fröbe Der Abrisskalender 2020366…

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Alles nur Fassade – Architektur deuten lernen

Natürlich ist es schön, sich einfach so durch eine Stadt treiben zu lassen. Laufen, atmen, schauen. Das genügt völlig. Eigentlich. Noch schöner finde ich es aber, sich durch eine Stadt treiben lassen, den Blick zu öffnen und nach Strukturen Ausschau zu halten. In Berlin fasziniert mich zum Beispiel jedes Mal der Rhythmus der Stadtviertel: Wohngebiet, Park, Häuser aus unterschiedlichen Jahrzehnten und dann, wenn es wieder mehr Läden gibt, kann die nächste U-Bahn-Station nicht mehr weit sein. Mit einher gehen Geschichten voller Leben, die sich in den Straßen einer Stadt widerspiegeln. Architektur erzählt ebenfalls Geschichten über die Stadt und die Menschen. Man muss sie nur lesen können. »Alles nur Fassade?« Ist ein Wörterbuch für solche Geschichten. Schau dir die Fenster an – Architektur deuten lernen Die Fassade ist bei Stadtspaziergängen das, was wir auf jeden Fall erblicken können. Wenn wir denn hinschauen. Einem Jugendstilgebäude fällt es leicht, unseren Blick auf sich zu ziehen. Ein Gebäude aus…

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Der Hindu-Tempel. Ein Standardwerk, leider untergegangen

Ist es überhaupt sinnvoll, über Bücher zu bloggen, die es nicht mehr gibt? Im Falle von George Michells »Der Hindu-Tempel. Baukunst einer Weltreligion« kann ich nur sagen: Fundiert und umfassend – mehr Informationen über Geschichte, Architektur und Bedeutung der hinduistischen Tempel werdet ihr nirgendwo anders in deutscher Sprache in so kompakter Form finden. Einen Grundkurs in indischer Geschichte bekommt ihr noch dazu. Und nun fröhliches Suchen – das Buch ist vergriffen. Vergriffen heißt: Das Buch wird nicht mehr aufgelegt, der Verlag hat es nicht mehr auf Lager. Am besten Mal in der Bibliothek schauen. Oder vielleicht kann die Fernleihe der Uni-Bibliotheken noch ein Exemplar besorgen? Gerade bei einem Thema wie Kunstgeschichte kann das gut sein. Ungefähr das habe ich jahrelang meinen Kunden in der Buchhandlung erzählt. Heute heißt vergriffen lediglich: Schau mal bei Booklooker, Medimops und Co. Die Chance, dass irgendein Antiquariat in Deutschland noch ein Exemplar vorrätig hat, ist groß. Mit Booklooker wird das…

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Das ist das Bauhaus!

Das ist das Bauhaus! 50 Fragen - 50 Antworten

Klug konzipiert, gut geschrieben, genial illustriert und zudem noch eine Meisterleistung der Buchherstellung: „Das ist das Bauhaus!“ In 50 Fragen und Antworten führt uns Gesine Bahr durch die Welt des Bauhaus und erklärt uns das Konzept, die Philosophie und die weltweiten Auswirkungen der Design-Schule. Unterstützt wird sie dabei von Halina Kirschner, deren Illustrationen die Schwerpunkte der Kapitel ins Rampenlicht rücken. Auch andere Bauhaus-Bücher versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen. Aber die Herangehensweise von „Das ist das Bauhaus!“ sticht aus der Flut an Neuerscheinungen heraus. Dank klug gewählter Fragen beleuchten Autorin und Illustratorin das Bauhaus aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und verschaffen dem Leser damit einen umfassenden Überblick. Gerade für Leserinnen wie mich, die mit einem bunten Sammelsurium an Wissensbruchstücken und Anekdoten zum Thema Bauhaus in das Buch starten, erweist sich dieses Konzept als genial. Dieses Buch kuratiert in meinem Gehirn meine bunt zusammengewürfelte Sammlung aus Wissensschnipseln zu einer strukturierten Bauhaus-Ausstellung, die sowohl Künstlerbiographien, politisches Umfeld, Architektur-…

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Haben Bilder ein Eigenleben?

Was will mir das Bild sagen? Also nicht: was bedeutet es? Auch nicht: was hat sich die Fotografin dabei gedacht? Sondern ganz direkt: was will dieses Bild von mir? Die Fragestellung war mir sympathisch, erschien sie mir doch wie eine gute Weiterführung meiner Methode, mir Kunst anzuschauen. Wenn ich mich frage „Berührt mich dieses Bild oder diese Skulptur?“ dann begebe ich mich ja bereits in einen Dialog mit dem Kunstwerk selbst. Der Gedanke, dass Bilder Reaktionen von uns herausfordern und ein Eigenleben besitzen, gefiel mir. Doch das Buch und ich, wir kamen nicht zusammen. Mitchell schreibt für Menschen, die sich in der Medientheorie bestens auskennen. Nur wer die Theorien vor Mitchell kennt, kann seinen Gedankengängen folgen. Dann macht es auch sicherlich Spaß, ihm beim Denken und Theorien entwickeln zu folgen. Ich als interessierter Laie mit gelegentlichem Hang zum Nerdtum hingegen bin ausgestiegen. Lektüre abgebrochen. Auf die Frage, was dieses Buch eigentlich von mir will, kann…

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