Unsagbare Dinge. Eine unschreibbare Rezension.

Laurie Penny, Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Fast fertig gelesen.

Am 2. Januar 2016 bezeichnete ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder als Feministin. Auslöser waren weniger die Ereignisse in der Silvesternacht am Kölner Bahnhof als viel mehr das, was darauf folgte.

Viele Männer (und einige wenige Frauen) fühlten sich auf einmal für den Schutz von Frauen zuständig. Sie erklärten mir, dass ich gefährdet sei und legten auch gleich fest, was ich für meine Sicherheit zu tun hätte: wo ich hingehen darf und wo nicht, was ich anzuziehen habe und was nicht und wie viel Abstand ich von meinen Mitmenschen zu halten habe.

Ganz ehrlich, liebe selbst ernannten Retter: bringt erst mal Euer Leben in Ordnung und dann unterhalte ich mich gerne mit Euch darüber, wer Schutz braucht und vor allem Dingen vor wem und wie.

Wer jungen Frauen erklärt, sie dürfen nicht dieselben Fehler begehen, nicht genauso viel Spaß haben und nicht dieselben Risiken eingehen wie junge Männer – sich betrinken, auf Abenteuer ausziehen, allein verreisen – mag sie kurzfristig vor Raubtieren schützen. Doch langfristig verleiht er diesen Raubtieren Macht.
Laurie Penny, Unsagbare Dinge, S. 159

Meine erste sexuelle Belästigung erlebte ich mit sieben Jahren. Beim Schlittenfahren trat ein Exhibitionist hinter dem Baum hervor. Wir Kinder fanden das seltsam, geradezu skurril und wechselten kurz entschlossen zu einem anderen Hügel. Ein paar Tage später kehrten wir wieder zu unserem Lieblings-Schlittenhügel zurück. Der Exhibitionist war nicht mehr da. Aber ich konnte noch Jahre später exakt die Kiefer benennen, hinter der er gewartet hatte.

Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der es für jede männliche Person strukturell schwierig und existenziell aufreibend ist, sich nicht wie ein komplettes Arschloch aufzuführen. Das nicht wenige Männer es dennoch zuwege bringen, anständige Menschen zu sein, müssen wir ihnen hoch anrechnen.
Laurie Penny, Unsagbare Dinge, S. 112

Ich glaube nicht, dass es eine einzige Frau auf der Welt gibt, die noch nie sexuelle Übergriffe oder Sexismus erlebt hat. Es gehört zu unserem Alltag dazu. Manches geschieht dreist, direkt und handgreiflich. Anderes subtiler und vieles davon in einer Grauzone, so dass mein erster Gedanke in dieser Situation eher ein „Das kann er doch jetzt nicht ernst meinen?“ ist.

Dieser erste Gedanke führt häufig dazu, dass man den Zeitpunkt des Eingreifens verpasst. So wie bei dem Mann, der sich in der Straßenbahn neben mich setzte, sich an meinem Oberschenkel rieb und an der nächsten Haltestelle wieder verschwand. Bevor ich realisierte, was geschah, war er schon wieder weg.

Weniger Glück hatte der junge Kerl, der vor meinen Augen am Bahnhof an den wartenden Vorortzug pisste und mich gleich danach nach einem Bier fragte. Ich brüllte ihn nieder und blamierte ihn vor seinen Kumpels.

Das ist mein Weg, mit sexuell motivierten Übergriffen umzugehen: laut werden, Dinge klar benennen und mir den Raum nicht nehmen lassen.

Eine Zeit lang habe ich dieses Verhalten als Feminismus bezeichnet, dann eher als Selbstbewusstsein, Respekt und Freiheitsdenken. Vielleicht auch, weil ich dachte, dass unsere Gesellschaft schon weiter sei. Wir hatten doch schon so viel erreicht – ein Label wie Feminismus brauchen wir doch nicht mehr, oder? Schließlich sind wir auf dem besten Weg endlich zu erreichen, dass jeder ein selbstbestimmtes, nicht normiertes Leben führen kann, oder?

Wir sind die, die zu laut lachen und zu viel reden und zu viel wollen und für sich arbeiten und eine neue Welt sehen, die knapp außer Reichweite ist, die am Rand der Sprache darum ringt, ausgesprochen zu werden. Und manchmal, zu später Nachtstunde, nennen wir uns Feministinnen.
Laurie Penny, Unsagbare Dinge, S. 68

Dazu kam, dass der Feminismus sich gewandelt hatte. Aus dem Grundbedürfnis nach Respekt und selbstbestimmtem Leben war ein akademischer Diskurs geworden, der auf eine Art und Weise geführt wurde, dass Menschen außerhalb der Universitäten dem kaum folgen konnten. Jetzt ging es um brillante Analysen von Geschlecht, Gender und Sexualität. Mein ganz normales Leben kam kaum noch darin vor.

Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution.

Und trotzdem das ganz normale Leben.

Im Januar 2016 war der Begriff Feminismus wieder da in meinem ganz normalen Leben. Zeit, nachzulesen, was sich im Diskurs in den letzten Jahren getan hatte.

Auf der Leipziger Buchmesse entdeckte ich „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny. Wo sonst? Nur dort kann ich noch solche Buchentdeckungen machen – darüber hatte ich hier gebloggt.

Dieses Buch liest man entweder wie im Rausch auf einen Rutsch durch oder ganz langsam. Bei mir geschah letzteres; ich habe zehn Monate dafür gebraucht. Ganz bewusst habe ich mir diese Zeit für das Buch genommen und sie genossen. Laurie Penny langweilt nie.

Zudem ist sie fest im normalen Leben verwurzelt, auch wenn sie selbst kein normales Leben führt. Den akademischen Diskurs um Geschlecht und Gender kennt sie natürlich nahezu auswendig, setzt ihn aber nicht zwingend als bekannt voraus. Das, was sie bespricht, erklärt sie auch, und Begriffe wie Cis werden bei der ersten Verwendung eingeführt. Dieses Schreiben auf Augenhöhe mit dem Leser machte mir den Wiedereinstieg in feministische Themen leicht.

Laurie Penny ist wütend, betroffen, verletzlich und voller Energie. Sie schreibt nicht über das Leben als Frau, sie steht mittendrin. Was für eine Wohltat! Es ist ihre Energie, die es mir immer wieder ermöglicht, ihre Ansichten und Beobachtungen direkt mit meinem Leben zu verknüpfen – obwohl mein Leben so ganz anders aussieht als ihres.

Unsagbare Dinge, unschreibbare Rezension

Als ich das Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ von Laurie Penny fast ausgelesen hatte, verwendete ich auf Instagram den Hashtag #wieumhimmelswillensollichdasrezensieren.

So entstand dieser Blog-Beitrag – weit entfernt von einer Buch-Rezension, dafür eine persönliche Standortbestimmung, die von diesem Buch mit 283 Seiten zu einem Preis von 16,90 € in 10 Monaten Lesezeit ausgelöst wurde. Unbezahlbar.


Angaben zum Buch:

Laurie Penny
Unsagbare Dinge
Sex, Lügen und Revolution

Aus dem Englischen von Anne Emmert

Edition Nautilus

Richtige Rezensionen bei Faustkultur, im Untergrundblättle und bei CulturMag.

 


 Ob Ratgeber, Sachbuch oder Roman: Feministische Bücher erweitern den Horizont und schärfen das Denken. Sie regen dazu an, gesellschaftliche Normen und Erwartungen zu hinterfragen – nicht nur in Bezug auf Frauen, sondern auf alle Geschlechter und Lebenswelten. Sie dokumentieren die Kämpfe von marginalisierten Menschen um Gleichberechtigung, Wahlrecht, Bildungszugang und Selbstbestimmung. Sie zeigen, welche Rechte hart erkämpft wurden und was alle Menschen dabei gewonnen haben. Das schafft ein Bewusstsein, nichts als gegeben hinzunehmen. Was heute gut ist, könnte immer noch besser sein. Oder wieder schlechter werden, was es zu verhindern gilt. Hier findet ihr meine Rezensionen und Beiträge auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Was wäre, wenn das Patriarchiat in Terapie gehen würde? Meine Rezension zu dem Buch von Katharina Linnepe:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Buch der Ideen. 50 Wege, um Ideen effizient zu produzieren

Das Buch der Ideen. Sachbuch Rezension

Fliegen einem gute Ideen zu oder sind sie das Ergebnis harter Arbeit? Kevin Duncan meint letzteres. In seinem Büchlein „Das Buch der Ideen. 50 Wege, um Ideen effizient zu produzieren“ ist nicht umsonst von Produktion die Rede.

Dafür gibt er uns 50 Techniken und Übungen an die Hand. So entsteht ein Trainingslager, ein Ideen-Bootcamp. Auch wenn die meisten Übungen für Teams und Gruppen gedacht sind, können sich auch Einzelkämpfer viel daraus ableiten.

Mit nur wenig Textblöcken zwischen den Übungen schafft es Kevin Duncan, zu erklären, wie Ideen entstehen und wie man sie bewerten kann. Hier gibt es keine langen Ausflüge in die neuesten Forschungen der Psychologie. Kurz und prägnant das Wichtigste auf den Punkt gebracht – schließlich wollen wir ja effizient weiter Ideen entwickeln.

Er ist übrigens ein großer Fan des Denkens IN Schubladen. Von wildem, unkontrollierten Brainstorming hält er nicht viel:

Die meisten Unternehmen haben säckeweise exzentrische, irrelevante und manchmal geradezu blöde Ideen, die sie nicht benutzen können, weil sie wirtschaftlich unmöglich, unangemessen und einfach abseitig sind. Die meisten sind in schlecht durchgeführten Brainstormings entstanden.
Das Buch der Ideen; S. 38

 

Wo finde ich solche Bücher? Auf der Leipziger Buchmesse!

Entdeckt habe ich Das Buch der Ideen auf der Leipziger Buchmesse. Wo sonst? In den Buchhandlungen finde ich fast nur das, was ich schon kennen, und außerdem viel zu viel Romane.

Für mich bietet die Leipziger Buchmesse das, was ich in den Buchhandlungen schon lange nicht mehr finde: die Möglichkeit, Bücher zu entdecken, von denen ich noch nie gehört habe. Das ist nach so vielen Jahren in der Buchbranche nicht ganz einfach. Aber in Leipzig finde ich jedesmal viele Bücher, die mich interessieren, und von deren Existenz ich bis dahin noch nichts wusste.

Eine der wenigen Buchhandlungen, die mich noch inspirieren kann, ist Thalia in Nürnberg. Andere Großbuchhandlungen sind mir meist zu stromlinienförmig. Kleine unabhängige Buchhandlungen sind für meinen Lesegeschmack zu Roman-lastig. Meine Lieblingsbuchhandlung suche ich noch immer. Habt Ihr eine Idee für mich?


Infos zum Buch:

Kevin Duncan

Das Buch der Ideen
50 Wege, um Ideen effizient zu produzieren
Midas Smart Guides

Midas Verlag
ISBN 9783907100622

Nicht mehr lieferbar


Kaum jemand kommt an seinem Arbeitsort auf anständige Ideen. Und wenn er es zuhause macht, arbeitet er zuviel.
Das Buch der Ideen; S. 19


Noch zwei Lese-Tipps von mir:

Und natürlich dieses Standardwerk:

Deutschland, deine Götter: Religionen gibt’s, die gibt’s ja gar nicht!

Sachbuch Deutschland, deine Götter

Ein großes Lesevergnügen war für mich das Sachbuch von Gideon Böss „Deutschland, deine Götter. Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern“

Wicca, Zeugen Jehova, Osho, Mormonen, Muslime, Juden und die Kirche des fliegenden Spaghettimonster sind dabei nur einige seiner Stationen.

Überall bemüht er sich, unvoreingenommen und neutral zu forschen. Das gelingt ihm mal besser, mal schlechter und mir hat das Buch genau dann am meisten Spaß gemacht, wenn der Autor beginnt aus seiner selbst gewählten Haltung des objektiven Journalisten und Forschers herauszufallen und sich an den Interviewpartnern und ihren Antworten zu reiben.

Wiedergeburt, Himmel und Hölle und die Frage nach der gleichgeschlechtlichen Liebe dienen ihm bei seiner Reise zu Deutschlands Götter als Prüfstein. Wie antworten die Kirchenvertreter? Rechnen sie mit diesen Fragen? Bieten sie schlüssige Antworten? Sind sie überhaupt an einer Diskussion interessiert?

Häufig fand er sowohl Offenheit als auch Humorlosigkeit genau dort, wo man sie eher nicht erwartet hätte. Es menschelt eben auch bei Gottes Bodenpersonal.

Zusätzlich zum Lesevergnügen erhält man auch noch einen Crashkurs in Religionsgeschichte(n). Klare Leseempfehlung meinerseits und ich fasse mich diesmal in meiner Rezension so kurz, weil Ihr hier bei Scilogs eine so rundherum großartige Besprechung findet, dass ich gar nicht mehr viel zum Buch sagen brauche.


Angaben zum Buch:

Gideon Böss

Deutschland, deine Götter
Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern

Klett Cotta Verlag

ISBN: 978-3-608-50230-5

Weitere Rezensionen findet Ihr auch bei booknerds und Die Liebe zu den Büchern.


Und was sagen uns die Götter? Darüber hat Stephen Fry ein amüsantes Buch geschrieben. Hier meine Rezension:

Schlossgarten Schwetzingen durch die Kamera von Horst Hamann

Bildband Schwetzingen Schlossgarten hamann

Welchen Schwetzinger Schlossgarten hätten’s denn gerne? Den der Hochzeitpaare mit dem satten grünen Rasen, dem ewig blauen Himmel und den majestätischen alten Bäumen? Dieser Schlosspark war nie meiner.

Oder den der Familienausflüge, die hier besonders harmonisch gelingen, weil die mäandernden Spazierwege es erlauben, dass jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt? Der gefällt mir schon besser.

Oder den Schlossgarten meiner Kindheit, prall voll mit magischen Orten wie dem Ende der Welt, dem majestätischen Hirsch und dem bemoosten Pan? Diesen Schwetzinger Schlossgarten besuche ich noch immer gerne.

Oder lieber den Schlossgarten, der einen ausbremst und entschleunigt, der einen auf die Parkbank befördert und der einen zwingt, auf das sanft kräuselnde Wasser zu schauen und zu beobachten, wie sich die Spiegelungen verändern? Diesen Schwetzinger Schlossgarten lernte ich jenseits meines 35. Lebensjahres kennen.

Oder den Schwetzinger Schlossgarten, der auch nach über 45 Jahren bei jedem neuen Besuch einen neuen Blickwinkel offenbart? Den mag ich besonders.

Jetzt kenne ich noch einen weiteren Schwetzinger Schlossgarten: den des Fotografen Horst Hamanns. Dieser spezielle Schlossgarten enthält von all dem, was ich genannt habe, ein wenig und ist doch so ganz und gar neu und eigen.

Schwetzingen by Horst Hamann

Schwetzingen hat Jubiläum. Mindestens 1250 Jahre ist es alt – so sagt der Lorscher Codex. Zu so einem Jubiläum gönnt man sich was. In diesem Fall eine Zusammenarbeit mit dem Fotografen Horst Hamann.

Wie fast alle Mannheimer hat er ein enges Verhältnis zum Schwetzinger Schlossgarten. Als Kind war er hier, bestaunte das Ende der Welt und andere verwunschene Orte. Als junger Fotograf nutzte er den Schlossgarten als Kulisse für romantische Fotos. Jetzt hat er sich wieder auf diesen besonderen Ort eingelassen und nahm sich für seine Foto-Serie fast eineinhalb Jahre Zeit.

Natürlich steht der Schlossgarten mit seinen Skulpturen, verwunschenen Plätzen und Blickachsen im Mittelpunkt. Wer Schwetzingen zum ersten Mal besucht, kommt schließlich wegen des Parks.

Gegen Ende des Buches werden die Kreise größer. Doch wie fotografiert jemand, der erfolgreiche Bildbände zu Metropolen veröffentlicht hat, eine Kleinstadt? In dem er sucht und das kleinstädtische genauso ernst nimmt wie die Spuren urbaner Architektur.

Mittendrin dann auf einmal das Foto, das für mich Schwetzingen jenseits des Schlossgartens zusammenfasst: ein Pfau, der über eine schon fast dörflich anmutende Straße läuft und den Verkehr zum Ruhen bringt. Für einen Moment ist der Pfau und damit ein Stück Schlossgarten über die Gartenmauer gehüpft und verzaubert den Ort. Das ist Schwetzingen.


Angaben zum Bildband:

Schwetzingen by Horst Hamann

Edition Panorama

ISBN 9783898235105

Webseite des Schloss und Schlossgarten Schwetzingen


Lust auf mehr Parkbesuche mit mir?

Und dann gibt es noch diesen Roman mit und über Schwetzingen, der so gar kein Heimatroman ist 

Welt retten für Einsteiger

Und jetzt retten wir die Welt - Sachbuch

Einfach irgendwo anfangen und dann nicht mit dem weitermachen aufhören: Welt retten beginnt mit dem ersten Schritt, egal wie klein dieser einem erscheinen mag.

Die Auswahl an kleinen Schritten ist groß in diesem Buch und die Autoren vermitteln einem das gute Gefühl, dass kleine Schritte völlig ok sind.

Jedes Kapitel widmet sich einem Lebensbereich: innere Haltung, Körper, Essen, Klamotten, Nachbarn, Mobilität, Arbeit, Konsum, Politik, Geld, Kultur – da findet jeder etwas, wo er selbst für sich ansetzen kann.

Zwischendurch werden immer wieder Menschen vorgestellt, die Vorbild sein können. Darunter mehr Alltagshelden als große Helden. Jeder von Ihnen hat irgendwann mal einfach irgendwo angefangen. Dann kam eines zum anderen und die Projekte wurden größer. So geht Veränderung.

Veränderung kann Angst machen. Veränderung kann als zu groß, als nicht machbar erscheinen. Deswegen gibt es zu jedem Thema Vorschläge, wie man mit allerkleinsten, einfach umsetzbaren Schritten beginnen kann. Damit die Veränderung weitergeht, wird auch gleich aufgezeigt, wie man von diesem Schritt aus weitermachen kann. Stillstand ist nicht.

Sympathisches Konzept, gelungenes Buch.

Aber alles in allem erweckt das Buch Und jetzt retten wir die Welt! den Eindruck, für deutlich jüngere Leser geschrieben worden zu sein als ich es bin. Das beginnt schon bei der kleinen Schrift und dem fehlendem Abstand zwischen den Absätzen, die das Lesen für müde Augen wie meine mühsam macht. Doch die Tipps und Anregungen funktionieren für jedes Alter, wenn auch einige davon nur für Großstädter geeignet sind.

Wie überhaupt Welt retten ein hippes und urbanes Thema zu sein scheint: für mich ist das Buch die praxisnahe Ergänzung zum Handbuch der urbanen Spiritualität. Aber das ist wiederum mein ganz eigener Blick auf die Welt.


Angaben zum Buch:

Ilona Koglin und Marek Rohde

Und jetzt retten wir die Welt
Wie du die Veränderung wirst, die du dir wünschst

Kosmos Verlag
Webseite zum Buch mit Blog und Ideenbörse

Rezension zu „Und jetzt retten wir die Welt“ bei Wortakzente.


Mehr Rezensionen zu Ratgebern und Sachbochern hier auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Bücher, die helfen, die Welt zu retten – drei Empfehlungen von mir:

So klappt’s mit dem Welt retten: enkeltauglich leben

Mit Pflanzen die Welt retten. Grüne Lösungen gegen den Klimawandel

In 80 Jahren eine neue Welt. Zukunftsbericht einer klimafreundlichen Beispielfamilie

Über Lieblingsautoren zu bloggen ist nicht einfach: Wolf-Dieter Storl

Bücher von Storl die ich gelesen habe

Eigentlich erstaunlich, dass ich seit 2012 – so lange blogge ich hier schon – nur einen einzigen Beitrag zu Wolf-Dieter Storl und seinen Büchern veröffentlicht habe. Er zählt zu meinen Lieblingsautoren, einfach weil er ein begnadeter Erzähler und ein lustvoller Kreuz-und-Querdenker ist. Das macht Spaß zu lesen, erweitert meinen Horizont und sorgt für Aha- Momente.

Andererseits erstaunt mich das auch wiederum nicht, denn ich kenne das von mir: je besser mir ein Buch gefällt desto schwerer fällt es mir, darüber zu reden.

Das ging mir schon als Buchhändlerin so. Es erschien mir als fast unmöglich, die Fülle an Gedanken zu einem Lieblingsbuch in zwei, drei knackige Sätze für das Verkaufsgespräch zu packen.

Damals habe ich begonnen, mir vor dem Weihnachtsgeschäft Knacksätze zu Büchern zu notieren, so dass ich sie bei Beratungen besser im Hirn verankert hatte. Es hat funktioniert und vielleicht war das ja die Keimzelle für mein heutiges Bloggen?

Zurück zu Storl, von dem ich längst noch nicht alles gelesen habe. „Wanderung zur Quelle. Geschichten von Shiva und Parvati“ fehlt mir zum Beispiel noch. Warum eigentlich? Wahrscheinlich nur, weil Storl schon so viel Interessantes veröffentlicht hat. Wie soll ich das in einem einzigen Leserleben schaffen?

Würde ich noch einmal von vorne beginnen, seine Bücher zu lesen, dann würde ich unbedingt mit seiner Autobiographie beginnen: Ich bin ein Teil des Waldes. Den Untertitel Der Schamane aus dem Allgäu erzählt ignoriert man am besten. Er wird ihm und seinem enormen Wissen genauso wenig gerecht wie den vielen kleinen und großen Abenteuer, über die er ihm Buch erzählt. Das beginnt bei den Mutproben, die er als Junge in den amerikanischen Wäldern bestanden hat, führt nach Indien und in die Schweiz, an die Universität und zu den Indianern. Storl ist vielseitig – ein Untertitel kann ihm nicht genügen.

Doch was könnte das zweite Buch von Storl sein, das man liest? Das wiederum hängt von den eigenen Interessen ab. Vielleicht Bekannte und vergessene Gemüse oder auch Heilkräuter und Zauberpflanzen zwischen Haustür und Gartentor. Beide sind im AT Verlag erschienen, einen Verlag, den ich sehr schätze. Schön gemachte Bücher zu interessanten Themen in feinster Ausstattung – da schlägt mein Bücherherz schneller!

Danach könnte sich ein Ausflug in die Geschichte lohnen – vielleicht mit Pflanzen der Kelten
Heilkunde, Pflanzenzauber, Baumkalender ? Oder bei den Pflanzen bleiben: Mit Pflanzen verbunden
Meine Erlebnisse mit Heilkräutern und Zauberpflanzen.

Ganz ehrlich: mich hat noch kein Buch von Storl enttäuscht. Auch wenn ich nicht immer mit ihm einer Meinung bin. Insbesondere bei den Herleitungen von Wortbedeutungen würde ich gerne die zweite Meinung eines Sprachwissenschaftlers hören. Aber das macht nichts, denn Storls Bücher sind prall von Geschichten und Inspirationen. Sie verführen dazu, Wald, Garten und Feld mit anderen Augen zu betrachten und versorgen den Lesern mit Fakten zur Kulturgeschichte, zur Botanik und zur Heilkunde. Und die Götter kommen auch nicht zu kurz.

Mehr Infos über Storl findet Ihr auf seiner (etwas in die Jahre gekommenen mittlerweile sehr schicken) Webseite. Einen guten Eindruck von seiner Art zu erzählen bekommt Ihr auch in den Videos von Mystica.tv. Meine Rezension zu “Wandernde Pflanzen – Neophyten, die stillen Eroberer” findet Ihr hier auf meinem Blog. Viel Spaß beim Entdecken!


Dringend nötiges Update: es gibt mehr Beiträge zu den Büchern von Wolf Dieter Storl auf meinem Buchblog: Wolfsmedizin und Wanderung zur Quelle

 

Manchmal ist mein Mudra ein Mittelfinger: Handbuch der urbanen Spiritualität

Handbuch urbane Spiritualität

Urbane Spiritualität zählt nicht gerade zu meinen Lieblingsbegriffen. Ich frage mich dann gleich: ist Mannheim urban genug dafür? Und wenn ja – wo? Nur in der Innenstadt in den Quadraten oder auch bei mir hier draußen im Vorort?

Trotzdem ist urbane Spiritualität ein Begriff, mit dem ich gut arbeiten kann: eine Spiritualität für Menschen von heute, die im Leben von heute praktiziert werden kann.

Urbane Spiritualität kann also vieles umfassen: die Kurz-Meditation in der U-Bahn, die Spende für den Bettler, das Räuchern in der Wohnung in Anlehnung an alte Bräuche, das Beachten der Mondphasen und der Jahreszeiten, die Yoga- und Achtsamkeits-Praxis, gemeinsames Singen, die Götterfiguren mit Kerze davor, das Segenssymbol an der Haustür bis hin zum rituellen Verbrennen erledigter To-do-Listen.

So viele Möglichkeiten. Wo anfangen?

Genau hier setzt das Handbuch urbane Spiritualität von Emma Mildon an, das dem Leser einen Überblick verschaffen will.

Ich war und blieb erstaunt über die vielen Möglichkeiten, wie wir unsere Spiritualität ausleben können. … Deswegen habe ich ein spirituelles Nachschlagewerk geschrieben, das die etwas kleineren Fragen beantwortet, damit du dich mit den größeren Fragen selbst beschäftigen kannst.
Handbuch urbane Spiritualität, S 8/9

Es gibt vieles, was bei der Sinnsuche helfen könnte: Kristalle und Edelsteine, Aromatherapie, Chakrenlehre, Feng-Shui, Träume, Numerologie, Astrologie und das Erkunden der universellen Gesetze. Emma Mildon hat das und noch viel mehr ausprobiert und berichtet, wie es sich anfühlt und was es einem bringen könnte. Das schildert sie erfrischend ehrlich, fast flapsig und verschweigt peinliche Momente und Irrtümer nicht.

Selbst wenn man nur wenig mit dem Thema zu tun hätte lohnt es sich, mindestens das Vorwort zu lesen. Es macht Spaß.

Manchmal trinke ich halt Kaffee statt Kräutertee, und meine Mudras werden zu Mittelfingern.
Handbuch urbane Spiritualität S. 11

Oder wie #spiritjunkie Gabby Bernstein letzt zitierte: I’m a believer in peace and love. (But i say fuck a lot).

Für mich kommt das Buch jedoch knapp 25 Jahre zu spät. Ich bin Jahrgang 68. Fast alles habe ich schon mal ausprobiert – incl. der Stolperer wie peinliches Pupsen beim Yoga, dezente Hinweise von Freunden „hier riecht es aber seltsam“ wenn ich es mit dem Räuchern übertrieben habe und dem strengen Blick des Chefs ob des Kristalls an meinem Arbeitsplatz.

Damals hätte ich das Buch noch mehr geliebt. So bleibt für mich heute der Spaß beim Durchblättern und Lesen, lautes Lachen und Schmunzeln und ab und an ein „Oh, das könntest Du eigentlich auch mal wieder machen.“


Angaben zum Buch:

Emma Mildon

Handbuch urbane Spiritualität
Alles, was bei der Sinnsuche hilft

LEO Verlag
ISBN 978-3-95736-072-4


Ich glaube an Freundlichkeit und Karma, ich könnte also Buddhistin sein. Ich glaube an mystische Heilung und die Kraft von Kristallen, ich könnte also Hexe sein. Ich glaube an Wahrheit, Ehre und Vergebung, ich könnte also Christin sein. Ich glaube sogar an frühere Leben und dass über jeden von uns ein spiritueller Führer aus einer anderen Welt wacht, ich könnte also – für einige Menschen zumindest – auch einfach völlig durchgeknallt sein.
Emma Mildon, Handbuch urbane Spiritualität, S. 13.

 


Bewusstes Leben – Ratgeber und SachbücherRezensionen auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Now: Achtsamkeit, Yoga und Vertrauen ins Leben

Now - Achtsamkeit, Yoga, Vertrauen ins Leben. Buch Rezension

Auf einmal klingt alles so leicht, so  einladend und so machbar.

Wenn Heike Mayer über Achtsamkeitspraxis redet, entfällt auf Leser-Seite auf einmal jegliches schlechtes Gewissen, jegliches „Ja, ich weiß, dass ich mich mehr darum kümmern müsste“. Sie nimmt die Schläge aus den Ratschlägen. Sie lädt ein, motiviert, verführt und verwurzelt dabei das große Thema Achtsamkeit im Alltag der Leser.

Schon die Lektüre ist wohltuend und auf einmal höre ich eine innere Stimme, die sagt „Also wenn die Lektüre des Buches Dir schon so gut tut, dann solltes Du auch die Übungen ausprobieren.“

Genau das mache ich jetzt regelmäßig:
HALLO
Halt – Atmen – Lassen – Lächeln – Offen werden.

Insbesondere der Teil mit dem Lächeln gefällt mir.

Im zweiten Teil des Buches dreht sich alles um Yoga. Stopp – wenn Ihr jetzt denkt „Yoga? Ich mag nicht turnen.“ oder „Yoga? Weiß ich schon alles darüber“ solltet Ihr trotzdem weiterlesen. Karin Furtmeier wählt einen ganz anderen Ansatz. Ihre Protagonistin heißt Nina und wir begleiten sie durch ihr ganz normales Leben voller Stressmomente.

Für jede dieser Situationen empfiehlt die Autorin eine Yoga-Übung. Darunter auch solche, die sich notfalls auf der Büro-Toilette durchführen lassen. Ja, wirklich! Nur eine Übung und mit Vorliebe solche, die alltagstauglich sind. Vergesst die Yogamatte und das Meditationskissen und lasst Euch darauf ein, Yoga in Euren Alltag einzubinden.

Noch wirksamer werden die Yoga-Übungen dadurch, dass sie mit der Achtsamkeitspraxis aus dem ersten Teil des Buches verbunden werden. So wird aus dem zweigeteilten Buch ein Gesamtkonzept.

Und es wirkt. Kleine Leseranekdote am Rande: ich lese meist vor dem Einschlafen. Mir ist aufgefallen, dass ich nach der Lektüre von Now! besonders gut geschlafen habe. Seitdem achte ich wieder viel mehr darauf, abends nur noch Bücher zu lesen, die mir gut tun. Eben solche Bücher wie Now!


Angaben zum Buch:

Karin Furtmeier
Heike Mayer

Now!
Achtsamkeit, Yoga, Vertrauen ins Leben

Scorpio Verlag
ISBN 978-3-95803-068-8


Lust zu stöbern? Hier findet Ihr mehr Rezensionen rund um Yoga und Achtsamkeit.


 Update Februar 2017:

Neu erschienen ist jetzt der zweite Band NOW! Jetzt sorg ich gut für mich

Entschleunigung • Selbstfürsorge • Lebensfreude


Auch dieses Buch von Heike Mayer kann ich empfehlen: Ich steh mir selbst nicht mehr im Weg. Hier meine Rezension:

Das Dao leben

Das Dao leben - Buch-Rezension

Es gibt Bücher, die man nie im eigentlichen Sinne ausgelesen hat. Man nimmt sie zur Hand, liest, denkt nach. Blättert weiter, nach vorne, nach hinten. Schlägt was nach, sinniert. Legt das Buch wieder auf den Nachttisch. Beginnt beim nächsten Mal an einer anderen Stelle, lässt sich wieder inspirieren, streicht an. Geht zum ersten Kapitel zurück.

Solche Bücher sind nicht dafür geschaffen, am Stück gelesen zu werden. Sie begleiten einen über Jahre hinweg,

Annette Oelkers Annäherung an das Dao ist so ein Buch. Sie versucht, die 81 Lehrsätze vom Poetischen in den praktischen Lebensalltag zu übertragen.

Versucht? Sie macht es.

Jedes Kapitel besteht aus dem Sinnspruch und einer Erläuterung, die, ausgehend vom philospphischen und geschichtlichen Hintergrund, in unserer Zeit und unserem Alltag landet. Das Kapitel endet mit einer Affirmation, die den Sinngehalt noch einmal zusammenfasst.

Gerade diese Affirmationen sorgen bei mir für Reibung, für Nachdenken. Sehr häufig ist mein erster Gedanke ein „Ja, aber“: das ist doch nicht alles, in dem Sinnspruch steckt doch noch viel mehr. Natürlich – und schon bin ich mitten drin und erarbeite mir den Sinnspruch selbst. Kein Wunder, dass ich das Gefühl habe, das ich dieses Buch niemals zu Ende zu lesen werde!

Sollte ich es jemals zu Ende gelesen im Sinne von ausgelesen und verstanden haben, beginne ich von vorne und vergleiche es mit Wayne Dyers Annäherung an das Dao, das bei ihm ein Tao ist: Ändere deine Gedanken – und dein Leben ändert sich: Die lebendige Weisheit des Tao. Auch dieses Buch hat mich lange begleitet.

Jetzt gibt es aber im virtuellen Blogger-Büro einen Stapel Bücher namens „Ausgelesen – wird besprochen“. Auf diesem Stapel landen solche Bücher nie. Das ist nicht fair und wurde hiermit von mir geändert.


Angaben zum Buch:

Laozi
Annette Oelkers

Das Dao leben
Das Daodejing heute

Verlag Ryvellus

Leseprobe beim Verlag 


Bewusstes Leben – Ratgeber und Sachbücher. Rezensionen auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Autismus erklärt von einem Autisten

Buch Autismus mal anders: ein Autist erklärt den Autismus. Sachbuch Rezension

Autismus erklärt von einem Autisten, aber dennoch kein autobiographischer Bericht: das ist der Ansatz von Aleksander Knauerhases Sachbuch „Autismus mal anders: einfach, authentisch, autistisch“. Gleich mein Fazit vorneweg: ein überzeugender Ansatz und ein lohnendes Buch.

Aleksander Knauerhase sitzt nicht verschwiegen und vor sich hinschaukelnd in der Ecke; er ist ein „Autist zum Anfassen“*.

Womit ich schon die erste große Baustelle beschrieben habe, die er in seinem Buch bearbeitet: er räumt Vorurteile aus. Eine seiner ersten Aufforderung an den Leser lautet, bitte alles zu vergessen, was er je in Filmen an autistischem Verhalten gesehen hat. Am besten auch die Autobiographien von Autisten kurzzeitig aus dem Lesergedächtnis verbannen, um sie nach der Lektüre neu zu bedenken.

Jeder Autist ist anders. Das arbeitet der Autor genauso gut heraus wie das, was allen Autisten gemeinsam ist: Autismus ist eine andere Art, Umweltreize zu verarbeiten. Autisten können Reize nur sehr schlicht filtern. Jedes Geräusch, jeder Geruch, jede Berührung, jeder visuelle Eindruck, jegliche Kommunikation kommen bei Ihnen ungefiltert im Gehirn an. Das ist mehr, als man verkraften kann. Zudem kann diese Reizüberflutung zu einem Shutdown des Gehirns führen, einer Art Notabschaltung, die sich zum Beispiel im still in der Ecke sitzen und vor sich hin schaukeln äußern kann.

Aleksander Knauerhase erklärt diese innere Grundstruktur des Autismus sehr gründlich. Jeder Sinnesreiz und die daraus resultierende Probleme werden genau analysiert. Gleichzeitig berichtet der Autor sehr offen von seinen eigenen Lösungen und Workarounds und gibt deutliche Hinweise, wie die Gesellschaft Autisten besser integrieren könnte. Mehr Faktenwissen über den Autismus steht dabei an allererster Stelle, gefolgt von „nicht über die Autisten sondern mit den Autisten reden“.

Dieser klar strukturierte erste Teil des Buches ist der stärkste. Dem zweiten Teil des Buches fehlt für meinen Geschmack der innere Zusammenhalt. Die Aufsätze, Blogbeiträge und Gedanken zu Autismus und Schule, zum Welttag des Autismus, zu therapeutischen Ansätzen, zum Behinderten-Staus und darüber, wie man als Autist ein Studium erfolgreich absolvieren kann, sind zwar allesamt lesenswert, doch eine Sammlung von Beiträgen ergibt noch kein Buch. Dafür ist sein Blog Quergedachtes besser geeignet.

Eines ist klar: die Bezeichnung „der ist doch autistisch“ für einen Menschen mit wenig einfühlsamen Verhalten werde ich nach der Lektüre endgültig aus meinem Wortschatz streichen. Denn das, was wir manchmal so lässig dahin sagen, hat mit der Realität der Autisten überhaupt nichts zu tun.

*Ich habe ihn auf dem Literaturcamp 2016 in Heidelberg kennengelernt und kurz darauf auf dem Barcamp Rhein-Neckar wieder getroffen. Wer die Möglichkeit hat, einen Vortrag von ihm zu hören: hingehen! Und wer einen überzeugenden, humorvollen und authentischen Referenten sucht: bucht diesen Mann!


Angaben zum Buch:

Aleksander Knauerhase

Autismus mal anders
Einfach, authentisch, autistisch

Books on demand


 Rezensionen zu Sachbüchern und Ratgebern auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin


Zuerst denken, dann klicken: die Fake-Jäger

Zuerst denken dann klicken. Mimikama Fake Jäger Buch. Rezension

Am Anfang ging es hauptsächlich um schlechte Scherze wie die angeblichen Tierfänger, wahlweise Organjäger, im weißen Bulli. Das war in einer Zeit, als auf Facebook noch hauptsächlich Privates gepostet wurde. Doch jemand kannte jemanden, dessen Freund eine Schwester hatte, der genau das passiert war … Die Fake-Jäger nahmen sich dieser Scherze an und klärten auf.

Dann entdeckten die Firmen das Netzwerk, Facebook wurde kommerzieller und die schlechten Scherze änderten sich entsprechend. Gewinne das neue I-Phone oder einen 500€ Gutschein von wem auch immer, wenn – ja wenn Du Dich nur zum Narren machst und diesen Beitrag teilst: so lautete der klassische Hoax in dieser Phase.

Die Fake-Jäger blieben dran, prüften und veröffentlichten sachlich und von Beweisen gestützt, was an diesen Geschichten und Verschwörungstheorien dran ist: nichts. Absolut gar nichts.

Wofür ich sie immer bewundert habe ist, dass sie auch bei den abstrusesten Storys wie Essig gegen Chemtrails neutral blieben und die, die daran geglaubt hatten, nicht lächerlich gemacht haben.

Genau dieser Tonfall prägt auch das Buch und genau deswegen liest es sich einfach großartig! Die geheimen Superkräfte der Fake-Jäger lauten Recherche und Humor. Beides setzen sie im Dienste der Aufklärung ein – für die Menschen, für ein menschliches Internet.

Doch was bietet das Buch, was nicht schon auf der Webseite stand?

Tatsächlich entdeckte ich ein paar Fakes, die ich noch nicht kannte. Doch warum sich dieses Buch auch für die Leser lohnt, die schon regelmäßig die Webseite Zuerst denken, dann klicken (Mimikama) besuchen oder der Facebook-Seite Zddk folgen, ist etwas ganz anderes.

Im Gegensatz zu den tagesaktuellen Beiträgen auf der Webseite können im Buch ganz anders Zusammenhänge und Querverbindungen aufgezeigt werden. Die Autoren nutzen das, um darzustellen, wie es kam, dass Facebook „auf einmal“ politisch wurde. Für die Fake-Jäger hängt das eng damit zusammen, dass deutsche Politiker der bürgerlichen Mitte 2013 das soziale Miteinander im Internet noch als #neuland bezeichneten:

Gerade durch diese Fehleinschätzung von höchsten Stellen und durch die daraus resultierende Vernachlässigung durch die Mitte der Gesellschaft haben die extremen Stimmen ein extrem wirkungsvolles Feld quasi kampflos überlassen bekommen.
Die Fake-Jäger S. 143

Auch einige der frühen Fakes enthielten Rassismus: der weiße VW-Bulli wurde angeblich von „Südländern“ gefahren, nachdem es zuvor Zigeuner waren, die dann später zu Rumänen wurden. Das war schon übel genug. Doch wie der Rassismus sich dann auf Facebook breit machte und für politische Manipulationen genutzt wurde, darauf waren wir nicht vorbereitet.

Über die sozialen Netzwerke hatten diese extremen Kräfte gleich Zugang zum intimsten Bereich ihrer bereits vorhandenen, aber auch der potenziellen Zielgruppen: dem privaten PC-Bildschirm in deren zuhause.
Dadurch erreichen Themen, die im Grunde kaum salonfähig sind, auf einmal Menschen …
Aus Mangel an Gegenargumenten und ohne Stimmen, die zur Besonnenheit mahnen, wirkt hier jede noch so krasse Theorie oder Behauptung plausibel.
Die Fake-Jäger S. 143/144

Doch die Fake-Jäger blieben auch jetzt, als es hässlich wurde und sie persönlich angefeindet wurden, dran. Danke dafür!

Warum ist das wichtig – auch für die, die Facebook nicht oder selten nutzen?

Wir können und dürfen nicht mehr zwischen „realer“ und „virtueller“ Welt unterscheiden … Die Realität diktiert das Virtuelle, das Virtuelle wirkt auf die Realität. Es ist quasi eins geworden. Aber das ist in den Köpfen vieler noch nicht angekommen.
S. 253

fake-jaeger-vorwort

Infos zum Buch: 

Tom Wannenmacher
Andre Wolf

Die Fake-Jäger – Wie Gerüchte im Internet entstehen und wie man sich schützen kann
ISBN: 978-3-8312-0441-0
Komplett Media

Nicht mehr lieferbar – aber die Arbeit wird auf der Website MIMIKAMA fortgeführt.


Die Fake-Jäger empfehlen das Buch „Hass im Netz“ von Ingrid Brodnig, das auch auf meiner Leseliste steht. Hier ein Interview mit der Autorin.


 Gleiche Baustelle, anderer Ansatz: Handbuch für gute Manieren im Netz. Hier meine Rezension:

Fürst Pückler – Bestseller-Autor zu Kaisers Zeiten

Biographie Fürst Pückler

Im Museum gewesen: „Parkomanie – Die Gartenlandschaften des Fürst Pückler“. Gleich danach im Museumsshop eine Biographie gekauft, weil mir der Mensch, um den es in der Ausstellung ging, fremd geblieben ist. Beim Lesen köstlich amüsiert, obwohl ich die Ausstellung ich als sehr theorielastig empfunden hatte. Doch das Museum ist unschuldig: es liegt am Menschen Fürst Pückler, der sich so gar nicht in eine Schublade zwängen lässt – und erst recht nicht in eine einzige Ausstellung.

Fürst Pückler war ein bunter Hund. Ein Adliger, der bis Mittags schläft, sich danach im Garten die Hände schmutzig macht, abends in orientalischer Kleidung tafelt und anschließend viele Briefe an Frauen jeglichen Alters schreibt. Wäre er Brite gewesen, hätte man ihn als Exzentriker bezeichnet.

Auch politisch saß er zwischen allen Stühlen und fühlte sich dort wohl. Dem jungen Deutschland stand er genauso nahe wie dem Kaiser und Bismarck. Regelmäßiger Gast in den Klatschspalten der Presse und Bestseller-Autor war er zudem auch noch.

Wie schreibt man zu Kaisers Zeiten einen Bestseller?

Wie hat man damals, zu Kaisers Zeiten Bestseller gemacht? Genau wie heute. Man nehme einen Autor, der entweder schon prominent ist oder einen Lebenswandel hat, über den sich gut in den Zeitungen schreiben lässt. Fürst Pückler hatte beides.

Schnell muss man sein. Das Buch muss erscheinen, solange noch über das Thema gesprochen wird. Fürst Pückler und sein Team haben zum Teil nur ein halbes Jahr gebraucht, um ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.

Natürlich muss ein Bestseller-Autor auch etwas zu erzählen haben und inspirieren können. An beidem bestand bei Fürst Pückler kein Mangel.

Ein Bestseller-Autor schreibt nicht alleine. Fürst Pückler wusste ein gutes Team hinter sich, die sich um mehr als nur das Lektorat gekümmert haben. Lucie, seine geschiedene Frau, die doch immer seine Lebensgefährtin blieb, hat alles schlüpfrige geglättet. Varnhagen strich alles allzu politische raus. Sein Verleger Hallberger sorgte dafür, dass das Buch schnell erschien.

Kalkulieren muss man können. Nur an einem Buch hat Fürst Pückler nichts verdient, da es viel zu opulent ausgestattet war. Mit den anderen Büchern hat er immer Schulden ausgleichen können, die durch seine Leidenschaft für Landschaftsgärten und seinen Lebenswandel entstanden sind.

Der grüne Fürst – eine gelungene Biographie

Heinz Ohff hat mit seinem Buch das geschafft, was der Ausstellung „Parkomanie – Die Gartenlandschaften des Fürst Pückler“ nicht gelingen konnte: er hat mir den Menschen Fürst Pückler und seinen Charakter nahe gebracht. Amüsante und informative Lektüre, die ich gerne weiter empfehle.

Nur über Lucie, die trotz Scheidung ein Leben lang an Pücklers Seite blieb, würde ich zu gerne immer noch mehr wissen.

Weitere Angaben zur Biographie:

Heinz Ohff

Der grüne Fürst
Das abenteuerliche Leben des Hermann Pückler-Muskau

Piper Verlag


Meine Eindrücke zur Ausstellung  „Parkomanie – Die Gartenlandschaften des Fürst Pückler“ findet Ihr hier auf meinem Buch-Blog GeschichtenAgentin.


Noch ein Exzentriker mit einer Leidenschaft für Landschaftsgärten: Lord Findlater