Ich will den Plot-Plan sehen! Die Glocke von Whitechapel

Es ist wohl eine Folge des Literaturcamp Heidelbergs, dass mich bei einem Roman immer häufiger nicht nur die Geschichte, sondern auch das Handwerk dahinter interessiert. In einigen Sessions dort haben Autoren von ihrer Arbeit erzählt. Das nächste Mal muss ich mir unbedingt einen Vortrag zum Thema plotten anhören. Wie behalten Autoren eigentlich den Überblick über die Handlungsstränge? Daran, dass ich darüber mehr wissen will, ist wiederum Ben Aaronovitch schuld. Seine Serie um Peter Grant, Zauberlehrling und Detective Constable in London, begann fulminant, ging pfiffig weiter und verlor sich dann in Nebenhandlungen, deren Sinn sich mir und anderen Lesern nicht erschloss. Offensichtlich war der Autor nicht mehr so ganz Herr seines eigenen Plots. Mit dem Spin-off »Geister auf der Metropolitan Line« schöpfte ich wieder Hoffnung. Der Kurzroman hatte alles, was mich in der Anfangsphase der Serie begeisterte und war ein guter Grund, zum neuen Band »Die Glocke von Whitechapel« zu greifen. Die Glocke von Whitechapel Und…

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Atlas der ungezähmten Welt.

Es gibt Menschen, die können sich in Landkarten vertiefen wie in Bücher. Ich gehöre da eigentlich nicht dazu – außer, es handelt sich um eine historische Karte von einer Gegend, die ich kenne. Dann wird auch für mich eine Landkarte zu mehr als einem Handwerkszeug, das mir hilft, von A nach B zu kommen. Dann erzählt auch mir eine Karte Geschichten. Es waren also nicht die Karten, die mich zu den beiden Büchern aus dem Brandstätter Verlag haben greifen lassen. Es war die Neugier auf die Welt. Atlas der ungezähmten Welt Beim »Atlas der ungezähmten Welt« stehen für mich die Geschichten im Vordergrund, doch es braucht die Karte, damit ich mir Abgeschiedenheit, Schroffheit, Unwegsamkeit vorstellen kann. Extrem, verwildert, unberührt, isoliert oder rätselhaft sind die Gegenden, über die Chris Fitch schreibt. Ich bezweifel, dass er sie alle selbst bereist hat. Aber darum geht es auch nicht, sondern um die Reisen, die wir nur mit dem Finger…

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Der Hindu-Tempel. Ein Standardwerk, leider untergegangen

Ist es überhaupt sinnvoll, über Bücher zu bloggen, die es nicht mehr gibt? Im Falle von George Michells »Der Hindu-Tempel. Baukunst einer Weltreligion« kann ich nur sagen: Fundiert und umfassend – mehr Informationen über Geschichte, Architektur und Bedeutung der hinduistischen Tempel werdet ihr nirgendwo anders in deutscher Sprache in so kompakter Form finden. Einen Grundkurs in indischer Geschichte bekommt ihr noch dazu. Und nun fröhliches Suchen – das Buch ist vergriffen. Vergriffen heißt: Das Buch wird nicht mehr aufgelegt, der Verlag hat es nicht mehr auf Lager. Am besten Mal in der Bibliothek schauen. Oder vielleicht kann die Fernleihe der Uni-Bibliotheken noch ein Exemplar besorgen? Gerade bei einem Thema wie Kunstgeschichte kann das gut sein. Ungefähr das habe ich jahrelang meinen Kunden in der Buchhandlung erzählt. Heute heißt vergriffen lediglich: Schau mal bei Booklooker, Medimops und Co. Die Chance, dass irgendein Antiquariat in Deutschland noch ein Exemplar vorrätig hat, ist groß. Mit Booklooker wird das…

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Erzähl mir eine Schauergeschichte: Der magische Wald – Bildkarten

Schauergeschichten erzählen mit Bildkarten: der magische Wald. Diese 20 Bildkarten lassen sich beinahe unendlich miteinander kombinieren. Wie auch immer du sie hinlegst, sie passen wie durch Zauberei stets zueinander, sodass sie zusammenhängende Szenen ergeben und dir unzählige Möglichkeiten bieten, Geschichten zu erfinden. Durchquere eine verzauberte Landschaft, die von feuerspeienden Drachen, magischen Einhörnern und finsteren Gestalten bewohnt wird, und lass deiner Fantasie freien Lauf! Wohin wird dich deine Geschichte führen? Insgesamt gibt es über 2 Trillionen Möglichkeiten, mit den Bildkarten Geschichten zu erzählen. Wenn alle Teile verwendet werden, wird deine Geschichte 1,70 m lang.

Trillionen ist ein Begriff, den ich eher selten verwende. Doch 20 Bildkarten ergeben über 2,4 Trillionen Möglichkeiten, eine Geschichte zu erzählen – und wenn wir dafür das Karten-Set »der magische Wald« verwenden, wird jede davon schaurig sein. Wer sich von der Fülle an Möglichkeiten überfordert fühlt, greift zur Spielanleitung. Alle anderen fabulieren von den Karten geführt frei darauf los: Führt der Weg tiefer in den Wald oder heraus? Gehört das Pferd einem Vagabunden, einem Ritter oder einer Kräuterhändlerin? Verwandelt sich der Mann in einen Werwolf oder gerade wieder zurück? Sieht der Oger, worauf er tritt? Und vor allem: Wie wird das enden? Alle Karten können nahtlos an einander gelegt werden – das Bildmotiv passt immer. Allein das fasziniert mich bereits: Wie entwirft ein Grafiker eine solche Bilderfolge? Die Illustrationen fangen die dunklen Seite der Märchen ein. Der magische Wald ist ein düsterer Ort, voller Fabelwesen und Abenteuer, die nur darauf warten, erzählt und überstanden zu…

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William Gibson – Peripherie

Mit Peripherie macht es William Gibson dem Leser nicht einfach. Sogar wenn man frühere Bücher wie Neuromancer und Mustererkennung kennt, fällt der Einstieg diesmal nicht leicht. Die Welt ist eine andere, die Technik wirkt noch weniger vertraut. Nichts wird erklärt – keine Fachbegriffe, keine handelnden Personen und schon gar keine Zusammenhänge. Überraschenderweise gibt es jedoch auf den ersten 100 Seiten ungewohnt viel Witz. Das hilft dran zu bleiben. Doch warum soll es uns Lesern besser ergehen als den Protagonisten? Weder die toughe Kleinstadt-Gang noch die Superreichen verstehen die Situation, die sich aus einem Mord ergeben hat. Flynne, eine für Gibson typische Heldin, ist die einzige Zeugin und wird damit zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Zusammen mit ihr tasten wir uns voran. Doch auch das wird sich als falsche Fährte herausstellen: Niemand in diesem Buch versteht die Technik, die eingesetzt wird, so wirklich. Jeder ist von den Zusammenhängen überfordert, handelt aber trotzdem. Karma pur –…

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Das ist das Bauhaus!

Das ist das Bauhaus! 50 Fragen - 50 Antworten

Klug konzipiert, gut geschrieben, genial illustriert und zudem noch eine Meisterleistung der Buchherstellung: „Das ist das Bauhaus!“ In 50 Fragen und Antworten führt uns Gesine Bahr durch die Welt des Bauhaus und erklärt uns das Konzept, die Philosophie und die weltweiten Auswirkungen der Design-Schule. Unterstützt wird sie dabei von Halina Kirschner, deren Illustrationen die Schwerpunkte der Kapitel ins Rampenlicht rücken. Auch andere Bauhaus-Bücher versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen. Aber die Herangehensweise von „Das ist das Bauhaus!“ sticht aus der Flut an Neuerscheinungen heraus. Dank klug gewählter Fragen beleuchten Autorin und Illustratorin das Bauhaus aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und verschaffen dem Leser damit einen umfassenden Überblick. Gerade für Leserinnen wie mich, die mit einem bunten Sammelsurium an Wissensbruchstücken und Anekdoten zum Thema Bauhaus in das Buch starten, erweist sich dieses Konzept als genial. Dieses Buch kuratiert in meinem Gehirn meine bunt zusammengewürfelte Sammlung aus Wissensschnipseln zu einer strukturierten Bauhaus-Ausstellung, die sowohl Künstlerbiographien, politisches Umfeld, Architektur-…

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Haben Bilder ein Eigenleben?

Was will mir das Bild sagen? Also nicht: was bedeutet es? Auch nicht: was hat sich die Fotografin dabei gedacht? Sondern ganz direkt: was will dieses Bild von mir? Die Fragestellung war mir sympathisch, erschien sie mir doch wie eine gute Weiterführung meiner Methode, mir Kunst anzuschauen. Wenn ich mich frage „Berührt mich dieses Bild oder diese Skulptur?“ dann begebe ich mich ja bereits in einen Dialog mit dem Kunstwerk selbst. Der Gedanke, dass Bilder Reaktionen von uns herausfordern und ein Eigenleben besitzen, gefiel mir. Doch das Buch und ich, wir kamen nicht zusammen. Mitchell schreibt für Menschen, die sich in der Medientheorie bestens auskennen. Nur wer die Theorien vor Mitchell kennt, kann seinen Gedankengängen folgen. Dann macht es auch sicherlich Spaß, ihm beim Denken und Theorien entwickeln zu folgen. Ich als interessierter Laie mit gelegentlichem Hang zum Nerdtum hingegen bin ausgestiegen. Lektüre abgebrochen. Auf die Frage, was dieses Buch eigentlich von mir will, kann…

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Kick-Ass-Woman neu definiert

Ein Fantasy-Roman, in dem Hacker und Dschinn vorkommen – wie soll das funktionieren? Die Frage, die mich vor der Lektüre beschäftigte, hätte ich mir sparen können. G. Willow Wilson führt die Dschinn nicht groß ein. Sie lässt auch nicht zwei Welten aufeinander prallen. Es passiert einfach. Wenn Dschinn im Koran eine Rolle spielen, dann spielen sie auch in einer Gegenwart, die vom Koran geprägt wird, eine Rolle. Genauso wie Computer, soziales Ungleichgewicht, Hacker, Schriftgelehrte, das Freitagsgebet, Sittlichkeit, staatliche Überwachung, Verliebtheit und die Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben wollen. Was ich zum Glück nicht wusste Eigentlich war es ein Glücksgriff, dass ich im Vorfeld nichts über den Fantasyroman wusste, außer, dass er den World Fantasy Award gewonnen hatte. Ich hatte das Buch einfach bei meiner letzten Medimops-Bestellung mitgeordert, um die portofreie Lieferung zu erreichen. Ihr kennt das. Hätte ich gewusst, dass G. Willow Wilson für eine Revolution im Marvel-Universum verantwortlich war –…

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Richtig gendern. Vorsicht, Reizwort! (aber nicht für mich)

Mit Sprache beschreiben wir nicht nur die Welt, wir gestalten sie auch. Wenn ich möchte, dass sich die Welt ändert – und das will ich – dann ist ein Schritt zum Ziel, meinen Sprachgebrauch kritisch zu überprüfen. Eine gerechtere Sprache ist ein kleiner Baustein, der dazu beiträgt, Artikel 3 des Grundgesetz umzusetzen. Um so erstaunlicher, was für einen Aufschrei geschlechtergerechte Sprache verursacht! Dabei ist es sehr wohl möglich, Texte zu gendern, ohne dass der Lesefluss ins Stocken gerät. Es ist alles nur eine Frage des Könnens und Wollens – bei beidem hilft dieses Buch. Gewohnheit, du träges Tier Für meinen Geschmack nutze ich selbst geschlechtergerechte Sprache nicht konsequent genug. Warum? Es ist die Macht der Gewohnheit. Schnell einen Text runterschreiben und auf veröffentlichen klicken – das ist meine Art, Blogbeiträge zu verfassen. So kommt es, dass ich mich immer mal wieder aus alter Gewohnheit selbst als Blogger oder Leser bezeichne. Korrekt ist das nicht, denn…

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Rabenvater Staat – Plädoyer für einen Neustart in der Familienpolitik

Jenna Bejhrends - Rabenvater Staat. Plädoyer für einen Neustart in der Familienpolitik. Sachbuch. DTV Verlag

Flickwerk ist noch eine beschönigende Bezeichnung für all die Gesetze, die Eltern und Kinder betreffen. Manches wie das Ehegatten-Splitting stammt aus einer längst vergangenen Zeit, anderes wurde erlassen, um eine bestimmte Wählerklientel zu bedienen. Einiges ist schlicht und einfach unlogisch – so wie 19% Mehrwertsteuer auf Windeln zum Beispiel. Ganz chaotisch wird es bei der Frage, wer in Patchwork-Familien für welches Kind welche Entscheidung treffen darf. Jenna Behrends analysiert dieses Kuddelmuddel kenntnisreich und detailliert. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, in der Vereinbarkeit möglich ist. Dabei hat sie die tatsächlichen Lebenswelten von Eltern im Blick: Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, berufstätige Eltern oder Beziehungen, in denen ein Partner wegen der Kinder kürzer tritt – sie alle brauchen Unterstützung. Familie ist, wo Kinder sind Jenna Behrends verwendet diese schlichte Definition, die einfach alle Formen des menschlichen Zusammenlebens umfasst. Im Weltbild der CDU wäre das ein riesiger Fortschritt, dem ich applaudieren würde. Doch nach dieser Definition lebe ich nicht in…

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Für immer in Pop

Martin Büsser habe ich spät entdeckt – dafür dann um so heftiger lieben gelernt. Der Plan steht: ich will alles von ihm lesen. Wenn ich allerdings jedes Buch so genüsslich zelebriere und mir während des Lesens alle seine Musiktipps anhöre – dann wird das noch Jahre dauern! Martin Büsser hat sich durch die Musikgeschichte abseits des Mainstreams geschrieben. Leidenschaftlich empfahl er Bands, die es nie ins Radio schafften. Er stellte Zusammenhänge her, analysierte musikalische Strömungen, Moden und Jugendbewegungen. Was er aber vielen Nerds voraus hatte: er hat stets so geschrieben, dass seine Begeisterung begreifbar wird. Auch ohne Vorkenntnisse kann man ihm nicht nur folgen, man liest auch all seine Texte mit Spaß und Erkenntnisgewinn. Selten war das Angebot an undogmatischer, nonkonformer Musik so groß wie in den letzten Jahren. … die derzeit spannendste Musik ist zwar jederzeit verfügbar, obwohl kein Radiosender die mehr spielt und obwohl kein Musikmagazin mehr über sie schreibt. Martin Büsser –…

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50 Tage in Brooklyn

Stephanie Hanel: 50 Tage in Brooklyn. Im Hintergrund das erste Buch: 100 Tage hier & 100 Tage dort

Was folgt nach dem großen Tag, der so viel im Leben verändert? Stephanie Hanel ist diese Frage in ihrem ersten Buch schon klug angegangen. Der große Tag ist der Umzug der Familie von Deutschland nach New York. Doch in 100 Tage hier & 100 Tage dort liegt dieser Tag in der Mitte der Erzählung. So kann der Leser viel besser in den Tagebuch-Einträgen verfolgen, welche Veränderungen Abschied nehmen und ankommen im Leben der Familie bewirken. Doch was kommt dann? Ich habe mich sehr gefreut, dass sie uns jetzt mit 50 Tage in Brooklyn an den weiteren Entwicklungen teilnehmen lässt. Was auf das Ankommen im neuen Land folgt? Auf den großen Schritt über den Teich folgen viele kleine. Ein Sich-im-Alltag-zurechtfinden. Und manchmal ein Gefühl von weder hier noch dort. Eben all das, was mir in den eher euphorischen Erzählungen von Freunden, die eine Weile im Ausland gelebt haben, gefehlt hat. In diesem Buch habe ich es…

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