Plötzlich Kaiser: Macht und Intrigen am Hof

Ich habe ihn gefunden, den einen Fantasy-Roman, der (fast) ohne Brutalität, Gewalt und ganz ohne Schlachtengetümmel daher kommt: „Der Winterkaiser“ von Katherine Addison ähnelt einem Kammerspiel. Als bei einem Unglück der Kaiser und seine Thronfolger ums Leben kommen, findet sich Maia, der ungeliebte Sohn des Kaisers, auf einmal auf dem Thron wieder. Allerdings wuchs er in der Verbannung auf und hat weder Ahnung vom Leben am Hof noch von Politik und den Aufgaben eines Kaisers. Aus diesem Setting entwickelt Katherine Addison einen hinterlistigen, stellenweise vergnüglichen Roman um einen jungen Mann, der versucht seinen Platz im Leben zu finden, und um Frauen, die zeigen wollen, dass sie mehr können als heiraten. An Tiefe gewinnt der Roman, weil Maia Sohn eines Elfenkönigs und einer Kobold-Prinzessin ist. Rassismus, Emanzipation und die Frage nach einer gerechten Gesellschaftsform sind Themen, die Katherine Addison geschickt in die Handlung einbindet, ohne sie groß in den Vordergrund zu stellen. Das war genau das Richtige für den Start in meinen Lese-Urlaub! Hier bei „Papier und Tintenwelten“ findet ihr eine ausführliche Rezension mit mehr Infos…

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Die Insel der besonderen Kinder. Oder: was ist ein leicht zu lesendes Buch?

Wenn ich Rezensionen zu Fantasy-Büchern lese, wundere ich mich manchmal, was Leserinnen und Leser als „schwer zu lesen“ bezeichnen. Mal sind die Namen zu kompliziert, mal die Kapitel zu lang, mal gibt es zu viele Rückblenden oder Zeitsprünge. Diese Kritikpunkte können handwerkliche Mängel benennen. Doch fast immer sind es einfach nur stilistische Besonderheiten, die mich beim Lesen nicht ausbremsen würden. Daran musste ich denken, als ich „Die Insel der besonderen Kinder“ las. Dieses Buch macht nämlich im Sinne dieser Rezensenten alles richtig. Es lässt sich verschlingen, in einem Rutsch durchlesen und man kann tief in die geheimnisvolle, gruselige Welt eintauchen. Das sehe ich auch so. Obwohl Grusel oder Mystery nicht gerade zu meinen bevorzugten Genres zählen, hat mich das Buch gut unterhalten. Doch vor allem hat es mir vor Augen geführt, was andere Leser:innen meinen können, wenn sie sagen, dass diese Geschichte sich gut liest. Bin ich hier im Kino? Oder: was zeichnet ein leicht zu lesendes Buch aus. Straight herunter erzählte Handlung. Ausreichend Action im Wechsel mit ruhigeren Passagen. Charaktere, die exakt so viel…

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Der Sommer der Wildschweine – und der Gedanken

Wann soll man seinen Gedanken freien Lauf lassen, wenn nicht im Urlaub? Genau das macht Leo. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ist sie mit ihren Mann in Urlaub gefahren. In den Süden Frankreichs, ins Languedoc. Wohin auch sonst, wenn es sich um einen Roman von Birgit Vanderbeke handelt. Die ersten Tage sind noch nah am Alltagsleben von Solo-Selbstständigen, denen immer die Angst vor der nächsten Wirtschaftskrise im Nacken sitzt. Sie arbeiten, halten online Kontakt mit Auftraggebern und Kunden, mit ihren erwachsenen Kindern und dem Weltgeschehen. Dann kommt ein Sommergewitter. Straße, Wasser, Strom und Internet – alles weg für drei Tage. Währenddessen streifen Lous Gedanken durch das Leben und die Welt. Stricken und Umweltkrise, Familiengründung und Weltwirtschaft, Keyword-Texte und Gespräche mit lieben Menschen: Was wie eine wirre Aneinanderreihung einer Frau, die sehr viel Zeit online verbringt, wirkt, hat System. Denn alles ist mit allem verbunden und selbst so etwas privates wie die Wahl des richtigen Strickgarns ist politisch. Doch bevor ich diese Struktur verstanden hatte, hatte mich schon der Rhythmus der Sprache für das…

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Leben auf dem Dorf – gestern und heute

In Deutschland leben rund 30% der Menschen in Großstädten über 100.000 Einwohner und rund 50% im ländlichen Raum. Die gleiche Statistik anders erzählt: 77 Prozent der Menschen leben in Deutschland in Städten oder Ballungsgebieten, aber nur 15 Prozent in Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern. Das wäre ein Einstieg in die Rezension des erschlagend gründlichen und trotzdem gut lesbaren Sachbuchs „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute.“ Ein anderer wäre, von den beiden besten öffentlichen Bücherschränken zu erzählen, die ich kenne. Der eine steht nahe Mannheim, aber in ländlicher Struktur. Der andere im Odenwald in einem Dorf, das bei rund 4000 Einwohnern auf über 50 aktive Vereine kommt. Bei beiden Bücherschränken habe ich den Eindruck, dass sie nur so gut funktionieren, weil sich die Menschen vor Ort stärker für ihre Gemeinde engagieren. Dorf, das ist für Stadtkinder wie mich meist auch ein Sehnsuchtsort. Der Gegenspieler der Sehnsucht lautet Angst vor Kleingeistigkeit und zu engem Horizont. Aber ist das so? Wie lebt es sich heute auf dem Dorf? Haben Dörfer noch eine wirtschaftliche Bedeutung…

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Ein Buch, das gegen Provence-Weh und Frankreich-Vermissung hilft

In einem Jahr, in dem das Nachbarland Frankreich unerreichbar schien, habe ich mich mit dieser Anthologie getröstet: Provence fürs Handgepäck. Es hat gewirkt! Nicht nur, dass dieses Buch mein Fernweh gemildert hat – ich bin dadurch auch mal wieder durch Genre und Epochen gestreunt, die sonst nicht den Weg auf meinen Lesestapel finden. Klassiker wie Stendhal und Daudet, Plauder-VIPs wie Günter Sachs und natürlich Peter Mayle, dessen Bücher ich immer nur erfolgreich in der Buchhandlung verkauft, aber nie gelesen habe. Nur den Handke, den hätte es für mich nicht gebraucht. Diese mutwillige Unrhythmik, dieses reingrätschen in Satzstrukturen. Nur, weil er es kann und die Leserin seinem Genie zu folgen hat. Brauche ich nicht. Gestört hat es mich aber nicht, denn es war genug Schönes da. Lavendeliges und Honigsüßes genau wie Herbes und vom Mistral Vorangetriebenes. Landleben und mondäne Strandpromenaden, Berge und Meer. Jede Facette kann für sich alleine stehen und alle zusammen haben sich für mich wirklich so angefühlt, wie ich die Provence erlebt habe. Es wird Zeit, den nächsten Aufenthalt zu planen! Oder die…

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Lebensraum Wiese – Sachbuch-Tipp

Wenn man eine Wiese mit den Augen von Jan Haft betrachtet, gleicht sie einem Miniaturdschungel. Ein Universum mit einer Vielzahl an Gräsern und Kräutern, Insekten und Bodenlebewesen und kleinen Säugetieren. Darüber am Himmel kreist der Mäusebussard. Doch solche Wiesen sind selten geworden. Mir war zwar bewusst, dass eine Wiese den Menschen braucht. Ohne Mahd verbuscht sie und wird zu Wald. Aber warum das so ist, was große, längst ausgestorbene Tiere damit zu tun haben und warum Dünger zu einem Verlust von Artenreichtum führt, das habe ich erst mit dem Buch so richtig verstanden. Was wir heute kennen, sind Rasenflächen mit Gänseblümchen, Kuhweiden voller Löwenzahn oder Blühstreifen am Feldrand. Warum all das ein netter Anblick, aber kein Ersatz für eine artenreiche Wiese ist, erklärt Jan Haft mit Nachdruck und Begeisterung. Tief in ihm drin steckt immer noch der kleine Junge, der über die Wiesen am Haus gestreift ist und Tiere beobachtet hat. Diese Leidenschaft lebt er mittlerweile als Naturfilmer aus. Schade nur, dass Jan Haft als Autor eine stilistische Eigenheit hat, die mich als Leserin auf…

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Die Natur der Zukunft – wie wird sie aussehen?

In der Natur der Zukunft zählt der Kuckuck zu den Verlierern. Als Zugvogel orientiert er sich an den Taglängen. Doch was sich Jahrhunderte lang bewährt hat, wird im Klimawandel zum Problem. Wenn der Kuckuck jetzt aus dem Winterquartier zurückkommt, brüten seine Wirtsvögel schon längst und er kann ihnen keine Eier mehr unterschieben. Denn die Vögel, die hier überwintern, orientieren sich am Nahrungsangebot. Milde Winter bringen es mit sich, dass es früher Insekten gibt, mit denen man die Jungen füttern kann. Also wird eher gebrütet! Das ist noch ein relativ einfaches Beispiel für die Verwicklungen, die ein sich erwärmendes Klima mit sich bringt. Doch egal, wie komplex die Sachlage ist: Bernhard Kegel erklärt alles. Wirklich alles. Seine spezielle Mischung aus Storytelling, eigenen Beobachtungen und wissenschaftlichen Studien sorgt dabei nicht nur für Anschaulichkeit. Bernhard Kegels Sachbücher sind spannend und erzeugen einen Lesefluss, bei dem manch ein Roman nicht mithalten kann. Ein klein wenig ist ihm diesmal die Lust am Geschichtenerzählen abhandengekommen. So viele Studien hat er noch nie zitiert. Zu ernst ist die Lage. Einen solch massiven…

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Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr. Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat. Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre…

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Punk und New Wave in Deutschland. Wie alles begann.

War ich die Letzte meiner Generation, die das Buch noch nicht gelesen hatte? Und dass, obwohl Punk und New Wave mein Erwachsenwerden geprägt haben? Und ich heute hauptsächlich Musik höre, die ohne die Pionierarbeit von deutschen Musikern und Musikerinnen wie FM Einheit und Peter Hein, Gudrun Gut und Annette Humpe ganz anders klingen würde? Und ohne Aufklärungsarbeit von Journalisten wie Diedrich Diederichsen anders gedacht werden würde? Andererseits schadet es überhaupt nichts, den Doku-Roman „Verschwende deine Jugend“ 20 Jahre nach Erscheinen und gut 30 Jahre nach dem eigenen Erwachsenenwerden zu lesen. Letzteres ist natürlich nur ein Schätzwert. Ich hatte schon immer ein Talent für spontane, aufrichtige Begeisterung, war aber nie ein Fan-Girl, das Band-Besetzungen hätte herunterbeten können. Heute bin ich schon froh, wenn mir der Name der Band einfällt. Da haben wir es schon wieder: es ist kaum möglich, über dieses Buch zu bloggen, ohne zu überlegen, wie sich das eigene Erleben von Musik im Laufe der Jahrzehnte geändert hat. Trotzdem ist der Doku-Roman eines ganz sicher nicht: sentimental. Dafür sorgt ein handwerklicher Kniff. Jürgen Teipel…

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Lazy Confessions. Sammelband mit Texten von Martin Büsser.

Autonom, emanzipatorisch, analytisch: Für mich sind Martin Büssers Texte Suchscheinwerfer, die vom Tellerrand in alle Richtungen leuchten. Ein Autor, von dem ich alle paar Monate etwas lesen MUSS. Dabei packt mich jedes Mal der blanke Neid: Ich will so schreiben, so kritisieren können! Weil ich auf meinem Blog schon häufiger von meiner Faszination für Büssers Kritiken und Texte berichte habe – nämlich hier, hier und hier – gibt es zum gerade ausgelesenen Buch „Lazy Confessions. Artikel, Interviews und Bekenntnisse aus zwei Jahrzehnten.“ nur Zitate: Gegenüber Jim Morrison und Johnny Rotten klingen die Sprachen von Blumfeld und den Goldenen Zitronen plötzlich wie das, was früher als Lyrik bei Suhrkamp erschien, während Suhrkamp mit Rainald Goetz eine Prosa veröffentlicht, die auf ihre Weise gerne wieder so authentisch wie Jim Morrison wäre. Die Sprechweisen der Popkultur. Zum Problem der Vermittelbarkeit. Erschienen in kritische Ausgabe 5/2000. Aus Lazy Confessions – Sammelband mit Texten von Martin Büsser. Ich finde, das ist genauso ätzend wie exakt! Genau hier könnte ein neues Kapitel beginnen, eines, das danach fragt, ob es sich bei…

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BUNG – Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister

Die meisten Bücher, die ich auf meinen Blogs bespreche, sind in mittelgroßen oder kleinen Verlagen erschienen. Bei dem Jugendbuch BUNG, dass ich als Überraschungspost in meinem Briefkasten fand, verhält es sich anders. Dieses Buch gibt es als kostenlosen Download auf der Website der Herausgeber UND als Kauf-Version bei epubli. Ja, so habe ich auch geguckt. Doch sobald ich jemanden entdecke, der den Vertrieb von Büchern anders denkt, schaue ich genauer hin. Bei BUNG fand ich einen überraschend konstruierten Fantasy-Roman für Jugendliche, ein interessantes Kollektiv statt eines Verlags und einen Beweis, dass mein Blog gelesen wird. Aber der Reihe nach. BUNG 1 – Vampire, Vampire! Fünf Freunde bilden eine Bande und versuchen, hinter dem Rücken der Erwachsenen Missstände wieder in Ordnung zu bringen. Was wie ein Standard-Motiv für Jugendbücher klingt, kommt hier mit einem erfrischenden Dreh daher. Die Abkürzung BUNG steht für „Bund zum Schutz der Unterweltbewohner, Nachtwesen und Geister“. Dementsprechend warten sowohl die fünf Freunde als auch die zu rettenden Tiere mit einigen Überraschungen auf. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, denn jeder Hinweis auf…

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Sind Bananen schlimm? Über 100 konkrete Beispiele für unseren CO2-Abdruck

Was ist besser für Umwelt und Klima: Apfel oder Banane? Papierhandtuch oder Händetrockner? E-Book oder gebrauchtes Taschenbuch? Wer sich jetzt denkt „Woher soll ich das wissen?“ dem empfehle ich das Sachbuch „Wie schlimm sind Bananen? Der CO2-Abdruck von fast allem.“ Allen anderen empfehle ich das Buch erst recht. Mike Berners-Lee, Autor von „Es gibt keinen Planet B.“, gibt uns mit seinem Buch Entscheidungshilfen für das alltägliche Leben an die Hand. Seine Herangehensweise stellt, da er sämtliche Berechnungen transparent macht, die Leser zufrieden, die alles selbst nachprüfen wollen. Gleichzeitig sind seine Erklärungen eine große Hilfe für Menschen wie mich, die einfach nur schnell zu vernünftigen Konsumentscheidungen kommen wollen. „Ich wollte helfen, dass wir einen CO2-Instinkt entwickeln“ schreibt Mike Berners-Lee in seinem Vorwort. In meinem Fall ist ihm das gelungen! Beim Lebensmitteleinkauf kann eine Checkliste für vernünftigere Kaufentscheidungen zum Beispiel so aussehen: Kam es mit dem Flugzeug? Ist es industriell verarbeitet? Wurde es lange im Kühlhaus gelagert? Einfache Fragen, die ich schnell vor Ort im Laden überprüfen kann. Schon wird klar, dass der Bodensee-Apfel weit außerhalb der…

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