William Gibson – Peripherie

Mit Peripherie macht es William Gibson dem Leser nicht einfach. Sogar wenn man frühere Bücher wie Neuromancer und Mustererkennung kennt, fällt der Einstieg diesmal nicht leicht. Die Welt ist eine andere, die Technik wirkt noch weniger vertraut. Nichts wird erklärt – keine Fachbegriffe, keine handelnden Personen und schon gar keine Zusammenhänge. Überraschenderweise gibt es jedoch auf den ersten 100 Seiten ungewohnt viel Witz. Das hilft dran zu bleiben. Doch warum soll es uns Lesern besser ergehen als den Protagonisten? Weder die toughe Kleinstadt-Gang noch die Superreichen verstehen die Situation, die sich aus einem Mord ergeben hat. Flynne, eine für Gibson typische Heldin, ist die einzige Zeugin und wird damit zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Zusammen mit ihr tasten wir uns voran. Doch auch das wird sich als falsche Fährte herausstellen: Niemand in diesem Buch versteht die Technik, die eingesetzt wird, so wirklich. Jeder ist von den Zusammenhängen überfordert, handelt aber trotzdem. Karma pur –…

weiterlesen

Das ist das Bauhaus!

Das ist das Bauhaus! 50 Fragen - 50 Antworten

Klug konzipiert, gut geschrieben, genial illustriert und zudem noch eine Meisterleistung der Buchherstellung: „Das ist das Bauhaus!“ In 50 Fragen und Antworten führt uns Gesine Bahr durch die Welt des Bauhaus und erklärt uns das Konzept, die Philosophie und die weltweiten Auswirkungen der Design-Schule. Unterstützt wird sie dabei von Halina Kirschner, deren Illustrationen die Schwerpunkte der Kapitel ins Rampenlicht rücken. Auch andere Bauhaus-Bücher versuchen, uns einen Überblick zu verschaffen. Aber die Herangehensweise von „Das ist das Bauhaus!“ sticht aus der Flut an Neuerscheinungen heraus. Dank klug gewählter Fragen beleuchten Autorin und Illustratorin das Bauhaus aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und verschaffen dem Leser damit einen umfassenden Überblick. Gerade für Leserinnen wie mich, die mit einem bunten Sammelsurium an Wissensbruchstücken und Anekdoten zum Thema Bauhaus in das Buch starten, erweist sich dieses Konzept als genial. Dieses Buch kuratiert in meinem Gehirn meine bunt zusammengewürfelte Sammlung aus Wissensschnipseln zu einer strukturierten Bauhaus-Ausstellung, die sowohl Künstlerbiographien, politisches Umfeld, Architektur-…

weiterlesen

Haben Bilder ein Eigenleben?

Was will mir das Bild sagen? Also nicht: was bedeutet es? Auch nicht: was hat sich die Fotografin dabei gedacht? Sondern ganz direkt: was will dieses Bild von mir? Die Fragestellung war mir sympathisch, erschien sie mir doch wie eine gute Weiterführung meiner Methode, mir Kunst anzuschauen. Wenn ich mich frage „Berührt mich dieses Bild oder diese Skulptur?“ dann begebe ich mich ja bereits in einen Dialog mit dem Kunstwerk selbst. Der Gedanke, dass Bilder Reaktionen von uns herausfordern und ein Eigenleben besitzen, gefiel mir. Doch das Buch und ich, wir kamen nicht zusammen. Mitchell schreibt für Menschen, die sich in der Medientheorie bestens auskennen. Nur wer die Theorien vor Mitchell kennt, kann seinen Gedankengängen folgen. Dann macht es auch sicherlich Spaß, ihm beim Denken und Theorien entwickeln zu folgen. Ich als interessierter Laie mit gelegentlichem Hang zum Nerdtum hingegen bin ausgestiegen. Lektüre abgebrochen. Auf die Frage, was dieses Buch eigentlich von mir will, kann…

weiterlesen

Kick-Ass-Woman neu definiert

Ein Fantasy-Roman, in dem Hacker und Dschinn vorkommen – wie soll das funktionieren? Die Frage, die mich vor der Lektüre beschäftigte, hätte ich mir sparen können. G. Willow Wilson führt die Dschinn nicht groß ein. Sie lässt auch nicht zwei Welten aufeinander prallen. Es passiert einfach. Wenn Dschinn im Koran eine Rolle spielen, dann spielen sie auch in einer Gegenwart, die vom Koran geprägt wird, eine Rolle. Genauso wie Computer, soziales Ungleichgewicht, Hacker, Schriftgelehrte, das Freitagsgebet, Sittlichkeit, staatliche Überwachung, Verliebtheit und die Frage, in was für einer Welt wir eigentlich leben wollen. Was ich zum Glück nicht wusste Eigentlich war es ein Glücksgriff, dass ich im Vorfeld nichts über den Fantasyroman wusste, außer, dass er den World Fantasy Award gewonnen hatte. Ich hatte das Buch einfach bei meiner letzten Medimops-Bestellung mitgeordert, um die portofreie Lieferung zu erreichen. Ihr kennt das. Hätte ich gewusst, dass G. Willow Wilson für eine Revolution im Marvel-Universum verantwortlich war –…

weiterlesen

Richtig gendern. Vorsicht, Reizwort! (aber nicht für mich)

Mit Sprache beschreiben wir nicht nur die Welt, wir gestalten sie auch. Wenn ich möchte, dass sich die Welt ändert – und das will ich – dann ist ein Schritt zum Ziel, meinen Sprachgebrauch kritisch zu überprüfen. Eine gerechtere Sprache ist ein kleiner Baustein, der dazu beiträgt, Artikel 3 des Grundgesetz umzusetzen. Um so erstaunlicher, was für einen Aufschrei geschlechtergerechte Sprache verursacht! Dabei ist es sehr wohl möglich, Texte zu gendern, ohne dass der Lesefluss ins Stocken gerät. Es ist alles nur eine Frage des Könnens und Wollens – bei beidem hilft dieses Buch. Gewohnheit, du träges Tier Für meinen Geschmack nutze ich selbst geschlechtergerechte Sprache nicht konsequent genug. Warum? Es ist die Macht der Gewohnheit. Schnell einen Text runterschreiben und auf veröffentlichen klicken – das ist meine Art, Blogbeiträge zu verfassen. So kommt es, dass ich mich immer mal wieder aus alter Gewohnheit selbst als Blogger oder Leser bezeichne. Korrekt ist das nicht, denn…

weiterlesen

Rabenvater Staat – Plädoyer für einen Neustart in der Familienpolitik

Jenna Bejhrends - Rabenvater Staat. Plädoyer für einen Neustart in der Familienpolitik. Sachbuch. DTV Verlag

Flickwerk ist noch eine beschönigende Bezeichnung für all die Gesetze, die Eltern und Kinder betreffen. Manches wie das Ehegatten-Splitting stammt aus einer längst vergangenen Zeit, anderes wurde erlassen, um eine bestimmte Wählerklientel zu bedienen. Einiges ist schlicht und einfach unlogisch – so wie 19% Mehrwertsteuer auf Windeln zum Beispiel. Ganz chaotisch wird es bei der Frage, wer in Patchwork-Familien für welches Kind welche Entscheidung treffen darf. Jenna Behrends analysiert dieses Kuddelmuddel kenntnisreich und detailliert. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, in der Vereinbarkeit möglich ist. Dabei hat sie die tatsächlichen Lebenswelten von Eltern im Blick: Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, berufstätige Eltern oder Beziehungen, in denen ein Partner wegen der Kinder kürzer tritt – sie alle brauchen Unterstützung. Familie ist, wo Kinder sind Jenna Behrends verwendet diese schlichte Definition, die einfach alle Formen des menschlichen Zusammenlebens umfasst. Im Weltbild der CDU wäre das ein riesiger Fortschritt, dem ich applaudieren würde. Doch nach dieser Definition lebe ich nicht in…

weiterlesen

Für immer in Pop

Martin Büsser habe ich spät entdeckt – dafür dann um so heftiger lieben gelernt. Der Plan steht: ich will alles von ihm lesen. Wenn ich allerdings jedes Buch so genüsslich zelebriere und mir während des Lesens alle seine Musiktipps anhöre – dann wird das noch Jahre dauern! Martin Büsser hat sich durch die Musikgeschichte abseits des Mainstreams geschrieben. Leidenschaftlich empfahl er Bands, die es nie ins Radio schafften. Er stellte Zusammenhänge her, analysierte musikalische Strömungen, Moden und Jugendbewegungen. Was er aber vielen Nerds voraus hatte: er hat stets so geschrieben, dass seine Begeisterung begreifbar wird. Auch ohne Vorkenntnisse kann man ihm nicht nur folgen, man liest auch all seine Texte mit Spaß und Erkenntnisgewinn. Selten war das Angebot an undogmatischer, nonkonformer Musik so groß wie in den letzten Jahren. … die derzeit spannendste Musik ist zwar jederzeit verfügbar, obwohl kein Radiosender die mehr spielt und obwohl kein Musikmagazin mehr über sie schreibt. Martin Büsser –…

weiterlesen

50 Tage in Brooklyn

Stephanie Hanel: 50 Tage in Brooklyn. Im Hintergrund das erste Buch: 100 Tage hier & 100 Tage dort

Was folgt nach dem großen Tag, der so viel im Leben verändert? Stephanie Hanel ist diese Frage in ihrem ersten Buch schon klug angegangen. Der große Tag ist der Umzug der Familie von Deutschland nach New York. Doch in 100 Tage hier & 100 Tage dort liegt dieser Tag in der Mitte der Erzählung. So kann der Leser viel besser in den Tagebuch-Einträgen verfolgen, welche Veränderungen Abschied nehmen und ankommen im Leben der Familie bewirken. Doch was kommt dann? Ich habe mich sehr gefreut, dass sie uns jetzt mit 50 Tage in Brooklyn an den weiteren Entwicklungen teilnehmen lässt. Was auf das Ankommen im neuen Land folgt? Auf den großen Schritt über den Teich folgen viele kleine. Ein Sich-im-Alltag-zurechtfinden. Und manchmal ein Gefühl von weder hier noch dort. Eben all das, was mir in den eher euphorischen Erzählungen von Freunden, die eine Weile im Ausland gelebt haben, gefehlt hat. In diesem Buch habe ich es…

weiterlesen

Bauhaus-Frauen. So viel Talent, so viele Hindernisse.

Was könnte ich im Bauhaus-Jubiläumsjahr noch über ein Buch wie Bauhaus-Frauen von Ulrike Müller schreiben, was ihr nicht längst schon irgendwo gelesen habt? Ich konzentriere mich daher erst einmal auf das Wesentliche: Das Buch ist gut und ersetzt einen ganzen Stapel an Lektüre. Biographien, Kunstgeschichte, Feminismus – alles drin auf moderaten 160 Seiten. Das Bauhaus war für mich lange eher ein Kuriosum. Was soll an weißen Würfelhäusern besonderes sein? Meine Einschätzung änderte sich, als ich zum ersten Mal in einem der Meisterhäuser in Dessau stand. Dieses Licht! Der Blick nach draußen! Die nächste Annäherung an das Phänomen Bauhaus erfolgte über die Kinderbücher aus dem Seemann Henschel Verlag – die Bauhaus Stadt aus der Reihe habe ich auf meinem Kinderbuchblog vorgestellt. Die Kinderbücher machten es mir einfach, das Bauhaus zu verstehen, weil sie sehr klar das Wesentliche und die innovative Leistung herausarbeiten. Den dritten Zugang fand ich über die Biografien. Über das Leben der Ise Frank…

weiterlesen

Die Aliens sind unschuldig. Das Chaos steckt in uns.

LAGUNE von Nnedi Okorafor. Science Fiction.

Horizonterweiterung. Meine Sachbücher suche ich schon lange danach aus, was sie Neues in mein Leben bringen können. Meine Romane hingegen schon länger nicht mehr. Sie sind eher Fluchtlektüre. Ein Science Fiction mit einem wunderschönen Cover, einer starken Heldin und afrikanischem Hintergrund klang wie eine perfekte Fluchtlektüre. Es kam anders. Bereits nach wenigen Seiten ist klar: Diese Protagonisten verhalten sich nicht so, wie ich es gewohnt bin. Wir befinden uns in Lagos, Nigeria. Das Leben hier funktioniert anders als alles, was ich kenne. Die Tatsache, dass Aliens im Meer vor der Stadt gelandet sind und bleiben möchten, macht es nicht einfacher. Seite für Seite bekomme ich ein Gefühl dafür, wie sich Eurozentrismus für Nicht-Europäer anfühlen muss: diese Erzählung gehorcht Regeln, mit denen ich nicht aufgewachsen bin. Der Rhythmus der Story ist ein anderer. Ungewohnt. Den Begriff exotisch verbiete ich mir bei einem Roman, in dem die Aliens normaler wirken als wir Menschen. Um Chaos und Gewalt…

weiterlesen

Art Nouveau, Secession und Stile Modernista: Schnellkurs Jugendstil

Dumont Schnellkurs Jugendstil - Buch Cover.

Jugendstil fasziniert mich. Aber würde ich so wohnen und leben wollen? Nachdem ich mir in Brüssel, Nancy und Hagen Museen angeschaut habe, die komplette Jugendstil-Inneneinrichtungen ausstellen, lautet die Antwort Nein. Zu sehr hätte ich Angst, die filigranen Vasen und Lampen herunterzuwerfen und zu sehr würde mich die Wohnung als Gesamtkunstwerk in meiner eigenen Kreativität einschränken. Was bewegt Menschen, ihr ganzes Leben einem ästhetischen Prinzip unterzuordnen? Das würde ich gerne verstehen. Deswegen habe ich begonnen, mich einzulesen. Der Schnellkurs Jugendstil aus dem Dumont Verlag ist dafür ein wirklich guter Einstieg. Von der Arts-and-Crafts-Bewegung zum Jugendstil Auf rund 190 Seiten wird aufgezeigt, wie sich der Jugendstil ausgehend von der Arts and Crafts Bewegung in England über ganz Europa verbreitet hat. Es werden die wichtigsten Künstler, Architekten und Designer mit ihren bekanntesten Werken vorgestellt und erklärt, welche besonderen, lokalen Ausprägungen der Jugendstil in den einzelnen Ländern entwickelte. Was ich mir als Nächstes anschauen werde, ist nach dieser Lektüre…

weiterlesen

Drachen, Daoismus und die Sache mit dem Feminismus: Erdsee

Vorkenntnisse können den Einstieg in ein Buch erschweren. Über Erdsee von Ursula Le Guin hatte ich im Vorfeld viel gelesen. Philosophisch und feministisch sollte der Fantasy-Zyklus sein. Ich war gespannt. Die Philosophie fand ich sofort. Den Daoismus habe ich erst später darin erkannt. Den Feminismus hingegen sah ich erst mal nicht. Wie auch, wenn im ersten Band »Der Magier der Erdsee« quasi keine Frauen vorkommen? Eine Fantasy-Geschichte, die sich in Ruhe entwickeln darf Gestört hat mich das nicht, denn der Erdsee-Zyklus ist Fantasy nach meinem Geschmack. Eine Geschichte, die sich entwickeln darf. Helden, die eine Wandlung durchmachen. Eine klug ausgedachte Welt. Kämpfe nur dann, wenn sie für die Handlung nötig sind. Drachen. Spannung, Überraschungen und interessante Charaktere. Aber die Geschichte beginnt in einer reinen Männerwelt. Erst im zweiten Band erscheinen Frauen. Doch ihre Welt ist eher noch restriktiver als die Gesellschaft der Magier. Erst das Aufeinanderprallen von Ged, dem Magier, und Tenar, der Priesterin, bringt…

weiterlesen