Feministische Musikgeschichte: Die Rache der She-Punks – Buch und Playlist

Buch von Vivien Goldman: Die Rache der She-Punks. Das Cover zeigt ein ikonisches Foto von Debbie Harry of Blondie, Viv Albertine - The Slits, Siouxsie Sioux, Chrissie Hynde - The Pretenders, Poly Styrene - X-Ray Spex  und Pauline Black - The Selector

Habe ich das Buch nun ausgelesen oder ausgehört? Wie zuletzt beim Punk-Roman von Tijan Sila habe ich auch »Die Rache der She-Punks« gleich mit einer Spotify-Playlist genossen. Vivien Goldman stellt jedem Kapitel eine thematisch passende Auswahl an Songs vorneweg: Girly Identity, Geld, Love/Unlove und Protest. Nette Menschen habe daraus Playlists kuratiert, was das Lesevergnügen enorm erhöht.

Ja, dieses Buch macht Spaß. Vivien Goldman erzählt lebendig, geradezu quirlig. Sie weiß genau, wann eine Anekdote das beste Mittel ist, eine Aussage zu unterstreichen. Sie vermittelt immer im passenden Moment theoretisches Hintergrundwissen zum Feminismus, zu Kreativität und zur Musikbranche. Aber vor allem gibt sie den Musikerinnen Raum und lässt sie erzählen. Denn Vivien Goldman kennt sie alle: Poly Styrene, Chrissie Hynde, Blondie, aber auch ESG, Neneh Cherry und Maid of Ace und Skinny Girl Diet. Also nicht nur die Heldinnen der ersten Stunde, sondern auch die, die folgten. Und nicht nur die, die Punk im Sinne von »3,2,1 Krach« spielen, sondern auch die, die mit der punkigen DIY-Haltung Musik machen. Und nicht nur die, die wir in Europa wahrgenommen haben, sondern zum Beispiel auch Bands aus Indien und Latein-Amerika.

Die große Überraschung an dem Buch sind die Querverbindungen, die Vivien Goldman findet. Mal in der musikalischen Herangehensweise, mal in den Bedingungen, unter denen die Musik entsteht oder im Ziel des Protests. Da wird schon deutlich, warum die Autorin den Spitznamen »Punk-Professorin« trägt. Sie verbindet das Musikwissen eines Nerds mit einem klugen Blick auf weibliche Realitäten und der klaren Mission, Frauen zu ermutigen, ihr Ding zu machen. Eindeutige Lese- und Hör-Empfehlung!


Infos zum Buch:

Vivien Goldman
Die Rache der She-Punks
Eine feministische Musikgeschichte von Poly Styrene bis Pussy Riot

Aus dem Englischen übersetzt von Vojin Saša Vukadinovic

Ventil Verlag

Und wenn ihr schon mal im Online-Shop des Ventil Verlags stöbert, werft noch einen Blick auf diese Bücher:

Punk as F*ck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive.

Riot Grrrl Revisited.
Oder lest hier meine Rezension.

Our Piece of Punk.
Meine Meinung zum Buch hier


Noch mehr Krach:

Frauen Literatur. 1986 schon (m)ein Thema – und heute?

Frauen Literatur. Das Buch von Nicole Seifert zusammen mit den Büchern "Deutsche Dichterinnen" und "Lyrikerinnen aus der DDR"

Eigentlich knüpfe ich mit der Lektüre von »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt« von Nicole Seifert an Themen an, die mich schon vor über 30 Jahren beschäftigt haben. Meine Ausgabe der Anthologie »Deutsche Dichterinnen. Gedichte und Lebensläufe« stammt aus dem Jahr 1986, also noch aus meiner Schulzeit. Sie hat mir die Augen geöffnet.

Genau aus diesem Grund wollte ich »Frauen Literatur« zunächst nicht lesen. Die Erkenntnis, wie wenig sich seit dem geändert hat, ist nichts, was mir einen Leseabend auf der Couch versüßt. Been there, done that – und die Welt ist eben immer noch schlecht.

Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern.

Website Kiepenheuer & Witsch

Doch was für die Universität und für den Literatur-Kanon gilt, greift auch in den Fanzines der Nerds und in der Genre-Literatur. Das war der Grund, das Buch dann doch zu lesen.

Frauen Literatur: Auf einmal handeln die Bücher von mir.

Frauen Literatur. Das Buch von Nicole Seifert zusammen mit dem Buch Grenzwelten von Ursula le Guin

Was für einen Unterschied es für mich macht, wenn Autorinnen ein Genre mitprägen, habe ich in den letzten Jahren im Bereich Science-Fiction und Fantasy erlebt. Beides sind Lese-Vorlieben, die ich für mich ohne groß darüber nachzudenken aufgegeben hatte. Ich fühlte mich mit den Büchern einfach nicht mehr wohl und griff eben zu etwas anderem.

Erst als ich Autorinnen wie Ann Leckie, Theresa Hannig, Nnedi Okorafor, N.K. Jemisin und Ursula le Guin für mich entdeckte, änderte sich das. Auf einmal fand ich mich in den Büchern wieder. Mein Leben, meine Themen, meine Fragen an die Gesellschaft, verpackt in eine packende, genre-typische und doch so andere Geschichte. Seitdem verschlinge ich SF und Fantasy wie früher und merke, wie sehr mir diese fantastischen Welten gefehlt haben!

Was wäre, wenn das überall in der Welt der Bücher sein könnte?

Wie Frauen unsichtbar werden – lässig und pointiert erklärt

Genau darum geht es in Nicole Seiferts »Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt«. Sie zeigt auf, wie viele großartige Autorinnen uns durch die Mechanismen der Buchbranche und der Universitäten entgangen sind. Aber vor allem durchleuchtet sie auf allen Ebenen, wie diese Verdrängungsmechanismen funktionieren. Das macht sie einerseits so präzise und pointiert, dass ihre Analysen in jeder gesellschaftspolitischen Debatte standhalten. Andererseits macht sie es so lässig und locker, dass jedes Kapitel ein Lesevergnügen ist. Zudem geht sie dabei so gründlich vor, dass ihr alle Leser*innen folgen können. Ein Grundstudium in Literaturgeschichte oder Feminismus ist nicht nötig – Spaß am Lesen genügt!


Bibliographische Angaben zum Buch:

Nicole Seifert

Frauen Literatur
Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Kiepenheuer & Witsch


Wer kauft diese Bücher eigentlich – und wer nicht?
Eine Anekdote aus meiner Buchhändlerinnen-Vergangenheit erzähle ich hier:

Noch mehr Dichterinnen & Denkerinnen auf meinem Blog: Frauen, die trotzdem geschrieben haben

Grenzwelten: zwei Hainish-Erzählungen von Ursula le Guin

Ursula le Guin - Grenzwelten. Taschenbuch im Baum. Schließlich ist in dem Sammelband die wunderbare Erzählung "Das Wort für Welt ist Wald" enthalten.

Meine erste Begegnung mit den Büchern von Ursula le Guin verlief etwas eigen. Anfang der 90er hatte ich eine sehr große Abteilung für Fantasy und Science Fiction übernommen. Ein SF-Sortiment zusammenzustellen war damals recht einfach. Man brauchte die silbernen Perry Rhodan Bänder von Pabel Moewig, ein bisschen was aus dem Goldmann Taschenbuch Verlag und vor allem viel von Heyne Science Fiction. Das Bestellformular war ein dickes Heft mit perforierten Seiten, die sich heraustrennen und faxen ließen. Auf dem Formular waren bestimmte Titel besonders hervorgehoben: Novis, Bestseller und Meilensteine der SF-Literatur wie die Hainish-Romane von Ursula le Guin.

Ich hatte ihre Bücher daher im Regal stehen. Sie standen. Die Nerds und Maschinenbau-Studenten, die bei mir Science-Fiction kauften, ignorierten ihre Werke. Sie interessierten sich für Technik und für die Zukunft der Menschheit, aber nicht für Ökologie und Feminismus. So kam es, dass ich die Bücher von Ursula le Guin zuerst als Remittende kennenlernte – also Bücher, die wegen Unverkäuflichkeit an den Verlag zurück gingen.

Und heute? Keine Ahnung, was meine Kunden von damals mittlerweile lesen. Ich vermute, sie sind Perry Rhodan treu geblieben, greifen ansonsten zu Büchern wie »Die drei Sonnen« oder „Amalthea“ und meiden den Feminismus weiterhin. Ich habe damals Shadowrun und William Gibson gelesen und war trotzdem Feministin. Was wahrscheinlich direkt dazu führt, dass ich derzeit große Lust habe, mich quer durch die Gewinnerinnen des Hugo Awards zu lesen und Ursula le Guin jetzt endlich für mich entdeckt habe.

Weniger mit dem Erdsee-Zyklus als viel mehr mit diesem Sammelband. »Grenzwelten« enthält zwei Romane aus dem Hainish-Zyklus. Beide wurden ganz wunderbar übersetzt von Karen Nölle. In »Das Wort für Welt ist Wald« zerstört le Guin mal eben den kompletten Themenkomplex toxische Männlichkeit, Kolonialismus, Rassismus und Ressourcenvernichtung. Das ist heute fast noch aktueller als damals. Die zweite Erzählung »Die Überlieferung« ist ein fein komponiertes Werk über die Bedeutung kultureller Werte und über die Schäden, die Kolonialisten anrichten.

Kein Wunder, dass ich die Bücher von Ursula le Guin damals remittieren musste. Ein großer Glücksfall, dass sie die Jahrzehnte überdauert haben und jetzt von mir neu entdeckt werden können.


Infos zum Taschenbuch:

Ursula le Guin
Grenzwelten

Der Sammelband enthält:
Das Wort für Welt ist Wald
Die Überlieferung

Übersetzt von Karen Nölle

Fischer Tor Verlag


Mehr von Ursula le Guin auf meinem Buchblog:

Das Mädchen auf dem Motorrad: die Geschichte der Anne-France Dautheville

Bilderbuch: Das Mädchen auf dem Motorrad. Wie Anne-France Dautheville als erste Frau die Welt mit dem Motorrad umrundete.

Motorrad gefahren bin ich nie. Alleine gereist auch nicht. Doch den Wunsch, einfach immer weiter zu fahren, zu laufen, von hier nach woanders – den kenne ich. Große Sehnsucht und Freiheitsliebe, gepaart mit Neugier und ein wenig Abenteuerlust: Das ist es, was der Heldin in »Das Mädchen auf dem Motorrad« die Kraft gibt, loszuziehen.

Das Bilderbuch basiert auf einer wahren Geschichte aus den siebziger Jahren. Als erste Frau der Welt umrundete Anne-France Dautheville die Erde auf ihrem Motorrad. Sie reiste alleine und war fast 10 Jahre lang unterwegs. Ihr Weg führte sie unter anderem nach Afghanistan und Indien. Aber auch in Kanada war eine alleinreisende Frau auf einem Motorrad eine Sensation.

»Das Mädchen auf dem Motorrad« ist in einem Verlag für Bilderbücher erschienen. Trotzdem bespreche ich es nicht auf meinem Kinderbuch-Blog, sondern hier, zwischen Romanen und Sachbüchern für Erwachsene. Denn genau wie die Heldin der Geschichte ist auch das Buch ein Grenzgänger.

Es kommt daher wie ein Bilderbuch für 5-Jährige, doch dürften sich kleine Kinder nur für bestimmte Aspekte interessieren. Seine Illustrationen versprühen Retro-Charme und doch erzählt es eine hochmoderne Geschichte. Es tarnt sich als Biografie und nimmt sich erzählerische Freiheiten heraus. Es ist ein Abenteuerbericht und pure Poesie. Selbstbewusst und mutig, verträumt und sehnsüchtig.

Das macht es für mich zu einem Buch für motorradfahrende Mütter und Tanten, die ihren Töchtern und Nichten etwas auf den Weg mitgeben wollen: Mut, Vertrauen und ein Vorbild. Für pubertierende Mädchen, damit sie nicht den Glauben an die Schönheit der Welt verlieren. Für Weltreisende, die bald wieder aufbrechen wollen, egal, wohin. Und natürlich für alle Männer und Frauen, die so wie Anne-France Dautheville den Ruf der Straße hören.


Angaben zur Bilderbuch-Biografie:

Amy Novesky
Illustriert von Julie Morstad
Übersetzt von Anna & Lukas Kampfmann

Das Mädchen auf dem Motorrad

Bilderbuch für Erwachsene und für Kinder im Grundschulalter

Zuckersüß Verlag


Biografien von Frauen, die ihren eigenen Weg gingen – Künstlerinnen, Dichterinnen und Denkerinnen:

Mehr Bilderbuch-Tipps findet ihr auf meinem Buchkind Blog!

Radikale Selbstfürsorge

Buch auf Bettdecke: Radikale Selbstfürsorge jetzt! von Svenja Gräfen

Manchmal bedeutet radikale Selbstfürsorge, sich ins Bett zurückzuziehen und ein Buch zu lesen, das einem einfach nur gut tut. Einen Ratgeber, der nicht zur Selbstoptimierung, sondern zu Nachsicht rät. Der uns daran erinnert, viel häufiger nett zu uns zu sein.

Nicht, weil wir es verdient haben, sondern weil es egal ist, ob wir es verdient haben.

(Nebenbei bemerkt: Wer sich gut um sich selbst kümmert, kann sich auch besser um andere kümmern. Nützlicher Nebeneffekt, aber nicht der Hauptgrund, warum wir Selbstfürsorge ernst nehmen sollten.)

Wir brauchen Pausen nicht erst dann, wenn wir überarbeitet, müde und ausgelaugt sind. Erholungsphasen sind ein Menschenrecht.

Was radikale Selbstfürsorge nicht ist …

Genau in einer solchen Phase könnten wir statt zu einem teuren Wellness-Drink zu einem Buch wie „Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!“ von Svenja Gräfen greifen. Einfach so, ohne eine Duftkerze anzumachen. Oder was auch immer der bunte kapitalistische Warenmarkt für solche Momente anpreist. Wir könnten uns einkuscheln und lesen. Häppchenweise, ganz in unserem eigenen Tempo. Denn Selbstfürsorge ist kein Leistungssport. Wir müssen gar nichts.

Erst dann, wenn wir das gar nichts Müssen ganz angenommen haben, können wir merken, was wir wirklich brauchen. Wenn es die Chips auf der Couch sind, dann ist das eben so. Aber vielleicht ist es ja beim nächsten Mal der Spaziergang. Nein, du sollst dir nicht vornehmen, jeden Tag durch den Park zu laufen. Nimm es dir einmal vor und freue dich, wenn es gelingt. Sei nett zu dir und gehe nachsichtig mit dem um, was du als Fehler bezeichnest. Möglicherweise ist es ja gar keiner, sondern nur Druck von außen, damit du brav dort bleibst, wo du bist?

… und wofür sie wirklich gut ist

Und dann, wenn wir so richtig erholt sind, in Baby-Schritten Selbstfürsorge gelernt haben und ganz in unserer Kraft angekommen sind – dann zertrümmern wir endlich ein für alle Mal dieses verdammte Patriarchat und Rassismus und Kapitalismus gleich mit!

Ich mag den Plan.


Infos zum Buch:

Svenja Gräfen

Radikale Selbstfürsorge. Jetzt!
Eine feministische perspektive

Mit Zeichnungen von Slinga Illustration

Eden Books

Ausführliche Rezension bei Digitur


Zwei feministische Bücher, die prima dazu passen:

Die Surrealistin: Roman über Leonora Carrington. Und über Max Ernst.

Die Surrealistin. Biographischer Roman über die surrealistische Malerin Leonora Carrington.

Mich auf Leonora Carringtons Bilder einzulassen erfordert immer Mut. Es ist, als würde ich in der Dämmerung auf einem Sprungbrett stehen. Unter mir schimmerndes Wasser. Darin Schemen von Menschen, Wesen und Tieren, die nicht so aussehen, wie die Tiere, die mir vertraut sind. Nichts davon erscheint auf den ersten Blick gefährlich. Doch kann ich dem Frieden trauen? Bin ich bereit, einzutauchen und mich den dort wirkenden Kräften zu überlassen?

Meine Rationalität sucht in dieser Situation einen Ausweg und beginnt, Fragen zu stellen: Was ist das für ein Mensch, der so malen kann? Wie hat sie es gemalt, woher kam die Inspiration? Und muss man ein wenig verrückt sein, um solche Bilder zu erschaffen?

Fragen, um die auch der biographische Roman „Die Surrealistin“ von Michaela Carter kreist. Auf fast alle findet er eine Antwort. Nicht alle davon überzeugen mich, denn zu viele davon sind mit Max Ernst verknüpft. Zumindest war das der Eindruck, der bei mir entstand, weil Max Ernst viel Raum einnimmt. Doch das ist ein Kunstgriff, auf den ich beim Lesen hereingefallen bin. Max Ernst dominiert die Handlung zweimal. Einmal liefert er die Anschub-Energie, die Leonora Carrington braucht, um sich aus der Herrschaft ihres Vaters zu befreien. Die größte Präsenz hat er jedoch in der Phase, als Leonora auf der Flucht ist und sich selbst dabei verliert. So wird er zum Spiegel ihrer Abwesenheit.

Wie kann man nur solche Bilder malen?

Denn „Die Surrealistin“ ist kein voyeuristisches Buch. Es wahrt den Respekt und lässt Leonora Carrington ihre Geheimnisse, ohne die ihre Bilder nicht entstehen könnte. Offensichtlich hat die Malerin einen sehr direkten Zugang zu der Traumwelt, der Anderswelt, dem Land hinter den Spiegeln. Doch um sicher dorthin und wieder zurück zu gelangen braucht sie das richtige Maß an Sicherheit und Freiraum, an Zerbrechlichkeit und Kraft, an Wildheit und Ruhe. Nichts davon ist selbstverständlich, wenn sich die Welt im Krieg befindet.

Ein klein wenig Voyeurismus erlaubt sich die Autorin Michaela Carter doch. Ihr Blick auf Nebenfiguren ist pointiert. Mit den Auftritten von Peggy Guggenheim, Dali und Gala, Andre Breton, Dorothea Tanning, Leonor Fini und vielen anderen wird der gesamte Kreis der Surrealisten zum Leben erweckt.

Fazit: gelungen. Aber …

Alles in allem ist „Die Surrealistin“ ein sehr gelungener biographischer Roman. Ein wenig lässt er uns am Leben der Pariser Künstlerszene um Salvador Dali und Pablo Picasso teilhaben. Auch ein Anti-Kriegsroman steckt in dem Buch. Zugleich ist er die Geschichte einer Emanzipation und legt dar, was es braucht, um Kunst zu schaffen. Nur die Liebesgeschichte, die hätte es für mich nicht in dem Umfang gebraucht.

Doch jetzt weiß ich, dass ich es wagen könnte, mich vom Sprungbrett in das schimmernde Wasser fallen zu lassen. Die Tiere und Wesen auf den Bildern der Leonora Carrington sind nicht gefährlicher als das Leben selbst. Nur ob ich den Weg zurück finden würde – darüber bin ich mir immer noch nicht sicher.


Infos zum Buch:

Michaela Carter
Die Surrealistin

Übersetzt von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann

Kindler im Rowohlt Verlag


Mehr über den Surrealismus auf dem Blog Elementares Lesen – ihr habe ich den Buchtipp zu verdanken! Ausführliche Rezension des Hörbuchs bei Petras Bücherapotheke. Sie geht sehr schön auf die Sprache des Romans ein.


Zwei Bücher, die gut dazu passen:

Von Hausbesetzern und genialen Dilletanten: Käthe Kruse erzählt aus ihrem Leben

Cover des E-Books "Lob des Imperfekts" von Käthe Kruse. Darin erzählt unter anderem über die Bewegung der Genialen Dilletanten

Zu „Lob des Imperfekts“ von Käthe Kruse habe ich gegriffen, weil ich auf Hintergrundinfos gehofft hatte: zu der Gruppe „Die tödliche Doris“, zu Punk in Deutschland in den 80er Jahren und zu all den Menschen, die damals als „Geniale Dilletanten“ unterwegs waren. Bekommen habe ich etwas anderes als erwartet und eigentlich viel mehr.

Musik, Kunst und Wohnen sind die Themen, zu denen Käthe Kruse berichtet. Das sagt zumindest der Untertitel. Doch da sich all das nicht trennen lässt, erzählt sie aus ihrem Leben. Dabei empfand ich im ersten Teil des Buches, der von ihrer Zeit mit der Band „Tödliche Doris“ und dem Festival „Geniale Dilletanten“ handelt, ihre Erzählhaltung als distanziert-amüsiert. Wesentlich überraschender war für mich der Werkstattbericht im nächsten Kapitel, in dem sie anhand der Mariakissen erklärt, wie sie zusammen mit Nikolaus Utermöhlen und Wolfgang Müller Kunst und Musik gemacht hat.

Wirklich gepackt hat mich der dritte und letzte Teil über ihr Leben in den besetzten Häusern in der Manteuffelstraße 40 und 41 in Berlin Kreuzberg. Ein so reflektierter Blick auf die Hausbesetzerszene und ihre Versuche, neu Formen von Zusammenleben und Arbeiten, Bauen und Wohnen zu entwickeln, war mir bisher nicht begegnet.

Vielleicht kann ich mir jetzt ein bisschen besser vorstellen, wie sich das Leben damals in Berlin angefühlt hat. Die Musik und die Performances der Band „Die Tödliche Doris“ hingegen bleibt für mich das, was sie schon vor der Lektüre war: ein Faszinosum, dass ich nie so ganz verstehen werde, einfach weil ich sie nicht live gesehen habe.


Infos zum Buch:

Käthe Kruse
Lob des Imperfekts
Kunst, Musik und Wohnen im West-Berlin der 1980er

mikrotext

Rezension im von mir sehr geschätzten Missy Magazin.


Noch ein Hinweis zur Legendenbildung: Offensichtlich war Blixa Bargeld der erste, der die Bezeichnung „Geniale Dilletanten“ verwendete. Wahrscheinlich auf einem Badge, einem Anstecker, dem Meme-Generator der Punk-Ära. Ob die Schreibweise Dilletanten statt Dilettanten nun eine geniale Idee oder ein genialer Fehler war – das wird sich wohl nie klären.


Weniger Kunst, mehr Punk: Die Riot Grrrls

Mama Superstar: Heimat ist, was Mütter daraus machen

Buch Mama Superstar

Töchter erzählen über das Leben ihrer „Migrant Mamas“, Mütter, die nicht in Deutschland geboren wurden. Um genau zu sein: Sie feiern ihre Mütter, denn jetzt, wo sie selbst junge Erwachsene sind, können sie all das würdigen, was ihnen als Jugendliche noch peinlich war. Oder auch das, was ihnen als Kind ein Gefühl von anders sein gab – sei es, weil im Treppenhaus nur vor ihrer Haustür die Schuhe standen, oder weil es aus ihrer Küche so ganz anders roch als in den Küchen ihrer Freunde.

Entstanden ist ein Buch mit Lebensgeschichten, dass mich mit seiner Herzenswärme überrumpelt hat. Ich, die Familiengeschichten meidet, wollte es nicht mehr aus der Hand legen. Unglaublich, mit wie viel Mut diese Frauen ihr neues Leben in Deutschland angegangen sind und was ihnen zu Beginn alles fremd war. Da gibt es die Geschichte der Südamerikanerin, die sich auf ihren ersten Karneval in Deutschland freut, um dann festzustellen, dass hier im Sitzen gefeiert wird. Oder die der Inderin, die erst nach dem ihre Imbissbude abgebrannt war, versteht, warum sie all die Jahre in eine Versicherung einbezahlt hat. In „Mama Superstar“ steckt das pralle Leben.

Als Kinder haben wir unseren Mamas oft das Gefühl gegeben, dass das, was sie können und was sie tun, nicht genug ist.

Manik Chander und Melisa Manrique im Interview auf BR.de


Ein Gefühl, dass viele erwachsen gewordene Kinder kennen. Man war als Kind nicht immer fair. Die Töchter aus diesem Buch haben die Chance ergriffen, aus vollem Herzen DANKE zu sagen und ihre Mütter für ihre Lebensleistung, für das Erschaffen von Heimat für eine ganze Familie, aber vor allem für ihre Einzigartigkeit zu feiern.


Infos zum Buch:

Manik Chander und Melisa Manrique

Mama Superstar
Elf Porträts über Mut, bedingungslose Liebe und kulturelle Vielfalt

Mentor Verlag


Auch in diesem Buch spielen migrantische Mütter eine wichtige Rolle: Deutsch genug?

Anita Rée – biographischer Roman von Karen Grol

Anita Rée. Biographischer Roman von Karen Grol.

Meine ganz private Kunst-Welt wandelt sich. Während ich mir früher Ausstellungen nach dem Motto „Diesen Künstler wollte ich schon immer mal sehen“ heraussuchte, ist es heute viel häufiger ein „Dich kenn ich nicht, dich schaue ich mir an“.

„Umbruch“ in der Mannheimer Kunsthalle war dafür eine gute Gelegenheit. Gleich auf dem Ausstellungsplakat begegnete mir ein Blick, den ich so schnell nicht vergessen werde: das Porträt der Hildegard Heise, gemalt von Anita Rée.

NEUE SACHLICHKEIT IST (AUCH) WEIBLICH
Das erste Kapitel der Ausstellung zeigt – rund 100 Jahre nach der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ – drei weibliche Positionen dieser Stilrichtung. … Dazu gesellen sich die Bilder der Hamburgerin Anita Rée (1885–1933), die mit ihren eindringlichen Porträts zu den bedeutenden künstlerischen Positionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezählt werden muss.

Website der Kunsthalle Mannheim

Eindringlich trifft es. Ihre Bilder wirken wie das Konzentrat eines Menschen, verdichtete Psyche. Was für ein Mensch muss man sein, um solche Bilder malen zu können? Dieser Frage geht der Roman „Himmel auf Zeit. Die vergessene Künstlerin Anita Rée.“ Von Karen Grol nach.

Anita Rée – ein Leben ohne Happy End

Vorneweg: Ich habe gezögert, das Buch zu beginnen. Anita Rée brachte sich 1933 um. Ich wusste also von Anfang an, dass diese Geschichte kein Happy End nehmen wird, und war mir nicht sicher, ob ich mich dem stellen möchte. Dann entschloss ich mich, der Autorin zu vertrauen – und habe es nicht bereut!

Am Ende des Buches war mir klarer, was eine Künstlerin können muss, um solch eindringliche Porträts zu erschaffen. Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich dieses Talent nicht habe!

In der Kunst wie im Leben: der Kampf um den eigenen Raum

Wenn Anita Rée einen Menschen gemalt hat, dann hat sie sich ganz auf ihn eingelassen. Dafür musste sie in ihren persönlichen Raum der Stille gelangen. Nur dort war sie so hochkonzentriert, dass das Kunstwerk gelingen konnte. Doch dieser Raum der Stille war für sie nicht leicht zu erreichen – so gut wie jedes Bild hat sie sich hart erkämpft.

Schweigen war das Fehlen von Kommunikation, Ruhe die Anwesenheit von Stille.

S. 39 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Auch ihr Leben als Künstlerin musste sie sich erkämpfen. Als wäre das nicht genug für ein Leben, malte sie noch in einem Stil, der angefeindet wurde. Ihre Freundin Marie Laurencin fasst das so zusammen:

„Je weniger die Menschen die neue Kunst verstehen, desto mehr schlagen sie sich auf die Seite der Alten Meister, kämpfen für deren Legitimation, als wollten wir ihnen die wunderbaren Werke der Renaissance wegnehmen, als wäre nicht genug Platz für jede Art von Kunst.“

S. 82 – Karen Grol, Himmel auf Zeit

Karen Grol brachte mich als Leserin sehr nah an Anita Rée – so nah, dass ich begann, mit der Figur zu hadern. Manchmal wollte ich sie einfach nur schütteln, so lange, bis die Negativität von ihr abfallen würde. Zu sehr konzentrierte sie sich auf den Platz, den sie nicht einnehmen konnte, und übersah, was ihr alles gelungen war.

Aber dieses Verzweifeln an Protagonistinnen ist eine Lese-Marotte von mir und der Hauptgrund, warum ich so selten Romane mit Realitätsbezug lese. Zum Glück konnte ich das für diesen wunderbaren biographischen Roman ablegen!

Angaben zum Buch:

Karen Grol

Himmel auf Zeit.
Die vergessene Künstlerin Anita Rée

Verlag Ebersbach & Simon

Wie immer erzähle ich mehr über meine persönlichen Lese-Erlebnisse als über das Buch selbst. Wer eine „richtige“ Roman-Rezension lesen möchte, der kann auf dem Blog des Buchhändlers Hauke Harder vorbeischauen: Himmel auf Zeit

Anita Rée in der Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim. Beiträge zur Ausstellung im Kunstblog Mannheim und bei musermeku.

Was ich mir sonst noch angeschaut habe: Beiträge über Kunst und Museumsbesuche auf meinem Blog.

Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten

Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten
Ein Überblick über die wichtigsten Kunstrichtungen, Werke, Wendepunkte und Themen

Dieses Buch hätte ich gerne schon früher gekannt, denn es ist keine Aufzählung à la „50 Künstlerinnen, die Du kennen solltest“. Susie Hodge möchte mit ihrem Buch viel mehr erreichen. Ihr genügt es nicht, unseren Blick auf Künstlerinnen zu lenken – sie will Zusammenhänge sichtbar machen. Welche Ausbildung stand den Frauen offen? Waren Sie Teil einer Avantgardebewegung oder einer Künstlergruppe? Wie wurden sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen und was haben sie tatsächlich zur Kunstgeschichte beigetragen? Welche Stile, Motive und Themen haben sie aufgegriffen und war es das, was sie wirklich malen wollten?

Ob Renaissance, Expressionismus oder Performance-Kunst: Diese Fragen waren für Künstlerinnen viele Jahrhunderte von Bedeutung. Zum Teil sind sie es immer noch. Aber Susie Hodge entwickelt kein Fragenkorsett, in das sie alle Künstlerinnen und ihre Werke presst. Ihre Fragen sind ein Angebot, eine Methodik, sich den Kunstwerken zu nähern und das Besondere daran zu erfassen.

Kunstgeschichte statt Einzelbiografien von Künstlerinnen

Artemisia Gentileschi, Frida Kahlo, Barbara Hepworth – natürlich fallen mir auf Anhieb Künstlerinnen ein. Aber meist betrachten wir sie doch als Einzelphänomene, oder? Ich könnte sie auf jeden Fall im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen weder in der Kunstgeschichte verorten und noch ihren Beitrag zur Entwicklung der Kunst halbwegs exakt benennen.

Deswegen war es für mich besonders aufschlussreich, dass Susie Hodge ihr Buch mit einem Überblick über die Kunstepochen beginnt. Kurz und knapp nennt sie, was diese Epoche auszeichnet, welche Künstlerinnen tätig waren und was sie gemalt haben.

Im zweiten, deutlich umfangreicheren Teil des Buches stellt sie 60 bedeutende Werke von Frauen vom 16. bis zum 21. Jahrhundert vor und verortet das Kunstwerk innerhalb der Kunstgeschichte und innerhalb des Oeuvres der Künstlerin.

Darauf folgt eine Betrachtung von Wendepunkten in der Kunst: Ab wann waren Frauen gleichberechtigte Mitglieder der Royal Academy of Arts in London? Welchen Beitrag leisteten Frauen zur Entwicklung der Abstrakten Kunst? Warum wurde Kunsthandwerk ein wichtiges Thema für Künstlerinnen?

Den Abschluss bildet ein Kapitel, dass sich mit den Sujets beschäftigt. Natur und Religion werden dort ebenso betrachtet wie Gender und Ethnie.

Den Blick weiten: Künstlerinnen aus aller Welt

„Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten“ ist aber nicht nur eine Reise durch die Kunstgeschichte – es ist auch eine Reise um die Welt, ein Versuch, unseren eurozentrischen Blick auf die Kunst zu erweitern.

Es gibt also viel zu entdecken und zu lesen. Genau deswegen stört mich das einzige Manko des Buches ganz besonders. Das Layout wirkt, als sei es für einen größerformatigen Bildband konzipiert worden. Bei den Illustrationen fällt das noch nicht ganz so schwer ins Gewicht. Aber die Schriftgröße bewegt sich bei gefühlten 9 Punkt. Doch das Buch ist die Leseanstrengung wert und eigentlich ist es eh besser, nach jedem Beitrag eine Pause zu machen. So können die Kunstwerke besser wirken!

Ab ins Museum, Künstlerinnen suchen

In den letzten Jahren habe ich meine Museumsbesuche immer mal wieder dazu genutzt, mitzuzählen, wie viele der ausgestellten Werke von Frauen waren. Spaß macht das nicht. Aber jetzt weiß ich zumindest, wer dort alles nicht vertreten war und was ich dadurch verpasst habe!

Infos zum Buch:

Susie Hodge
Übersetzt von Bettina Eschenhagen

Die Künstlerinnen. Werke aus fünf Jahrhunderten
Ein Überblick über die wichtigsten Kunstrichtungen, Werke, Wendepunkte und Themen


Laurence King Verlag

Rezension bei Kunst im Unterricht

„MÄNNER TUN MICH GERN ALS BESTE KÜNSTLERIN AB. MEINES ERACHTENS GEHÖRE ICH ABER ZU DEN BESTEN KÜNSTLERN ÜBERHAUPT.“

Georgia O’Keefe

Was gut dazu passt:
Bauhaus-Frauen. So viel Talent, so viele Hindernisse.
Kunst ist weiblich. Eine andere Kunstgeschichte

Rassismus verlernen. Eine Anleitung.

Rassismus verlernen:
Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung

Womit soll ich bei diesem Buch anfangen? Vielleicht mit jenen 30 Sekunden auf dem Fahrrad. Ich war 10 Jahre alt. Ein Kopftuch war für mich ein normales Kleidungsstück. Meine Mutter trug es beim Wandern, meine Oma bei der Hausarbeit und ich, wenn ich Ohrenschmerzen hatte. So wie an jenem Tag, als ein Junge aus meinem Vorort mir „Scheiß Türkin“ hinterher brüllte.

Lange Jahre habe ich die Geschichte so erzählt, dass ich an dem Tag erlebt und gelernt habe, was Rassismus bedeutet. Das würde ich heute nicht mehr sagen. Der Schreck mag groß gewesen sein, doch die Gefahr war für mich nach 30 Sekunden vorbei. Menschen, die wirklich von Rassismus bedroht sind, können die Situation im Gegensatz zu mir nicht verlassen. Die Gefahr begleitet sie überall hin.

Es sind solche Unterschiede, die uns die Autorinnen des Ratgebers „Dear Discrimination – Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung“ nahe bringen wollen. Das tun sie mit gründlicher Strenge, aber stets dem Menschen zugewandt. Es ist kein „Wir müssen uns alle liebhaben, dann wird alles gut“ Buch, sondern eine „Setz dich auf deinen Arsch und arbeite“-Anleitung: Rassismus zu entlernen ist das Ziel.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin ist, zu erkennen, was wir an Rassismen verinnerlicht haben – einfach, weil wir auf eine bestimmte Art und Weise aufgewachsen sind. Es geht bei dem Lernprozess, den das Buch anstoßen will, nicht um Schuld, sondern um Selbstreflexion und die Bereitschaft, dazu zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.

Kompromisslos und genau deswegen hilfreich: Rassismus verlernen ist möglich

„So fühlt sich also Rassismus an“ war damals nach dem Schreckmoment mein erster Gedanke. Heute würde ich nur noch sagen, dass sich in dem Augenblick ein Fenster für mich geöffnet hatte und ich für einen Moment empathisch erahnen konnte, wie es sich anfühlt, von Rassismus bedroht zu sein. Mein zweiter Gedanke war „So schnell zählt man zu den Gefährdeten.“ Da wäre ich kurz davor gewesen, zu erkennen, wie sehr meine Privilegien mich schützen. Auch das ist etwas, was „Dear Discrimination“ deutlich aufzeigt.

Das schmale Buch leistet aber viel mehr: Es bringt mein Vokabular auf den aktuellen Stand. Es ist noch nicht so, dass Begriffe wie marginalisiert und Bi_PoC schon den Weg in meinen aktiven Wortschatz gefunden haben. Aber auch daran arbeite ich. Denn mit alten Begriffen und Denkmustern können wir nicht zu neuen Ergebnissen kommen.

Natürlich wird dieses recht kompromisslose Buch die „Das wird man doch noch sagen dürfen …“ Fraktion nicht erreichen. Aber die, die bereit sind, sich für eine gerechtere Gesellschaft zu engagieren, und die, die an sich arbeiten wollen, werden nach der Lektüre gestärkt sein. Dafür DANKE! Denn es wäre nicht die Aufgabe von wirmuesstenmalreden, mir all das zu erklären. Es ist aber sehr wohl meine Aufgabe, das zu lernen.

Infos zum Buch:

Wirmuesstenmalreden 
(netzaktivistisches Kollektiv)

Dear Discrimination
Ein Mitmachbuch zur antirassistischen Weiterbildung


Mit Illustrationen von Hannah Marc
Plus ausführlichem Glossar von A wie Ally bis W wie White Tears

mikrotext Verlag


Dichterinnen & Denkerinnen

Dichterinnen & Denkerinnen
Frauen, die trotzdem geschrieben haben. Kurz-Biografien.

Auf dem Gymnasium habe ich genau eine Autorin gelesen: Christa Wolf. Mir fiel nicht auf, dass das nicht so hätte sein müssen. Aber mir fiel sehr wohl auf, dass insbesondere die Jungs in meiner Klasse mit der dreifachen Exotik aus Frau – DDR – Frauenfigur aus der griechischen Mythologie überfordert waren.

Doch Fragen zu solchen Phänomenen muss man sich nicht stellen, um Spaß an Katharina Herrmanns großartigem Buch „Dichterinnen & Denkerinnen. Frauen, die trotzdem geschrieben haben“ zu finden. Dieses Buch funktioniert auf so vielen Ebenen, dass Leser*innen mit ganz unterschiedlichen Ausgangspositionen Gefallen daran finden werden.

Auf knapp 240 Seiten stellt Katharina Herrmann 20 inspirierende Frauen vor. Darunter befinden sich so unterschiedliche Charaktere wie Luise Gottsched und Louise Aston, Vicki Baum und Karoline von Günderrode. Auf nur wenigen Seiten bekommen wir eine Vorstellung von der Persönlichkeit dieser Schriftstellerin, von ihren Lebensumständen, von ihrem Werk und ihrer Bedeutung für die Literaturgeschichte. Wenn man bedenkt, dass Katharina Herrmann zudem noch lange Zitate herausgesucht hat, um das Werk der Schriftstellerinnen im Original vorzustellen, wird eines klar: In diesem Buch gibt es kein einziges unüberlegtes Wort. Tanja Kischel hat das Ganze mit ihren Illustrationen wunderbar in Szene gesetzt und der Reclam Verlag hat eine feine Buchausstattung spendiert.

Präzise und auf den Punkt, aber doch voller Empathie stellt uns Katharina Herrmann die Schriftstellerinnen vor. Das ist informativ, interessant und bereichernd – ganz egal, ob man sich mehr für die Biografien, die Zeitgeschichte oder das literarische Werk der Frauen interessiert.

Und da ich das Gefühl habe, dass meine Rezension meine Begeisterung nicht so wirklich transportiert, folgen Links auf Rezensionen von Menschen, die mindestens genauso begeistert sind wie ich!

  • Deutschlandfunk Kultur über weibliches Schreiben und männliche Arroganz
  • Hintergrundwissen zur Entstehung des Buchs im Interview bei Schreibtrieb
  • „Ich kann Euch Dichterinnen & Denkerinnen wirklich ans Herz legen, perfekt um immer wieder darin zu blättern und sich einen ganz eigenen Kanon zu basteln“ – Begeisterung bei Binge Reader
  • „ein Buch, das starke, fortschrittliche Frauen in den Mittelpunkt rückt, die sich das Recht auf das eigene Schreiben wider aller Umstände nahmen“ lautete die Aussage von Fixpoetry – leider ist die Website nicht mehr online.

Weitere Angaben zum Buch:

Katharina Herrmann

Dichterinnen & Denkerinnen

Frauen, die trotzdem geschrieben haben

Reclam Verlag

Natürlich darf hier der Hinweis auf den Blog von Katharina Herrmann nicht fehlen: Kulturgeschwätz. Ich lesen ihn gerne, habe aber nur ab und an das Gefühl, dass ich zu „un-studiert“ bin, um ihr wirklich folgen zu können. Doch genau dieses Gefühl hatte ich bei ihrem Buch nie!